Ausgabe #8 vom

Editorial

In eigener Sache

Liebe Leserinnen und Leser,
 
 
der deutsche Arbeiter hat es schwer, gerade wenn er aus dem Ruhrpott kommt. Denn dort, wo zunehmend alle Räder stillstehen, obwohl des Proleten starker Arm das überhaupt nicht gut findet, ist der Kapitalismus besonders hässlich. Man muss nämlich in Wanne-Eickel und Umgebung für einen Hungerlohn arbeiten, während die Managergehälter weiter steigen und die Gewinne der Unternehmen jedes Jahr weiter Rekordsummen erreichen* und das ist doch nun wirklich nicht einzusehen. Würden die Unternehmen keine Gewinne machen, dann ginge das mit dem Hungerlohn ja schon in Ordnung, aber wenn man dabei zugucken muss, wie gierige Ackermänner in Saus und Braus leben, ist Widerstand angesagt. Der Verbraucher lässt es sich nicht mehr länger bieten, dass die Preise für Milchprodukte, wie Käse usw. steigen, weil man in Shanghai und Neu-Delhi plötzlich durch den Aufschwung in China und Indien auch auf die Idee kommt, Pizza Hawaii und Cappuccino zu sich zu nehmen. Wer soll denn bei so hohen Käsepreisen, bei Drogenkonsum, Gewaltbereitschaft und Sexismus überhaupt noch seinen Wunsch, eine Familie zu gründen, verwirklichen können – ganz zu schweigen von einer gesunden Erziehung! Die skrupellosen Kapitalisten, die es aufs Volkswohl abgesehen haben, produzieren ganz bewusst Handys, mit denen sich die Jugendlichen aus dem Internet herunter geladene Gewaltvideos ansehen, anstatt sich kritische Reportagen über Umweltzerstörung und amerikanische Gotteskrieger im Westdeutschen Rundfunk zu Gemüte zu führen. Überhaupt: die Jugend, die ist total verkommen. Auf Partys wird sich ins Koma gesoffen, währenddessen sich auf der Toilette jemand mit den Folgen einer Überdosis Koks herumschlägt. Und während die Jugend das Taschengeld für Drogen verprasst, steht der Arbeiter dumm da. Denn sein Geld wird immer weniger, er kann die hedonistischen Gelüste seiner Kinder kaum noch finanzieren. Doch nicht nur das: Hinzu kommen Kriege und dadurch entstehende Flüchtlingsströme, die unsere deutschen Arbeitsplätze bedrohen. Wenn die Iraker uns Deutschen auch noch die ohnehin schon knappen Arbeitsplätze wegnehmen, dann bleibt ja gar kein Geld mehr – weder für Käse, noch für Handys, und auch nicht für Drogen. Es ist zum Verzweifeln. Und wenn der deutsche Arbeiter dann in Gedanken versunken über den Marktplatz von Bochum spaziert und sich in Groll über die rumänischen Nokia-Kollegen ergeht, die doch gar nicht so effizient arbeiten können wir er selbst, dann platzt plötzlich eine Naturkatastrophe über ihn herein und er ist auch noch nass bis auf die Knochen. Nicht auszuhalten das. Schnell nach Hause in die gute Stube, denkt sich der deutsche Arbeiter. Doch zu Hause angekommen, muss er feststellen: Da sitzt ja schon jemand auf dem Sofa und trinkt Bier: Es ist der Sicherheitsstaat, der sich da breit macht und die verbliebene Demokratie im Hause des deutschen Arbeiters ablöst
 
 Doch für den Arbeiter gibt es noch Hoffnung, denn er hat die Wahl: Er kann einfach weitermachen wie bisher oder der Jugend nacheifern und sich den Kopf voll dröhnen. Denn: Nimmst Du die rote Pille, sieht das alles schon ganz anders aus. Sie wird dir die Augen öffnen und plötzlich scheint Dir dein eigenes Leben so fremd und fern. So muss es sein, wenn man stoned ist, denkt der deutsche Arbeiter und schiebt noch ´ne Pulle Korn hinterher. Jetzt kann er gut schlafen, damit er am nächsten Tag wieder neu dem Kapitalismus und all den fiesen Heuschrecken trotzen kann. Und das ist auch gut so.
 
 Viel Vergnügen bei der neuen Ausgabe wünscht 
 
 Die Redaktion
 
 Köln, März 2008 
 
 * Alle kursiven Passagen sind dem Aufruf zur „Antikap-Demo“ in Essen vom 9. Februar 2008 entnommen.