Ausgabe #9 vom

Rasse statt Klasse

Zum aktuellen Stand der Rassismuskritik

JAN HUISKENS

Als Hans Mentz in seiner Titanic-Humorkritik über einen neuen Film Eddie Murphys schrieb, dieser sei „ein solch unsympathisches Machwerk, dass man zum Rassisten werden könnte“, rechnete er nicht damit, dass die Satirezeitschrift auch Leser hat, die weder des Lesens mächtig sind, noch über Humor verfügen. Noah Sow, Medientante („Popstars“), Musikerin und Autorin, hält das zitierte Statement Mentz’ in einem eigens für ignorante Weiße eingerichteten Rassismustest in ihrem Buch Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus für dringend des Rassismus verdächtig: „Warum Hans Mentz den Impuls verspürt, er könnte, wenn er nicht aufpasst, Schwarze Menschen ganz generell als minderwertig betrachten (= ‚Rassist werden’), weil er einen beliebigen Schwarzen irgendetwas tun sieht, was ihn persönlich nicht genug amüsiert, ist das klarer Rassismus. […] Den Beweis tritt er im nachfolgenden Nebensatz auch gleich selbst an, denn komplett lautet das Zitat: ‚Murphys neuer Film ‚Mr. Doolittle’ ist ein solch unsympathisches Machwerk, dass man zum Rassisten werden könnte, wenn man in gewisser Hinsicht nicht schon einer wäre.’ Den Konjunktiv und die ‚gewisse Hinsicht’ können wir da ruhig streichen.“ (S. 69) Dass eine, die nicht schreiben kann („Warum er den Impuls verspürt, ist das Rassismus“!), auch gerne Konjunktive aus Sätzen ausstreicht, die sie nicht versteht, verwundert kaum. Das Problem ist, dass sich dieser Mangel an Intellekt auf das ganze Buch ausdehnt und damit die wenigen Vorzüge, die das Buch gegenüber anderen zum Thema hat, entwertet. Die bisweilen scharfen Beobachtungen aus dem Alltag werden in das Schema der critical whiteness theory gepresst und verlieren deshalb an Präzision. Denn wo die in der Tat rassistische Identifizierung jeglichen Tuns oder Nichttuns von Schwarzen mit ihrer Hautfarbe und einer daraus resultierenden grundlegenden Andersartigkeit verknüpft wird, schreibt die critical whiteness theory dieses identitäre Gebaren noch fest, indem sie die Weißen fühlen lassen möchte, was Schwarze erleben. Dass Weiße sich nie dafür rechtfertigen müssten, warum sie in Deutschland sind, wie Sow behauptet, ist so offenkundig falsch, dass man das Bemühen, alles in ein Schwarz-Weiß-Schema aufzulösen, hinter jeder Ecke vorlugen sieht. Ja, es gibt dieses Schema, aber es gibt noch weitaus mehr Kategorisierungen und Unterscheidungen von Menschen. Manche von ihnen sind sinnvoll, manche nicht. Der gescholtene Hans Mentz, der in „gewisser Hinsicht“ ein Rassist ist, nämlich genau in dem Sinne, dass er in seiner grenzenlosen Misanthropie auch Schwarze in der Mehrheit für dumm hält, wird von Sow so gründlich nicht verstanden, weil sie eben jenem Medienzirkus angehört, den Mentz regelmäßig in der Titanic unter Beschuss nimmt. Sie kann deshalb auf Mentz’ Vorpreschen nur müde und abgedroschen antworten: „Ich bin noch nie auf die Idee gekommen, ich könnte zur Weißenhasserin werden, weil Oliver Pocher mich langweilt.“ Sow nicht, ich in „gewisser Hinsicht“ schon.

So ärgerlich die Argumentation Sows an vielen Stellen ist – und dass die Tatsache, dass ich mich ärgere, ein Beweis für meinen persönlichen Rassismus ist, versteht sich bei Kreisdenkern wie Sow von selbst –, so anregend sind doch gelegentlich ihre Schilderungen und Beispiele. Solch ein positives Urteil kann man über ein anderes Werk, die Geschichte des Rassismus von Christian Geulen, nun wirklich nicht fällen. Erschienen in der populären C. H. Beck-Einführungsreihe, kann man eigentlich nur hoffen, dass niemand, der sich das erste Mal mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen möchte, auf Geulens Buch zurückgreift. Vergleicht man es etwa mit den Standardwerken von Mosse oder Poliakov, die es in jeder guten Bibliothek gibt, so erweist sich Geulens Rassismusgeschichte als theoretisch defizitär und in einigen Punkten sogar als skandalös. In kulturrelativistischem Ungeist heißt es da etwa, die antike Sklaverei sei „eine legitime Form der Herrschaft“ gewesen, „insofern sie die weitgehende Zustimmung zumindest eines großen Teils der Beherrschten fand“ (S. 19). Auch Geulens Definition des Rassismus als “Übertreibung“ (S. 7) macht doch eher stutzig. Indem Geulen andererseits das ganze Buch hindurch nicht über die Bestimmung des Rassismus als einer Unterscheidung zwischen Eigen- und Fremdgruppe hinauskommt, trivialisiert er das Phänomen und nimmt ihm seine psychopathologische Dimension. Rassismus erscheint als Übertreibung einer an sich rationalen Unterscheidung, deren sozialen Ursprung sich Geulen bis auf schwammige Andeutungen („Zugehörigkeit“) nicht erklären kann. Erkenntnistheoretisch zurrt er das Problem auf eine bestimmte „Wahrnehmung“ zusammen. Eine materialistische Rassismuskritik hingegen rekurrierte auf die gesellschaftlichen Bedingungen des Wahns und bezöge die von Geulen positivistisch aufbereitete Geistesgeschichte auf die jeweilige gesellschaftliche Synthesis. Eine solche Kritik gelingt Geulen in Ansätzen nur im dritten Kapitel über den Universalismus des Christentums – die Vergangenheit lässt sich immer besser begreifen als die eigene Gesellschaft. Das zeigt sich auch in den Ausführungen über rassistischen Antisemitismus, welchen er letztlich als eine besonders perverse Form des Rassismus charakterisiert. Den Terminus „Gegenrasse“ deutet er so, dass die Juden den Antisemiten als fundamentaler Gegenspieler erschienen seien, weil sie nicht nur eine minderwertige, sondern im rassentheoretischen Sinne gar keine Rasse gewesen seien: „Das deutsche Judentum widersprach nicht nur einer rassisch rein gedachten deutschen Nation, sondern repräsentierte zugleich in seiner gesamten Existenz einen Widerspruch zur Rassentheorie selbst.“ (S. 88) Da Geulen die Analyse aber nicht zur Dialektik von Unter- und Übermensch forttreibt, entgeht ihm die gesellschaftliche Dynamik, die Antisemitismus und Rassismus immer wieder hervorbringen muss. Wenn es keine Rassentheorien mehr gibt, kann es seiner eigenen Theorie gemäß eigentlich keinen Antisemitismus mehr geben. Vielleicht aus diesem Grunde ist Geulen so blind für den aktuellen Antisemitismus, der sich nicht mehr rassistisch, sondern antirassistisch legitimiert. Geulen stimmt in diesen Chor ein, indem er den War on Terror als Neuauflage des „Mythos vom Rassenkampf“ (S. 115) geißelt. Als positiven Gegenbegriff zu „Rasse“ verwendet er den scheinbar unschuldigen der „Kultur“. Und so endet das Buch mit einem friedensnobelpreiswürdigen Aperçu: Rassismus beginne „dort, wo Menschen der Ansicht sind, dass die Bekämpfung bestimmter Gruppen anderer Menschen die Welt besser mache“. (S 119) Antifa, sei auf der Hut vor dem Rassismus!

Wo Sow eher subjektiv an das Problem des Rassismus herangeht und die geschilderten Erfahrungen dann theoretisiert und wo Geulen sich an einer tour de force versucht, da geht ein soeben erschienener Sammelband aus dem linken Mandelbaum Verlag rhizomatisch vor. Explizit geht es um die „Vielfalt und Vielgesichtigkeit des Phänomens ‚Rassismus’“ (Klappentext). Was zunächst schauderhaft nach begrifflosem Geplapper und stupidem Pluralismus klingt, wirft neben diesen zu Recht befürchteten Eigenschaften trotzdem einiges an Erkenntnis ab. Hervorzuheben sind dabei insbesondere die Beiträge Frank Dikötters und Rüdiger Lohlkers. Während Dikötter sich dem Rassismus in China widmet (S. 119-149) und zeigen kann, was für eine starke und auch heute noch präsente Tradition rassischer Diskurse in China herrschen, veranschaulicht Lohlker auf leider viel zu knappem Raum einige Verbindungslinien von Islam und Rassismus (S. 214-226). Er weist daraufhin, dass das antirassistische Selbstverständnis des Islam sowohl der Tradition als auch der islamischen Politik widerspricht. So zitiert er rassistische Äußerungen von Ibn Khaldun und at-Tasuli und spricht die Praxis der Versklavung insbesondere schwarzer Unterworfener an. Seine Schlussfolgerung lautet: „Die kurz skizzierte klassische Diskussion über das Verhältnis zwischen ‚Schwarzen’ und ‚Weißen’ demonstriert, in welcher Weise die ‚Islamizität’ zwischen offen rassistischen Zuschreibungen und ‚bemüht’ ‚antirassistischen’ Argumenten schwankte.“ (S. 223) Mit diesem ausgewogenen Resümee widerspricht Lohlker immerhin dem Mythos des per se antirassistischen Islam und leistet einen Beitrag für eine zukünftige, tiefer gehende Diskussion des islamischen Rassismus (wie von mir in der letzten Ausgabe der Prodomo angeregt). Doch in der zitierten Schlussfolgerung Lohlkers sind auch schon die eingangs erwähnten negativen Aspekte des Buches augenscheinlich. Der diskursive Jargon, der sich in der gehäuft auftretenden Verwendung von Anführungszeichen ausdrückt, die Distanz signalisieren sollen, weil viele der Autoren unfähig sind, treffende Begriffe zu bilden, macht das Buch oft genug zu einem einzigen Geraune. Besonders negativ fällt dabei der Beitrag Henning Melbers über den Rassismus der Aufklärung auf, in dem er sich dümmlicher Gerüchte bedient, um die Philosophie von Hegel und Kant zu delegitimieren. So schreibt er über Kant, dieser habe „sein Studierzimmer in Königsberg nur selten“ verlassen, als sage das irgendetwas über seine Philosophie aus (S. 180). Über Hegel weiß er, er habe einem „unverhohlenen Rassendünkel des eurozentristischen Herrenmenschentums“ angehangen (S. 179). In der marxistischen Tradition nach Hegel sieht er deshalb keineswegs zufällig einen „kolonialen Blick“ walten (S. 180). Der sich unter dem Unwort „Eurozentrismus“ verbergende Hass auf den Westen, der tendenziell einer Zivilisationsfeindlichkeit nahe steht, äußert sich bei Melber wie eh und je in der Vorliebe für den garantiert nicht-rassistischen Foucault, der sich immerhin die Abschaffung des Aufklärungssubjektes auf die Fahnen schrieb. Es ist dann Bernhard Weidinger vorbehalten, jene Parteinahme für Kultur und Ursprünglichkeit auf die zeitgemäße Formel einer Denunziation des „antimuslimischen Rassismus“ zu bringen (S. 247). Nachdem Weidinger in seinem Beitrag über das „Verhältnis von Rassismus, Antisemitismus und Israelkritik“ sämtliche Essentials antideutscher Rassismus- und Antisemitismuskritik abgeschrieben hat (er zitiert u.a. Bruhn, Grigat, Gruber, Gruppe K) und deshalb auch zu einigen erfreulichen Ergebnissen kommt, kippt der Beitrag im letzten Abschnitt ins Ressentiment. Auf einmal bezieht sich Weidinger positiv auf genau jene Leute, die das krasse Gegenteil von dem zuvor Ausgebreiteten vertreten, wie etwa Bernhard Schmid und John Bunzl.

Das Schwanken zeigt, dass der Band Rassismus. Beiträge zu einem vielgesichtigen Problem letztlich nicht zur Aufklärung beitragen, sondern nur diskursive Felder besetzen will und damit im antikritischen Strom schwimmt. Das beweist, dass die aktuelle Rassismuskritik auf einem so miesen Niveau ist, dass nicht einmal vereinzelte Erkenntnisse etwas taugen, weil sie von einer intellektuellen Ödnis und menschlichen Ignoranz eingerahmt sind, die alles Gold in Blei verwandelt.


Noah Sow, Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus, C. Bertelsmann Verlag, München 2008, 319 Seiten, € 14,95

Christian Geulen, Geschichte des Rassismus, Verlag C. H. Beck, München 2007, 128 Seiten, € 7,90

Bea Gomes/Walter Schicho/Arno Sonderegger (Hgg.), Rassismus. Beiträge zu einem vielgesichtigen Problem, Mandelbaum Verlag, Wien 2008, 292 Seiten, € 14,00