Ausgabe #8 vom

„Immanenter Widerspruch“

Micha Brumlik kritisiert am Zionismus vorbei

MATHIAS SCHÜTZ

An Israel kann man verzweifeln. Knapp sechzig Jahre besteht der Judenstaat und dennoch hat sich Theodor Herzls Vision einer politischen Lösung der Judenfrage, die einher gehen müsste mit einem Aussterben des antisemitischen Ressentiments, nicht erfüllt, ganz im Gegenteil. Aus dem Judenstaat wurde unmittelbar der Jude unter den Staaten und er wird dies wohl vorerst auch bleiben. Wie die Juden in ihrer Geschichte als europäische Minderheit die längste Zeit über nicht als Bürger anerkannt waren und willkürlich verfolgt wurden, so hat der israelische Staat keine anerkannten Grenzen und wird tagtäglich mit Raketen beschossen. Leider führt die Verzweiflung über die scheinbar auswegslose Situation meist nicht zu Empathie und Solidarität gegenüber Israel, sondern zu blankem Hass. Der Frankfurter Pädagogikprofessor Micha Brumlik ist stets ein sicherer Kandidat, wenn es darum geht, all jenen, die in diesem Konflikt nur die Bestätigung für ihre pathischen Projektionen sehen, entgegen zu treten. Hierfür meidet Brumlik selbst schwer vermintes Terrain nicht, wie zuletzt die von ihm mit herausgegebenen Blätter für deutsche und internationale Politik, in denen sich aus notorischem Meinungspluralismus regelmäßig Antizionisten zu Wort melden dürfen und in denen er aufgrund seines Eintretens für Israel angefeindet wurde.

Umso erstaunlicher ist, dass Brumlik nun eine Kritik des Zionismus geschrieben hat. Freilich, Brumlik ist als Freund der Genfer Initiative bekannt, ebenso als Kritiker israelischer Politik im Rahmen einer grundsätzlichen Solidarität mit dem Judenstaat. Aber eine Kritik des Zionismus – genauer: des „politischen“ oder auch „staatsbildenden“ Zionismus – beinhaltet doch viel mehr als das Monieren von „Ethnodemokratie“, Siedlungsbau und Straßensperren; sie meint die Gründungsideologie des Staates, die säkulare, geistige Wurzel Israels, aus der auch heute noch ein Gros an Legitimität bezogen wird. Und genau hier setzt Brumlik an, bei der Staatsgründungsidee, die alle bis heute andauernden Konflikte als „keineswegs nur zufällige Verwirklichung einer im politischen Zionismus angelegten Möglichkeit“ (S. 25) in sich trage. Schon den frühen Zionisten wirft er vor: „Wer als Zeitgenosse Theodor Herzls mit Willen, Wissen und Bewusstsein Zionist wurde und ein Minimum an Wahrhaftigkeit und intellektueller Redlichkeit aufbrachte, konnte aber schon lange vor dem Ersten Weltkrieg die heraufziehende Tragödie nicht nur erahnen, sondern prognostizieren.“ (S. 63f.) Wahrscheinlich ließ die Art der Konflikte, die mit der zionistischen Besiedlung einher gingen, tatsächlich schon früh eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der arabischen Bevölkerung Palästinas befürchten. Doch angesichts mehrerer hunderttausend jüdischer Pogromopfer im Anschluss an den Ersten Weltkrieg, die ebenfalls nicht nur erahnen, sondern prognostizieren ließen, dass es noch schlimmer kommen würde, und eines sich beharrlich verfestigenden Antisemitismus unter den Arabern Palästinas, der jegliche rationale Sondierung oft von vornherein ad absurdum führte, erscheint die „Verdrängung“ des Konfliktpotentials weniger als sträfliche Abweichung vom philanthropischen zionistischen Programm, sondern vielmehr als alternativlose politische Strategie. Brumlik widerspricht sich förmlich, wenn er hier einen Mangel an Realitätssinn behauptet, um an anderer Stelle den Verfechter einer entschiedenen und rücksichtslosen zionistischen Feindbestimmung, Zeev Jabotinsky, als geradezu visionären Erkenner der politischen Lage zu bezeichnen.

Doch es geht um mehr, nämlich um eine „transzendente Kritik“ (S. 41) des Zionismus als normativ beladene Transformations- und Modernisierungsideologie des gesamten Judentums. Brumlik kritisiert, Gershom Scholem zitierend, „dass die historische Aufgabe des Zionismus eben eine ganz andere war, als die, die er sich selbst gestellt hat“ (S. 109). Aus der fundamentalen geistigen Erneuerung wurde eine bloße politische „Episode“ (Franz Rosenzweig). Der Staat Israel als Resultat des Zionismus befreite die Juden aus der Diaspora, die aber Rosenzweig gerade als konstitutiv für die Transhistorizität des Judentums angesehen hatte, weswegen dieser auch eine ambivalente Position zum Zionismus einnahm. Der Zionismus konnte und wollte als säkulare Bewegung zur Beendigung der „Judennot“ aber gar nicht die mannigfaltigen transzendenten Bedürfnisse des Judentums erfüllen, auch nicht in säkularisierter Form, als sozialistischer Utopismus; er wollte „nur“ einen Staat gründen. Und genau in dem Zusammenspiel aus mangelnder Transzendenz und der politischen Verortung des zionistischen Projekts, „wo es hingehört: in die Geschichte der europäischen Expansion seit 1492“ (S. 135), sieht Brumlik die immanenten, bis zur Selbstzerstörung wirkenden Widersprüche des Zionismus.

Mit seinem Beharren auf dem eigentlichen, transzendenten Wert, an dem der Zionismus zu messen sei, gießt Brumlik Wasser auf die Mühlen all jener, die, wie die durchgeknallte Naturei Karta, mit dem „unjüdischen“ Zionismus gleichsam den Staat Israel zu Grabe tragen wollen. Dies liegt Brumlik zwar vollkommen fern: „Auch wenn der Versuch einer normativen Neugründung des Judentums durch den Zionismus schon früh gescheitert – und das heißt widerlegt – ist, bleibt doch ein realpolitisches Experiment, dem man sich […] zu stellen hat.“ (S. 109 f.) Aber indem Brumlik den Sinn des Zionismus gerade nicht im Politischen verortet, ihm, auf Grund der Hegemonie des Politischen im Zionismus, eine Absage erteilt und alle paar Seiten sein Scheitern verkündet, bleibt es vollkommen unklar und vor allem unvermittelbar, warum dann ausgerechnet die Staat gewordene Konsequenz des Zionismus noch eine Existenzberechtigung haben sollte. Brumlik verkennt den Charakter der israelischen Staatlichkeit, wenn er proklamiert, Israel sei „weder rechtfertigungsfähig noch rechtfertigungsbedürftig.“ (S. 32) Und genau deswegen ist es so wichtig, im gleichen Atemzug, in dem die Frage nach einer Existenzberechtigung als irrelevant verworfen wird, auf der objektiven Existenznotwendigkeit zu beharren. Israel – und somit der „politische“ und „staatsbildende“ Zionismus – ist und bleibt wohl oder übel das notwendige Unterpfand jüdischer Existenz in einer Welt, in der der eliminatorische Antisemitismus grassiert. Dem steht auch nicht die Auswanderung von immer mehr Israelis entgegen, eine Entwicklung, die Brumlik so interpretiert, „dass Land und Staat Israel sogar in den Augen vieler ihrer jüdischen Bewohner geistig an Bedeutung verlieren.“ (S. 162) Dabei ist doch gerade solch ein vermeintlicher Bedeutungsverlust der positive Ausdruck davon, dass der Zionismus zu einer relativen Normalisierung jüdischen Lebens in der Diaspora beitragen konnte; weniger, weil Antisemitismus oder Assimilationsdruck verschwunden wären, sondern vielmehr weil es eine Basis gibt, die nicht nur als Rückzugsraum bereit steht, sondern dazu befähigt, aktiv und selbstbestimmt einzugreifen, wann und wo immer dies nötig sein sollte – von Entebbe bis Addis Abeba. Brumlik mag diese Rolle des Staates Israel für die Bewegungs- und Unternehmungsfreiheit, für das Selbstbewusstsein von Juden weltweit mitdenken oder auch nicht, sie wird nirgends expliziert und stattdessen etwa die Abschaffung des Rückkehrgesetzes gefordert. Und eben jene Mischung aus Auslassung und Benennung, die auf die konsequente Nichtbeachtung des fortbestehenden politischen und verbindenden Gehalts des Zionismus hinausläuft, macht Brumlik für den Antizionismus zitierfähig und -würdig, für eine Ideologie also, die er selbst als „eine schwach bemäntelte Form des Antisemitismus“ (S. 33) bezeichnet.

Brumlik verbindet die beiden Stränge der Kritik, die immanente und die transzendente, zu einem „Versuch einer geschichtsphilosophischen Kritik“ (S. 9) des Zionismus; und dieser Versuch führt zwangsläufig mitten in das Zentrum geschichtsphilosophischen Fortschritts, welches, wie Francis Fukuyama nach seiner Abwendung vom Neokonservatismus kürzlich betonte, selbstverständlich in Europa zu finden sei. Europa, diese politische und moralische Verheißung, die sich keinen Begriff vom Zustand der Welt machen muss, da sie sämtliche Konsequenzen aus den – freilich selbst verursachten – Schrecken der Menschheitsgeschichte gezogen hat, dieses „postmoderne Paradies“ (Robert Kagan) ist für Brumlik auch die Verheißung eines postzionistischen Israels. Brumlik erklärt sich das wie folgt: In Europa hat der Zionismus, diese verspätete, koloniale Nationalbewegung ihren Ausgang genommen und hierhin soll das postzionistische Israel, als Ausdruck der verspäteten Überwindung des nationalen Gedankens und überfällige Würdigung des suprastaatlichen und transhistorischen, weil diasporischen Charakters des Judentums, zurückkehren. Man könnte solch eine Vision auch etwas anders darstellen: Im von Deutschland beherrschten, antisemitischen Europa hat die Judenvernichtung ihren Ausgang genommen, die die zionistische Staatsgründung zu einem Akt existentieller Notwendigkeit und purer menschlicher Vernunft machte; und im von Deutschland dominierten, antizionistischen Europa soll auch das Ende des Staates Israel seinen Ausgang nehmen, nachdem die moralisierende Geschichtsphilosophie dem Zionismus die ideelle Berechtigung abgesprochen hat. Brumlik will Israel, aber nicht als zionistischen Staat, sondern als Mündel der EU. Er weiß, dass „die politischen Ziele von Hamas, Hisbollah und der gegenwärtigen iranischen Staatsführung […] derzeit auf eine Elimination nicht nur des jüdischen Staates, sondern auch der jüdischen Bevölkerung Israels ausgerichtet [sind]“ (S. 170). Aber von der subtilen Unterstützung, die diese politischen Ziele durch die EU erfährt, ob auf politischer oder gesellschaftlicher Ebene, will Brumlik nichts wissen. Und so erscheint seine Kritik des Zionismus bestenfalls als genau das, was er selbst in etwas verharmlosender Manier Tony Judt und dessen Idee eines binationalen Staates vorwirft - als „Ausdruck politischer Verzweiflung“ (S. 17).

Micha Brumlik: Kritik des Zionismus, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2007, 198 S., 16,90 €.