Ausgabe #9 vom

„Randvoll mit antijüdischer Aversion“

Interview mit Danny Leder

MATHIAS SCHÜTZ

Prodomo: Am 21. Juni wurde ein 17jähriger Jude in Paris von einer Bande moslemischer Jugendlicher fast zu Tode geprügelt. Ist das nur ein weiterer antisemitischer Zwischenfall oder zeichnet sich hier eine neue Qualität der Gewalt gegen Juden ab?

Leder: Es gibt leider Beispiele, die solch eine neue Qualität der Gewalt in extremer Weise illustrieren. Der Vorfall vom 21. Juni ist schlimm, er fand aber in einem Kontext von Auseinandersetzungen statt, in denen Gruppen junger Juden aus den Vierteln zunehmend versuchen, sich gegen Übergriffe zu wehren und zu behaupten, obwohl sie natürlich in der Minderzahl sind und nur geringe Chancen haben. Es gibt aber wesentlich schlimmere Vorfälle, die deutlich machen, dass es eine neue Qualität des Judenhasses gibt. Statistisch gesehen haben die gewalttätigen Übergriffe auf Juden abgenommen, auch weil die Behörden mittlerweile eher reagieren - ihre Gegenmaßnahmen zeigen durchaus Wirkung -, aber die einzelnen Übergriffe, die stattfinden, sind viel brutaler geworden. Dies zeigt zum Beispiel der Fall Ilan Halimis oder der Fall eines jungen Juden, der von seinem moslemischen Freund aus Kindheitstagen, der im Nachbarhaus gewohnt hat, erstochen worden ist. Der Mörder ist in einem ersten Prozess wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen worden, nach der Tat aber erklärte er, er komme jetzt in den Himmel, weil er einen Juden ermordet habe.

Ein antisemitisches Bewusstsein ist bei den Übergriffen und Anschlägen also stets vorhanden?

Absolut, obwohl die Sozialarbeiter und die betroffenen Jugendlichen, wenn man vor Ort mit ihnen redet, versuchen, den antisemitischen Hintergrund der Taten abzuschwächen und verschwinden zu lassen. Sie sagen, dass es sich bei den Übergriffen um Raufereien und Schlägereien handele, wie es sie zwischen Jugendlichen ständig gäbe, und dass es genauso gut einen Schwarzen oder einen Maghrebiner treffen könne. Es stimmt natürlich, dass in den Vororten immer eine extreme Form der Gewalt herrscht und es immer wieder Todesopfer bei Bandenfehden gibt. Aber in dieser Weise versucht man das antisemitische Motiv zu relativieren. Es überwiegt nämlich unter den Jugendlichen, vor allem bei jenen aus dem moslemischen Migrantenmilieu und auch aus der Karibik, die Vorstellung, dass die Juden ein Übel sind, dass man sie schlagen kann und muss. Ich habe vor Kurzem ein Interview mit einem kommunistischen jüdischen Lehrer und Politiker gelesen, der mehr oder weniger gestanden hat, dass er, seit er an einer Vorortschule unterrichtet, ständig das Wort Jude als Beschimpfung hört. Man kann das verharmlosen und sagen, dass es sich bloß um Slang handele, der nichts weiter aussagt, aber irgendwann schlägt diese Form der verbalen Entmenschlichung der Juden in Gewalt um. Es existiert eine antisemitische Subkultur, insbesondere im moslemischen Jugendmilieu. Im Bewusstsein dieser Jugendlichen sind Juden geradezu selbstverständlich Unmenschen, ein Feindbild. Und deswegen werden Juden regelmäßig angegriffen, vor allem am Shabbat, wenn sie nichts bei sich haben, um sich zu wehren und auch keine Handys, um Hilfe zu rufen. Einige junge Juden haben daher begonnen, sich zusammenzuschließen, um sich zu verteidigen, und in so einem Kontext ist der Übergriff vom 21. Juni möglicherweise zu sehen. Das Schlimme ist, dass ein großer Teil der Medien, aber auch der „wohlmeinenden“ Linken und der Sozialarbeiter sagen, dass es sich nur um eine Art Krieg der Knöpfe von Jugendlichen ohne soziale Perspektive handele. Aber der springende Punkt ist doch, dass die Juden das einigende Feindbild aller übrigen Jugendlichen in den Vierteln sind.

Das Verhältnis von Juden und Moslems in Frankreich war nicht immer so gespannt. Wie kam es zu dieser Welle der Gewalt seit der zweiten Intifada? Dafür kann ja nicht nur die Identifikation mit den Palästinensern verantwortlich sein?

Zunächst haben unter der Oberfläche einer zeitweilig herrschenden vorgeblichen Harmonie die Spannungen niemals aufgehört. Nur haben sich diese Spannungen außer während des israelisch-arabischen Kriegs 1967, als es schon gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Juden aus dem Maghreb und Moslems aus dem Maghreb in den Einwanderervierteln gab, nicht gewaltsam geäußert. Aber das war zu Zeiten als noch wesentlich mehr Juden in den Vorortvierteln lebten, so dass es sich eher um Konfrontationen zwischen etwa gleichstarken Gruppen junger Männer handelte und den jungen Moslems klar war, dass sie sich auch blutige Köpfe holen konnten. Die Konflikte sind nicht weiter ausgeartet und man hat in diesen Vierteln wieder zu einer relativ friedlichen Koexistenz gefunden, vor allem auf einer teilweise doch vorhandenen gemeinsamen kulturellen Basis, unter anderem auch, weil es auf beiden Seiten Persönlichkeiten gab, die eine weitere Eskalation verhindert haben.

Die Lage seit dem Jahr 2000 und der zweiten Intifada hängt nun auch mit der allgemein verschlechterten sozialen Situation zusammen. Frankreich ist vielleicht das Land mit der am längsten anhaltenden sozialen Krise in Europa, wir haben seit mehr als 20 Jahren Massenarbeitslosigkeit. Und in den Vororten, wo eben diese antijüdischen Angriffe überhand genommen haben, gibt es jetzt schon zwei bis drei Generationen von arbeitslosen und pauperisierten Migrantenfamilien. Dieses Klima der sozialen Verwahrlosung und Hoffnungslosigkeit bildet das Umfeld für diesen antisemitischen Hass. Dort ist die Suche nach einem Sündenbock in Form der Juden natürlich größer, wie auch die Gewaltbereitschaft generell größer ist. Dann greifen sich diese perspektivlosen Jugendlichen die für sie schwächsten Opfer, die jüdischen Nachbarn. Dieser Punkt hat die Eskalation seit dem Jahr 2000 sicherlich beschleunigt, auch unter dem Eindruck der Bilder aus Israel und Palästina. Es verbinden sich unter nord- und schwarzafrikanischen Einwanderern die soziale Krise und die Verwahrlosung mit einer Identifikation mit den Palästinensern: Die moslemischen Migranten haben die Vorstellung, wie die Palästinenser im Nahen Osten gegen die Juden zu kämpfen, und sie machen die jüdischen Nachbarn für die vorhandene Diskriminierung und Perspektivlosigkeit verantwortlich. Sie sprechen sie doppelt schuldig: einerseits dafür, dass sie als Juden mit den Palästinensern schlecht umgingen, andererseits dafür, dass sie die Diskriminierungen, die die Moslems hier erleiden müssen, zu verantworten hätten. Das ist eine Wahnvorstellung, die relativ weit verbreitet ist.

Die Frage ist doch, warum wieder die Juden mit dieser Misere identifiziert werden. Hat das mit einer unterschwelligen Kontinuität des Judenhasses oder der Judenverachtung zu tun, die aus der gemeinsamen Vergangenheit im Maghreb bewahrt wurde, und die die Juden als Dhimmis versteht, denen gegenüber Gewalt nicht verwerflich sei?

Ich meine, dass diese Kontinuität im Hintergrund eine Rolle spielt. Die Situation im Nahen Osten, die Nachbarschaft zu Leuten, von denen man weiß, dass sie hilflos sind, die Familientradition und der ehemalige Dhimmi-Status der Juden, aber auch der Konflikt, den es mit den Juden im Maghreb gab, wo viele Juden relativ profranzösisch eingestellt waren, weil sie sich von den Franzosen Schutz versprachen, der dann von diesen auch tatsächlich gewährt worden ist – all diese Dinge kommen zusammen. Es ist sicher so, dass eine antijüdische Tradition in vielen maghrebinischen Familien existiert. Zudem wissen nur noch ältere Menschen aus dem Maghreb, dass dort Juden gelebt haben, und dass es dort ein – wenn auch konfliktreiches – Zusammenleben gab. Aber gerade in den jüngeren Generationen ist die Entmenschlichung und Diabolisierung der Juden schon so weit fortgeschritten, dass sie überhaupt keine Vorstellung von der jahrtausendalten jüdischen Präsenz im Maghreb zulassen.

Mit der gewalttätigen antisemitischen Welle ging auch eine neue Rhetorik einher. Der prominente schwarze Comedian Dieudonné M’Bala M’Bala zum Beispiel beleidigt in aller Öffentlichkeit immer wieder Juden und leugnete faktisch den Holocaust, als er erklärte, er werde die entsprechenden Seiten aus den Geschichtsbüchern seiner Kinder herausreißen. Hier taucht ein weiterer Aspekt des neuen französischen Antisemitismus auf: Die Juden stehlen den ehemaligen Kolonisierten ihre Geschichte. Wie schätzen Sie die Wirkungsmacht dieser Vorstellung ein, auch im Bezug auf die Gewalt?

Die ist sehr stark. Es hat sich zum Beispiel unter vielen jungen Schwarzen die Überzeugung verbreitet, dass die Juden für den Sklavenhandel verantwortlich gewesen seien. Diese Lüge stammt von den antijüdischen schwarzen Bewegungen in Amerika, und hat sich hier ziemlich verbreitet und vertieft. Gerade im schwarzen, politisierten und radikalisierten Milieu herrscht eine starke antijüdische Einstellung vor. Das merkt man schon daran, dass es hier in Paris eine winzige Minderheit von schwarzen Juden gibt, die schon Probleme haben, als Juden akzeptiert zu werden, aber vor allem von anderen Schwarzen systematisch ausgegrenzt und als Verräter betrachtet werden. Unter vielen schwarzen Jugendlichen ist die Vorstellung, dass die Juden ihre Feinde wären, eine Selbstverständlichkeit geworden.

Auch jenseits der Angehörigkeit zum Islam?

Natürlich ist der Islam – nicht als Religion, sondern als eine Art ethnosoziale Identität verstanden – ein wichtiges Vehikel für den antijüdischen Hass, weil sich der Islam in einem globalen Konflikt um Palästina mit dem Zionismus und mit den Juden versteht. Aber so wie Elemente des historischen islamischen Antisemitismus vorhanden sind, existieren ebenfalls Elemente des historischen christlichen Antisemitismus. Auch mit denen sind Jugendliche aus dem Migrantenmilieu konfrontiert und sie greifen auch diese auf. Die französischen Antillen sind beispielsweise Museen aller rassistischen Vorurteile, die Hautfarbe spielt eine ganz besondere Rolle bei der sozialen Einstufung der Leute. Und an diesen Orten hat sich auch der christliche Antisemitismus besonders erhalten und ist auf die gesamte Bevölkerung übergegangen, so dass die schwarzen Christen aus der Karibik sehr anfällig für antijüdische Propaganda sind, weil sie zum Teil durch ganz obskure christliche Geistliche, die noch vor dem II. Vatikanischen Konzil stehengeblieben sind, mit antijüdischer Hetze gefüttert wurden. Und dann kommen sie nach Frankreich und stoßen in den Randvierteln auf die moslemischen Jugendlichen, die ohnehin randvoll mit antijüdischer Aversion sind. An den Rändern der Gesellschaft, unter den Ausgegrenzten und Diskriminierten, treffen und verbinden sich all diese voremanzipatorischen, antijüdischen Klischees und Vorurteile, ob aus islamischem oder christlichem Fundus, und sie werden ständig durch den Nahostkonflikt und die sozialen Krisen, die es aktuell in Frankreich gibt, aktiviert.

Welche Konsequenzen haben die französischen Juden aus den Vorfällen ziehen müssen und wie ernst wird die Lage weiterhin eingeschätzt?

Die Haupttendenz ist, dass die Juden, soweit sie Wert darauf legen, einen gewissen Grad an jüdischer Tradition beizubehalten und zudem über die nötigen finanziellen Mittel verfügen, versuchen wegzuziehen. Teilweise betrifft das auch Leute, die nicht sonderlich religiös waren, aber unter dem Eindruck der massiven Vorurteile, dieser Verächtlichmachung und auch der tätlichen Angriffe gesagt haben: „Jetzt reicht es, ich habe keine Lust mehr das zu schlucken.“ Und dann steht man vor der Alternative, seinem Kind einzuschärfen, bloß nie dem Klassenkameraden zu sagen, dass es Jude ist, oder es aus der Schule herauszunehmen und in eine jüdische oder katholische Privatschule zu stecken. Dieser Prozess führt dazu, dass immer weniger jüdische Kinder eine öffentliche Schule besuchen. Und das wird ihnen dann zum Vorwurf gemacht und es heißt, dass sie sich abkapseln und isolationistisch sind, dass die Kinder aus moslemischen oder schwarzen Familien keine Gelegenheit mehr hätten, Juden zu treffen, und dass es, wenn man sich nicht kennt und nicht gemeinsam die Schulbank drückt, deshalb zu diesen Konflikten kommt. Aber das Problem ist doch, dass die Leute gezwungen sind, für die bloße Sicherheit und die Würde ihrer Kinder diese in jüdischen Privatschulen anzumelden. Diese Privatschulen sind mit dem Aufkommen der antijüdischen Angriffe auch Zielscheiben von Angriffen geworden - Steinwürfe, Brandanschläge und ähnliches. Sie sind jetzt besonders bewacht, es gibt Security-Personal und sie haben manchmal den Anblick von Festungen, was ihnen nun auch wieder zum Vorwurf gemacht wird: Es wäre wie in israelischen Siedlungen im Westjordanland, die Juden kapselten sich ab, würden besonders geschützt und es sei eine Provokation für die Anrainer, wenn Juden sich festungsartig abriegelten. Dabei ist es doch die logische Folge der Anfeindungen, des Mobbings und der tätlichen Angriffe, was viele Leute, gerade im linken Milieu und unter den Sozialarbeitern, aber nicht wahrhaben wollen.

Ariel Sharon hatte 2004 die französischen Juden aufgefordert, nach Israel auszuwandern, um dem Antisemitismus in Frankreich zu entkommen. Spielte und spielt das eine Rolle in der Zukunftsplanung oder fühlt man sich von Staat und Gesellschaft hinreichend geschützt?

Das ist unterschiedlich und hängt sehr von der regionalen und individuellen Situation ab. Man kann nicht sagen, dass die Juden in Frankreich generell bedroht sind und man muss sich vor allem hüten, von einem französischen Antisemitismus zu reden. Der „klassische“ französische Antisemitismus ist aus meiner Sicht ein erledigtes Kapitel. Man muss immer wieder betonen, dass der Antisemitismus überwiegend im moslemischen, afrikanischen und karibischen Milieu in den sozialen Randvierteln und Vororten beheimatet ist und dort ein Klima der Angst erzeugt. Dort kann man sagen, dass das Angebot von Sharon oder die systematische Arbeit der Agence juive, jüdische Personen und Familien zur Auswanderung nach Israel zu bewegen, erfolgreich ist. Das ist kein Exodus, aber ein kontinuierlicher Prozess, in dem sich einige tausend Menschen pro Jahr in einer Situation der Bedrohung und Perspektivlosigkeit im Hinblick auf ihre Existenz als Juden entschließen, nach Israel auszuwandern.

Dieser neue, andauernde Antisemitismus scheint auf zwei Entwicklungen hinzudeuten: Zum einen eine Kontinuität antisemitischer Gewalt über mehrere Jahre hinweg, die ihren traurigen Höhepunkt in der Entführung, Folterung und Ermordung Ilan Halimis Anfang 2006 fand und die meist von jungen Moslems aus den Banlieues ausging und -geht; zum anderen einen allgemeinen Übergang der sozialen Verhältnisse in den marginalisierten, islamisch geprägten Milieus zur bandenförmigen Organisation, zur eindeutigen Positionierung gegen die bürgerliche Republik und zu unmittelbarem Zwang und Gewalt. Ist die erste Entwicklung als idealtypische Ausprägung der zweiten zu betrachten, werden also die Juden mal wieder mit dem, von dem man sich abgrenzen will und das man bekämpft, identifiziert?

Es ist keine Frage, dass dieses neue – oder vielmehr altneue – Weltbild, dass sich unter der Bevölkerung in den Vororten konstituiert, auf der Vorstellung der Juden als den vermeintlich reichen Mächtigen, die alles dominieren und an allem schuld sind, fußt. Aber womit ich vorsichtig wäre, ist die Einschätzung, dass die Banden die bürgerliche Republik bekämpfen.

Vielleicht kann man das anhand einer Anekdote verdeutlichen: In Köln kam es vor kurzem, nachdem ein junger Marokkaner bei einem versuchten Straßenraub in Notwehr erstochen wurde, zu Protesten, die zuerst als antirassistisch firmierten. Auf diesen Protesten erschallte dann aber nicht die obligatorische Parole „Nazis raus“, sondern: „Es gibt nur einen Gott – Allahu akhbar.“ Nun ist es in Deutschland mit der Integration niemals weit her gewesen und das hat man den zuziehenden Gastarbeitern und Asylbewerbern auch stets sehr deutlich zu verstehen gegeben. In Frankreich sah und sieht das, auf Grund von republikanischen Werten und der Kolonialvergangenheit, zumindest in der Theorie anders aus.

Auch in Frankreich rufen die Leute auf Demos „Allahu akhbar“, greifen auf islamische Identitätszeichen, auf ein religiöses Banner, zurück und werden dadurch geeint. Neueinwanderer aus dem moslemischen Schwarzafrika und aus dem Maghreb ziehen relativ spontan diese identitäre moslemische Karte hervor und verstehen sich als Moslems. Das ist ein genuiner Prozess der Selbstdarstellung über die moslemische Identität, das ist der Bezug auf den gemeinsamen kulturellen Background, das ist die Chance, auf eine gemeinsame symbolische Sprache zurückzugreifen, das ist eine Antwort auf die seit dem 11. September verstärkt vorhandene Angst vor dem Islam in der französischen Gesellschaft, das ist aber auch das Liebäugeln mit dem Schrecken des islamistischen Terrors, um Macht zu demonstrieren und die Gegnerschaft zur herrschenden Gesellschaft zu verdeutlichen. Diese Selbstdarstellung als Teil einer moslemischen Weltgemeinschaft, die gegen den Westen kämpft, existiert also ansatzweise und es gibt auch eine eindeutige Reislamisierung der zweiten und dritten Generation in den moslemischen Einwandererfamilien. Teilweise engagieren, definieren und ritualisieren sich diese Leute nur verstärkt religiös und teilweise radikalisieren sie sich. Aber ich meine trotzdem, dass die Bandenbildung in den Vorstädten ein derartig anarchischer, spontaner und autonomer Prozess ist, dass man nicht sagen kann, sie hätte bereits das Stadium eines politischen Bandenwesens in Gegnerschaft zur demokratischen Gesellschaft erreicht.

Aber die Aufstände und Riots der Marginalisierten in den Banlieues verfolgen nicht mehr das Ziel der Anerkennung als bürgerliche Subjekte, also als Gleiche, sondern vielmehr die Anerkennung als von Grund auf Andere und der Republik sogar Entgegengesetzte, die ihr Heil vor allem im Islam suchen. Also durchaus ein anarchischer Prozess, der aber doch ein Systematik aufweist.

Ich traue mir da ganz ehrlich kein definitives Urteil zu. Wenn man den Prozess historisch betrachtet, dann merkt man, dass sich genuin anarchische Gewalt von Ausgegrenzten zu einer blindwütigen Anwendung gegen Nachbarn entwickeln kann, gegen Schulen, gegen die Polizei und Symbole der Autorität sowieso, ohne dass die Protagonisten schon mit einer entsprechenden antistaatlichen - religiösen oder politischen - Ideologie in Verbindung gestanden hätten. Ich sage nicht, dass ein solcher Prozess nicht eintreten kann oder im Gange ist. Aber wenn man das zu sehr durch diese Brille sieht, dann versperrt man sich den Blick auf ursächliche Zusammenhänge, insofern ein beträchtlicher Teil der Leute ja wirklich ausgegrenzt ist, sozial nicht Fuß fassen und sich keine respektable Existenz in dieser Gesellschaft aufbauen kann und dass deswegen das blindwütige „Nein“ zu den Symbolen der Republik weniger mit einem Wunsch nach der Zugehörigkeit zur Umma als mit der Tatsache zusammenhängt, dass die Leute wirklich vor der Tür geblieben sind und die laizistische französische Republik ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht wurde. Eine andere Frage ist, ob dies angesichts der globalen Krise des Kapitalismus überhaupt möglich ist. Aber der Integrationsanspruch der laizistischen Republik Frankreich ist sich nach mehreren Generationen Massenarbeitslosigkeit und Ausgrenzung der Migranten selbst nicht gerecht geworden.

Meiner Meinung nach wird der Islamismus ansonsten schnell überschätzt, da sich in diesem Milieu immer noch viele Menschen integrieren wollen, Mitglied einer französischen Partei sind und Teil der Republik sein wollen. Es gibt zwar auch sehr viele Leute, die als Moslems anerkannt sein wollen und sich vielleicht auch mit den Palästinensern identifizieren, die das aber in einer mit den Errungenschaften der Aufklärung, mit der demokratischen Republik und der französischen Laizität kompatiblen Form tun. Dass bei einer weiteren Verschärfung der sozialen Zerrüttung eine Entwicklung denkbar ist, in deren Rahmen immer weitere Parallelgesellschaften entstehen, die dann auch ganze Territorien selber verwalten, das schließe ich nicht aus. Aber im Moment jegliche Gewalt in den Vororten in diese Entwicklung einzuordnen, das verstellt die Sicht auf die beschriebenen Prozesse.

Sie haben den Islam als neue Integrationsideologie und Form der Armutsverwaltung in den Banlieues gekennzeichnet. Wird er denn eher als Gegenbewegung zur bürgerlichen Republik vermittelt und verstanden oder als etwas Kompatibles?

Zum Teil ist es beunruhigend, dass in Frankreich um des sozialen Friedens willen die Jugendbetreuung in den Vororten an irgendwelche islamistischen Vereine und Aktivisten überantwortet wird. Solche Fälle gibt es zweifellos, es gibt Orte, wo die Islamisten, Ableger der Muslimbrüder, die sich hier moderat geben, die Jugendarbeit dominieren. Aber dann gibt es wieder Orte, wo sie überhaupt keinen Zugriff auf die Jugendlichen haben, wo sie selber von diesen gewalttätigen und desozialisierten Jugendlichen überrollt werden. Diese mögen sich dann bei einem Aufmarsch hinter dem islamistischen Banner sammeln, aber sie sind nicht islamistisch sozialisiert. Deswegen ist es die Frage, ob die Islamisten in Frankreich heute wirklich in größerem Ausmaß im Stande sind, dieses Jugendmilieu zu beeinflussen. Dass das Potential dazu da ist, das ist überhaupt keine Frage. Es ist ein gesamteuropäisches Phänomen, und es zeigt sich auch in Frankreich anhand der Konvertiten, dass der Islam und auch die radikalisierte Form des Islam in sozialen Randmilieus eine Dominanz erlangt. Der Gruppendruck wird dann so stark, dass auch Jugendliche aus nichtmoslemischen Familien Moslems werden und dann entweder den harmlosen pietistischen Weg einschlagen oder sich radikalisieren, was man bei einigen Djihadisten gesehen hat, die Konvertiten waren. Und man kann definitiv beobachten, dass in manchen Vororten diese demonstrative rituelle Praxis junger Moslems einen Gruppendruck erzeugt und schließlich auch die Minderheit der nichtmoslemischen Kinder und Jugendlichen sich dem Islam anschließt. Da konstituiert sich eine kulturelle und ideologische Dominanz, wo sich verschiedene, auch radikalisierte Formen des Islam, als proselytisch und expansiv erweisen, was eine Gefahrenquelle darstellt. Aber dieser Prozess ist noch nicht sehr weit vorangeschritten.

Was man aber konstatieren muss, ist, dass die Islamisierung sich eindeutig gegen den Laizismus wendet. Ist unter diesem Gesichtspunkt das so genannte Kopftuchgesetz ein letztes Aufbäumen oder die Rückkehr der laizistischen Republik?

Das ist mehr als ein Aufbäumen. Das Kopftuchverbot ist am Ende hingenommen worden und alle Versuche der moslemischen Gruppen, Proteste zu organisieren, sind misslungen. Sie haben das auch nicht besonders versucht, weil die Klügeren unter ihnen wussten, dass das Kräfteverhältnis nicht günstig ist. Man soll einfach nicht unterschätzen, dass viele dieser „passiven Moslems“ oder „Freitagsmoslems“ nicht unter der Scharia leben wollen oder nicht begeistert davon sind, dass man jetzt immer mehr verschleierten Mädchen begegnet. Und man soll auch die Fähigkeit der Gesellschaft, inklusive der Moslems, auf solche Radikalisierungsprozesse zu reagieren, nicht unterschätzen. Angenommen, es käme in Frankreich zu einem schweren islamistischen Anschlag, was nicht ausgeschlossen ist, weil Frankreich unter Sarkozy wieder ins Visier von Al-Qaida geraten ist und zur „Kreuzritter“-Koalition gezählt wird: Wenn so ein Anschlag stattfinden würde, würde das den Spielraum der islamistischen Bewegung, sich weiter einzurichten und zu etablieren, einschränken und sehr heftige Gegenreaktionen auslösen. Auch wurde der Vormarsch diverser Tarnorganisationen der Muslimbrüder durch die Maßnahmen, die auf den 11. September folgten, weitestgehend ausgebremst. Dies hat dazu geführt, dass sie sich nicht richtig gegen das Verbot des Kopftuches an den Schulen wehren konnten. Das Kräfteverhältnis ist noch lange nicht so, dass die laizistischen Prinzipien in Frankreich weggebrochen wären. Wenn man zum Beispiel Nicolas Sarkozy betrachtet, der den Laizismus einer Revision unterziehen und mehr öffentlichen Raum für den Glauben schaffen wollte, so ist er auf sehr heftige Gegenreaktionen gestoßen, was letztendlich dazu geführt hat, dass Sarkozy auf diese Revision verzichtet hat. Das heißt, wenn man jetzt sagt, der Laizismus würde aufgegeben, dann gibt man sich geschlagen, lange bevor diese Schlacht tatsächlich ausgefochten worden ist.

Wie sieht die Situation der Frauen aus, die ja stets die ersten Opfer einer Islamisierungswelle sind? Und welchen Einfluss haben Gegenbewegungen in den Banlieues wie „Ni Putes Ni Soumises“ („Weder Huren noch Unterwürfige“)?

Es stimmt, die Frauen sind die ersten Opfer und es ist interessant, dass gerade Teile dieses Milieus verstanden haben, wie wichtig es ist, die antijüdischen Angriffe zu bekämpfen. Im moslemischen Milieu sind diese laizistischen Feministinnen die Einzigen, die ehrlich und konsequent versucht haben, sich dem Judenhass entgegenzustellen, was auch kein Zufall ist.

Ob aber unter dem Druck der Fundamentalisten und ihrer Ideologie die Gewalt und Unterdrückung der Frau zunimmt, lässt sich so nicht sagen. Gerade erst ist berichtet worden, dass ein Viertel der Gewalttaten in Frankreich gegen Frauen gerichtet ist; und gleichzeitig wird betont, dass die Betroffenen früher viel seltener zur Polizei gegangen sind, was auch für das moslemische Milieu gilt. Es ist keineswegs eine erwiesene Sache, dass Zwangsehen oder die Gewalt gegen Frauen zunehmen, heute wird nur viel mehr darüber geredet. Bis zu einem gewissen Grad wehren sich junge Frauen aus dem moslemischen Milieu heute eher, entfliehen auf viel selbstverständlichere Weise dem herrschenden Druck und der Autorität der Familien. Aber es stimmt sicher, dass diese spektakuläre Reislamisierung, kombiniert mit dem Zustrom von moslemisch radikalisierten Neueinwanderern, zu einer Entwicklung führt, in der der Druck auf Frauen zunimmt. Insbesondere im feministischen Milieu, wie bei den erwähnten „Ni Putes Ni Soumises“ gibt es doch sehr heftige Reaktionen, wie zum Beispiel bei der kürzlich erfolgten Annullierung einer Ehe durch ein französisches Gericht wegen vorgetäuschter Jungfräulichkeit oder auch bei der Ausrichtung eines Basketballturniers nur für Frauen. Das heißt, die französische Gesellschaft reagiert auf diese Dinge, es gibt oft ein Kräftemessen, welches nicht immer zu Gunsten der Fundamentalisten ausgeht.

In den 90ern wurde durch Filme wie La haine oder Rapvideos wie Petit frère von IAM ein Bild der Banlieues populär, in welchem der tragische Held gegen den alltäglichen Rassismus, die Monotonie und Perspektivlosigkeit ankämpft und daran zwingend scheitert. Aber trotz der Gewalt und Destruktivität, an der er teilhat, kann man sich doch mit ihm identifizieren. Nun ist vor kurzem ein Musikvideo der französischen Band Justice erschienen, in welchem die Banlieues wieder behandelt werden, jedoch unter einer völlig umgekehrten Perspektive: Was gezeigt wird, ist die reine, unvermittelte und vollkommen kontextlose Zerstörungswut und Gewalt. Sind das, wie in verschiedenen Medien behauptet wurde, bloße Projektionen von Bürgerkindern oder spiegelt sich hier die Erfahrung der letzte Jahre wider, etwa mit den Angriffen auf die Schülerproteste 2005 oder den Riots 2006?

Das als Projektionen zu bezeichnen ist falsch. Es stimmt, dass in den letzten Jahren die Gewalt in den Vororten eine neue Dimension angenommen hat. Die Zerstörungswut, auch gegenüber sich selbst, ist zweifellos da und sie besitzt eine neue Qualität: wenn man die Häuser anzündet, in denen die eigenen Eltern leben, und wenn man Busse anzündet und den Leuten kaum noch die Chance lässt, heil herauszukommen. Normalerweise bricht diese Gewalt aus, wenn die Polizei im Spiel ist. Zu recht oder nicht wird ihr dann vorgeworfen, den Tod eines Jugendlichen provoziert zu haben. Teilweise stimmt es, dass die französische Polizei rassistisch ist und schwarze oder maghrebinische Jugendliche immer wieder kontrolliert und demütigt, und teilweise versuchen sie auch nur ihre Arbeit zu machen und den Rest der Bevölkerung zu schützen. Aber die letzten spektakulären Unruhen Mitte Juni in Vitry-le-Francois sind nach einer nicht nachvollziehbaren Fehde um Drogen zwischen zwei Jugendbanden ausgebrochen. Einer der beteiligten Jugendlichen ist von einem anderen Jugendlichen erschossen worden, das heißt, dort war weit und breit kein weißer Rassist oder Polizist involviert, es haben keinerlei potentiell diskriminierende Kräfte gehandelt. Und trotzdem hat innerhalb weniger Stunden eine Gewaltorgie stattgefunden, bei der Dutzende von Jugendlichen aus einer Sozialsiedlung praktisch über die Nachbarwohnungen, über die PKWs der Anrainer, über ganze Stadtviertel hergefallen sind und alles kurz und klein geschlagen und in Brand gesteckt haben. Das war wirklich ein total blindwütiger Gewaltausbruch, und insofern stimmt das, was in diesem Musikvideo symbolisch rüberkommt. Das heißt, es gibt die Bereitschaft zur Gewalt, die noch blindwütiger erscheint als zehn oder 15 Jahre zuvor.


Danny Leder, geboren 1954 in Mailand und aufgewachsen in Wien, lebt seit 1981 in Paris und ist als Publizist und Journalist für österreichische Zeitschriften und Zeitungen tätig, zuletzt als Korrespondent für den Kurier, sowie für das Feuilleton diverser weiterer deutschsprachiger Zeitungen.

Lesetipp: Eine gefährliche Nachbarschaft? Juden und Muslime in Frankreich, in: Dirk Ansorge (Hrsg.): Antisemitismus in Europa und der arabischen Welt. Ursachen und Wechselbeziehungen eines komplexen Phänomens, Paderborn – Frankfurt/M. 2006.