Ausgabe #8 vom

„…die ganze Bandbreite antikapitalistischen Ressentiments“

Kapitalismuskritik zwischen Regression und Revolution

PHILIPP LENHARD

Dass man den Kapitalismus nicht personalisieren darf, weil das „verkürzt“, falsch und gefährlich ist – diese Erkenntnis ist mittlerweile auch beim hinterletzten Autonomen angekommen. Personalisierung ist böse, weiß man, und stürzt sich nur umso begieriger auf „Strukturen“ und „Diskurse“. Und auch die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, jenes für konservative, aber gerade deshalb moderne junge Leute auf den Markt geworfene Blatt, hat aufgepasst. Unter der Überschrift Von Raffgier und Ausbeutung. Wie unsere Schulen Wirtschaft vermitteln referierte Stefan Theil dort am 20. Januar die Ergebnisse seiner Studie über das Wirtschaftsbild in 20 Schulbüchern. Theil hat dabei sensationeller Weise herausgefunden, dass die Lehrbücher kein positives Bild des Kapitalismus vermitteln. Er beschwert sich, Kapitalismus erscheine dort „mit den Adjektiven ‚brutal’, ‚wild’ und ‚amerikanisch’“ und es sei „die ganze Bandbreite des antikapitalistischen Ressentiments“ in den Büchern zu finden. Auch reißerische Karikaturen von raffenden Kapitalisten tauchten in den Lehrmaterialien zuhauf auf: „Getreu nach Marx arbeiten Unternehmer und Reiche also nicht, sondern besitzen nur.“ Zum Thema Globalisierung, das einzig mit sozialer Kälte und „moderner Sklaverei“ in Zusammenhang gebracht werde, verwiesen einige Bücher sogar auf die Gruppierung Attac – Argumente für die Globalisierung fehlten gänzlich.

Deutscher Antikapitalismus

Nun ist das Einzige, was an Theils Erkenntnissen wirklich verwundert, dass er sie für einen Skandal hält. Schließlich könnte man, wenn man nicht ganz naiv ist, wissen, dass Antikapitalismus in Deutschland seit jeher beliebt und der authentische Ausdruck deutscher Zivilisationsfeindschaft ist. Der Fehler, diesen Antikapitalismus für eine revolutionäre und prinzipiell fortschrittliche Sache zu halten und daher zu meinen, Volkes Unmut nur noch aufgreifen und zuspitzen zu müssen, den Generationen volkstümelnder Revolutionäre begingen, lag oft genug darin begründet, dass sich der Antikapitalismus der Revolutionäre selbst gar nicht so sehr von dem des Volkes unterschied. Spätestens 1933 hätten Kommunisten dem reaktionär-antikapitalistischen Wahn entschieden den Kampf ansagen müssen, anstatt ihn in seiner Radikalität übertreffen zu wollen. Weil die KPD diesen Kampf nicht führen wollte oder konnte, hat auch sie – trotz des Widerstandes gegen die Nazis, den viele Kommunisten mit dem Leben bezahlten – ihren ganz eigenen Beitrag dazu geleistet, dass Auschwitz möglich war. Nur als radikale Selbstkritik angesichts des Ausbleibens nennenswerten kommunistischen Widerstandes gegen den Holocaust kann seither der Kapitalismus kritisiert werden. Nicht etwa, weil Kapitalismus und Nationalsozialismus nichts miteinander zu tun hätten, sondern deshalb, weil auch der von der KPD vertretene Antikapitalismus zu großen Teilen antisemitisch war. Es ist kein Wunder, dass die ersten kritischen Auseinandersetzungen mit dem Antisemitismus von Leuten geführt wurden, die „zu links für die KPD“ (Detlev Claussen) waren: den Vertretern der Kritischen Theorie.

Die Kritische Theorie reflektierte auf das Scheitern der Linken wie auf das Ausbleiben der Weltrevolution zu einem Zeitpunkt, als sie am dringendsten nötig gewesen wäre. Sie zeigte auf, in welcher Weise und in welchem Ausmaß die Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft den Nationalsozialismus als barbarisches Erlösungsmodell in sich bergen und damit, weshalb die Bürger innerhalb kürzester Zeit zu glühenden Anhängern Hitlers werden konnten. Die reale Verkehrung von Abstrakt-Allgemeinem und Sinnlich-Konkretem, die Grundlage jedes Tauschaktes ist, verwandelt den Einzelnen in ein nichtswürdiges Rädchen in einem unüberschaubaren und allmächtig auftretenden Getriebe. „Innerhalb des Werthverhältnisses und des darin einbegriffenen Werthausdrucks gilt das abstrakt Allgemeine nicht als Eigenschaft des Konkreten, Sinnlich-Wirklichen, sondern umgekehrt das Sinnlich-Konkrete als bloße Erscheinungs- oder bestimmte Verwirklichungsform des Abstrakt-Allgemeinen.“ [1] Das Individuum sieht sich einer großen, hinter den Kulissen sich abspielenden Verschwörung ausgesetzt, in der es immer nur als Mittel zu sinistren Zwecken herabgesetzt wird. Die Rebellion gegen das Abstrakte, die der Holocaust wesentlich war, trachtete danach, den schier nicht auszuhaltenden Widerspruch zwischen Allgemeinem und Besonderem aufzuheben und trat deshalb als Parteinahme für die äußerste Konkretion – Blut und Boden – auf. Das Geld, das in gutbürgerlicher Manier als reines Tauschmittel interpretiert wurde, durfte nicht angetastet werden, weil es als Äquivalent die Summe aller Einzeldinge repräsentierte und damit zum Garanten der natürlich-völkischen Ordnung avancierte. Weil das Abstrakte der Gesellschaft nur im Geld erscheint, dieses aber als Inkarnation des Gegenteils, der Totalität der Einzeldinge, fetischisiert wurde, suchten die Deutschen nach einer anderen Materialisierung des verteufelten abstrakten Prinzips. Um des Unheils habhaft zu werden, griffen die deutschen Warenhüter zur Biologisierung und Personalisierung des Geldes und produzierten den Geldjuden. An den empirischen Juden, die als Geldjuden ermordet wurden, agierten die Deutschen ihren Hass auf Abstraktion, Anonymität und Individualität aus und schufen in der Vernichtung die Volksgemeinschaft konkreter Mörder.

Mit der Marktwirtschaft gegen Schmarotzer

Die Kritische Theorie, die die falsche Versöhnung als kapitalgeborene erkannte und gerade deshalb bei aller selbstverständlichen Parteinahme für die Alliierten nie den Konnex zwischen Wertvergesellschaftung und Vernichtung verleugnete, hat gezeigt, wie sehr die Kapitalisierung der Gesellschaft eine Voraussetzung für den Holocaust war, ohne dass Kapitalismus und Nationalsozialismus einfach in eins fallen würden. So sehr kapitalistische Mächte gegen die deutschen, von Hitler angeführten Antikapitalisten kämpften, so wenig waren sie nach der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen imstande, die Möglichkeit einer Wiederholung von Auschwitz für die Zukunft auszuschließen, weil die gesellschaftlichen Bedingungen für den antisemitischen Wahn um der Aufrechterhaltung kapitalistischer Herrschaft willen nicht angetastet werden durften. Seither wird von demokratischen Antifaschisten jeglicher Couleur verdrängt, dass Kapitalismus kein Heilmittel gegen faschistischen Antikapitalismus ist, sondern langfristig gesehen nur die Überwindung menschenunwürdiger Zustände dieses Heilmittel sein kann. Schon Marx wusste, dass "die Emanzipation des Deutschen" zugleich "die Emanzipation des Menschen" sein muss, nämlich die Emanzipation der Menschheit von den Deutschen. [2] Nur wer begreift, dass die Individuen das sind, was die Verhältnisse aus ihnen gemacht haben, kann sinnvoll fordern, die Bedingungen für den Ausbruch moderner Barbarei abzuschaffen. Der freie Wille, der den Ideologen so leicht über die Lippen kommt, ist eine Lüge, wenn verschwiegen wird, zwischen welchen Optionen die Bürger wählen können. Die Realabstraktion des Geldes, die ihr Leben bestimmt und sie buchstäblich zu Wahnsinnigen macht, ist kein frei gewähltes Vergesellschaftungsprinzip, sondern setzt sich als blind vor sich hin prozessierendes Herrschaftsverhältnis. Ohne das Geldrätsel zu lösen, bleibt dem Individuum nur die Wahl zwischen der passiven Erduldung der Herrschaft und der konformistischen Rebellion, die das Unbegriffene personalisiert und zum Abschuss freigibt. Die Propagandisten der Marktwirtschaft wissen daher selbst nicht, was sie sagen. Ihr Lob des Kapitals und ihre Verharmlosung des Geldes wirken nachgerade lächerlich, weil jeder sofort merken kann, dass ihre Worte nichts als Unfug sind. Gerade das Naive macht sie in gewisser Weise sympathisch, sie wirken ungefährlich, wie Kinder, die sich in ihrer blühenden Fantasie eine Geschichte ausgedacht haben, um die Welt interessanter und erträglicher zu machen. Doch schneller als man denkt, schlägt das Kindische um in aggressiven Hass auf die Schmarotzer und Faulpelze, die sich angeblich nicht den Direktiven des Kapitals unterwerfen wollen. Die größten Liberalen werden zu wutentbrannten Neidbeißern und verfolgungshungrigen Stalinisten, wenn die Grenzen ihrer Toleranz gesprengt werden. So passt es zusammen, dass über die sowjetischen Gulags geklagt und zugleich in derselben Zeitung begeistert über die Verschiebung eines straffälligen Jugendlichen nach Sibirien gejubelt wird.

Kapitalismus als Heilsbotschaft

Wenn Ideologen vom Schlage eines Stefan Theil scheinbar kritisch die triefende Moral deutschen Antikapitalismus anprangern und auf reale Parallelen mit der Nazipropaganda verweisen, dann haben sie stets die Heilsbotschaft des freien Marktes im Gepäck, an die zu glauben jedem bei Strafe politischer Stigmatisierung anempfohlen wird. Nicht dass der Kapitalismus personalisiert, sondern dass er überhaupt infrage gestellt wird, stört die FAS. Unabhängig davon, ob der Unmut sich reaktionär oder emanzipatorisch äußert – denn das ist ihr ohnehin einerlei –, gilt ihr jeder, der die bestehenden Verhältnisse für abschaffenswert hält, als Barbar, der der Menschheit die Segnungen des freien Kapitalverkehrs nehmen möchte. Dass es eine Kritik geben könnte, die sich nicht an Luxus und Überfluss, sondern am Ausschluss des größten Teils der Menschheit von diesen Verheißungen stößt, kommt ihr ebenso wenig in den Sinn wie die Tatsache, dass auch die von ihr protegierten Bürger größtenteils einem gesellschaftlich, aber unbewusst produzierten Schicksal unterworfen sind, das völlig willkürlich waltet und jeden Einzelnen in die Panik treibt. Die Krise, die den Bürgern wie ein Damoklesschwert über den Köpfen erscheint, ist in Wahrheit kein über die Normalität hereinbrechendes Ereignis, sondern die Normalität selbst. Um so verschärfter der Konkurrenzkampf geführt wird, weil die Mehrwertrate gesteigert werden muss und der Anteil menschlicher Arbeit an der Produktion auf Grund technischer Neuerungen ständig sinkt, um so mehr stehen sich die Menschen als Feinde gegenüber, die sich noch die Butter auf dem Brot neiden und bereit sind, für geringste materielle Werte zu lügen, zu hetzen, zu schlagen oder zu töten. Eine Gesellschaft, die so verfasst ist, dass die Menschen sich gegenseitig ausstechen müssen, ist von permanenter Angst und Aggressivität gekennzeichnet. Dass diese Panik periodisch über den staatlich vorgegebenen Rahmen gesellschaftlicher Auseinandersetzungen hinausgehen muss und die Warenmonaden im Schockzustand wahllos um sich schlagen, ist wahrlich kein Argument für mehr Marktwirtschaft, sondern das gerade Gegenteil. So sehr Kapitalismuskritik sich die enormen Schwierigkeiten des Aufbaus einer kommunistischen Gesellschaftsordnung auch in ganz und gar konterrevolutionären Zeiten vor Augen führen und hartnäckig Selbstkritik betreiben muss, so sehr ist doch festzuhalten, dass die bloße Existenz des herrschenden Elends zu jedem Zeitpunkt Grund genug ist, die Verhältnisse umzustürzen. Dass dieser Umsturz keine einfache Negation des Kapitalismus sein darf, sondern nun einmal eine Aufhebung, also eine bestimmte Negation, die nicht hinter das freiheitliche Niveau der alten Gesellschaft zurückfällt, sein muss, ist zwar eine Binsenweisheit, aber eine, die nicht oft genug in Richtung der linken Reaktionäre und bürgerlichen Antikommunisten wiederholt werden kann.


Anmerkungen:

[1] Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie [Erstauflage], Anhang zu Kapitel I, 1, in: MEGA II.5, Berlin 1983, S. 634.

[2] Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, in: MEW 1, Berlin 1976, S. 391.