Ausgabe #8 vom

Etappe im Dauerstreit

German Images (5): Über Jugendgewalt und Islamophilie

RAINER WASSERTRÄGER

Im Januar wurde eine neue Etappe im Dauerstreit um die Integration moslemischer Deutscher eingeläutet. Roland Koch hatte im hessischen Wahlkampf erfolglos versucht, mit rassistischen Sprüchen Wählerstimmen zu binden, indem er einen Überfall in einer Münchener U-Bahn-Station, bei dem ein Rentner fast tot geprügelt wurde, als Beispiel einer „Ausländerkriminalität“ anführte, gegen die nur noch Abschiebungen und Boot-Camps hülfen. Nachdem der Versuch der rassistischen Stimmungsmache kläglich gescheitert war, weil einzig die Bild-Zeitung mitmachen wollte, fühlten sich die Ideologen der Berliner Republik bestätigt. Dass Koch bewusst von Ausländer- und nicht von islamischer Gewalt gesprochen hatte, störte dagegen niemanden. Die Süddeutsche Zeitung, jenes nichtswürdige Verlautbarungsorgan der linksliberalen Mitte, setzte sogar noch einen drauf und versuchte die lieben Moslems von jedem Verdacht freizusprechen: „Niemand wird mehr nach der Terrorgeschichte der letzten 15 Jahre die Gefährlichkeit islamistischer Zirkel abstreiten“, gestand sie zu, nur um im nächsten Satz sogleich Entwarnung zu geben: „Doch von dieser Einsicht zu schließen auf eine totalitäre Disposition ganzer islamischer Minoritäten, ist, um es vorsichtig zu sagen, unüberlegt.“ (SZ, 16.01.08)

Dass in Bezug auf die Jugendkriminalität niemand über eine solche totalitäre Disposition islamischer Minderheiten gesprochen hatte, war der SZ herzlich egal, weil sie lediglich einen Pappkameraden brauchte, an dem sie ihren multikulturellen Schmusekurs ausagieren konnte. Auch die SZ wollte nicht über Zwangsheiraten, Gewalt gegen Homosexuelle und Abweichler, über die Geschlechterapartheid und das Kopftuch in islamischen Communities reden, Formen der handfesten Gewalt, die den Einzelnen zum brutalen und autoritären Gläubigen zurichten, der sich als gebrochenes Individuum an der Welt für sein Schicksal rächen möchte und sie deshalb selbst mit Gewalt überzieht. All das erweckt bei der heuchlerischen rot-grünen Mitte kein Interesse, weil es ihr gar nicht darum geht, gewalttätige Verhältnisse einzudämmen, sondern nur darum, die eigenen Vorurteile zu bestätigen. Sie sieht die deutschen Moslems immer und überall als bemitleidenswerte Opfer, weil auch die Alt-68er und jene, die sich positiv auf dieses Erweckungserlebnis neudeutscher Aufbruchsstimmung beziehen, sich trotz Karriere, Kindern und Kombi insgeheim als Opfer des Kapitalismus fühlen, den sie ganz narzisstisch mit einer groß angelegten Verschwörung assoziieren. Weil niemand ihre Genialität und Einzigartigkeit erkennt und sie in der Ununterscheidbarkeit des Mittelmaßes versinken, projizieren die Beamten, Künstler und Werbefuzzis ihre eigene Ohmacht auf die Moslems, die ihnen so fremd und doch zugleich so ähnlich zu sein scheinen. Und so kommt es, dass alles, was Moslems tun, von ihnen als Verzweiflungstat gerechtfertigt wird, sei es ein Selbstmordattentat vor einer israelischen Diskothek, sei es die Entführung amerikanischer Journalisten im Irak oder sei es die von türkischen Jugendlichen begangene „Attacke auf Passanten und U-Bahn-Fahrer“, die die SZ sogleich als „Affekt gegen die hegemoniale Mehrheitsgesellschaft“ deutete. Aufgrund der Intensität der Projektion, die nicht aufbrechen darf, weil darin das Betriebsgeheimnis der persönlichen Korrumpiertheit verborgen liegt, ist immer der Westen der Täter, die Moslems erscheinen als unschuldig und rein. Das Credo der SZ lautete deshalb: „Der wahrgenommene islamische Fundamentalismus gebiert einen Fundamentalismus des Anti-Islam.“ Nicht die tagtäglich verübten Mordtaten des militanten Islam seien verantwortlich dafür, dass es Islamgegner gibt, sondern ihre Wahrnehmung. Und: Wer gegen Selbstmordattentate und heiligen Krieg, aber auch wer gegen Kopftuch und Sittenreinheit ist, der entpuppt sich in den Augen der Münchener Fundamentalanalytiker als ein mindestens ebenso großer Radikalinski wie Osama Bin Laden. Die mit dem Tode bedrohten Kritiker des Islam – Salman Rushdie und Ayaan Hirsi Ali – bezeichnete die SZ deshalb folgerichtig als „intellektuelle Alarmisten“.