Ausgabe #9 vom

Wo die Welt noch in Ordnung ist

Die Düsseldorfer Linke zwischen Sozialarbeit und Antiimperialismus

FRANZ FORST

Islamischer Antisemitismus war bis vor ein paar Jahren ein Thema für Spezialisten. Sich mit ihm zu beschäftigen war nicht nötig, erklärte der allseits verbreitete Antiimperialismus doch alle Konflikte. Zu behaupten, die Palästinenser seien in ihrem Kampf gegen Israel antisemitisch motiviert, kam einer Blasphemie gleich, galt dieses verbitterte Völkchen zwischen Jordan und Mittelmeer der hiesigen Linken doch als Ikone im Kampf gegen das Imperium, was immer auch sie darunter verstanden haben mag. Dank der Intervention der antideutschen Kritik ist die offene Parteinahme für den Judenmord in der Linken in den letzten Jahren allerdings auf den Kern der unverbesserlichen Antizionisten zusammengeschmolzen. Es hieße aber die Wirkung antideutscher Kritik überschätzen, davon auszugehen, sie hätte den Wahn beseitigen können. Er wurde nur gedeckelt und erscheint heute in anderer Form – etwa im betont israelfreundlichen Pazifismus eines Gregor Gysi, der sich zum Judenstaat bekennt, um ihm danach Ratschläge in Sachen Palästinenserpolitik erteilen zu können.

In Düsseldorf jedoch, wo die außerparlamentarische Linke, die dort tatsächlich en bloc unter dem Dachverband des KOK (Koordinierungskreises) vereinigt ist, so schmusezahm ist, dass sie sich ihrer eigenen Radikalität nur versichern kann, indem sie sich mit der Aura der Militanz schmückt [1], gibt es kein antideutsches Über-Ich, das darüber wachen würde, dass kein Linker seine Weltanschauung allzu offen preisgibt. Das liegt nicht daran, dass die radikale Linke so fest im Sattel säße, dass sie nichts und niemand erschüttern kann, sondern – im Gegenteil – daran, dass es überhaupt keine kommunistische Linke gibt. Wer irgendwann in seiner Jugend den Drang verspürt, den hässlichen Verhältnissen etwas entgegenzusetzen, der wird – mangels Alternativen – sofort vom linken Antifakartell aufgesogen und nie wieder ausgespuckt. Der KOK betätigt sich praktisch als Integrationsinstanz in die gesellschaftliche Mitte, die – gerade in Düsseldorf – selbst dann noch links und garantiert antifaschistisch ist, wenn sie eine christdemokratische Partei wählt. Wer in der Metropole am Rhein als Linksradikaler ausscheren will und gegen das soziale Gebot des Miteinanders verstößt, der wird so lange gemobbt, bis er umzieht oder sich in die geordneten Bahnen der konformistischen Rebellion eingliedert, wie sie in ihrer krassesten Form etwa beim alljährlichen Karneval zu beobachten ist, wo Bürger, Punks und Linke gemeinsam die Sau rauslassen und sich altbierselig der kollektiven Hemmungslosigkeit erfreuen. [2]

Weil das Denken – und mit ihm die Kritik – nicht die Sache des KOK und seiner Kader ist, er viel lieber breite Bündnisse mit Organisationen und Vereinen schließt, die dasselbe sagen wie er selbst, wird jeder Verdacht, jemand betätige doch seinen Verstand, mit der Autorität der Szenehäuptlinge, die selbstredend auch einmal hinter dem Tresen oder Zeitschriftentisch sitzen, verfolgt. Als „Antideutscher“ will hier – in der Geburtsstadt des Deutschpunks – niemand gelten. Um aber doch noch das subversive Image zu wahren, das notwendig ist, um die politikverdrossenen Jugendlichen wieder in die Gesellschaft einzugliedern, bevor diese auf dumme Gedanken kommen und am Ende noch eine kommunistische Gruppe gründen, setzt der KOK seit eh und je auf Antinaziarbeit. Obwohl Neonazis seit Jahren in Düsseldorf nur noch eine Randerscheinung sind, mit der Polizei und Zivilgesellschaft – trotz Ausnahmen – ganz gut fertig werden, setzen die sich selbst als radikal gerierenden Linken auf den Antifaschismus als Rekrutierungsfeld und als Erstickungsstrategie gegen aufrührerisches Denken. Niemand darf an dem Grundsatz rütteln, dass im Falle eines Naziaufmarsches oder ähnlichen Theaters die Reihen fest geschlossen zu sein haben. Durch den Kampf gegen Nazistrukturen und -aufmärsche versichern die Düsseldorfer Linken sich, ganz ohne intellektuelle Anstrengung, des Gutseins. Das Gemeinschaft stiftende Erlebnis garantiert, dass das Kuschelkollektiv, das sie sich mühsam aufgebaut haben, nicht in Streitigkeiten verfällt. Das funktioniert erstaunlich gut. Machte sich der Düsseldorfer Vertreter des maßgeblich vom KOK ins Leben gerufenen Bündnisses „Interventionistische Linke“, das gegen die Reichen und Mächtigen in Heiligendamm demonstrierte, auf zahlreichen Veranstaltungen außerhalb der Landeshauptstadt lächerlich, weil das anwesende Publikum die bräsig-prollige Attitüde zurecht als atavistisch wahrnahm und sich voller Scham an die Vergangenheit erinnert fühlte, so musste in Düsseldorf niemand lachen – es gibt dort keine Vergangenheit, die Zeit scheint angehalten zu sein. Trotz des offensichtlichen Widerspruchs zwischen der betont radikalen Haltung, die sich in Parolen wie „Smash Capitalism“ und anderen markigen Sprüchen ausdrückt, und der Übereinstimmung mit geschätzten 90% der Bevölkerung, die ebenfalls gegen Nazis und Imperialisten sind, fällt diese Absurdität in Düsseldorf niemandem auf. Weil weder gedacht, noch die eigene Praxis hinterfragt wird, folgt auf die tausendste Antifa-Infoveranstaltung nur der nächste langweilige Artikel in der monatlichen Szenezeitschrift Terz.

Doch auch wenn einer aus diesem Umfeld mal nicht den Weg des zivilgesellschaftlich verhätschelten Aushilfssozialarbeiters mit Gewaltphantasien geht, sondern den universitären Weg wählt, der ihm dank besonderer Verdienste für die Bundesrepublik offen steht [3], verheißt das leider nichts Gutes – denn die Treue zum linken Kollektiv bleibt schließlich, weil auch an Universitäten trotz gegenteiliger Gerüchte nicht gedacht wird, bestehen. Macht ein Düsseldorfer Linker auf Professor, so kommt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nur ein – selbstverständlich wissenschaftlicher – Aufguss des linken und damit mehrheitsfähigen Weltbildes heraus. Hervorragend zu beobachten ist das etwa an dem mittlerweile emeritierten ehemaligen Leiter der der FH Düsseldorf angegliederten Arbeitsstelle Neonazismus, Prof. Dr. Wolfgang Dreßen, der in seiner Jugend Situationist und SDS-Aktivist war, dann recht spät seine akademische Karriere als Historiker begann und heute selbstverständlich Mitglied der Linkspartei ist. Allseits geschätzt wurde er für seine Ausstellung Betrifft: Aktion 3. Deutsche verwerten ihre jüdischen Nachbarn, mit der er sich fälschlicherweise den Ruf erwarb, Experte in Sachen Antisemitismus zu sein. [4] Kurze Zeit später zeigte sich, dass die situationistischen und linksdeutschen Wurzeln niemals ausgerupft wurden: Dreßen äußerte sich als rabiater Antizionist und verteidigte sogar das radikalislamische Internetforum „muslim-markt“.

Weil aber nicht nur Prof. Dreßen, sondern auch das stets so umworbene deutsche Volk weiß, dass Israel ein fieser Aggressorstaat ist, will auch eine andere Leuchte aus dem Düsseldorfer Szenesumpf nicht hintanstehen. An dem Düsseldorfer Islamwissenschaftler aus dem Umfeld des KOK, Michael Kiefer, lässt sich studieren, wie der Kritik des Antisemitismus der Stachel gezogen wird, um sie in das altgediente antiimperialistische Weltbild einzufügen. In seinem bereits 2002 erschienenen Buch Antisemitismus in den islamischen Gesellschaften [5] kolportiert er die alte Mähr, die Juden seien selbst schuld an ihrem Unglück, durch ihr eigenes Verhalten hätten sie den Hass gegen sich herauf beschworen. Und wie bei einem Durchschnittsdeutschen, der vielleicht nicht Otto, sondern Volker heißt, sich aber gewiss mit dem Joch der unterdrückten Völker zu identifizieren weiß, ist auch bei Kiefers Michi die Auffassung, die Juden hätten sich als hintertriebene Kolonisatoren den Antisemitismus selbst eingehandelt, nur eine Ausprägung eines größeren Komplexes, nämlich der postkolonialen Bürde des weißen Mannes.

Wenn sich in nichtwestlichen Ländern der Hass gegen die Aufklärung, den Westen oder auch den Kapitalismus manifestiert, kann der mit Schuld beladene, antiimperialistische Weiße darin nur quasi natürliche Abwehrreaktionen von autochthonen Menschen auf etwas ihrer Kultur fremdes erkennen. Wenn sich diese vom Westen unterdrückten Menschen dann mit den Mitteln des Westens bewaffnen, erscheint das dem mitfühlenden Blick des weißen Mannes als ein Zeichen der Verzweiflung, aber auch der Cleverness. Der postkoloniale Weiße fühlt sich jedoch weniger in die Lage der Menschen an anderen Orten als vielmehr in sich selber ein – quasi als orientalisierender Gesamtdüsseldorfer. Die unterschiedlichsten Konflikte in der Welt dienen ihm lediglich als Projektionsfläche für seine eigene provinzielle Befindlichkeit, seines eigenen Hasses auf die Aufklärung. Zu den Menschen in Ländern, die man früher die „Dritte Welt“ nannte, kann er sich deshalb nur wie ein Sozialarbeiter zu den Nazis verhalten. Die Sozialarbeiter wissen schließlich immer besser als ihre Schützlinge, was jene eigentlich antreibt. Kiefer z.B. weiß, dass die islamischen Antisemiten der 30er und 40er Jahre sich nur der antisemitischen Stereotype bedient haben, ohne jedoch an sie zu glauben, denn es sei ihnen eigentlich nur um das Land gegangen. In einer solchen Interpretation gleichen die mit Begeisterung für ihre Schützlinge erfüllten Sozialarbeiter den Kolonisatoren der letzten Jahrhunderte – diesen wie jenen waren die Menschen außerhalb Europas stets nur Objekte. Allerdings können die postkolonialen weißen Menschen heute für sich tatsächlich beanspruchen, die Menschen in der Dritten Welt, sofern sie den Westen und das, wofür er steht, hassen, zu verstehen, weil sie darin mit ihnen übereinstimmen. Als verständige „Kulturmanager“ oder Nahostexperten übersetzen sie den Hass ihrer Klientel in eine etwas weniger abstoßende Sprache, um für Verständnis zu werben – ‚Er meint das ja gar nicht so’.

Nach Kiefers Ansicht sei die westliche Moderne schuld an allem Unbill, deshalb müsse zwischen vormoderner, islamischer Tradition und der von außen kommenden, westlichen Moderne eine scharfe Linie gezogen werden. Der Antisemitismus sei schließlich – soviel hat Kiefer von Dreßen gelernt – ein europäisches Phänomen. Die Moslems seien Opfer der Moderne, die ihnen bloß zugestoßen und eigentlich wesensfremd sei, ganz so wie man einen Autounfall baut, ohne daran Schuld zu haben. Die Juden bzw. Zionisten seien mir nichts, dir nichts aus dem Westen gekommen und als verspätete Kolonialisten aufgetreten. Die Moslems im Allgemeinen und die Palästinenser im Besonderen hätten sich im Kampf gegen den Westen dann voller Verzweiflung moderner ideologischer Mittel wie z.B. Faschismus und Antisemitismus bedient, weil sie gar nicht so recht gewusst hätten, wie ihnen da geschah. An den arabischen „Reaktionen“ sei natürlich der Westen selbst schuld, weil dieser ja die übernommenen Mittel – Antisemitismus wird hier durchgehend instrumentell verstanden – bereitgehalten habe und schließlich die arabische Kultur nichts der Bedrohung des Westens angemessenes hervorgebracht habe – man habe im Orient nur Toleranz gekannt und sei von der ignoranten zionistischen Besiedlung völlig übertölpelt worden.

Die antiwestlichen Kämpfer der Dritten Welt nehmen in dieser Perspektive nur, was der Westen ihnen frei Haus liefert, und bleiben dabei unschuldig wie eine jungfräuliche Hure. Damit das glaubhaft rüberkommt, muss Kiefer den Antisemitismus depotenzieren. Aus einer Welterklärung, an die der Antisemit glauben will, wird im Handumdrehen ein „flexibler Code“, dessen man sich bedienen kann, ohne an ihn zu glauben. Das Theorem vom „flexiblen Code“ ist Kiefers eigene „Leistung“ [6] und besagt, dass, weil der Antisemitismus ja genuin europäisch ist, er dies auch für alle Zeiten bleiben müsse. Als Code werde er lediglich in andere Kulturen übertragen. Dort füge er sich dann flexibel in das bestehende kulturelle Geflecht ein. In seinem neuen Habitat gelte er jedoch nicht im gleichen Maße wie in der Umgebung, der er entsprungen ist, sondern bleibe seiner Herkunftskultur stets verbunden, weshalb die Muslime auch nicht an ihn glauben könnten, weil der Judenhass ihnen ja schließlich auf ewig fremd bleibe.

Nimmt man einen Hinweis Wehlers ernst, dass die klassische Modernisierungstheorie unter den Stichworten „Moderne“ und „Tradition“ nur den alten Gegensatz von „Zivilisation“ und „Barbarei“ übersetzt hat, dann wird deutlich, dass der Orientalist Kiefer im Moslem an sich den „edlen Wilden“ erblickt, der frei sei von den Zwängen der Zivilisation, an denen er selber kränkelt. Allerdings ist ihm zufolge auch der Islam von der Moderne bedroht, denn der traditionelle Islam modernisiere sich durch den Einfluss des Westens und insbesondere Israels. Diese Modernisierung des Islam läuft bei Kiefer unter der Bezeichnung „Islamisierung des Antisemitismus“. Der Antisemitismus, der zuvor lediglich ein Kulturimport des Westens und der Tradition des Islam vollkommen fremd gewesen sein soll, werde jetzt nachträglich mit einer, für Kiefer selbstverständlich illegitimen, islamischen Traditionslinie ausgestattet. Damit werde der Antisemitismus islamisiert und der Islam verunreinigt. Die Geschichte des Antisemitismus in der islamischen Welt wird von Kiefer also als eine Verfallsgeschichte der islamischen Tradition erzählt. Aber selbst dann sei der Islam nur nachträglich und äußerlich von der Sünde der Moderne befallen und nicht wie der Westen aus seinem Innersten heraus. Insofern kann Kiefers Darstellung der Geschichte des Antisemitismus auch als ein Versuch gelesen werden, den Islam von der Krankheit Moderne zu heilen, denn er zeichnet nach, was hinzu getreten ist und was jetzt wieder entfernt werden muss. Es geht Kiefer um eine Wiederherstellung der reinen Tradition. Der edle Wilde soll den westlichen Mantel ablegen und zu seiner ursprünglichen Gestalt zurückkehren. Kiefer trifft sich mit dem orthodoxen Islam und dessen antisemitischen Gläubigen in der Vorstellung, die Utopie liege in der Vergangenheit – übrigens ganz wie die Düsseldorfer Linke, die das Alte und von den Vorgängergenerationen Überlieferte gegen alle äußeren Anfeindungen verteidigen und konservieren will. Aber nicht nur darin stimmen Kiefer und orthodoxer Islam überein. Auch die Vorstellung, erst die Juden hätten die traditionelle Identität der Moslems infrage gestellt und durch ihre Präsenz eine moderne Identität erzwungen, trifft sich mit dem antisemitischen Wahn. Wirklich wild und edel könne der Islam also nicht durch sich selber werden, sondern nur, wenn die äußere Ursache seiner Verunreinigung weggenommen werde – und das heißt im Klartext: Israel muss verschwinden. Denn nur wenn die Juden sich erneut als dhimmis den Moslems unterordnen, kann dieser zu seiner traditionellen Toleranz zurückfinden.

Weil Kiefer jedoch eine Geschichte schreibt, deren Material sich nicht in seine Konstruktion einfügen will, bricht diese unter dem Druck der Realität in sich zusammen. Seine Darstellung lässt sich deshalb gegen ihn selbst wenden. Hierzu müssen lediglich die Ungereimtheiten und damit das Verdrängte kenntlich gemacht werden. Schon gleich zu Beginn macht Kiefer deutlich, dass er nicht im Antisemitismus, sondern in Israel das eigentliche Problem sieht. Denn erst durch die zionistische Besiedlung sei es zu Konflikten gekommen, vorher seien die Juden „in Palästina seit vielen Jahrhunderten ein akzeptierter und geschätzter Bestandteil der islamischen Gesellschaft“ gewesen. „In Palästina – wie überall in der islamischen Welt – gab es keine allgemeine Judenfeindschaft. Der moderne Antisemitismus mit seinen absurden Verschwörungsphantasien war in der muslimischen Bevölkerung unbekannt.“ (S. 8) Doch als Kiefer die Geschichte des „Transfers eines Feindbildes“ nachzeichnen möchte, beginnt er bezeichnenderweise nicht mit der ersten Einwanderungswelle, sondern mit der Damaskusaffäre von 1840 – also einem Zeitpunkt, zu dem es zwar Juden, aber keine zionistische Siedlungstätigkeit in Palästina gab. Der Versuch, den Juden selbst die Schuld für den Antisemitismus aufzubürden, misslingt. Um den Widerspruch nicht als solchen offenbar werden zu lassen, betont Kiefer, dass beide, Damaskusaffäre und Palästinakonflikt, durch den Westen verursacht worden seien. Beide Ereignisse seien Ausdruck einer westlichen Penetration der islamischen Welt, gegen die sich die Muslime hätten behaupten müssen. Der eigentlichen These Kiefers, dass erst durch den Palästinakonflikt der Antisemitismus in die islamische Welt gekommen sei, widerspricht die Damaskusaffäre dennoch. Zwar kann und muss man die vormoderne Judenfeindschaft vom modernen Antisemitismus unterscheiden – wie Kiefer das tut –, man sollte aber den Fehler vermeiden, beide als völlig voneinander getrennte und unabhängige Phänomene zu betrachten. [7] Um den Antisemitismus als ausschließlich westliches Importgut, das mit der arabischen Kultur nichts zu tun habe, darstellen zu können, muss Kiefer die traditionelle islamische Judenfeindschaft leugnen. Im Zusammenhang mit der Damaskusaffäre aber, im Zuge derer das moderne, aus dem Christentum stammende Stereotyp von den Juden als Ritualmördern in die islamische Welt exportiert wurde, vergleicht Kiefer den modernen Antisemitismus mit dem traditionellen islamischen Antisemitismus außerhalb des osmanischen Reiches, der überhaupt nicht durch die Damaskusaffäre berührt wurde und kommt plötzlich zu dem Schluss: „Zu erwähnen sind vor allem Persien und Marokko, wo es trotz der allgemeinen Judenfeindlichkeit derartige Anschuldigungen [Ritualmordanklagen – F. F.] nicht gab.“ (S. 48) Gleich zwei wesentliche Annahmen der Kieferschen Konstruktion werden hier dementiert: Erstens die Behauptung, es habe keine allgemeine Judenfeindschaft in den islamischen Gesellschaften gegeben; zweitens, erst durch die zionistische Besiedlung bzw. Israel sei es zu einem allgemeinen Antisemitismus in der islamischen Welt gekommen. Kiefer verfährt hier offensichtlich nach dem Motto ‚Es kann nicht sein, was nicht sein darf’.

Ein weiteres Beispiel dieser Methode findet sich in der exemplarischen Interpretation der judenfeindlichen Politik Mohammeds. Die Sedimentierung antijüdischer Ausfälle, wie sie sich im Koran finden und die im Konflikt zwischen den jüdischen Stämmen Medinas und der ersten moslemischen Gemeinschaft unter Mohammed ihre Ursache haben, wird von Kiefer auf die „Enttäuschung und Verbitterung“ des Propheten zurückgeführt, der alles probiert hatte, um den Juden seine schlechte Kopie anzudrehen und damit kläglich gescheitert war. (S. 30) Auf unerklärliche Weise wird dieser Konflikt und sein Niederschlag im heiligen und von Gott offenbarten Buch allerdings von Kiefer nicht als ein religiöser gewertet, denn es habe im vormodernen Islam nun mal – gemäß dem eigenen Dekret – keinen „Antisemitismus theologischer Natur“ (S. 36) gegeben, weshalb konsequenterweise für Mohammed „politische und ökonomische Gründe ausschlaggebend gewesen“ sein sollen, die Juden zu vertreiben und zu ermorden (S. 30). Eindringlich warnt Kiefer davor, „das aus heutiger Sicht grausame Vorgehen der Muslime gegen die jüdischen Stämme in Medina“ solle bloß nicht zu der fies islamophoben Schlussfolgerung verleiten, „dass in der islamischen Urgemeinde die Grundlage für einen militanten Antijudaismus gelegt wurde“ (S 30). Und warum nicht? Weil „der Krieg gegen die jüdischen Stämme notwendig war, um dem neuen islamischen Staatswesen eine solide wirtschaftliche und politische Grundlage zu geben“ (S. 30). Kiefer betätigt sich hier, der rheinischen Kaderschmiede entstammend, als ausgebuffter Materialist, der weiß, dass man reiche Blutsauger enteignen und vertreiben muss, um eine „solide wirtschaftliche und politische Grundlage“ für ein gesundes Gemeinwesen schaffen zu können. Vielleicht dachte Kiefer, als er diese Zeilen schrieb, an die eine oder andere Teilnahme an einer so genannten „Bonzenparade“, die in Düsseldorf eine gewisse Tradition hat und die sich auf selbstredend fantasievolle und ironische Weise gegen die asozialen Bonzen wendet, die das Gemeinwesen durch ihr verantwortungsloses Verhalten an den Rand des Abgrundes führen. Ungefähr so muss es sich in Kiefers Vorstellungswelt auch mit den Juden von Medina verhalten haben, die sich partout weigerten, den Islam anzunehmen und die Beutezüge von Mohammeds Räuberbande zu finanzieren. Obwohl sich heute die militanten Judenmörder auf genau die Stellen im Koran berufen, mit denen Mohammed seine Verfolgungs- und Totschlagpolitik gegen die Juden Medinas rechtfertigte, soll kontrafaktisch darin keine Grundlage für eine religiöse Judenfeindschaft gesehen werden.

Aber auch in diesem Falle findet sich eine Stelle, die genau das Gegenteil dessen besagt, was Kiefer mit seiner Arbeit intendiert. So führt Kiefer selbst Rudi Paret an, der die besondere Wahrnehmung und Sonderbehandlung der Juden durch Moslems „auf den frühen Konflikt zwischen Mohammed und den Juden zurück(führt)“ (S. 35). Und Kiefer spricht plötzlich davon, dass „(d)ie Juden im Koran als eigenmächtige, neidische, vertragsbrüchige, verräterische, betrügerische und schließlich halsstarrige Religionsgruppe dargestellt“ werden und sich in dieser Hinsicht negativ von der Darstellung der Christen im Koran abheben. (S. 36) Nicht nur das, schon in der antijüdischen Literatur des 9. Jahrhunderts seien „die im Koran enthaltenen Vorwürfe lediglich wiederholt“ (S. 36) worden. Wie geht das nun mit der Aussage zusammen, die Auseinandersetzung Mohammeds mit den Juden Medinas sei kein Präzedenzfall gewesen? Ganz einfach, der fantasievolle Theoretiker Kiefer kann für den religiösen Hass andere Ursachen, nämlich wirtschaftliche und ökonomische, auffinden und so wird aus dem heiligen Buch der Muslime eine Sozialgeschichte Medinas ohne religiöse Bedeutung. Diese Erklärung fügt sich in seine Vorstellung vom Charakter des islamischen Antisemitismus wunderbar ein. Denn dieser ist ja laut Kiefer kein wahnhafter Hass auf die Juden, sondern „ein Reflex auf die systematische Verdrängungspolitik der zionistischen Bewegung“ oder ein „von antisemitischen Feindbildern überformter“, „berechtigter Groll“. (S. 70) Erst die Zionisten hätten also, wie bereits geschildert, mit ihrer Siedlungspolitik „den Nährboden für eine relativ breite antisemitische Grundstimmung“ (S. 69) geschaffen. Die Palästinenser und mit ihnen gleich alle anderen Moslems seien Antisemiten geworden, weil ihnen der Jude ihr Land geklaut und der Brite ihm das auch noch erlaubt habe – und Fritz wird Rassist, weil ihm ein Türke den Lutscher geklaut hat und der Adolf Antisemit, weil ihm ein Jude 10 Cent zu wenig Wechselgeld zurückgegeben hat. „Nach der Balfour-Deklaration wurden die antijüdischen Verschwörungsphantasien von arabischen Nationalisten bereitwillig aufgenommen und zu einem Thema der antizionistischen Propaganda gemacht.“ (S. 70)

Was müssen die Juden den Deutschen nur angetan haben, dass sie den auf Vernichtung drängenden Hass in solcher Intensität auf sich gezogen haben? Übertriebene Polemik? Keineswegs, denn laut Kiefer sagen die Moslems das gleiche wie die Nazis, weil sie ihren Antisemitismus ja aus Europa und insbesondere aus Nazideutschland importiert haben (S. 10). Weil Kiefer jedoch an der Reinwaschung der edlen Seelen der Moslems interessiert ist, muss er eine Erklärung erfinden, warum der Antisemitismus der Nazis und der der Moslems trotz aller frappierenden Ähnlichkeit nicht wesengleich sei. Während dieser „gänzlich wahnhafter Natur war, entsprang die antijüdische Grundhaltung des Muftis [als einem prominenten Vertreter des muslimischen Antisemitismus – F. F.] einem konkreten politischen Konflikt [dem Palästinakonflikt – F. F.]“ (S. 82). Der moslemische Antisemit und der deutsche Antisemitismustheoretiker wissen, wen man für die Zumutungen der Moderne haftbar machen muss und schreien deshalb einstimmig: Haltet den Dieb! und zeigen auf den Juden.

Die Übernahme der antisemitischen Ideologie zerstört demnach in Kiefers Konstruktion die Reinheit der traditionellen islamischen Lehre und die vermeintliche Harmonie Arabiens. Es kann zwar tatsächlich nicht geleugnet werden, dass es im Zuge der Modernisierung der islamischen Gesellschaften zur Übernahme moderner europäischer antisemitischer Stereotypen kam. Dass diese dem Islam jedoch fremd seien, weil sie ursprünglich dem christlichen Symbolsystem entsprungen sind, ist falsch. So wie sich die christlichen antisemitischen Stereotype im Verlaufe der Modernisierung wandelten, veränderten sich auch die islamischen. Sie haben ihr Gravitationszentrum nicht mehr in Gott, sondern im Kapital. Die modernen europäischen antisemitischen Stereotype wurden übernommen, weil sie mit der modernen kapitalistischen Gesellschaft korrespondieren. Aber es wurden eben nicht nur Feindbilder übernommen, es wurden auch die traditionellen Feindbilder den neuen Verhältnissen angepasst. Den moslemischen Antisemiten stand ein voll ausgebildeter, moderner Antisemitismus zur Übernahme bereit, weil der Kapitalismus die europäischen Gesellschaften zuerst nach seinen Erfordernissen umformte. Deshalb ist er aber nicht europäisch. Das Kapital ist nicht an seinen Herkunftsort oder eine besondere Kultur gebunden, weil seine Herrschaft total ist. Insofern ist der Import des modernen europäischen Antisemitismus tatsächlich ein Indiz für den gesellschaftlichen Wandel der islamischen Gesellschaften im ausgehenden 19. Jahrhundert, was aber nicht zuforderst als Resultat einer Verwestlichung, sondern als fetischistische Reaktion auf die Inwertsetzung des Nahen Ostens zu begreifen ist. Den Unterschied zwischen Westen und Kapitalismus kann ein deutscher Antikapitalist wie Kiefer nicht verstehen, weil er mit der verhassten Produktionsweise gleich alle Zivilisation über Bord werfen will. Hätte es tatsächlich eine erfolgreiche Verwestlichung des Nahen Ostens gegeben, so wäre die traditionelle islamische Judenfeindschaft entschärft [8] und die Gesellschaft tiefgreifend säkularisiert worden. Weil aber schon Napoleons Landung in Ägypten 1798 letzten Endes scheiterte und die arabischen Gesellschaften im Zuge der Kolonialisierung nicht oder zu wenig verwestlicht wurden, weil das Interesse der Großmächte am Nahen Osten nicht die Zivilisierung einer noch oder wieder barbarischen Weltgegend war, sondern in der optimalen Ausbeutung der Bodenschätze – billige Arbeitskräfte eingerechnet – bestand, erwies sich die Aussicht auf eine glücklichere Zukunft für die Araber als leeres Versprechen. Das Scheitern der Modernisierung, dessen Früchte heute zu beobachten sind, hat seinen Ursprung in der Logik des Kapitals, die sich nicht am Wohl des Einzelnen orientiert, sondern an der maximalen Verwertung des Werts. Dass der Westen die arabischen Gesellschaften nicht grundlegend zivilisiert hat, was bedeutet hätte, sie mit all jenen – politischen, ökonomischen, technischen und wissenschaftlichen – Fähigkeiten auszustatten, die ihnen Eigenständigkeit und Erfolg auf dem Weltmarkt ermöglicht hätten, versteht sich von selbst, wenn man Gesellschaftskritik im Sinne der Kritik der politischen Ökonomie betreibt. Dass eine solche Kritik weder die Araber als bloße Opfer des Westens begreift, noch den Anspruch der westlichen Zivilisation auf das Glück des je Einzelnen aufgibt, ist dabei ein Gebot, das sich aus der kritischen Annahme ergibt, dass die Menschen für ein besseres Leben kämpfen können. Dass ein Islamwissenschaftler, der einer Szene entstammt, die alle Zeichen auf eine Konservierung des herrschenden Elends gestellt hat, diese Grundannahme kritischer Theorie nicht teilen kann, zwingt dazu, eine solche Szene in denunziatorischer Absicht als das zu bezeichnen, was sie ist: eine voluntaristische Bande von Konterrevolutionären.


Anmerkungen:

[1] Einblick in das Düsseldorfer Elend erhält man durch ein vom KOK höchstselbst produziertes Video: www.youtube.com/watch.

[2] Eine Tatsache, die Düsseldorf selbstverständlich mit anderen Karnevalshochburgen teilt. Vgl. dazu Esther Marian, Ein Mordsspaß. Anmerkungen zum rheinischen Karneval (Teil 1), in: Prodomo, Nr. 3/2006 und dies., Parodie der Erfüllung. Anmerkungen zum rheinischen Karneval (Teil 2), in: Prodomo, Nr. 4/2006.

[3] Michael Kiefer, von dem hier die Rede ist, ist federführend an der Einführung des islamischen Religionsunterrichtes an deutschen Schulen beteiligt; ein Engagement für das multikulturelle Miteinander, das ihm natürlich von entsprechender Seite hoch angerechnet wird.

[4] Tatsächlich war Dreßen schon immer vom linken Nationalsozialismus fasziniert, veröffentlichte in den 80ern gar den prominenten Vertreter der „Neuen Rechten“, Henning Eichberg. Vgl. Esther Marian, Arbeitsstelle Neonazismus, in: Bahamas, Nr. 48.

[5] Das Buch ist zwar schon älter und wurde bereits einmal in aller Kürze in der Prodomo verrissen, ist es aber trotzdem wert, noch einmal genauer unter die Lupe genommen zu werden, weil es prototypisch die Akademisierung der altlinken Weltanschauung, die sich in Düsseldorf hält wie ein Fußpilz im Hallenbad, erkennen lässt. Vgl. auch Jan Huiskens, Propagandisten der Gegenaufklärung, in: Prodomo, Nr. 2/2006 und Philipp Lenhard, Islamischer Antisemitismus. Anmerkungen zu einem verdrängten Problem, in: Bahamas, Nr. 55/2008.

[6] Shulamit Volkov, Antisemitismus als kultureller Code, München 2000, hat für den Antisemitismus den Begriff des „kulturellen Codes“ entwickelt, meint damit aber etwas ganz anderes als Kiefer. Bei Volkov geht es darum, dass bestimmte antisemitische Redewendungen und Stereotype die Zugehörigkeit zum deutschen Kollektiv signalisieren sollten und ferner den ideologischen Kitt der Volksgemeinschaft bildeten.

[7] Vgl. dazu Lenhard, a.a.O.

[8] So gibt es bis heute in den Kernländern des Westens – den USA und Großbritannien – aber auch in den Niederlanden oder in Belgien gerade keine allgemeine Judenfeindschaft