Ausgabe #9 vom

Mönche versus Imperium

Tibetische Regression und chinesische Herrschaft

BASTIAN ASSION

Ein beliebtes Thema der Kulturindustrie ist der Kampf zwischen Gut und Böse. Seine Darstellung folgt dem immer gleichen stumpfsinnigen und simplen Schema. Der Plot beginnt meist mit der Einführung einer Person oder einer Gruppe von Personen, die aufgrund von Herkunft, schicksalhafter Fügung oder ähnlichem Klimbim auserkoren ist, in die Welt zu gehen und große Taten zu vollbringen. Hierfür ist der idealtypische Held mit Eigenschaften wie Gerechtigkeitssinn und Güte, Mut und Ausdauer, Kraft und Weisheit ausgestattet worden. Je nach Genre liegt seine Aufgabe nun in der Bekämpfung von skrupellosen Bleichgesichtern oder blutrünstigen Tyrannen, Kultur zerstörenden Besatzern oder finsteren Mächten. So weit, so blöd. Was treibt also erwachsene Menschen dazu, anstatt in ihrer Freizeit dem Müßiggang nachzugehen, ein schönes Buch zu lesen oder ein Gläschen Wein zu leeren, sich mit dümmlich dreinblickenden Zauberlehrlingen, mit kleinwüchsigen, komisch behaarten Hobbits und der Grammatik nicht mächtigen Jedirittern zu beschäftigen? Die Antwort ist in der bei vielen Menschen vorhandenen, utopischen Sehnsucht nach einem Erlöser oder Messias zu finden, nach einer besseren Welt, in der das Gute über das Böse endgültig triumphiert. Weil man unter den gegebenen Verhältnissen ums Glück betrogen wird, flüchtet man sich in eine Scheinwelt. Was für den einen die sonntägliche Andacht, ist für den anderen „Armageddon“ oder „James Bond“. Diese kurzweilige Realitätsflucht ist in der Regel eine harmlose Spinnerei. Der Zuschauer oder der Leser ist sich normalerweise im Klaren darüber, dass die Geschichten fiktiv sind und auf einer Illusion beruhen. Nach dem Verlassen des Kinos oder des eigenen Wohnzimmers ist er sehr schnell wieder in der Realität angelangt. Fiktive Heldengeschichten taugen nicht zu einer dauerhaften Flucht aus der Realität. Ihre Wirkung ist zeitlich begrenzt und hält der Konfrontation mit der Realität nicht stand. Anders sieht es aus, wenn es nicht Schauspieler sind, die ihre Rollen spielen, sondern wenn Menschen ihre Sehnsucht nach Einfachheit und Überschaubarkeit auf die reale Welt projizieren und dann Personen des öffentlichen Lebens als Repräsentanten des Guten identifizieren. Ein Paradebeispiel für einen solchen Fall ist der Dalai Lama. Durch seine Mischung aus Weltfrieden- und Menschenrechtssalbader, Heils- und Glücksversprechen und einem nervtötenden Dauergrinsen gilt er als das personifizierte Gute. Er geht perfekt in der Rolle des altehrwürdigen Weisen auf, der alle seine Schäfchen zu Glück und Erleuchtung führen wird. Er hat diese Wirkung, weil seine Lebensregeln und Weisheiten nicht mehr als eine kindgerechte Sammlung von pädagogischen Ermahnungen und Ratschlägen, wie man sie von Kindergartentanten und Strickpulloverpädagogen kennt, sind, die das infantile Bedürfnis nach Wärme und Menschlichkeit befriedigen. So beinhalten seine Lebensregeln über das Glück z.B. so sinnvolle Weisheiten wie „Wenn Du merkst, dass Du einen Fehler gemacht hast, unternimm unverzüglich etwas, um ihn zu korrigieren“ oder „Eine freundliche Atmosphäre in Deinem Haus ist die beste Grundlage für Dein Leben“ und schließlich „Widme Dich der Liebe und dem Kochen mit wagemutiger Sorglosigkeit“. Gleichzeitig gibt der Dalai Lama seinen Anhängern Anleitungen, wie der schon vollzogene Realitätsverlust noch zu steigern ist. Die Stichwörter heißen Meditation, Suche nach Erleuchtung und Stille, Einsein des Menschen mit sich und ein widerspruchsloses Dasein. Sie beinhalten alle dasselbe, nämlich die Kapitulation vor der Wirklichkeit und den ignoranten Rückzug in Innerlichkeit und Borniertheit. Ohne falsche Analogien zu ziehen, könnte man es eine „innere Emigration“ nennen. Insofern unterscheidet sich der Dalai Lama nicht von anderen Sektengurus, Wunderheilern und ähnlichen Quacksalbern. Doch im Gegensatz zu ihnen hat der Dalai Lama nicht nur ein paar Esos, abgewrackte Alt-68er, Männer in der Midlife Crisis und andere Gestalten auf Selbstfindungstrip um sich geschart. Vielmehr ist er ein echter Mann des Volkes, der eine Fanbase hat, die ihresgleichen sucht.

Begeisterung für eine Hierokratie

In der Begeisterung für den Dalai Lama sind sich Altnazi und Liberaler, Bildzeitungsleser und Bildungsbürger, Ethnozoologe und veganer Bauwagenplatzbewohner einig. Das kann nicht alleine aus der infantilen Sehnsucht nach einer Identifikation mit dem Guten oder der Suche nach Selbstfindung erklärt werden. Denn für die Popularität des Lamaismus ist auch sein geschicktes Spiel mit Stereotypen entscheidend. Besondere Begeisterungsstürme beim Publikum ruft seine Inszenierung als Stammeshäuptling einer bis in 20. Jahrhundert vom Geist des Materialismus und der Zivilisation unberührten und ursprünglichen Kultur hervor. Diese friedliche und harmonische Population, die bis zum Einfall der „gelben Gefahr“ in Einklang mit der Natur gelebt habe, werde nun von fiesen, chinesischen Kolonisatoren systematisch zerstört und bis aufs Blut ausgesaugt. Die Tibeter stellen die Indianer von heute dar und wer würde schon die Ausrottung der Indianer gutheißen wollen? Alle Tibetsympathisanten würden deshalb bei einer Umfrage moralische Gründe für ihr Engagement nennen. Doch gerade in Deutschland sollte man auf der Hut sein, wenn einer ständig mit seinem angeblich so ausgeprägten Gewissen hausieren geht. So ist es auch in diesem Fall: Die Menschenrechtsverletzungen gegen die einzelnen Tibeter dienen den Müslis und Völkerfreunden nur zur Legitimation ihrer wahnhaften – und ganz eigennützigen – Identifizierung mit einer der angeblich ältesten „Zivilisationen“ der Weltgeschichte. Ihr Lamento richtet sich nicht gegen die tatsächlich barbarischen und menschenverachtenden Verhältnisse in Tibet, das nicht nur bettelarm ist, sondern zu allem Überdruss auch noch von der Volksrepublik China beherrscht wird. [1] Stattdessen ist ihr Anliegen die Rettung der angeblich vom Zerfall oder sogar einem „Holocaust“ bedrohten tibetischen Kultur.

Dabei war Tibet noch bis in 20. Jahrhundert hinein eine vormoderne und hierokratisch verfasste Gesellschaft. Tagtäglicher Hunger und bitterste Armut, unzumutbare hygienische Bedingungen und eine hohe Seuchengefahr, eine sehr hohe Sterblichkeitsrate sowie archaische Kriegs- und Stammesriten machten der tibetischen Bevölkerung das Leben zur Hölle. Ökonomisch betrachtet befand sich die tibetische Gesellschaft auf dem Stand einer feudalen Gesellschaft. Die Mehrheit der Bevölkerung waren Leibeigene und unfreie Bauern, die den willkürlichen Befehlen der reichen Lamas und des tibetischen Adels gehorchen mussten.

Der Fluchtpunkt aller Debatten um eine Wiederherstellung des vorchinesischen Zustandes unter dem Stichwort „Bewahrung der tibetischen Kultur“ liegt also in der Romantisierung eines unwahrscheinlich brutalen Ausbeutungsverhältnisses. In der Verklärung des alten Tibet kommt eine Sehnsucht nach Ursprünglichkeit zum Ausdruck, die in ihrer Geschichtsvergessenheit barbarisch ist. Jan Gerber beschrieb diese Sehnsucht einmal treffend mit den Worten: „Mit der Aufklärung und Revolution [gemeint ist die französische – B.A.] wurden jedoch nicht nur die letzten Bindungen an die ‚naturwüchsige Gemeinschaft’ (Marx), an Blut, Boden, Scholle, Sippe und Stamm, gelöst. Die Entzauberung der Welt, die im Zentrum des Programms der Aufklärung stand, ging vielmehr mit ihrer erneuten Verzauberung einher. Die gesellschaftlichen Verhältnisse wurden zu dinghaften, erstarrten Naturverhältnissen, zur zweiten Natur. In dem Prozess der Emanzipation von der ersten Natur teilt der Mensch das Schicksal der übrigen Welt: Die Gesellschaft setzt die drohende Natur fort als den dauernden, organisierten Zwang, der, in den Individuen als konsequente Selbsterhaltung sich reproduzierend, auf die Natur zurückschlägt als gesellschaftliche Herrschaft über Natur. Je deutlicher sich das gesellschaftliche Zwangsverhältnis dem archaischen Kampf aller gegen alle anglich, umso stärker sehnten sich die Menschen nach dem Original zurück. Anstatt das unerreichte Ideal der bürgerlichen Gesellschaft: die Einlösung des Glücksversprechens, wie von Marx erhofft, endlich einzufordern, [...] träumten sie sich in die schlechte Realität von vorgestern – Horde, Sippe, Stamm, Blut und Boden – zurück.“ [2]

Befreiung und erneuter Zwang

Anders als ihre westlichen Fans begrüßten viele Tibeter am Anfang den chinesischen Einmarsch als Befreiung von den hierokratischen und archaischen Verhältnissen des alten Tibet. Sie versprachen sich insbesondere von der Abschaffung der Leibeigenschaft, der Enteignung des Großgrundbesitzes der Fürsten und Lamas, der Absetzung und Verfolgung der lamaistischen Würdenträger usw. ein besseres Leben und mehr Freiheiten. Die Hoffnung auf mehr Freiheit war allerdings von vornherein vergebens: Denn der Einmarsch der Chinesen hatte im Gegensatz zu anderen Interventionen (etwa Vietnams Einmarsch in Kambodscha) nicht die Beendigung eines barbarischen Friedens und die Einrichtung einer freiheitlicheren Gesellschaft zum Ziel, sondern die bloße Unterwerfung und Einverleibung eines Territoriums, auf das bereits das vorkommunistische China Besitzansprüche angemeldet hatte. Trotz aller Propaganda, in der von Kommunismus, Freiheit und Fortschritt die Rede ist, bildet der Hass auf die Aufklärung und ihre Errungenschaften die Grundlage für die maoistische Ideologie, die ganz im Zeichen von Volkstum und Arbeitskult steht. Damit ist der antiimperialistische Sozialismus der Maoisten ein legitimer Zwillingsbruder der lamaistischen Lehre von Reinheit und Ursprünglichkeit – mit dem einzigen Unterschied, dass die Mönche lediglich ihre Untertanen schuften lassen wollten, während die Parteikader zumindest predigen, dass niemand, einschließlich ihnen selbst, verschont werde. Beide vereint die Verdammung, ja die Bekämpfung von Intellekt und Vernunft, von individueller Freiheit und privatem Glück, von Kosmopolitismus und Kapitalismus, von Luxus und Hedonismus. In China mündete dieser Hass in die Kulturrevolution, einer Art barbarischem und blutrünstigem Großreinemachen. Diese staatlich angeordnete Säuberungswelle richtete sich in Tibet insbesondere gegen die als Volksfeinde und Ausbeuter gebrandmarkte lamaistische Geistlichkeit und ihre Besitztümer. Der sich bei der tibetischen Bevölkerung jahrzehntelang angestaute Hass auf ihre ehemaligen Peiniger entlud sich mit Unterstützung der chinesischen Armee in einer blinden Zerstörungs- und Vernichtungswut. Auf brutale und grausame Art und Weise wurden abertausende von Mönchen und andere Anhänger des Lamaismus auf offener Straße getötet und gefoltert, gedemütigt und an den Pranger gestellt, aus den Klöstern vertrieben und verfolgt. Klöster und die sich in ihnen befindlichen Kunstschätze wurden zerstört und gebrandschatzt. Die Gewaltexzesse in der Kulturrevolution bildeten den Höhepunkt einer von China ausgehenden, systematischen Politik der Unterdrückung und Verfolgung der lamaistischen Ideologie. Das Ziel der chinesischen Politik war und ist die Ausschaltung eines Konkurrenten um die Früchte der harten und beschwerlichen Arbeit auf den Äckern der Hochebene. Zur Durchsetzung ihrer Macht über die tibetische Ödnis mussten die Chinesen die theokratischen Abhängigkeits- und Zwangsverhältnisse beseitigen, nicht jedoch alle kulturellen Ausdrucksformen des alten Tibet wie Sprache, Sitten und Gebräuche, Stammesritten usw. unterdrücken. Vom Fanatismus des maoistischen Ausbruchs gepackt, sollte alles Unchinesische ausgerottet werden. Dabei hätte es aus ökonomischer und politischer Sicht ausgereicht, den Einfluss der lamaistischen Geistlichkeit auf die tibetische Bevölkerung zu unterbinden. Doch die Ideologie eines Systems der vollständigen Unterwerfung des Einzelnen unter die Regeln der sozialistischen Gemeinschaft kulminierte in einer Dynamik, die nicht nur die früheren Zwangs- und Abhängigkeitsverhältnisse zerschlug, sondern auch jegliche Erinnerung an sie gänzlich zu beseitigen trachtete. Diese Politik muss angesichts der neuesten Bilder eines sich gegen die chinesische Besatzung richtenden, mordenden, brandschatzenden und plündernden Mobs als gescheitert betrachtet werden. Denn offensichtlich ist die Erinnerung nach wie vor präsent und wird den jungen Mönchen von ihren Lehrmeistern beharrlich eingetrichtert.

Die Mär von der ursprünglichen Akkumulation

Dass das Konzept der Entwurzelung und Sinoisierung gescheitert ist, liegt jedoch nicht nur an der Propaganda der Gelbmützen. Vor allem hat sich ökonomisch für die meisten Tibeter nicht viel geändert, seit Maos Horden sie befreiten. Die Mehrheit der tibetischen Bevölkerung will zwar nicht das alte System der Leibeigenschaft zurück, aber stört sich auch gewiss nicht daran, wenn die Mönche gegen ihre jetzigen Peiniger – die Chinesische Volksrepublik und ihre Schergen – vorgehen. Es sind einzig die Mönche, welche den alten Verhältnissen wirklich nachtrauern und für die es etwas zu gewinnen gibt: Denn die Klöster und sakralen Bauten sind Magneten, die durchaus eine nennenswerte und potentiell profitable Anzahl von Touristen anziehen. Angesichts der Tatsache, dass gegenüber der Subsistenzwirtschaft einzig der Tourismus nennenswerte Einkünfte in die Kassen des chinesischen Staates spült (die allerdings nicht mal im Ansatz die Investitionen in die Infrastruktur decken dürften), kein ganz unwichtiger Faktor.

Das alte Tibet wie das sich unter chinesischer Herrschaft befindliche baut noch immer vollständig auf der – wie Marx sie nannte – „asiatischen Produktionsweise“ auf, welche eine ursprüngliche Akkumulation verhindert. Das liegt nicht am bösen Willen der Chinesen, die nur allzu gerne Tibet profitabler ausbeuten würden, sondern vor allem an den geographischen Verhältnissen. In diesem Gebiet eine Industrialisierung durchzusetzen, die einzig die tibetische „Ökonomie“ in den Weltmarkt eingliedern könnte, ist angesichts der damit verbundenen Kosten höchstens ein feuchter Traum von realitätsfernen Modernisierungsideologen. Insofern trifft Marx’ Charakterisierung weitestgehend nach wie vor auf Tibet zu: „Die Asiatische Produktionsweise hat drei wesentliche Elemente: Sie kennt kein Privateigentum an Grund und Boden. Einziger Grundeigentümer ist der Despot, der sich das agrarische Mehrprodukt in Form von Tribut (Rente oder Steuer) aneignet, um damit den bürokratischen und militärischen Apparat zu unterhalten. Die Basis der Gesellschaft ist die selbstgenügsame Dorfgemeinde mit ihrer Einheit von Agrikultur und Manufaktur. Die Bürokratie nimmt übergeordnete ökonomische Aufgaben wahr, vor allem die Organisation der Wasserbauten (Deiche, Kanäle), des Transportwesens und sonstiger öffentlicher Bauten, und unterhält staatliche Monopole für Salz, Eisen, Außenhandel u. a. Die Bauern werden nicht freigesetzt, die Produzenten nicht von den Produktionsmitteln getrennt. Es bildet sich keine Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land und damit auch kein innerer Markt heraus. Staatliche Monopole ebenso wie die bäuerliche Subsistenzwirtschaft behindern die Entfaltung eines kapitalistischen Unternehmertums. Also gibt es auch keine bürgerlich-städtische Entwicklung. Die Städte bleiben reine Residenz- und Verwaltungssitze. Der Fernhandel wird bürokratisch kontrolliert. Die Folge ist eine unproduktive Verwendung des Mehrprodukts für den Luxuskonsum der Herrschenden und öffentliche Prestigebauten (Paläste, Grabmäler). Weitere Folge ist die Stagnation bzw. ein zyklisches Auf und Ab ohne wirklichen (technisch-industriellen) Fortschritt“. [3] Auch der chinesische Einmarsch brachte keine Befreiung aus der „Idiotie des Landlebens“ und seiner Zwänge mit sich. Der einzige Unterschied war, dass die Bauern nicht mehr als Leibeigene, sondern als Arbeitssklaven für das sozialistische Kollektiv zum Einsatz ihrer Arbeitskraft gezwungen wurden. Daher ist es nachweislich falsch, wenn der anscheinend völlig vergreiste Hermann Gremliza in seiner Kolumne schreibt: „Die Volksrepublik China war, wie die Sowjetunion, ein Versuch, einen großen Sprung nach vorn, aus dem Mittelalter in die Neuzeit, mit Versatzstücken aus dem Fundus kommunistischer Theorie zu organisieren und zu kostümieren. Der reale Sozialismus der Chinesen bedeutete, wie der sowjetische, nicht die Aufhebung des Kapitalismus, sondern seine Vorbereitung. Er hat Adam Smith’ ‚ursprüngliche Akkumulation’ in Gang gesetzt und mit ihr ein Proletariat geschaffen, hat die beiden Gesellschaften an den historischen Punkt geführt, von dem die Westeuropäer und Nordamerikaner Mitte des 19. Jahrhunderts aufgebrochen waren. Was Marx der Revolution in China seiner Zeit hoffnungsfroh angedichtet hatte, hat wohl erst Mao zustande gebracht: ‚Das Reich des Himmels brach zusammen, die barbarische hermetische Abschließung von der zivilisierten Welt wurde durchbrochen’.“ [4] Wie in kommunistischen Kreisen üblich, erteilt sich der Herausgeber die Absolution für die Verbreitung seines faktenresistenten Unflats durch das Zitieren des Heiligen St. Marx. Für die Rettung der Ehre des Antiimperialismus und seiner westlichen Freunde scheint Gremliza inzwischen jede Lüge recht und billig zu sein. In Wahrheit ist es so, dass niemals eine ursprüngliche Akkumulation in Tibet stattgefunden hat. Die tatsächlich zivilisierend wirkende Einrichtung von Schulen und Krankenhäusern hat nichts mit einer Kapitalisierung der Gesellschaft zu tun, die Modernisierung blieb – wie Marxisten sagen würden – ohne Unterbau. Wer es sich, wie die meisten Tibeter, nicht leisten kann, in andere Weltgegenden zu fliehen, der bleibt auf immer und ewig in den krank und dumm machenden kärglichen Verhältnissen im Niemandsland gefangen – es sei denn man findet einen Job im massiv subventionierten Tourismussektor. Die Ausbeutung der Zink-, Kupfer- und Bleivorkommen steht noch am Anfang und es ist ohnehin fraglich, ob die dort eingesetzten Arbeiter unter chinesischen Bedingungen jemals einen ökonomischen Aufstieg erleben werden.

Die Verstaatung Tibets

Obwohl die tibetische Gesellschaft noch immer im Schrecken der Vormoderne verharrt, hat sie mit der maoistischen Herrschaft zugleich den steigenden Wohlstand und die sich verbessernde Bildung der Chinesen vor Augen. Beides scheint für sie unerreichbar. Erst durch diese Entwicklung konnte sich eine gegen den Fortschritt und Modernisierung richtende, tibetische „Widerstandsbewegung“ bilden. Denn die Bildung eines solchen Gemeinschaftsbewusstseins setzt die Konfrontation mit einer tiefgreifend modernisierten Gesellschaft voraus, deren Existenz überhaupt erst einen Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit schafft. Das tibetische Widerstandsbewusstsein kann sich erst bilden, wenn das erlittene Unrecht als solches wahrnehmbar ist. Das setzt ein allgemeines und verbindliches Recht voraus, das feste und verbindliche Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens vorschreibt. In China, in dem die Herrschafts- und Gewaltausübung einem Staat übertragen ist und nicht mehr einer buddhistischen Mönchsclique, existiert ein solches Recht – auch wenn es extrem repressiv ist und von der maoistischen Bürokratie regelmäßig willkürlich interpretiert wird. Mit der Einführung des Verhältnisses von Staat und Untertan, die auch in Tibet statthatte, erlangt der Einzelne überhaupt erst die Möglichkeit, seine Lebenssituation in Beziehung zu anderen Menschen zu setzen, über diese nachzudenken und von ihr abstrahieren zu können. Er erlangt so die Fähigkeit, sich als Gesellschaftswesen zu begreifen, sich als Subjekt von den gesellschaftlichen Zwangsverhältnissen abzugrenzen und Kritik an ihnen zu üben.

Leider jedoch ist es mit der Kritik an Herrschaft und Ausbeutung bei der hier in Rede stehenden Protestbewegung nicht weit her, beschränkt sich ihre Rebellion auf die Ablehnung von Fremdherrschaft. Im so genannten „tibetischen Volksaufstand“ formierte sich keine emanzipatorische Bewegung, sondern nur ein letztlich als antiimperialistisch zu charakterisierender Ruf nach einem authentischen Herrscher, der aus dem Volk kommt. So richtete sich der Volkszorn gegen die mit Künstlichkeit und Abstraktheit identifizierten Fremden – die Han-Chinesen. Besonderes Hassobjekt der antiaufklärerischen Pogrome waren keineswegs zufällig chinesische Warenhändler und Ladenbesitzer. Sie gelten als Sinnbild für den Einfall der Moderne und der Zivilisation in die tibetische Dorfgemeinde und ihre prästabilierte Harmonie. Denn sie stehen beispielhaft für den (halbwegs) freien Warenverkehr und Handel, für Befreiung aus den Abhängigkeiten von Boden und Acker, Stamm und Sippe und somit für den widernatürlichen Einfall kapitalistischer Vergesellschaftung in Tibet. Weitere Angriffsziele waren auch mit dem Prozess der Modernisierung einhergehende zivilisatorische Errungenschaften wie Schulen, Krankenhäuser und Kindergärten. Neben randalierenden Mönchen waren vor allem jüngere Tibeter an den Unruhen beteiligt. Sie wuchsen auf mit der Legende vom friedlichen und harmonischen Zusammenleben früherer Tage, welches die Chinesen zerstört und vernichtet hätten. Deshalb identifizieren sie sich nicht mit der bestehenden tibetischen Gesellschaft unter chinesischer Herrschaft, sondern beziehen ihre Identität aus der vollständigen Abgrenzung zu dieser und der Verklärung des vormodernen, vermeintlich besseren Lebens. Alles Chinesische, alles Moderne gilt ihnen deshalb als Angriff auf diese mühsam zurechtgebastelte Identität. So konnten sie sich, unterstützt von den westlichen Medien, den Status eines permanenten und ohnmächtigen Opfers der Verhältnisse zulegen. Aus dieser Opferperspektive lässt sich noch jede begangene Schandtat und Scheußlichkeit erklären und entschuldigen. Verantwortlich für das eigene Tun und Handeln sind immer die anderen, die Gesellschaft oder in diesem Fall die Chinesen. Wem aber die Verantwortung für seine Taten abgesprochen wird, dem fällt es leicht, rücksichtslos und ungehemmt seinen Trieben ohne Schuldbewusstsein freien Lauf zu lassen.

Dennoch hat sich entgegen der Darstellung in den Medien nur eine Minderheit der Tibeter an den Pogromen beteiligt. Die Mehrheit fordert zwar mehr kulturelle Freiheit – also z.B. die Aufhebung der Unterdrückung und Verfolgung der buddhistischen Religionsausübung, des Verbotes der tibetischen Sprache und bestimmter Sitten und Bräuche –, aber sie wünscht sich nicht den alten, gesellschaftlichen Zustand zurück.

Die selbst ernannten Tibetkritiker

Die Erkenntnis, dass sich die Lebenssituation der Tibeter nicht ändern wird, bevor nicht ein diesen Namen auch verdienender kommunistischer Umsturz des chinesischen Regimes im Zusammenhang einer Weltrevolution ins Werk gesetzt wird, ist zwar richtig, hilft aber den Tibetern – solange es noch nicht soweit ist – wenig. Das verweist auf die Ohnmacht der Gesellschaftskritiker, die in dieser verfahrenen Situation nicht so recht weiß, wem sie hier eigentlich die Daumen halten soll. Insofern bleibt ihnen – wieder einmal – nur die von ihren Gegnern als kritische Kritik verschriene Ideologiekritik. Denn der Weg zur praktischen Kritik ist – wie der adornisierende Jargon weiß – schließlich „verstellt“. Materialistische Ideologiekritik hat insofern sowohl die chinesische Herrschaft als auch die tibetischen Freunde des einfachen Lebens ins Visier zu nehmen.

Mit einer solchen Kritik hat die Szene der selbst ernannten Tibetkritiker zumeist nichts am Hut. Sie teilt sich in zwei gleichfalls realitätsblinde Lager auf: Der eine Teil ist abonniert auf offene Propaganda für China. Er umfasst die gesamte Bandbreite der Gruselgestalten und Schreckgespenster aus dem Ossi-Park, also Redakteure und Leser der jungen Welt, sowie Linksparteifunktionäre, DKPler und Altmaoisten. Jede weitere Beschäftigung mit diesen Gestalten wäre bekanntlich vergebene Liebesmüh’. Interessanter ist die Betrachtung des anderen Lagers. Dieses umfasst z.B. einige Autoren der Jungle World, die konkret und zahlreiche liberale Blogs. Ausnahmslos würden die angesprochenen Personen und ihre Verlautbarungsorgane wohl die chinesische Politik in Tibet verurteilen. Doch eine Auseinandersetzung mit dieser Politik fehlt bei ihnen völlig. Ihre Ideologiekritik beschränkt sich ausschließlich auf den Dalai Lama und dessen Einfluss auf das heutige Tibet oder auf die früheren Lamas und deren Einfluss auf das alte Tibet. Die Beschäftigung damit, wo, wann, zu welcher Uhrzeit und zu welchem Anlass der Dalai Lama mit bösen Menschen Kontakte hatte oder schlimme Sachen sagte, oder wann, wo, aus welchem Grund im alten Tibet Menschen gefoltert und getötet wurden, ist ihnen zur Obsession geworden. Durch ihr Schweigen über China und der Betonung der Verbrechen und Scheußlichkeiten des tibetischen Buddhismus suggerieren sie ihren Leser aber, dass die chinesischen Verhältnisse so schlimm schon nicht wären und einzig der Dalai Lama eine Gefahr für ein freieres und besseres Leben der Tibeter darstelle. So betreiben auch sie indirekt Propaganda für China. Dagegen ist noch einmal in aller Schärfe festzuhalten, dass chinesische Politik wie lamaistische Geisteshaltung sich gegen Vernunft, Individualität und Aufklärung richten. Eine Tibetkritik, die ihren Namen verdient, hätte sich an die Seite derjenigen zu stellen, die weder chinesische noch tibetische Knechtschaft ertragen wollen und die nach einem besseren Leben in Freiheit und Wohlstand streben. Mit den Propheten einer fraglosen Autorität, die die Menschheit in Dummheit und Elend halten wollen, hat sie nichts zu schaffen.


Anmerkungen:

[1] Das Barbarische an den chinesischen Verhältnissen ist die durch Kontrolle und Gewalt aufrecht gehaltene vollständige Unterordnung des Einzelnen unter die chinesische Staats- und Parteidoktrin. Der chinesische Staat erhebt den Anspruch, das gesamte Leben seiner Bürger zu regeln und zu kontrollieren. Das äußert sich vor allem in dem Zwang zur Arbeit unter unerträglichen Bedingungen, sowie – für diejenigen, die sich widersetzen oder sonstwie durch „subversives Verhalten“ auffallen – in der Deportation in Arbeitslager. Hinzu kommt die aus der Presse bekannte vollständige Kontrolle jedweder politischer Betätigung und Freizeitbeschäftigung, die strikte Zensur der Medien und des Internet, die Ein-Kind-Politik usw. Jegliche individuellen und kollektiven Bestrebungen, die sich gegen diesen Anspruch erheben, wie Streiks, Unruhen oder Aufstände, werden mit Gewalt brutal niedergeschlagen.

[2] Jan Gerber, Who killed Bambi. Der Nonkonformist als Liebling der Deutschen, in: Bahamas, Nr. 50/2007.

[3] Ulrich Mentzel, Karl Marx (1818-1883). Die drei Entwicklungstheorien des Karl Marx, in: E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit, Nr. 1, Januar 2000, S. 8-11.

[4] Hermann L. Gremliza, Gremlizas Kolumne, in: Konkret, Nr. 5/2008.