Ausgabe #7 vom

Die Banalität des Geheimnisses

Ein Fotoband über Nordkorea zeigt, was man nicht sehen will

MICHAEL BERKE

Wie es in Nordkorea aussieht, weiß man im Westen vor allem aus dem Kino: In der War-on-Terror-Persiflage Team America regiert Kim Yong-Il ein düsteres Reich, in dem ein prunkvoller, aber einsamer Palast steht, in James Bond - Die Another Day schießt sich der Doppelagent ebenfalls durch ein bis auf die Schergen des Diktators menschenleeres Land, das vollständig abgeriegelt ist. Wer darüber hinausgehen möchte, liest eine der mittlerweile doch recht zahlreichen Monographien oder schlägt die Konkret auf, in der vor kurzem zwei länderkundliche Artikel abgedruckt wurden [1]. Das Geheimnis, das Nordkorea umgibt, wird dadurch jedoch nicht gelüftet. Das Wissen, das man sich anlesen kann, ist enttäuschend, weil das, was man erfährt, nicht zu dem Gegenstand zu passen scheint, den man sich nebelschwadenumhüllt vor Augen gehalten hat. „Unzugängliche Orte lösen in uns zwei gegensätzliche, aber unabhängige Gefühle aus“, schreibt Michel Poivert in seinem dem Fotoband Nordkorea beigefügten Essay Das Erscheinungsbild. Die Entlegenheit der Orte beinhalte „das Versprechen des Außergewöhnlichen, aber auch die Angst vor dem, was zu lange ein Geheimnis war.“ Die Angst besteht darin, dass das Geheimnis sich bei Enthüllung als zu profan erweisen könnte. Mit dem Geheimen ist immer noch das Bild der Erlösung verbunden, so wie sich umgekehrt noch jede konformistische Rebellion gegen eine vermeintliche oder reale Verschwörung gerichtet hat, um alles, was sich unter der Oberfläche zusammenbraut, an die Öffentlichkeit zu holen und zu eliminieren. [2]
 
 Philippe Chancel verfährt gänzlich anders: Ihm geht es nicht um Investigation, sondern um Dokumentation. Nicht als Moralapostel versteht er sich, sondern als einer, der die Dinge zeigt, wie sie sind. Nicht, dass er der Illusion der Unmittelbarkeit verfallen wäre, dazu ist er ein zu guter Fotograf. Er weiß um die Vermittlung, die sich zwischen Situation und Abbild schiebt. Gerade diese Vermittlung aber ist in Chancels Fotos nichts der Realität äußerliches, sondern genau das, worin sich der Kern nordkoreanischer Zustände ausdrückt. Die Starrheit des Fotos, die jede Geschichtlichkeit ausblendet [3], spiegelt die Zeitlosigkeit des Elends unter Kim Yong-Il, in der es kaum noch Hoffnung auf ein menschenwürdiges Dasein gibt. Die seine Herrschaft legitimierende Juche-Ideologie, ein seltsamer Mischmasch aus Maoismus, Rassismus und Esoterik, gibt sich als ewig währende Wahrheit – wer an ihr öffentlich Zweifel anmeldet, wird gnadenlos verfolgt. Doch nicht nur die Bewegungslosigkeit ist charakteristisch für das Medium der Fotografie, auch die Begrenzung des Wiedergegebenen auf einen kleinen Ausschnitt. In Chancels Bildern äußert sich das so, dass sie Plakaten gleichen. Es hat beim Betrachten der Fotos gar nicht den Anschein, man bekäme einen authentischen Eindruck vom alltäglichen Leben, weil das Künstliche, Propagandistische, das sich dem für den ausländischen Fotografen, der sich ordentlich bei den Regierungsbehörden angemeldet hat, inszenierten Spektakel verdankt, so offensichtlich ist, dass sich tout de suite ein merkwürdiges Rezeptionserlebnis einstellt. Alles wirkt so gestellt, dass man das Gefühl hat, Filmaufnahmen zu betrachten. Aufnahmen, die auf großen Plakaten die besten Szenen abbilden, um den Zuschauer ins Kino zu locken, die aber beim genaueren Hinsehen abstoßen, weil in ihnen das Unmenschliche hinter der großen Inszenierung nur allzu klar sichtbar wird. Das von Chancel dargestellte Land ist keines der Menschen, sondern ein überdimensionales Projekt der Selbstdarstellung des Führers, der in seinem Größenwahn selbst schon zur bloßen Verkörperung seiner eigenen Ideologie geworden ist.
 
 Wie ein großes Kinderzimmer präsentiert sich Yong-Ils Nordkorea: Einkaufszentren, Prachtstrassen, Kultureinrichtungen – von Menschen, die dort gehen, sich unterhalten, rauchen oder verdutzt in der Ecke stehen ist jedoch keine Spur. Wo Menschen auftauchen, wirken sie wie Puppen, weil sie nicht nur angezogen sind, wie es der Staat von ihnen verlangt, sondern auch noch so dreinschauen. Noch schlimmer sind die diversen Fotos von Massenevents, etwa Militärparaden oder Tanzvorstellungen für den großen Vorsitzenden: hier ist das Individuum völlig aufgelöst in der Masse. Auf manchen Bildern formen hunderte von Menschen Bilder mit ihren Körpern, indem sie bunte Kostüme tragen und sich in der Form beispielsweise der nordkoreanischen Staatsflagge aufstellen. Unwillkürlich fühlt man sich an die Anfangsszene von Don DeLillos Mao II erinnert, in der die Massenhochzeit einer asiatischen Sekte geschildert wird: „Die Musik zieht sie über den Rasen, Dutzende, Hunderte, nicht mehr zählbare Massen. Als sie den Riesenbogen des Outfields überqueren, schließen sie sich so dicht zusammen, daß es wie eine Verwandlung wirkt. Aus einer Reihe untergehakter Paare wird eine einzige, ständig anschwellende Woge, die alle freien Flächen überschwemmt mit Marineblau und Weiß.“ [4] Diese Verwandlung der Menschen in funktionierende Rädchen eines Systems, das keine Daseinsberechtigung hat, schockiert. Man ahnt, dass es noch eine andere Perspektive geben muss und dass diese noch schrecklicher ist, weil es kein Zufall ist, dass sich der totalitäre Schein von Ordnung und Aufgeräumtheit über diese Perspektive legt wie die Erde über den Sarg. Zugleich aber weiß man, dass kein Gras über die Sache wachsen darf, dass man es nicht hinnehmen darf, dass Menschen wie Puppen behandelt werden. Chancel gelingt es, gerade in der unverschämten Direktheit der Darstellung immer auch diese andere Perspektive sichtbar zu machen, die – obwohl sinnlich nicht wahrnehmbar – sich automatisch ins Bewusstsein des Rezipienten drängt. Deshalb ist sein Buch das Gegenteil von Kitsch: Aufklärung, die aufs Denken des Betrachters setzt.
 
 Philippe Chancel, Nordkorea. 129 farbige Abbildungen und mit Texten von Michel Poivert und Jonathan Fenby, Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2006, 208 Seiten, 45 Euro.
 
 
 
Anmerkungen:
 
 
[1] Monographien vgl. z.B. Rigoulot, Pierre, Nordkorea: Steinzeitkommunismus und Atomwaffen, Anatomie einer Krise, Köln 2003; Breen, Michael, Kim Jong-il: Nordkoreas „Geliebter Führer“, Hamburg 2004; Becker, Jasper, Rogue Regime: Kim Jong Il and the Looming Threat of North Korea, Oxford 2004. Die Konkret-Artikel finden sich in den Ausgaben 04/07 und 05/07.
 
 [2] Vgl. dazu den hervorragenden Artikel Zur Geschichte des Illuminatenordens von Josef Swoboda im Magazin, Nr. 3 (2006).
 
 [3] Vgl. grundlegend Kracauer, Siegfried, Die Photographie, in: derselbe, Das Ornament der Masse. Essays, Frankfurt/M. 1963, S. 21-39.
 
 [4] DeLillo, Don, Mao II, Köln 1992, S. 11.