Ausgabe #7 vom

Making Minds

Ahmadinejad in New York und die Krise des Liberalismus

ESTHER MARIAN

Als Mahmoud Ahmadinejad am 24. September anlässlich der UNO-Vollversammlung in New York an die Columbia University kam, um auf deren Einladung vor Studierenden, Lehrenden und ausgewählten Gästen im „World Leaders Forum“ eine Rede zu halten, bekam er von Lee Bollinger, dem Präsidenten der Universität, zur Begrüßung nicht die schmeichelnden Worte zu hören, die er vielleicht erwartet hatte. „Mr. President, you exhibit all the signs of a petty and cruel dictator“, hieß es in Bollingers Eröffnungsansprache, und weiter, in Hinblick auf die Propagandalüge des iranischen Präsidenten, Auschwitz sei eine Erfindung jüdisch gelenkter Massenmedien: „You are either brazenly provocative or astonishingly uneducated.“ Bollinger bezeichnete die amerikanischen Soldaten in Afghanistan und Irak ausdrücklich als „brave“ und gab ihnen recht darin, den iranischen Staat als Feind zu betrachten; zu Israel bekannte er sich in aller Eindeutigkeit. In seiner Rede könne sich Ahmadinejad nur blamieren, denn ihm sei nicht die intellektuelle Courage zuzutrauen, auf die Fragen zu antworten, die er, Bollinger, ihm gestellt habe – die Fragen bezogen sich vor allem auf die Zustände im Iran, auf die Vernichtungsdrohungen gegen Israel und die vom Iran aufgestellten irregulären Truppen im Mittleren Osten –, sondern zu erwarten sei vielmehr der Ausdruck des „fanatical mindset that characterizes so much of what you say and do“. Bollinger schloss seine Begrüßung mit den Worten: „I feel all the weight of the modern civilized world yearning to express the revulsion at what you stand for. I only wish I could do better.“ [1] 

Reden wie diese, die einen Konsens darüber voraussetzen, dass der weltweit grassierende Zivilisationshass einen Feind darstellt, dem es entschlossen entgegenzutreten gilt – nicht umsonst sprach Bollinger davon „that one should know thine enemies“ und von der Notwendigkeit „to confront the mind of evil“ – werden von deutschen Kommentatoren normalerweise ignoriert oder, falls das nicht geht, mal dämonisiert, mal ins Lächerliche gezogen. Wenn in den Kommentaren diesmal neben Häme und Ironie auch Anerkennung durchklang, dann deshalb, weil Bollinger überhaupt den Dialog mit dem Präsidenten eines antisemitischen Staatswesens geführt und damit seiner eigenen Einsicht, derzufolge es nichts zu diskutieren gab, zuwidergehandelt hatte. Gelobt wurde er in Deutschland vor allem dafür, dass er die Einladung wochenlang Kritikern gegenüber mit dem Argument gerechtfertigt hatte, das Prinzip der Meinungsfreiheit und der universitären Debatte lasse ihm keine andere Wahl. Gerade dieses liberale Argument, das in einer postfaschistischen Gesellschaft wie der deutschen besonders dann gerne angeführt wird, wenn es darum geht, antiliberale Meinungen gegen Kritik abzuschirmen, machte in Amerika die Begrüßungsansprache vielen suspekt, die an ihrem Inhalt ansonsten wenig auszusetzen gehabt hätten. Das Recht auf Meinungsfreiheit – man kann das in Deutschland nicht oft genug betonen – bezieht sich ausschließlich darauf, dass der liberale Staat Meinungsäußerungen seiner Bürger toleriert, solange sie seine Souveränität nicht gefährden, also in Hinblick auf sie folgenlos bleiben. Keineswegs verpflichtet es die Individuen dazu, sich gegenüber allen Meinungen neutral zu verhalten, und erst recht verlangt es nicht von Institutionen wie der Columbia University, ein Podium, das sonst auch nicht jedem offen steht, ausgerechnet Ahmadinejad anzubieten. Die Distanzierungsübung Bollingers kam deshalb bei denjenigen, die sich im Vorfeld gegen die geplante Veranstaltung ausgesprochen hatten, nicht ganz so gut an: „too little, too late“ sei dies gewesen, meinte Rudi Giuliani und mit ihm die konservative Presse, namentlich die New York Post und die Daily News, die Bollinger vorwarfen, angesichts der Ungeheuerlichkeit der Einladung schnell noch den Ruf der Universität retten zu wollen. Die Bush-Hass-Fraktion hingegen stimmte Ahmadinejad darin zu, dass sich solch ein respektloses Verhalten einem eingeladenen Gast gegenüber nicht zieme. Während Kritik daran, dass Ahmadinejad überhaupt eingeladen worden war, in Europa erwartungsgemäß kaum zu hören war, kam der Vorwurf der Respektlosigkeit mit einer Woche Verspätung dann doch noch in der europäischen Provinz an, etwa bei Universitätsdozent John Bunzl in Wien, der sich in einem Interview mit dem iranischen Nachrichtendienst IRNA über Bollingers „rude behavior“ beschwerte und Ahmadinejads antisemitischem Gefasel von Medienmanipulation in den USA explizit zustimmte. [2]

Auch Stefan Kornelius, der in der Süddeutschen Zeitung über das Ereignis berichtete, ärgerte sich über Bollingers Eröffnungsansprache – das bezeugen Vokabeln und Wendungen wie „höchst provokativ“, „Beschimpfungen“, „Suada aus politischen Brutalitäten, manchmal leichten Beleidigungen und atemloser Provokation“ wie auch der leise Stolz darauf, dass Ahmadinejad „mit einer großzügigen Geste konterte“ und Bollinger „in die Ecke stellte“ – doch bemerkenswert an seinem Artikel ist etwas anderes. Es habe Mut dazu gehört, so Kornelius, sich auf diese Art und Weise gegen den anwesenden iranischen Präsidenten zu wenden, zumal Bollinger häufig zwischen den unversöhnlichen Lagern in den Fakultäten, bei den Studenten und den Geldgebern „um sein Überleben kämpft“. Er habe „wie gejagt“ gewirkt. [3] Damit hat Kornelius etwas angesprochen, auf dessen Implikationen er freilich nicht weiter eingeht und das er auch nicht begründet: dass nämlich Bollingers „veritabler Gegner“ (Kornelius über Ahmadinejad), an den sich die Einleitungsrede richtete, in Wahrheit weniger der iranische Präsident als das Publikum, d. h. der Lehrkörper und die Studenten der Columbia University selbst war. Wie viel Mut Bollinger tatsächlich aufbrachte, kann man nur ermessen, wenn man sich die Verhältnisse an einer Universität ansieht, an der ein teach-in eines Auschwitzleugners, der die Vernichtung Israels auf sein Programm gesetzt hat, als bereichernde Lehrerfahrung gilt.

Bollinger ist vorzuwerfen, dass er die Einladung Ahmadinejads ausgesprochen und sie durch seine fadenscheinige Berufung auf die Notwendigkeit universitärer Meinungsvielfalt und freier Diskussion, die er in seiner Eröffnung noch einmal wiederholte, gerechtfertigt hat, aber er hätte sie von sich aus nicht betrieben. Seine Abscheu für Ahmadinejad kann man ihm durchaus abnehmen. Die Initiative für die Einladung ging nicht von der zentralen Universitätsleitung, sondern von der School of International and Public Affairs (SIPA) aus. Deren Dean, John Coatsworth, der die Veranstaltung zusammen mit einem weiteren Professor, Richard Bulliet, organisiert hat, war so unverfroren, zwei Tage vor Ahmadinejads Auftritt bei FOX News seelenruhig zu erklären, wenn Hitler heute leben würde, wäre auch er an der Columbia University willkommen, solange er zur Debatte bereit sei – natürlich nicht der Hitler der Vernichtungslager, wie er sich, von Journalisten zur Rede gestellt, zu versichern beeilte, sondern der von 1939. [4] Coatsworth ist ein linker Lateinamerikaexperte, der als Professor in Harvard eine Petition gegen die Investitionen der Universität in Israel unterschrieben hat. [5] Auf der Veranstaltung mit Ahmadinejad moderierte er die Frage- und Antwortrunde und schüttelte dem iranischen Präsidenten nach dem tosenden Schlussapplaus lächelnd die Hand. [6] Man muss sich nun klarmachen, dass genau dieser Coatsworth keineswegs der engagierteste Israelfeind an der Universität ist, sondern vielmehr 2006 von Bollinger zum Interim Dean ernannt wurde mit dem einzigen Zweck, die unmittelbar Israel- und USA-feindliche Fraktion an der SIPA zurückzudrängen. [7]

Dass der von Bollinger vorausgesetzte Konsens keiner war, kann man sich denken, wenn man weiß, welchen enormen Einfluss Edward Said an der Columbia University, an der er bis zu seinem Tod 2003 Englisch und vergleichende Literaturwissenschaft lehrte, hatte und hat [8]. Das volle Ausmaß der Katastrophe offenbart sich aber erst, wenn man einen Blick darauf wirft, was am Middle East Institute vor sich geht, einer interdisziplinären Einrichtung der SIPA, deren Programm einen Querschnitt aus den Programmen einer Reihe anderer Fächer darstellt. Wie andere Institute der SIPA beansprucht auch dieses „to train leaders in international and public affairs“: unter den Absolventinnen und Absolventen sind nach Angaben der Fakultät „diplomats, intelligence analysts, security experts, business leaders, human rights activists, and NGO leaders throughout the world“ [9]. Ganze Generationen politischer und ökonomischer Kader werden hier geschult. Das geschieht zum einen in Lehrveranstaltungen üblichen Zuschnitts und durch Vorträge und Podiumsdiskussionen, zum anderen aber, zum großen Stolz der Universität, durch Veranstaltungen mit Politikern und Diplomaten aus ausgewählten Staaten. Zum Diplomaten- und Gangstermilieu im nur wenige Kilometer entfernten UN-Hauptgebäude, das Pedro Sanjuan so plastisch geschildert hat [10], bestehen die lebhaftesten Beziehungen. Es ist nichts Ungewöhnliches, dass am Institut Politiker aus arabischen Staaten oder hohe UN-Funktionäre aufkreuzen: Letztes Jahr wurde beispielsweise Moammar Ghadhafi willkommen geheißen [11], im Januar dieses Jahres war der syrische Botschafter in den Vereinigten Staaten dort, um einen Vortrag zu halten [12], und erst kürzlich kam Mokhtar Lamaniid, Gesandter der Arabischen Liga im Irak und ehemaliger Botschafter der Organisation der Islamischen Konferenz bei der UN, zu Besuch [13]. Richard Bulliet, der den Kontakt zwischen der iranischen UN-Delegation und der Columbia University vermittelt hat – nach eigener Aussage, um damit einem Krieg zwischen den USA und dem Iran entgegenzuwirken und das Publikum zu einem eigenen, durch die Medien unverfälschten Verständnis für die Gedankenwelt Ahmadinejads zu bewegen – erzählt stolz, dass er selbst in seiner Zeit als Leiter des Instituts Kommandanten der afghanischen Mujaheddin, darunter Gulbuddin Hekmatyar, und eine Delegation von Taliban aus Afghanistan eingeladen sowie eine Konferenz über palästinensischen Nationalismus finanziert hat. [14] Ahmadinejads Rede fällt in keiner Weise aus dem Rahmen; sie war nur die erste in einer ganzen Vortragsreihe, die explizit in Zusammenhang mit dem 30jährigen Jubiläum der Islamischen Republik Iran steht [15] und bei der im laufenden akademischen Jahr neben Akademikern auch ehemalige Repräsentanten dieses Staates noch zu Wort kommen sollen [16].

Nicht nur die Auswahl der eingeladenen Politiker ist bezeichnend – ein israelischer Ministerpräsident oder UN-Vertreter taucht auf der langen Veranstaltungsliste seit Herbst 2000 jedenfalls nicht auf –, sondern auch die Themen der sonstigen Vorträge, Buchvorstellungen und Podiumsdiskussionen. Gerade das aktuelle Veranstaltungsprogramm zeigt, dass man, wäre es nur um die Inhalte der Rede Ahmadinejads gegangen, fast ebenso gut irgendeinen anderen Vortrag hätte besuchen können. So ging es am 10. Oktober 2007 darum, „how the Bush Administration plans to subvert the Iranian government and lie about it to the American people“ [17], am 25. Oktober um „the daily struggles, fear, and anger of Palestinian farmers and teachers, and the hostility of Israeli soldiers and settlers“ [18] und für den 7. November war eine Veranstaltung zum Thema „Engaging Iran: The Rise of a Middle East Powerhouse and America's Strategic Choice“ angekündigt, auf der der Referent erneut zur Zusammenarbeit zwischen den USA und dem Iran aufgerufen haben dürfte [19]. Walts/Mearsheimers Rechtfertigung des islamischen Terrorismus als Folge des Bündnisses der USA mit Israel und ihr Plädoyer dafür, Israel dem antisemitischen Mob zum Fraß vorzuwerfen, um die Beliebtheit Amerikas in der Welt zu steigern, durfte auf dem Programm dieses Oktobers ebenfalls nicht fehlen, wobei die Einladung in diesem Fall von Coatsworth und der SIPA ausging [20].

Leiter des Middle East Institute ist gegenwärtig Rashid Khalidi, dessen einziges Forschungsinteresse seit Beginn seiner akademischen Karriere die Delegitimierung Israels und die Propaganda für den palästinensischen Identitäts- und Opferwahn ist. Seine Bücher tragen Titel wie The Iron Cage. The Story of the Palestinian Struggle for Statehood (2006), Resurrecting Empire. Western Footprints and America's Perilous Path in the Middle East (2004) oder Palestinian Identity. The Construction of Modern National Consciousness (1997). Khalidi ist, wie fast das ganze Institut, ein erklärter Bewunderer Edward Saids, nach dem auch sein Lehrstuhl, der so genannte Edward Said Chair in Middle Eastern Studies, benannt ist. Nicht anders als Said selbst, der sich nur einmal beim Steineschmeißen an der libanesisch-israelischen Grenze erwischen ließ, hält Khalidi sich mit allzu direkten Aufrufen zur Zerstörung Israels zurück und lehnt auf Nachfrage Selbstmordattentate ab, spricht aber gleichzeitig davon, dass „Palestine“ seit 1948 besetzt sei, nennt Israel einen rassistischen Apartheidsstaat, dessen Existenz auf Kosten der Palästinenser gehe, und nimmt der PLO, für die er in den frühen 90er Jahren arbeitete, übel, das Oslo-Abkommen unterzeichnet zu haben. [21] Seinen Lehrstuhl hat er 2003 unter obskuren Umständen erhalten. Die Hauptrolle dabei spielte Lisa Anderson, die Vorgängerin Coatsworths als Dean der SIPA, die das Geld dafür, zwischen drei und vier Millionen Dollar, fast ausschließlich aus arabischen Quellen auftrieb, zu deren Offenlegung sie trotz eines entsprechenden Gesetzes des Staats New York lange nicht bereit war. [22] Anderson, die sich gerne als Proponentin einer völlig unvoreingenommenen, nicht von Interesse geleiteten, rein der Wahrheitssuche verpflichteten Forschung präsentiert – als ob es so etwas wie eine nicht interessegeleitete Forschung überhaupt gäbe – hat als Dean der SIPA und als Vorsitzende der Middle East Studies Association jahrelang israelfeindliche und projihadistische Äußerungen, die in ihren Augen den neuesten Forschungsstand darstellen, für legitim und Kritik daran für unzulässig erklärt. Sie war es auch, die letztes Jahr zuerst die Einladung an Ahmadinejad aussprach – die Sache scheiterte Bollinger zufolge an der Logistik [23] –, so dass die iranische UN-Delegation dieses Jahr auf das Angebot lediglich zurückzukommen brauchte. Während ihrer zehnjährigen Amtszeit als Dean schuf sie Fakten, vor allem durch ihre Stellenpolitik, die neben Khalidi noch weitere Anhänger Saids wie Joseph Massad, der offen antisemitische Vorträge über Themen wie „Zionism and Jewish Supremacy“ hält [24], auf Schlüsselstellen brachte. Gleichzeitig entfalteten sich parallel zum Lehrbetrieb zahllose Aktivitäten gegen Israel, darunter Konferenzen, Demonstrationen, Teach-Ins, ein palästinensisches Filmfestival und eine Sondervorführung des Films Jenin Jenin über ein Massaker, das es nie gab. [25] Angeführt von Professorinnen des Middle East Institute, formierten sich 106 Lehrende und über vierhundert Studierende zu einem Unterschriftenkartell, das ähnlich wie in Harvard die Universität dazu aufrief, ihre Investitionen aus Unternehmen zurückzuziehen, die Waffen nach Israel liefern. Der halbe Lehrkörper des Instituts hat diese Kampagne unterstützt [26] – und dass jemand nicht unterschrieben hat, wie der bereits erwähnte Bulliet oder selbst Khalidi (der noch nicht da war), heißt noch lange nicht, dass er ein Freund Israels ist.

Man kann sich vorstellen, wie der Lehrbetrieb unter diesen Umständen aussieht. Tatsächlich berichten jüdische, israelische und proisraelische Studierende in dem Film Columbia Unbecoming der Gruppe „The David Project“ [27] davon, wie sie in Seminaren des Middle East Institute von Professoren niedergebrüllt, bedroht oder auf andere Weise eingeschüchtert wurden, wenn sie die antiisraelischen Lehrinhalte in Frage stellten. Es gab Seminare, in denen Israel nur „Palestine“ genannt wurde, solche, die nahtlos in propalästinensische Sit-Ins übergingen und Veranstaltungen, in denen Juden, die sich als solche zu erkennen gaben, der haarsträubendsten Dinge beschuldigt wurden. Eine ehemalige Studentin berichtet, dass George Saliba, ein Professor für islamische Studien, ihr ihrer grünen Augen wegen das Recht abgesprochen habe, in Israel zu leben, da „Semiten“ braune Augen hätten – was, wenn die Geschichte stimmt, ganz im Einklang mit den Lehren einer anderen Professorin, Nadia Abu El-Haj, steht, die zu beweisen versucht, dass Juden wegen ihrer, ja genau: DNA im Mittleren Osten nichts zu suchen hätten [28]. Plakate im ##Stürmer##-Stil an der Wand des Sprachlabors brachten das Ganze auf seinen antisemitischen Nenner: „Israel – A Swollen Parasite – The Jews – Too Fat. Too Greedy. Too Powerful. Fight the Jewish Mafia“.

Der Film Columbia Unbecoming löste einen Skandal aus, der nur dadurch gedeckelt werden konnte, dass eine universitätsinterne Untersuchungskommission, die sich fast ausschließlich aus Unterzeichnern der Anti-Israel-Petition zusammensetzte und zu der auch Lisa Anderson gehörte, alle Vorfälle bis auf einen für Erfindungen oder Missverständnisse erklärte. [29] Mit diesem Erfolg noch nicht zufrieden, zogen Anderson, ihr Protégé Joseph Massad und Khalidi die Pluralismus-Karte und behaupteten unisono, es fände eine „witch-hunt“ statt, die der Unterdrückung unkonventioneller, avancierter Minderheitenpositionen durch eine übermächtige proiraelische Lobby diene, welche die akademische Freiheit abschaffen und „the last bastion of free-thinking“ (Massad) schleifen wolle. [30]

Sehr zu wünschen wäre, dass ein Professorenracket, das antisemitische Propaganda auf dem Campus für sein gutes Recht und die Beschwerden marginalisierter Studierender, die deswegen die größten persönlichen Nachteile zu erwarten hatten, für eine unzumutbare Anmaßung hält, endlich zerschlagen würde, gemäß der Maxime, dass man autoritären Charakteren, gerade solchen in Machtpositionen, zeigen muss, „daß das einzige, was ihnen imponiert, nämlich wirklich gesellschaftliche Autorität, einstweilen denn doch noch gegen sie steht“ [31]. Solche Maßnahmen wären, egal von wem sie ausgingen – Bollinger ist wohl zunächst derjenige, auf den es dabei ankommt – mitnichten „faschistisch“, wie die Antikriegslinke in den USA es gerne in völliger Ahnungslosigkeit den Neokonservativen unterstellt. Sie wären eine notwendige Verteidigung der emanzipatorischen Potenzen des Liberalismus gegen seine faschistische Selbstliquidierung, die, wenn sie sich durchsetzt – und die Columbia University beweist, dass das möglich ist – das Ende nicht nur der USA bedeuten würde. Wenn oben gesagt wurde, dass Meinungsfreiheit heißt, dass der liberale Staat Meinungsäußerungen duldet, solange sie seine Souveränität nicht gefährden, dann trifft diese Feststellung in ihrer Abstraktheit nicht nur auf den liberalen, sondern eigentlich auf jeden Staat zu. Darauf eben beruft sich Ahmadinejad, wenn er in das gleiche Horn bläst wie Anderson und Konsorten und die Universitäten im Iran im Gegensatz zu denen des Westens für frei erklärt, weil man dort ungehindert die staatlich prospektierte Vernichtung Israels propagandistisch begleiten darf, indem man den Holocaust leugnet oder relativiert. Nicht dadurch, dass im Liberalismus alles getan und gesagt werden darf, unterscheidet er sich von anderen politisch-gesellschaftlichen Systemen, sondern durch das, wasin ihm möglich ist und was nicht, was in ihm zur Diskussion steht und was nicht. Wenn seine Ideologen ihn selbst für schlechthin tolerant und andere politische Richtungen für schlechthin intolerant halten, dann deshalb, weil sie bei Strafe des Übergangs in kritischen Materialismus nicht auf seine gesellschaftlichen Voraussetzungen reflektieren dürfen. Was Liberalismus heißt, kann nur inhaltlich bestimmt werden, d. h. mit Bezug auf die emanzipatorischen und antiemanzipatorischen Potentiale der jeweiligen liberal sich nennenden Gesellschaft. In den USA unmerklich die Definition dessen zu verschieben, was gesellschaftlich zur Diskussion steht und was nicht, ist das, worum es sowohl den leitenden Professoren am Middle East Institute der Columbia University als auch dem iranischen Präsidenten geht – aus ihrer Perspektive musste deshalb schon die bloße Einladung Ahmadinejads ein immenser Erfolg sein, weil sie bisher für selbstverständlich Gehaltenes zur Disposition stellte. Einstweilen herrschen in den USA zwar zum Glück noch nicht Zustände wie an der Columbia, aber das könnte sich durchaus ändern. Zu den Demonstrationen gegen Ahmadinejad in New York kamen hauptsächlich Juden, und die windelweiche Nicht-Position, die die New York Times oder auch Demokraten wie Barack Obama bezogen, lässt für die Zukunft nichts Gutes erwarten. Selbst George W. Bush fiel auf die Frage, was er denn von der Einladung Ahmadinejads halte, nicht viel mehr ein als: „I guess it's OK with me“ [32]. Niemand vermag sich diese inneramerikanische Auseinandersetzung besser zunutze zu machen als Ahmadinejad selbst, der, geschult an der islamischen Revolution im Iran, die Weltherrschaft des Islam ganz explizit auf das Programm gesetzt hat [33]. Als Bestandteil einer internationalen Mobilmachung gegen die USA und Israel aber sind die Agitations- und Bündnisaktivitäten des Middle East Institute der Columbia University, sobald sie reale Aussichten auf Massenerfolg haben, eine unmittelbare Kampfansage an den amerikanischen Souverän und fallen damit per definitionem nicht mehr unter das Recht auf Meinungsfreiheit – es sei denn, die USA veränderten sich in ihrem Charakter und mutierten selbst zum antisemitischen und antiamerikanischen Staat. Diese Erkenntnis dämmert inzwischen einigen, und um zu verhindern, dass es irgendwann zum ganz großen Krach kommt, hat das Repräsentantenhaus in der Hoffnung, den antisemitischen Sumpf auszutrocknen, schon 2003 eine Gesetzesvorlage eingebracht, wonach staatlich geförderte „area studies“ durch ein Advisory Board überprüft werden und im Fall antiamerikanischer Indoktrination keine Gelder mehr erhalten sollen. Nicht auszuschließen, dass ein solches System der Kontrolle auch Nachteile für manchen bringen kann, der mit Jihadisten und Israelfeinden nichts am Hut hat, auch wenn das vorerst unwahrscheinlich ist. Eine bessere Alternative als solche gesetzlichen Regelungen ist allerdings derzeit nicht in Sicht, denn darauf, dass sich der Spuk durch freie Debatte von selbst erledigt, ist aufgrund der immensen Attraktivität des Antisemitismus für den postmodernen Seelenhaushalt leider kein Verlass.

Bollinger hat sich als Präsident der Universität in der ganzen Auseinandersetzung zwiespältig verhalten. Angesichts der katastrophalen Zustände an der Universität, und angesichts dessen, dass er selbst in bewusster Konfrontation mit der staatlichen Politik und unter Einkalkulierung eines Skandals eine Massenveranstaltung mit einem islamfaschistischen Agitator inszeniert hat, klingt das, was er mit Blick auf seine neokonservativen Kritiker sagte, wie ein schlechter Witz: „Lastly, in universities, we have a deep and almost single-minded commitment to pursue the truth. We do not have access to the levers of power. We cannot make war or peace. We can only make minds. And to do this we must have the most full freedom of inquiry.“ Mehr noch, in der gegebenen Situation dergleichen zu sagen heißt, Professoren wie Khalidi oder Anderson, die die Alleinherrschaft ihres Rackets mit eben diesen Argumenten begründen und bei denen der Liberalismus schon in den Aufstand gegen eine imaginierte jüdische Verschwörung umgeschlagen ist, ein Alibi zu verschaffen und dafür zu sorgen, dass sie weitermachen können wie bisher. Schon als es um Columbia Unbecoming ging, handelte Bollinger im Interesse dieses Rackets, denn er war es, der die Untersuchungskommission ernannte, die die ganze Sache herunterspielte, was freilich den guten Ruf der Universität auch nicht retten konnte. Dass Bollinger andererseits versucht, die rabiatesten Israelhasser am Middle East Institute nach und nach zu entmachten, darüber kann ebenfalls kein Zweifel bestehen. Ein Indiz dafür ist der plötzliche Rücktritt Andersons als Dean, nachdem ihre Einladung an Ahmadinejad abgesagt worden war [34], ein anderes sind entsprechende Aussagen von Bollinger selbst [35], ein drittes sind Versuche der Universitätsleitung, das Middle East Institute personell und inhaltlich zu erweitern. Vor allem aber hat Bollinger, indem er öffentlich demonstrierte, dass Meinungsfreiheit für ihn das Recht zur lauten und deutlichen Formulierung proisraelischer Positionen einschließt, und indem er gerade das, was Lehrende und Studierende an seiner Universität seit Jahren propagieren, als Ausdruck eines „fanatical mindset“ und ihre Propagandisten als „enemies“ bezeichnete, eine interne Feinderklärung ausgesprochen. Die ist als solche verstanden worden, denn seitdem ist die Universität nicht zur Ruhe gekommen: "Mr. Bollinger's remarks [...] were greeted by a fierce backlash from Columbia students and faculty" [36]. Khalidi etwa gestand Bollinger zwar großzügig das Recht zu, sich zu äußern wie er wolle, nannte die Rede aber „embarrassing“ und ihren Ton „uncivil and uncalled for“. [37] Zum Sprecher der Beleidigten machte sich Hamid Dabashi, ein Professor für iranische Studien, der sich bisher u. a. dadurch hervorgetan hat, dass er voller Ekel von der „vulgarity of character“ in der Sprache, dem Gang und den Begrüßungssitten israelischer Juden sprach [38]. Bollingers Einleitungsrede sei „rude and racist“ gewesen, klagte er in einem Al-Ahram-Artikel, der daneben allerhand Lügen über Israel sowie den Irak- und Afghanistankrieg enthält und offen für Hamas und Hisbollah Partei ergreift; sie sei ein „pestiferous and illiterate statement“, „one of the most racist documents at the height of American renewed claim to world hegemony“. Wenn Dabashi Bollinger schließlich als abgehoben und vom Lehrkörper entfremdet outet, kann man das nur als versteckte Drohung verstehen: „The fact that this speech was delivered at the same university where Edward Said used to teach, where Gayatri Spivak is now a University Professor, and where its current Vice President, Nicholas Dirks, has assembled by far the most distinguished array of postcolonial and subaltern theorists and scholars all go to show that the political import of these bureaucratic functionaries called 'university presidents' is entirely severed from any organic link to the actual content of these institutions and has assumed a political reality sui generis, geared entirely to the apparatus of power in the United States.“ [39] Und gegen unorganische, nicht mit dem Volkskörper verbundene, mithin künstliche Gebilde wie den amerikanischen Machtapparat ist bekanntlich Intifada angesagt.

Wie der Machtkampf an der Columbia University ausgehen wird, ist nicht ausgemacht. Offensichtlich ist jedoch, dass die Einladung Ahmadinejads im internationalen Maßstab die Schwäche eines Liberalismus vorgeführt hat, der sich auf die öffentliche Diskussion seiner eigenen Liquidation einlässt, und durch die Eröffnung von Erfolgsaussichten für antiamerikanische Agitation in den USA dem islamfaschistischen Antiimperialismus und dessen Sympathisanten weltweit Auftrieb gegeben hat. Wenn die amerikanische Gesellschaft diesen Krieg, der längst ein internationaler ist, gewinnen will, wird sie sich auf ihre emanzipatorischen Potentiale besinnen müssen. Das heißt in diesem Fall, dass Bestrebungen, wie sie sich nicht nur am Middle East Institute der Columbia University äußern, mit aller Entschiedenheit und nicht nur verbal entgegengetreten werden muss.


Anmerkungen:

[1] Bollingers Rede kann nachgelesen werden unter www.columbia.edu/cu/news/07/09/lcbopeningremarks.html.

[2] www2.irna.com/index2.php=
&lang=en.

[3] www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/966/134709/.

[4] www.nydailynews.com/opinions/2007/09/24/2007-09-24_monstrous_idiocy.html.

[5] www.harvardmitdivest.org/petition.html.

[6] littlegreenfootballs.com/weblog/
Ahmadinejad&only.

[7] www.campus-watch.org/article/id/4201.

[8] Zu Edward Said siehe www.campus-watch.org/article/id/811; www.campus-watch.org/article/id/1943; sowie Scheit, Gerhard, Frieden mit Deutschland – Krieg mit Israel. Edward W. Said und die antiimperialistische Formulierung der Auschwitz-Leugnung, in: Bahamas Nr. 35 (2001), S. 52-55.

[9] www.sipa.columbia.edu/news_events/announcements/Coatsworth%20Statement%
20Regarding%20Ahmadinejad%20Event.pdf.

[10] Sanjuan, Pedro A., Die UN-Gang. Über Korruption, Spionage, Antisemitismus, Inkompetenz und islamischen Extremismus in der Zentrale der Vereinten Nationen, Lüneburg 2006.

[11] www.campus-watch.org/article/id/2488. [12] www.sipa.columbia.edu/REGIONAL/mei/about.shtml.

[13] www.sipa.columbia.edu/regional/mei/Oct41.jpg.

[14] www.columbiaspectator.com.

[15] www.sipa.columbia.edu/news_events/announcements/iran.html.

[16] www.columbia.edu/cu/news/07/09/sipa.pdf.

[17] www.sipa.columbia.edu/REGIONAL/mei/FlyerOct11.jpg.

[18] www.beacon.org/productdetails.cfm;
www.sipa.columbia.edu/REGIONAL/mei/index.shtml.

[19] www.sipa.columbia.edu/REGIONAL/mei/index.shtml;
www.huffingtonpost.com/nathan-gonzalez/five-reasons-to-engage-ir_b_62523.html.

[20] www.themorningsidepost.com/2007/10/john-mearsheime.html.

[21] Zu Khalidi siehe www.discoverthenetworks.org/individualProfile.asp
und www.campus-watch.org/article/id/2821.

[22] Zu Lisa Anderson siehe www.frontpagemag.com/Articles/Read.aspx.

[23] www.bwog.net/articles/bulliet_the_international_diplomat_and_other_ahmadinejad_tidbits. Näheres siehe www.nysun.com/article/40142.

[24] 6. Februar 2002, www.sipa.columbia.edu/REGIONAL/mei/about.shtml.

[25] Vgl. Kettner, Fabian, Wie man ein „unbewusster Faschist“ wird. Fiamma Nirenstein korrigiert den Blick auf den Nahost-Konflikt, in: Prodomo, Nr. 4/2006.

[26] Vgl. www.columbiadivest.org/print/print_sig_list.html und www.sipa.columbia.edu/regional/mei/faculty.shtml.

[27] www.columbiaunbecoming.com/script.htm.

[28] antiracistblog.blogspot.com/2007/10/more-bad-genetic-scholarship-from-nadia.html.

[29] Zu den genaueren Umständen siehe www.campus-watch.org/article/id/1638.

[30] Nachgelesen werden kann dies unter
www.columbia.edu/cu/mealac/faculty/massad/ (Massad);
www.democracynow.org/article.pl (Khalidi);
w3fp.arizona.edu/mesassoc/Bulletin/Pres%20Addresses/Anderson.htm (Anderson).

[31] Adorno, Theodor W., Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute, in ders.: Kritik. Kleine Schriften zur Gesellschaft, Frankfurt/M 1971, S. 105-133, hier S. 110.

[32] www.foxnews.com/story/0,2933,297823,00.html.

[33] www2.irna.ir/en/news/view/menu-234/0708142013173859.htm.

[34] www.nysun.com/article/40619.

[35] www.nysun.com/article/11156.

[36] www.nysun.com/article/64566.

[37] NYT, 26. 9. 07, www.nytimes.com/2007/09/26/nyregion/26columbia.html.

[38] www.campus-watch.org/weblog/id/88.

[39] weekly.ahram.org.eg/2007/866/focus.htm.