Ausgabe #7 vom

Editorial

In eigener Sache

Liebe Leserinnen und Leser,
 
 wir geben zu: die Produktion dieser Zeitschrift hat dieses Mal etwas länger gedauert. Dafür entschuldigen wir uns, versichern jedoch, die Zeit nicht vergeudet zu haben. Neben dem ein oder anderen Abend, an dem wir wohl zu tief ins Glas geschaut haben, haben uns grundsätzliche inhaltliche Debatten, die immer wieder geführt werden müssen, ebenso beschäftigt wie politische Interventionen in den tristen Alltag. Doch nun genug mit der Selbstbeweihräucherung. Es ist schließlich allseits bekannt, welch heldenhafte Vorkämpfer für die Emanzipation der Menschheit in den Kölner Redaktionsräumen beharrlich tagen…
 
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 Die Band „Tokio Hotel“ hat in Tel Aviv gespielt; ein Ereignis, das deutschen Journalisten feuchte Hände beschert hat. Sie freuten sich, der jugendlichen Anhängerschar Tokio Hotels vielleicht auf diesem Wege ein bisschen deutsche Gesinnung nahe bringen zu können. Leider hatten z. B. Wiebke Hollersen („gegen den ersten McDonald´s in Kreuzberg“) und Maxim Leo („Oben ohne zum G8-Gipfel!“) von der Berliner Zeitung (29.09.07) nicht damit gerechnet, dass Bill und Co. mittlerweile so viel Geld besitzen, dass sie es nicht mehr nötig haben, zu sagen, was man von ihnen erwartet. Der Versuch, ihnen die üblichen politischen Weisheiten zu entlocken, endete für die Interviewer daher in einem einzigen Fiasko. Auf die selten blöde Frage: „Was geht euch durch den Kopf, wenn ihr an Israel denkt?“ antwortete Tom einfach: „Ich bin da relativ offen. Das ist bei uns insgesamt nicht so, dass wir von irgendwelchen Ländern irgendwas erwarten. Israel, wie wär's da mal zu spielen, da haben wir vorher ehrlich gesagt nie drüber nachgedacht.“ Warum auch? Schließlich ist es ja – wie die Interviewer kurz zuvor sogar noch anmerkten – nicht alltäglich, dass deutsche Bands in Israel auftreten. Sänger Bill ergänzt: “Dadurch, dass wir jetzt schon viele Länder gesehen haben, wissen wir, dass Klischees sowieso nie zutreffen. In ganz vielen Ländern fragen die Leute immer: Ah, ihr kommt aus Deutschland, da trinkt man doch ganz viel Bier und isst Weißwurst, oder? Wir denken dann immer, okay, das machen wir aber gar nicht. Diese ganzen Klischees sind eigentlich total blöd.“ Schade für die Berliner Zeitung, denn auf Klischees wollte sie ja eigentlich hinaus. Deshalb geben Hollersen und Leo sich auch nicht einfach geschlagen: „Aber irgendwas muss euch doch zu Israel einfallen. Irgendein Bild, ein Gefühl.“ Vielleicht das Bild der rachsüchtigen Hakennase, die den neuen Nazi gibt und Palästinenser in Konzentrationslager sperrt? Oder wenigstens das Gefühl des Unbehagens? Schließlich sind Israelis keine normalen Menschen, sondern Juden. Ihr, als Täter, spielt doch „im Land der Opfer“, da muss sich doch einfach was regen. Aber aus Tokio Hotel ist nichts anderes rauszubekommen als dies: „Es wird auf jeden Fall warm sein. Es ist doch auch Open Air, oder?“ Mist, so hatten sie sich das nicht gedacht. Es sollte doch ein ganz politisches Interview werden, über Vergangenheit und so, und Apartheid, Rassismus, deutsches Selbstbewusstsein und den ganzen Katalog. Stattdessen ungefilterter Hedonismus! „[Bill:] Ich hab gehört, dass Tel Aviv eine richtig schöne Stadt sein soll. [Tom:] Genau. Wir kennen ein paar Leute, die schon mal da waren. Die haben gesagt, dass es da auf jeden Fall sehr schön ist. Und ich hab gehört, da soll es auch sehr schöne... [Georg:] …sehr schöne Frauen geben. [Tom:] Deswegen. Wir freuen uns in jeder Hinsicht auf das Konzert.“ So ein Ärgernis. Da gibt es nur eins. Nachbohren und weiternerven: „Jetzt mal von der Wärme und der Schönheit abgesehen, habt ihr sonst noch irgendwelche Assoziationen, wenn ihr an Israel denkt?“ Aber die Antwort lautet: Nö. Vielleicht, so dachten sich Hollersen und Leo, verstehen die nicht, worauf wir hinauswollen. Also anders gefragt: „In Israel und in Deutschland wird euer Konzert in Tel Aviv als etwas ziemlich Außergewöhnliches angesehen. Es ist fast so etwas wie eine politische Geschichte. Warum, glaubt ihr, ist das denn so?“ Aber auch diese Frage war von wenig Erfolg gekrönt, machten sich Tokio Hotel doch als Musiker eher Gedanken darüber, ob es in Israel „fette Open Airs“ und „geile Hallen“ gibt. Diese unpolitische Jugend heutzutage! Anstatt sich über den aggressiven Charakter des Zionismus Gedanken zu machen, denken sie nur darüber nach, wie sie in Israel an Verstärker rankommen. Die sind doch naiv. Also noch mal: „Israel-Deutschland, das ist ja eine spezielle Geschichte. Spielt die für euch eine Rolle?“ Und was antworteten diese Lausebengel? Das hier: „[Bill:] Wir machen da nicht so ein großes Ding draus. Wir freuen uns wahnsinnig, es ist eine wahnsinnige Ehre für uns, da hinzufahren. Aber oft wird ja auch geschrieben, wir seien jetzt die Botschafter von irgendwas. Wir würden uns selbst nie so bezeichnen. Als Botschafter der deutschen Sprache oder, keine Ahnung. Das klingt alles so gewaltig. Wir selber sehen uns nicht so. Wir machen Musik, die Leute interessieren sich deswegen für uns, und das ist einfach ein geiles Gefühl.“ Aber das kann doch nicht alles sein. Ihr seid eine große Enttäuschung, Jungs. Da muss doch irgendwas zu holen sein. Hollers/Leo: „Vielleicht ist es so, dass für 18-Jährige dieses ganze Dritte Reich und der Holocaust so weit weg sind, dass sie noch nicht einmal bei einer Israel-Reise daran denken. Vielleicht gehören wir, die Mittdreißiger, zu den Letzten, die noch mit Befangenheit auf dieses Land schauen. Vielleicht haben Bill und Tom und die anderen das geschafft, was wir nie konnten. Dass man sich als junger Deutscher einfach über eine Reise nach Israel freuen kann. Ohne Schuldgefühle. Oder sind sie einfach ignorant und naiv? Entschuldigt, wenn wir da jetzt noch mal nachfragen. Das Dritte Reich, der Holocaust - das spielt für euch überhaupt keine Rolle?“ Endlich gibt es wieder Hoffnung für die rasenden Reporter aus der Reichshauptstadt. Vielleicht können sie Tokio Hotel wenigstens dazu bringen, sich von ihnen das Ende des Schuldkomplexes bescheinigen zu lassen. „[Bill:] Also natürlich weiß man darüber Bescheid. Aber wir sind eben eine völlig andere Generation. Ich glaube, auch unsere Fans dort werden sehr jung sein. Die werden alle in unserem Alter sein. Wir haben eine emotionale Verbindung über die Musik. Nur darum wird es gehen. Das Konzert wird gar nicht von der Geschichte belastet sein. [Tom:] Ich glaube, da hat keiner irgendeinen politischen Hintergrund im Kopf oder so was. Für uns ist das ein Konzert, ein sehr aufregendes Konzert. In Israel sind wir total willkommen, und für unsere Fans spielt die Geschichte keine Rolle.“ Naja, immerhin. Wenn wir Deutschen kein Schuldbewusstsein mehr haben, können wir den Juden endlich vorhalten, sie seien keinen Deut besser als unsere Großväter. Das ist schon mal was. Also weiter im Text: „Die Verfolgung der Juden, der Holocaust, der Zweite Weltkrieg - sind das Themen, die euch berühren?“ - „[Bill:] Ich glaube, das alles ist für jeden ein Thema. Für jeden Jugendlichen.“ Also doch ein Schuldkomplex. Naja, aber dann müssten sie doch eigentlich ein bisschen mehr zu Israel sagen können. Vielleicht ist beim Thema Deutschland mehr drin. Wenn man’s positiv wendet sozusagen: „Könnt ihr sagen, was es für euch bedeutet, Deutsche zu sein? Hat das überhaupt noch irgendeine Bedeutung für euch?“ Bill meint: „Eine Bedeutung? Es gibt auf jeden Fall eine Verbindung, dass wir uns hier zu Hause fühlen, wir sind hier groß geworden. [Tom:] Vielleicht haben wir irgendwann mal eine Wohnung im Ausland. Aber ich könnte mir nie vorstellen, komplett wegzugehen von Deutschland.“ Nur weil ihr hier groß geworden seid? Was ist mit Goethe/Schiller, dem Rhein, der deutschen Sprache und unserem Bier? „Sicher werdet ihr im Ausland manchmal gefragt, was an eurem Land typisch ist. Typisch deutsch. Was sagt ihr dann?“ „[Bill:] Das beantworten wir nie. [Georg:] Wir nehmen erstmal die Klischees weg. Nicht alle trinken Bier, und nicht alle essen Weißwurst.“ Immer dieses antiidentitäre Gehabe! So wird das nie was.
 
 Viel Vergnügen mit der neuen Ausgabe!
 
 Redaktion Prodomo
 
  Köln, November 2007