Ausgabe #9 vom

Der Kampf geht weiter

Götz Aly rettet die 68er und bleibt selber einer

FABIAN KETTNER

Nun sind die Linken ihm böse. Götz Aly kritisiert die 68er in seinem neuesten Buch, dessen Titel schon alles sagen soll: von Mein Kampf zu Unser Kampf, von dem Kampf eines Einzelnen zu dem einer Generation, von den 33ern zu den 68ern, von der „Generation Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“ zur „Generation Heil-Hitler“ (S. 188). Da sollen also Zusammenhänge bestehen, und dies enragiert die Linken. Rudolf Walther (Freitag) erkennt bei Aly einen „rundweg verwirrten Blick“ auf die Geschichte, „haltloses Geraune“, viele „Mätzchen und substanzlose Polemik.“ Für Gerhard Hanloser (##Neues Deutschland##) sind die Vergleiche „völlig inakzeptabel“ und Guido Speckmann (junge welt) denunziert das Buch insgesamt als „Machwerk“.

Was hat Aly getan? Er macht „nationalgeschichtliche Parallelen“ (S. 185) zwischen den 68ern und ihrer Elterngeneration aus, erkennt Ähnlichkeiten, Reminiszenzen und Schnittmengen. Die 68er „ähnelten“ ihren Eltern „auf elende Weise“, sie dachten und handelten „im Geiste von“ Carl Schmitt und Ernst Jünger (S. 7, vgl. S. 182), ein Satz Rudi Dutschkes „erinnert an“ die nationalsozialistische Kampftechnik (S. 99). Ausdrücklich geht es Aly nicht um eine „Gleichsetzung“ (S. 170), wohl aber darum, die „formale Ähnlichkeit“ (S. 178) herauszuarbeiten. Konkret erkennt er diese an den politischen Haltungen: am Personenkult (S. 7), an der Vorliebe für romantische Gesellschaftmodelle und für die Gemeinschaftsideologie (S. 45f. und 177), an dem „wirren, aber ehrlichen Gemisch von Verzweiflung und idealistischer Hoffnung“ (S. 185), an der Vereinfachung gesellschaftlicher Realität (S. 187), am politischen Utopismus und am antibürgerlichen Impetus (S. 170).

All dies ist treffend und berechtigt, aber all dies ist nicht neu, so wenig wie die Kritik am Hass aufs bürgerliche Individuum, am Autoritarismus und am Antiamerikanismus, Antizionismus und Antisemitismus der deutschen Linken von 68ff. All dies wurde ausgiebig erforscht und skandalisiert, bereits zu Zeiten der 68er und natürlich in den letzten zehn Jahren. Aly wiederholt all dies nur kurz gerafft; wie überflüssig es ist, das scheint er selber zu merken.

Neu an seinem Buch ist die Erforschung der Gegenseite der protestierenden Studenten, des Staats, der von den Studenten als „faschistisch“ verschrien wurde. Alys Auswertung der Staatsarchive ergibt ein anderes Bild, als man es bislang kennt: der Staat habe eher schwach und verständnisvoll reagiert (vgl. S. 36ff., ebenso wie Medien und Bevölkerung, vgl. S. 118), habe politische Gegenmittel den polizeilichen vorgezogen (vgl. S. 125) und sei von „Selbstzweifeln“ geplagt gewesen (S. 188). Wo die protestierenden Studenten sich als Vorreiter verstanden, da rannten sie nur offene Türen ein: der Reformwille sei an den Universitäten bereits vorhanden gewesen (vgl. S. 77f.). Und an anderer Stelle schlugen sie die Türen zu, vor denen man sie nach ihrem Selbstbild angeblich fragend stehen gelassen habe: der Staat und vor allem die Justizbehörden arbeiteten mit den Prozessen zu Auschwitz, Majdanek, den Einsatzgruppen usf. die nationalsozialistische Vergangenheit auf, die 68er hingegen, die meinen, das Schweigen über sie gebrochen zu haben, traten die Flucht vor ihr an und retteten sich in marxistische Faschismustheorien, in denen der Nationalsozialismus und vor allem deutsche Täter nicht mehr vorkommen (vgl. S. 150ff.).

II.

Der letzte Vorwurf ist freilich pikant. Denn gerade mit seinen umfangreichen historischen Publikationen zum Nationalsozialismus ist Aly ein 68er geblieben; er hat es nur jedes Mal verstanden, den linken Alltagsverstand auf die neueste Stufe zu heben. Seine „Ökonomie der Endlösung“ ergibt sich – anders als bei den marxistisch-leninistischen Faschismustheorien - nicht aus den Profiten der Kapitalfraktionen durch Arisierung und Zwangsarbeit, sondern aus dem Großprojekt einer gewaltigen Rationalisierung zurückgebliebener Landschaften, in diesem Falle Osteuropas durch die Nazis. Polen sei rückständig gewesen, habe sich deswegen „der Logik kapitalistischer Ausbeutung und Durchdringung versperrt“ (Aly / Heim 1991, S. 15). Auch wenn dies schließlich den Verwertungsabsichten des deutschen Kapitals nützen sollte, so interessiert Aly der große, alles erfassende und alles sich subsumierende Zugriff der Rationalität mehr als die Profite deutscher Großunternehmen. Der Vernichtungskrieg der Deutschen im Osten, inklusive Judenvernichtung, das sei ein notwendiger Schritt auf dem Weg zu einer groß angelegten Modernisierung und Strukturreform gewesen, der Massenmord die Beseitigung eines vorher genau errechneten Bevölkerungsüberschusses. „Völkermord war hier eine Form, die soziale Frage zu lösen“ (Ebd., S. 20) [1], indem man die Bevölkerungsteile eliminierte, die die Nationalökonomie belasteten. Der Massenmord erwies sich „als einfachste Art der Realisierung jener Nah- und Fernpläne“ zur Umsiedlung und ökonomisch nutzbringenden Regulierung der Bevölkerung (Aly 1995, S. 400). Die Vernichtung der Juden sei nur ein Teil hiervon gewesen. [2] In späteren Schriften variiert er diese funktionale Interpretation der Shoah und macht für die Vernichtung der ungarischen und der griechischen Juden die Behebung von Nahrungsmittelknappheit verantwortlich. [3]

Im Mittelpunkt des Vernichtungswahns der Deutschen hätten also nicht die Juden gestanden, sie seien nur eine zu vernichtende Gruppe unter anderen gewesen, die – Pech gehabt! - als erste drangekommen sei. Antisemitismus habe keine Rolle gespielt. Dieser habe lediglich die „Ideologen“ bewegt, die von „Hass“ angetriebenen „Mythologen“ der Nazis. Ideologie, das ist für Aly Schein, ein Schleier über der Realität; sie müsse auf „ihren sachlichen Kern untersucht werden“ (Ebd., S. 375), und der besteht für Aly in negativer Bevölkerungspolitik. Deshalb interessieren Aly wesentlich mehr die kühlen, sachlichen, rational argumentierenden „Planer“ der europäischen Großräume, die er den Ideologen entgegensetzt. Beide Seiten kamen nach Alys Ansicht in der „Endlösung“ zusammen, bedienten sich einander, um ihre Ziele durchzusetzen, hätten aber ansonsten nichts miteinander zu tun gehabt. Die Planer hätten ihre eigenen Konzepte gehabt, die nicht antisemitisch gewesen seien, doch um diese zu verwirklichen, hätten sie ein Bündnis mit den Ideologen eingehen müssen. [4] Die Wirtschaft sollte rationalisiert werden, was immer zu Lasten von irgendjemandem gehen muss, also traf es die Juden, die eh schon diskriminiert wurden. [5] Auf diese Weise „nutzten die Planer den historischen Antisemitismus“ (Aly / Heim 1993, S. 490).

Diese Sicht der Shoah wurzelt in einer Weltanschauung, die Aly wahrscheinlich zu den Spontis (aus denen später die Autonomen hervorgingen) trieb und die sich durch seine Publikationen zieht. Die Geschichte der 68er in Form einer Abbitte für frühere Missetaten zu schreiben, die ohnehin schon jeder kennen kann, so wie Aly es tut, das ist ein gelingender Versuch, von der weiteren Geschichte dieser 68er abzulenken. Es wäre wesentlich interessanter und aufschlussreicher, ihre Geschichte als Mentalitäten- oder Ideengeschichte zu schreiben und dabei die Kontinuitäten und Übergänge von Einzelpersonen, Grüppchen und Zirkeln miteinzubeziehen, und Aly ist ein geeigneter Kandidat für eine solche neue Zeitgeschichtsschreibung. [6]

Ab Mitte der 1980er bewegte er sich mit Karl-Heinz Roth im Dunstkreis und in den Schnittmengen der Zeitschriften Autonomie. Materialien gegen die Fabrikgesellschaft. Neue Folge (1979-85), Mitteilungen der Dokumentationsstelle zur NS-Sozialpolitik (1985) und 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts (1986-2000, ab dem 18. Jahrgang Sozial.Geschichte. Zeitschrift für historische Analyse des 20. und 21. Jahrhunderts). Die Autonomie. Neue Folge war das theoretische Zentralorgan der westdeutschen Autonomen und Antiimperialisten. Nachdem sie eingestellt wurde, ging sie teilweise in 1999, teilweise in den Materialien für einen neuen Antiimperialismus auf.

Von dieser Vergangenheit und Umgebung Alys lohnt es sich zu sprechen, denn sie ist in seinen Schriften noch sehr lebendig. Die Autonomen-Weltanschauung (wie ich sie hier abkürzend nenne) macht Anleihen beim marxistischen Klassenkampfdenken, hat es aber, vom Operaismus aus Italien stark beeinflusst, in die Totale verallgemeinert, hat die Geschichtsphilosophie einerseits und die soziologische Klassenarithmetik andererseits in Richtung Vitalismus transformiert. [7] An die Stelle des geschichtsmächtigen Konflikts von Bourgeoisie vs. Proletariat ist hier 'die Maschine' vs. 'das Leben' [8] getreten. Das Leben ist die eigentlich geschichtsmächtige Kraft [9], kann von der Maschine aber nicht getrennt betrachtet werden. [10]

Die Maschine versucht, das Leben zu ergreifen und zu unterwerfen, um es ausbeuten und von ihm leben zu können. Das Leben widersetzt sich, weil es das Leben ist, weswegen die Maschine permanent versuchen muss, das Leben immer wieder neu und immer wieder anders zuzurichten und umzuformen. Maschine und Leben sind einander fremd und treten nur deshalb und so weit in eine intime Beziehung, als die Maschine dem Leben nahe tritt und in es einzudringen versucht. Kein Weg aber führt vom Leben zur Maschine, von der Arbeit zum Kapital, von den Unterdrückten zu den Herrschenden; undenkbar, dass das Leben seine eigene Beherrschung selbst hervorbringt. Zwar reproduziert das Leben die Maschine, aber nur insofern, als es in einer ihm äußerlichen Apparatur gefangen ist, die die Maschine ihm aufgezwungen hat. Der Konflikt von Maschine vs. Leben bildet zwar die Totalität von Gesellschaft und Geschichte, aber die Konstitution dieser dichotomisch konstruierten Totalität wird immer schon vorausgesetzt. Der logische Status dieser Theorie verbleibt, wie alle Weltanschauungen, im Ontologischen.

Synonym zu ‚Maschine’ oder ‚Maschinerie’ wird auch von der ‚Fabrikgesellschaft’ gesprochen. Die Fabrik ist die Blaupause für den gesamten Herrschaftszusammenhang, sie vereinigt alle seine Mechanismen und bildet sie prototypisch aus. Die Menschen werden Zwängen unterworfen und beherrscht, indem sie in eine übermächtige, unpersönliche, kalte Apparatur hineingepresst werden. Ihre Produktion und ihre Interaktionszusammenhänge werden systematisch in rationell handhabbare Elemente zerlegt, das Ergebnis sind atomar zerstäubte, isolierte und deshalb total fungible Teile eines einst und eigentlich sozialen Zusammenhangs.

Bleibt die Konstitution der Antagonisten unerhellt, so gibt es doch ein semantisches Feld, mit dem sie und ihr Verhältnis zueinander charakterisiert und konnotiert werden. Die Maschine ist abstrakt, planend, kalkulierend, rational, rationell, nivellierend, vereindeutigend, regulierend, schematisierend, steril, kalt, sachlich etc., das Leben das weitgehend unbestimmt bleibende Gegenteil dazu, also lebendig, vielfältig, schöpferisch-produktiv. Die Maschine versucht, ihre dem Leben fremde Logik am Leben durchzusetzen; sie ist rein parasitär, stets weitet sie sich aus, dringt ein und usurpiert das Leben.

Visuellen Ausdruck findet diese Weltanschauung beispielweise in dem Titelbild des von Karl Heinz Roth herausgegebenen Buchs Erfassung zur Vernichtung von 1984, in dem Aly publiziert hat und für das im Innenteil auch das „Redaktionskollektiv Autonomie“ noch als Verfasser und Herausgeber angegeben wird. Man blickt auf ein Krankenhausbett, an dessen Kopfende eine Guillotine steht. Am Fuß des Bettes befindet sich dort, wo früher die Krankenakte hing, ein Strichcode. Das erste Wort des Titels steht groß über Bett und Guillotine und ist in den damaligen Computer-Lettern geschrieben. Der Mensch wird über die Datenverarbeitung auf eine Zahlenfolge reduziert und ist damit schon so gut wie tot. In einer anderen Publikation von Aly und Roth aus dem gleichen Jahr wird aus der suggerierten Nähe von Abstraktion durch Datenverarbeitung und Tod ein fast zwangsläufiges Folgeverhältnis. Die „Abstraktion des Menschen zur Ziffer“ sei nur der erste Schritt auf dem Weg, „den einmal zum Merkmalsprofil geronnenen Menschen zu begradigen, zu bereinigen“, das heißt biologisch auszulöschen. (Aly / Roth 1984, S. 12) „Nackte Zahlen, Lochkarten, statistische Expertisen und Kennkarten“ sind das Schreckensantlitz von Herrschaft, das Aly und Roth evozieren, und sie fungieren als „gegen die gesellschaftliche Phantasie gerichtete Angriffe“ (ebd., S. 7). „Die Zahlenwalze rollt auf die Menschen los“, unheimlich und machtvoll, nämlich „geräuschlos und effizient“, „nüchtern und sachlich“ (ebd., S. 12, S. 143, S. 146).

Aly fasst seit den 1980ern die nationalsozialistische Herrschaftspolitik in solche Bilder. Bei seinem ersten Studienobjekt, der Euthanasie, scheint dies noch stimmig. Den Eugenikern ging es darum, „den sozialen Wert des Menschen zu bestimmen“ (Aly 1985a, S. 13) und entlang dieser Bewertung wertlose Menschen auszusondern. Das Euthanasie-Programm habe unter anderem der kostengünstigen Strukturreform des Irrenhäuserwesens gedient. [11] Mitte der 1980er war der Ton noch klassenkämpferisch: eine „mittelständische Vernichtungswut“, die nur „scheinbar klassenneutral“ (Aly 1985a, S. 19) war, richtete sich gegen „soziale Minderwertigkeit“. Diese Einstufung bezog sich aber nicht nur auf den ökonomischen Wert eines Menschen im herkömmlichen Sinne. Sie war nicht bloß ein Schema, welches Anforderungen an die Menschen stellte, denen dann aber immer noch überlassen blieb, wie sie sich dazu verhalten; - sie war auch aktives Herrschaftsinstrument und präventive Aufstandsbekämpfung. Als „psychopathisch“ wurde „jede Form des individuellen Widerstands und oft verzweifelter Nichtanpassung“ definiert. (Ebd., S. 34) Zum einen sehen Aly und Roth auch hier schon einen „geplanten sozialen Holocaust der Nazis“ (Aly / Roth 1984, S. 144), zum anderen wird dieses Schema von Aly auch auf die Vernichtungspolitik im Osten übertragen, wo es um die „Vernichtung aller unangepaßten sozialen Minderheiten“ (Aly 1985a, S. 38) ging. Die Nazis zerstörten hier „gewachsene lokale Lebenszusammenhänge“ (Ebd., S. 17), aus denen sich Widerstand hätte speisen können.

In den folgenden Jahren, in denen Aly das Euthanasie-Paradigma auf die Judenvernichtung übertrug, verschwanden der klassenkämpferische Ton und die naturwüchsig widerständige Tönung der Herrschaftsobjekte; übrig blieb das Konzept von einer Ordnung, die sich alles andere gleichmachen will, und die hiermit verbundene Semantik. [12] Bei der „Endlösung“ sieht er vor allem „Technokraten“ am Werk, die das „bewußte und planvolle Sortieren von Menschen“ für deren „Verfügbarmachen [...] zu jedem Zweck“ betreiben. (Aly / Heim 1993, S. 483f.) Ein kaltes, gleichgültiges Schema, die „Vorstellung vom Nutzen gesellschaftlicher Uniformität“ (Aly / Gerlach 2004, S. 426), wurde auf die Menschen in den eroberten Gebieten angewandt. Sie wurden einer „Gesamtwertung“ unterworfen, „universell, steril, moralisch neutral.“ (Aly 1998, S. 376)

Wenn man die Shoah so interpretiert, dann kann man sie kontextualisieren, das heißt in historische Zusammenhänge stellen, die räumlich wie zeitlich vor, nach und neben dem Nationalsozialismus bestehen. Der Nationalsozialismus ist dann die Fortsetzung von Tendenzen, die vor ihm bestanden, und er beförderte Zustände, die nach ihm weiter bestehen und von ihm profitieren. Um kontextualisieren zu können, muss eine umfangreiche Reduktion der Shoah - beispielsweise auf Ordnungsmaßnahmen - vorgenommen werden.

Wenn man wie Aly und Roth Mitte der 1980er meint, dass es dem Nationalsozialismus darum ging, „Minderheiten zu erfassen und abzusondern, um gleichzeitig die gesamte Bevölkerung von unten her zu sortieren und in sozialpolitische Maßnahmen zu zwängen“ (Aly / Roth 1984, S. 143), dann war der Feind des Nationalsozialismus nicht nur ‚der Jude’, sondern auch die eigene Bevölkerung; dann hat man das deutsche Volk zum Opfer gemacht; dann fügt man die Shoah nicht nur in den Rahmen eines großstrategischen Angriffs auf der Herrschaft unliebsame Bevölkerungsstrukturen ein, sondern löst sie in diesem Angriff auf. Die Vernichtungspolitik im Osten als präventive ‚counter insurgency’ und die „Endlösung der Judenfrage“ als ein Element unter vielen in einer osteuropäischen Großraumpolitik aufzufassen, dies findet sich übrigens in einem relativ berühmten Aufsatz von Detlef Hartmann mit dem vielsagenden Titel Völkermord gegen soziale Revolution. Das US-imperialistische System von Bretton Woods als Vollstrecker der nationalsozialistischen Neuen Ordnung, auf den Aly sich auch später noch positiv bezog. [13] Man sieht, wofür man die Kontextualisierung gebrauchen kann: den Nationalsozialismus zwar anzuklagen, ihn dabei aber nur als Herrschaftsinstrument gegen die Subalternen zu begreifen, um dann rasch vom Nationalsozialismus nicht mehr sprechen zu müssen, sondern gegen den zu kämpfen, der angeblich das Staffelholz der Herrschaft auflas, als der Nationalsozialismus zerstört wurde: die USA. Dies meint: USA und Deutschland mögen sich zwar bekriegt haben, aber im Grunde sind sie einer wie der andere; sie verfolgen skrupellose und absolute Herrschaft über das Leben. Die projektive Entlastung durch den Antiamerikanismus, die Aly sich und den Studenten von '68 ankreidet, ist bei ihm nicht nur Episode geblieben.

Später fasst Aly die Kontextualisierung anders; auch hier ist der klassenkämpferische Ton getilgt, der Effekt ist aber der gleiche. Der Nationalsozialismus gehört in das „Kontinuum“ der „politischen Ideen des 20. Jahrhunderts“. (Aly 2006, S. 360) Das „Verfügbarmachen von Menschen zu jedem Zweck“ sei eine „weit verbreitete Praxis“. (Aly / Heim 1993, S. 484) Es gebe „bestimmte geschichtliche Grundtendenzen“, die auch im Nationalsozialismus sich ausagiert hätten, und zwar rigide Konzepte von Ordnung. „In den allgemeinen Trend zur ethnischen Homogenisierung ordnet sich auch die Aussiedlung der Juden ein.“ (Aly / Gerlach 2004, S. 428, S. 431, S. 433,) Die Entlastung funktioniert nicht mehr über die Anklage eines bestimmten globalen Akteurs wie die USA, sondern indem man 'die Moderne' insgesamt als Kontext angibt.

III.

All das haben sich Linke jahrzehntelang gerne erzählen lassen. Aly hat der Linken immer das gesagt, was sie gerne hören wollte, nur auf eine Art und Weise, bei der beide Seiten das Gesicht wahren konnten: er war Erneuerer und Renegat – sie die unter schmerzhaften Konflikten und Umbrüchen sich erneuernden Lernfähigen. Er hat ihnen immer etwas zugemutet – aber dafür auch gleichzeitig immer etwas gegeben. Weitete er den Täter-Kreis aus, bis hin zum gemeinen Volk, konstatierte er, dass es „weder zuvor noch danach [...] in Deutschland eine höhere Übereinstimmung zwischen Volk und Führung“ gab als im Dritten Reich (Aly 1997, S. 208) [14], so dass die Exkulpation der Deutschen nicht mehr zu gelingen schien, so konnte er später, in Hitlers Volksstaat, beruhigen, dass die Deutschen doch nur Mitläufer waren. Ihr „punktuell begründetes Mitläufertum“ (Aly 2006, S. 356) hat seinen Grund vor allem (wenn nicht einzig?) in dem ganzjährigen Sommerschlussverkauf, den die Eroberung Europas für Otto Normalverbraucher bedeutete. Mit Schnäppchenjagd „erkaufte sich die NS-Regierung ihren Rückhalt“ (Ebd., S. 353), um „die Masse des Volks [...] wenigstens ruhig zu stellen“ (Ebd., S. 360). Die Nazis „kauften“ ihr Volk, resümierte er in der Zeit vom 6. April 2005. Was zunächst nach einem harten Urteil über die Deutschen aussieht, entpuppt sich als Entschuldung, die für einen 68er wie Aly wahrscheinlich ein noch viel härteres Urteil ist: nicht mal ans Dritte Reich geglaubt, nicht mal aus Fanatismus ganz Europa in Schutt und Asche gelegt, sondern einfach nur konsumgeil gewesen, „passiv Bestochene“ (Aly 2006, S. 361) [15], eine faule Made im Speck.

Nun aber sind die Linken Aly böse. Nie hat sie Alys selektiv und interpretativ einseitiger Zugriff auf die Empirie gestört, wenn es um den Nationalsozialismus ging – aber wenn es um ihre eigene Geschichte geht, dann doch. „Ich schätze Alys Arbeiten“, so Klaus Behnken in der jungle world über frühere Werke. Aber nun das in Unser Kampf: „Fast immer hat Aly seine Belege, Ereignisse und Zitate so ausgewählt, dass sie seine These stützen. Quellenkritik ist seine Sache nicht.“ Rudolf Walther attestiert Aly im Freitag eine „Flucht aus der Empirie“.

Dabei vollzieht Aly an seiner eigenen Generation nur dasselbe Verfahren, das seine Generation an ihren Eltern vollzog. Er kritisiert die 68er – und rettet sie dabei. Er bietet den 68ern dieselbe Rettung an, die die 68er der Täter-Generation anboten: er fügt sie in ein historisches Interpretationsschema ein, in welchem sie Getriebene sind. Damit werden sie tendenziell frei von Schuld, müssen aber auch die narzisstische Kränkung hinnehmen, nicht mehr Subjekt des Abschnitts der eigenen Biographie zu sein, den sie so sehr lieben. Die Täter des Nationalsozialismus verschwinden wahlweise in den übermächtigen Kämpfen des Kapitalismus, der Monopolkapitale etc. pp. (altlinks) oder in den Tendenzen der Moderne (neulinks und altbekannt kulturpessimistisch). [16] Die 68er sind nun eigentlich Opfer des Nationalsozialismus. Denn ihre Nazi-Eltern konnten ihnen nach 1945 keine „familiär vorgelebten Werte und Verhaltensnormen“ (S. 195) mehr geben. „Die ideelle Entwurzelung im Jahr 1945 führte zu einer spezifischen Starre und Orientierungslosigkeit“, ja zu einem „Mangel an Nestwärme“ (S. 196). So mussten sich die 68er auf die Suche nach eigenen Werten machen und griffen manches Mal daneben. Die 68er-These von der Faschisierung des Staates war zwar falsch und diente der projektiven Entlastung des eigenen Volkes, von dessen Faschisierung man nichts wissen durfte, wollte man es als potentielles revolutionäres Subjekt ansprechen. Aber „mit solchen Ersatzhandlungen wurden die unlösbaren gesellschaftlichen Spannungen auf den Staat abgeleitet. [...] Die Achtundsechziger suchten Strategien, um dem Schuldzusammmenhang der nationalsozialistischen Verbrechen zu entrinnen.“ Letzten Endes folgten sie „einem Schutzreflex“ (S. 204). Die 68er, das sind auf der einen Seite „präpotente Wahnsinnige“ (S. 190) – aber auf der anderen Seite eben auch „irrational Getriebene“ (S. 209).

Wenn die Kränkung noch frisch ist, dann kann man die Chancen dieses Interpretationsangebots noch nicht wahrnehmen. Vielleicht werden sie es eines Tages verstehen und es ihm danken.

Götz Aly, Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück, S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2008, 253 Seiten, 19,90 Euro.


Anmerkungen:

[1] Vgl. auch schon Aly / Roth 1984, S. 142.

[2] So in Aly / Heim 1987, 1991, 1993, Aly 1998. „Die Ermordung der europäischen Judenheit ist der unter Kriegsbedingungen vorgezogene und am weitestgehend realisierte Teil weit größerer Vernichtungspläne“ (Aly / Heim 1993, S. 491). Für eine Kritik und eine Gegenargumentation, auf die ich hier verzichte, vgl. Bauer 2001, S. 115-120, Burleigh 1997, Diner 1992, Graml 1992, Herbert 1991.

[3] Vgl. Aly / Gerlach 2003. „Der Massenmord war verbunden mit der Neuverteilung von Ressourcen“, mit der „Abwälzung sozialer Lasten, die der Krieg mit sich brachte.“ Dies sollte „zu Lasten der Juden“ durchgesetzt werden (S. 415). „Im Massenmord an den Juden sahen sie eine Möglichkeit, die Lebensmittelausbeute im besetzten Polen zu erhöhen“ (Aly 2006, S. 351).

[4] Vgl. Aly / Heim 1987, S. 9f., S. 14, S. 59.

[5] Vgl. Aly / Heim 1993, S. 488.

[6] Von Aly über Aly erfährt man, dass er ein Spät-68er war und sich 1969/70 „spontaneistischen Gruppierungen“ anschloss (Aly 2006, S. 371, Fn. 7). Es besteht das Problem, dass man, wenn man etwas über die Zusammenhänge, Entwicklungen und Übergänge in den Gruppierungen von 68ff. erfahren möchte, auf die Auskünfte der Beteiligten angewiesen ist und man deswegen nicht weiß, ob sie über sich und ihre ehemaligen Freunde/Feinde die Wahrheit sagen. Dies ist im übrigen eine weitere Gemeinsamkeit von 33ern und 68ern.

[7] Für Versuche von theoretischen Gesamtentwürfen vgl. Hartmann / Roth 1975 (Dank an Joachim Bruhn für den Hinweis), Hartmann 1989 (in Kurzfassung: Hartmann 1980).

[8] Auch: 'die Maschinerie', 'das Kapital', 'die Macht' vs. 'der Nichtwert', 'die Subjektivität', 'die Fremdheit'.

[9] Sicher ist sich Detlef Hartmann nicht: mal ist „die sozialrevolutionäre Subjektivität [...] das Subjekt der Geschichte, ihre zentrale Triebkraft“ (Hartmann 1989, S. VII), mal ist der „Kampf selbst“ zwischen „Kapital und Leben“ der „konstitutive Kern der geschichtlichen Wirklichkeit“ (ebd., S. 85), was dann eine Differenz zum Operaismus wäre.

[10] Wie sich das Leben dann jemals von der Maschine, seiner Geburtshelferin, soll befreien können – und warum es dies überhaupt sollte -, das bleibt das logische Problem dieser Weltanschauung. Man sieht hier, wie die ontologische Begründung von Herrschaftsverhältnissen auch in einer herrschaftskritisch gemeinten Theorie immer sowohl dafür taugt, Herrschaft als obsolet, quasi-unnatürlich erscheinen zu lassen, wie auch als naturgegeben.

[11] Vgl. Aly 1985b, S. 14ff.

[12] Passend bezieht er sich auf das Werk Zygmunt Baumans, vgl. Aly / Heim 1993, S. 484 und Aly 1998, S. 375.

[13] Vgl. Aly / Heim 1993, S. 335, Fn. 7.

[14] Vgl. auch Aly 1997, S. 109, S. 212.

[15] Dies hört sich an wie ein Nachklang von Einsichten der Autonomie. Neue Folge von vor gut zwanzig Jahren in die verheerenden Folgen des Nationalsozialismus für die Klasse der Ausgebeuteten: „Stand noch eine Generation zuvor die Klasse dem industriellen Prozeß ihrer Konstitution nach fremd gegenüber, so gehen ihre sozialen Bedürfnisse nun tendenziell in Konformismus und Konsum auf (in Deutschland ist dies die Erbschaft des NS)“ (Redaktionskollektiv Autonomie 1985, S. 210). Da wird Konsumverweigerung und Askese zur antifaschistischen Aktion im Bemühen um „ein wahrhaftiges Leben“ (Hartmann 1989, S. 107).

[16] Nur muss man, wenn man so weit mitgeht, auch so generös sein, diese Entschuldung so universell wirken zu lassen, wie ihr Grund angelegt ist. Wer erschoss Benno Ohnesorg? Der Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras? Die BILD-Zeitung? Mitnichten: es war das „im Zweiten Weltkrieg entwickelte und aufgestaute Gewaltpotential“, das ihn „nicht zufällig getroffen“ (S. 29) hatte. So geht das.


Literatur:

1 Aly und Umfeld

Aly, Götz, Medizin gegen Unbrauchbare, in: Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik, Bd. 1, Berlin 1985a, S. 9-74.

Aly, Götz, Der saubere und der schmutzige Fortschritt, in: Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik, Bd. 2, Berlin 1985b, S. 9-78.

Aly, Götz, Macht, Geist, Wahn. Kontinuitäten deutschen Denkens, Berlin 1997.

Aly, Götz, "Endlösung". Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden, Frankfurt/M. 1998.

Aly, Götz, Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt/M. 2006.

Aly, Götz / Gerlach, Christian, Das letzte Kapitel. Der Mord an den ungarischen Juden 1944-1945, Frankfurt/M. 2004.

Aly, Götz / Heim, Susanne, Die Ökonomie der "Endlösung". Menschenvernichtung und wirtschaftliche Neuordnung, in: Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik, Bd. 5, Berlin 1987, S. 11-90.

Aly, Götz / Heim, Susanne, Sozialplanung als Völkermord. Thesen zur Herrschaftsrationalität der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, in: Schneider, Wolfgang (Hg.), "Vernichtungspolitik". Eine Debatte über den Zusammenhang von Sozialpolitik und Genozid im nationalsozialistischen Deutschland, Hamburg 1991, S. 11-23.

Aly, Götz / Heim, Susanne, Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung, Frankfurt/M. 1993.

Aly, Götz / Roth, Karl Heinz, Die restlose Erfassung. Volkszählen, Identifizieren, Aussondern im Nationalsozialismus, Berlin 1984.

Hartmann, Detlef, Die Zerstörung und Enteignung unseres Alltags, in: Autonomie. Materialien gegen die Fabrikgesellschaft. Neue Folge, Nr. 3/1980, S. 97-100.

Hartmann, Detlef, Völkermord gegen soziale Revolution. Das US-imperialistische System von Bretton Woods als Vollstrecker der nationalsozialistischen Neuen Ordnung, in: Autonomie. Materialien gegen die Fabrikgesellschaft. Neue Folge, Nr. 14/1985, S. 217-287.

Hartmann, Detlef, Die Alternative: Leben als Sabotage. Zur Krise der technologischen Gewalt, 3. Auflage, Göttingen – Berlin 1989.

Hartmann, Detlef / Roth, Karl Heinz, Dialektik der Arbeit. Zur Kritik der politischen Ökonomie der Arbeitskraft als Klasse, in: Autonomie. Materialien gegen die Fabrikgesellschaft, Nr. 5/1977, S. 37ff.

Redaktionskollektiv Autonomie, Klassenreproduktion und Kapitalverhältnis, in: Autonomie. Materialien gegen die Fabrikgesellschaft. Neue Folge, Nr. 14/1985, S. 201-216.

Roth, Karl Heinz (Hg.), Erfassung zur Vernichtung. Von der Sozialhygiene zum "Gesetz über Sterbehilfe", Berlin 1984.

2. Linke Kritiken an Unser Kampf

Behnken, Klaus, Blöde Lämmer, schwarze Schafe, in: jungle world, Nr. 10/2008 (06.06.2008), auch unter: jungle-world.com/artikel/2008/10/21301.html.

Hanloser, Gerhard, Vernebelt und verleumdet. Zwei irritierende Rückblicke – Wolfgang Kraushaar und Götz Aly, in: Neues Deutschland, 10.04.2008.

Speckmann, Guido, Ketzerischer Konformismus, in: junge welt, 15.04.2008, auch unter: www.jungewelt.de/2008/04-15/003.php.

Walther, Rudolf, Flucht aus der Empirie, in: Freitag, Nr. 10/2008 (07.03.2008), auch unter: www.freitag.de/2008/10/08101701.php.

3. Kritik an Alys Geschichtsschreibung

Bauer, Yehuda, Die dunkle Seite der Geschichte. Die Shoah in historischer Sicht. Interpretationen und Re-Interpretationen, Frankfurt/M. 2001.

Burleigh, Michael, A ‚political economy of the Final Solution’? Reflections on modernity, historians and the Holocaust, in: Burleigh, Michael (Hg.), Ethics and extermination. Reflections on Nazi Genocide, Cambridge 1997, S. 169-182.

Diner, Dan, Rationalisierung und Methode. Zu einem neuen Erklärungsversuch der „Endlösung“, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (VfZ), Nr. 40/1992, S. 359-382. [Alle Ausgaben der VfZ von 1953 bis 2005 können als PDF unter www.ifz-muenchen.de/heftarchiv.html heruntergeladen werden.]

Graml, Hermann, Irre geleitet und in die Irre führend. Widerspruch gegen eine "rationale" Erklärung von Auschwitz, in: Jahrbuch für Antisemitisforschung, Nr. 1/1992, S. 286-295.

Herbert, Ulrich, Rassismus und rationales Kalkül. Zum Stellenwert utilitaristisch verbrämter Legitimationsstrategien in der nationalsozialistischen "Weltanschauung", in: , Wolfgang (Hg.), "Vernichtungspolitik". Eine Debatte über den Zusammenhang von Sozialpolitik und Genozid im nationalsozialistischen Deutschland, Hamburg 1991, S. 25-35.