Ausgabe #8 vom

Ironie des Schicksals

Neue Veröffentlichungen zu und von Georg Weerth

PHILIPP LENHARD

Nun ist das letzte größere Weerth-Jubiläum schon wieder anderthalb Jahre her und die Beachtung des großen Vormärzdichters und Revolutionärs ist wieder auf ihr Normalmaß zurückgegangen. Mit anderen Worten: „Weerth, wer war das noch mal?“ Eine ganz ungewöhnliche Weise, Weerth einem breiteren Publikum jenseits der abgekapselten Vormärz-Forschung näher zu bringen, hat der Hörbuchverlag Kaleidophon nun gewählt. Er veröffentlichte jüngst eine CD, auf der der Briefwechsel Weerths mit der von ihm verehrten und innig geliebten Betty Tendering von den Schauspielern Katja Holm (Betty Tendering), Rainer Süßmilch (Georg Weerth) und Falko Glomm (Sprecher) nachgesprochen wird. Was zunächst abwegig klingen mag – schließlich ist Weerth hauptsächlich für seine Gedichte und Feuilletonbeiträge aus der Neuen Rheinischen Zeitung bekannt – funktioniert interessanterweise hervorragend. Das liegt erstens daran, dass Weerths Briefe meistens durchaus literarischen Wert haben, und zweitens daran, dass Betty Tendering eine würdige Respondentin ist. Schon der alte DDR-Verlag Aufbau, bei dem auch die Weerth-Gesamtausgabe von Bruno Kaiser erschienen war, hatte den anspruchsvollen Charakter des Briefwechsels mit Betty Tendering erkannt und ihn 1972 in einem eigenen kleinen Bändchen veröffentlicht. Weerth hatte sich 1854/55, also nach seinem intensiven politischen Engagement und dem verhängnisvollen Scheitern der 48er Revolution, über beide Ohren in Tendering verliebt und sie gebeten, ihn zu heiraten und ihm in die Neue Welt zu folgen, wo er sich als weltläufiger Kaufmann in seinen letzten Jahren vornehmlich aufgehalten hatte und über die er in dem Briefwechsel zahlreiche Reflexionen anstellt: „Aber in Augenblicken, wo ich am kühnsten war, dachte ich, daß Du vielleicht meine Fehler mit meiner Liebe entschuldigen könntest, daß Du Dich vielleicht von der Behaglichkeit der Alten Welt trennen würdest, um in Deinen jüngeren Jahren neue Sprachen, neue Menschen und einen neuen Weltteil kennenzulernen. Ich weiß, daß das junge Amerika in mancher Weise hinter dem alten Europa zurück ist. Aber Du wirst auch drüben Menschen Deiner Sprache finden, die Dir gefallen, und wenn Du einst nach Europa zurückkehrst, wirst Du Dich freuen, Deine Jugend in einer Welt verlebt zu haben, die vom Alter nicht erobert wird. Für das Alter bleibt, so Gott will, das alte Europa an derselben Stelle.“ Der Briefwechsel schwankt zwischen überschäumender Romantik und bissiger, bisweilen sarkastischer Ironie. „Das verdammte Flennen und die abscheuliche Angst sind vorüber. Ich betrachte Dein Bild mit der größten Ruhe; ich wage nicht, es zu küssen, ich habe fast Furcht vor Dir, und doch bin ich mit Leib und Seele an Dich gefesselt. Ob dies wirklich Liebe ist, ich weiß es nicht“, gesteht Weerth in einem Brief vom 2. Oktober 1855. Doch die Schwärmerei für die Angebetete wird sogleich wieder ironisch gebrochen: „Ich habe mir immer eine Frau gewünscht, die mir imponierte, vor der ich heiligen Respekt haben könnte. Da ich nie eine solche fand, so küsste ich alle Weiber nur einmal, und die Bemühungen meiner Freunde, aus einer Liebschaft Ernst zu machen, sind immer verloren gewesen. Unbegreiflich ist es mir, weswegen ich mich so unwiderstehlich zu Dir hingezogen fühle. Du bist lange nicht so schön wie viele meiner spanischen Freundinnen. Deine Figur ist königlich, aber es fehlt ihr eine gewisse Anmut. Dein Mund ist zu groß, und Dein Blick entzückt abwechselnd und versteinert.“ Der kleine Gigolo, der überall auf der Welt seine Affärchen hat, ist eine Figur, die Weerth selbstbewusst, aber keineswegs die Frauen verachtend verwendet. Er erscheint in den Briefen als ein Vorkämpfer sexueller Freizügigkeit und Ungezwungenheit. „Es ist leicht möglich, daß Du hundert bessere Männer kennst, als ich bin“, schreibt er. „Ich denke nicht daran, Dir zur Last zu sein oder Dich zu ennuyieren. Du kannst mit mir machen, was Du willst. Paßt es in Deine Reise-Arrangements und passe ich zu Deiner übrigen Gesellschaft, so erlaube, daß ich Dich wieder sehe.“

Auch Betty Tendering erscheint als eine äußerst emanzipierte Frau, die sich nicht als verschiebbares Eigentum behandeln lässt, sondern ihren eigenen Weg geht. Seinen Wunsch, sie zu heiraten, beantwortet Tendering negativ: „Ich bin selbst so treulos wie die Welle oder der Wind, und weil die Ehe die Ewigkeit ist, fürchte ich mich vor der Ehe und der Ewigkeit.“ Und weil sie das Gefühl hat, Weerth gehe es darum, sie zu besitzen, hält sie ihm vor: „Vielleicht hätte ich Sie geliebt, wenn Sie nicht meinen Besitz gewollt hätten, aber ein Band, ein Schluß ängstigt mich, in meinen Gefühlen ist keine Kraft, keine Dauer.“
Schade ist, dass der Briefwechsel für das Hörbuch teilweise auch an Stellen gekürzt wurde, die man sich zu hören gewünscht hätte. Insgesamt aber ist die CD ein auditives Vergnügen, das trotz der eigentümlichen literarischen Form viele Ingredienzien des Weerthschen Oeuvres enthält. Die ironisch gebrochene Romantik zählt ebenso dazu wie ausführliche Schilderungen von Land und Leuten, gelegentliche Ausflüge in die „Nebelregionen der religiösen Welt“ (Marx) und natürlich – Satire.

Mit letzterem haben sich eine Reihe von Literaturwissenschaftlern aus dem Dunstkreis des Forums Vormärz Forschung in dem Sammelband Georg Weerth und die Satire im Vormärz auseinandergesetzt. Der Band beinhaltet die überarbeiteten Referate des internationalen Kolloquiums, das anlässlich des 150. Todestages Weerths im Juni 2006 in Detmold stattfand. Wie man es von den Veröffentlichungen der akademischen Weerthforschung gewohnt ist, finden sich auch in diesem Band interessante neue Aspekte und Zusammenhänge beleuchtet. Hervorzuheben ist etwa Raphael Hörmanns Vergleich der revolutionären Poesie bei Marx und Weerth. Er stellt darin die These auf, dass sich beide bei ihren Analysen der Revolution besonders dreier „Analogien bzw. Metaphern aus der Dramensprache bedienen: die der Gattungen Komödie, Tragödie und Farce.“ Während Bernd Füllners Ausführungen über die Satire im Feuilleton der NRhZ wenig Neues bereithalten und Florian Vaßen seine zutreffenden, aber ebenfalls bereits bekannten Thesen über Weerths Satire wiederholt, ist Michael Vogts Analyse des bislang etwas unterbelichteten Gedichts Herr Joseph und Frau Potiphar anregend. François Melis vertritt wie schon in seinem Beitrag aus dem Marx-Engels-Jahrbuch seine für diese Kreise provokante These, dass Weerth in seiner Zeit bei der NRhZ nicht in erster Linie feuilletonistisches geschrieben habe, sondern politische Analysen (vor allem über Belgien). Diese Position sollte weiter diskutiert werden, um herauszufinden, in welchem Ausmaß Weerth theoretisches Wissen über die Klassiker der Nationalökonomie sowie über die frühe Marxsche und Engelssche Kritik daran mit seinen empirischen Erfahrungen als Handlungsreisender verbinden konnte und daraus eine Kritik der Verhältnisse amalgamieren konnte.

Das Manko des Buches ist, wie sollte es auch anders sein, dass es staubtrocken und damit das glatte Gegenteil der Weerthschen Lyrik und Prosa ist. Die Autoren verfehlen den kritischen Kern seines Werkes, weil sie es zu einem Gegenstand der wissenschaftlichen Analyse herabsetzen, anstatt in kritischem Geiste an die Destruktion der Gegenwart zu gehen. Aber das ist wohl auch für ein Wissenschaftsracket zuviel der Erwartung. So mischen sich auch in diesem Band die Verdienste der Weerthforschung mit dem schlechten Beigeschmack der von Weerth so gehassten Philisterei.

Georg Weerth/Betty Tendering, Geliebte Fortuna, 1 Audio-CD und Booklet, Ca. 70 Minuten Spielzeit, Kaleidophon Verlag, Berlin 2007, € 14,95.


Literatur:

François Melis, Georg Weerth als Redakteur der „Neuen Rheinischen Zeitung“. Notwendige Autorschaftskorrekturen in Vorbereitung der MEGA²-Bände I/7-I/9, in: Internationale Marx-Engels-Stiftung Amsterdam (Hrsg.), Marx-Engels Jahrbuch 2005, Akademie Verlag, Berlin 2006, S. 174-206.

Michael Vogt (Hg.), Georg Weerth und die Satire im Vormärz, Forum Vormärz Forschung e. V., Vormärz-Studien XIII, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2007, 268 Seiten, € 34,80.

Georg Weerth, Briefwechsel mit Betty Tendering, Herausgegeben von Bruno Kaiser, Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1972, 94 Seiten, nur noch antiquarisch erhältlich.