Ausgabe #7 vom

Das Gespür für das Richtige

Blasphemie in Zeiten byzantinischen Wirrwarrs

HORST PANKOW

In Salman Rushdies Roman Die satanischen Verse macht einer der beiden visionierenden und halluzinierenden Protagonisten eine irritierende Entdeckung. Er „stellte fest, dass blasphemische Gedanken wieder in ihm aufstiegen“. [1] Freilich ist das, was da in ihm aufsteigt, zwar originell gedacht und formuliert, aber nicht gerade neu – auch in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts schon längst nicht mehr: „Bei den Menschen war es um Moral gegangen. Vom Baum der Erkenntnis sollst du nicht essen, und doch aßen sie. Zuerst die Frau, und auf ihre Anregung hin der Mann, sie machten sich die verbotenen ethischen Normen zu eigen, die stark nach Apfel schmeckten: die Schlange lieferte ihnen ein Wertsystem. Das sie unter anderem befähigte, Gott selbst zu beurteilen und nach entsprechender Zeit all die unangenehmen Fragen zu stellen. Warum das Böse? Warum Leiden? Warum Tod? Also: raus mit ihnen. ER wünschte nicht, dass seine netten Geschöpfe sich einen Rang anmaßten, der ihnen nicht zustand. [...] Wie wenig Selbstvertrauen musste doch dieser Gott haben, wenn er nicht wollte, dass seine besten Geschöpfe Gut und Böse unterscheiden konnten“. [2]
 
 
Das ist eine literarisch gelungene Zusammenfassung der seit der Renaissance das menschliche Denken bestimmenden Zweifel an einer göttlichen und im menschlichen Sinne weisen, d. h. für ideale Menschenzwecke nützlichen Einrichtung der Welt. Aber waren die späten 70er Jahre, in denen Rushdies 1988 erschienener Roman spielt, eine Epoche, in der solcherlei Zweifel einem Denken als peinigend blasphemisch erscheinen konnten? Hatte der theologische Terminus Blasphemie nicht längst archaischen Charakter angenommen? Fast hundert Jahre zuvor hatte Friedrich Nietzsche in seiner Parabel Der tolle Mensch von der Titelfigur die definitiv vollzogene Tötung Gottes verkünden lassen: „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?“ Der Autor war sich zwar darüber im Klaren, dass diese mit den Mitteln des Zweifelns, Grübelns und Forschens vollzogene Tötung zunächst kein Tröstungsbedürfnis, sondern vielmehr Ignoranz und Verleugnung bewirken würde und setzt daher auf die Zeit als Weg der Erkenntnis: „Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert – es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. [...] Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese Tat ist ihnen immer noch ferner als die fernsten Gestirne – und doch haben wir sie getan!“ Aber Nietzsche ließ seinen „tollen Menschen“ sogleich mit den praktischen Konsequenzen seiner Enthüllung beginnen – der Umwidmung von Kirchen in „Grüfte und Grabmäler Gottes“. [3] Sollte diese Arbeit durch die Ideen und Ereignisse des 20. Jahrhunderts nicht wesentlich befördert worden sein? Hätte sich nach ihrer weitgehenden Vollendung die Vorstellung von Blasphemischem nicht auf andere Gegenstände als auf die Unzulänglichkeit eines monotheistischen Schöpfergottes richten müssen? Immerhin schienen zwei im 20. Jahrhundert sich manifestierende historische Entwicklungsstränge das Primat des menschlichen Schöpfertums im Guten wie im Schlechten bestätigt zu haben: Einerseits durch die russische Oktoberrevolution – inklusive ihrer sozialdemokratischen Geburtsfehler, ihrer stalinistischen Erstarrung und Deformation, ihrer antihumanen Verbrechen, ihrer grotesken Geschichte von Spaltung, Verrat und Dissidententum -, die zumindest die Möglichkeit eines von Marx prognostizierten Austritts aus der Vorgeschichte hinein in die selbstbewusst gestaltete Geschichte der Menschen angekündigt hatte. Andererseits die von den europäischen Faschismen repräsentierte gegenläufige Entwicklung einer politisch gewollten Unterwerfung unter die Mystizismen von Staat und Nation, die vom deutschen Nationalsozialismus avantgardistisch und konsequent in wahnsinnigen Vernichtungs-Antisemitismus überführt wurde. War angesichts dieser menschlichen Kollektivtätigkeit nicht jegliche systematische Überlegung bezüglich eines irgendwie weisen, weil für menschliche Zwecke nützlichen, Schöpfergottes angesichts der bedrängenden Notwendigkeit der Abschaffung des menschlich verursachten allgemeinen Leids selbst so etwas wie „blasphemisch“ geworden?
 
 
Salman Rushdie würde, das ergibt jedenfalls die Lektüre seines bislang besten Romans Die satanischen Verse, dem vermutlich zustimmen. Allerdings war er in den späten 80ern interessanterweise mehr als die damals noch überwiegend links orientierte Intelligenz des Westens in der Lage, die gegenläufigen Tendenzen einer archaisch sich gerierenden Rebarbarisierung der zwar noch nicht durch den Weltmarkt, aber durch widerstreitende universalistische Ideen vereinheitlichten Welt zu erkennen. Mit freilich spezifisch literarischen Mitteln: Deren wichtigstes ist die Personalisierung. Seinen beiden visionierenden und halluzinierenden Helden stellt er einen nicht weniger extraordinären Antagonisten gegenüber. Es ist der „bärtige beturbante Iman“. [4] Der phantasiert zwar auch im London der späten 70er seine persönlichen Phantome als Weltereignisse, doch er arbeitet zielstrebig darauf hin, seine Phantasien real werden zu lassen. Dieser Mann leidet nicht so sehr unter seinen wahnhaften Eingebungen; diese scheinen ihm selbst seit langem die Welt in ihrem empirischen Zustand zu repräsentieren. Die Welt, wie sie sein sollte, versteht sich, denn das ihn umgebende reale London besteht für ihn nur als Grauen, dem zu widerstehen ist: „Die Vorhänge aus dickem goldenem Samt bleiben den ganzen Tag geschlossen weil sich sonst das Böse in die Wohnung einschleichen könnte: Fremde, Ausland, das feindselige Volk. Die bittere Tatsache, dass er hier ist und nicht Dort, worauf sich alle seine Gedanken richten. Bei jenen seltsamen Gelegenheiten, wenn der Imam ausgeht, um in Kensington frische Luft zu schöpfen, im Zentrum eines Vierecks, das von acht jungen Männern mit Sonnenbrillen und ausgebeulten Anzügen gebildet wird, faltet er seine Hände vor dem Bauch und sieht sie mit starrem Blick an, damit keine Spur, kein Teilchen dieser verhassten Stadt – dieser Stätte des Lasters, die ihn demütigt, indem sie ihm Zuflucht gewährt, sodass er trotz all ihrer Lüsternheit, Mißgunst und Eitelkeit verpflichtet sein muss – sich wie ein Staubkörnchen in seinen Augen einnisten kann. Wenn er dieses verabscheute Exil verlässt, um [...] zurückzukehren, wird er stolz darauf sein, sagen zu können, dass er diesem Sodom gegenüber vollkommen ignorant geblieben ist; ignorant und dabei unbefleckt, unverändert, rein.“ [5]
 
 
Das lange Zitat lässt den verbitterten alten Mann unzweifelhaft als den Ajatollah Chomeini im Exil erkennen. Ein Psycho- und Soziopath, dessen beständige Sorge der Abwehr von Schmutz und Unreinheit in all ihren physischen und metaphysischen Erscheinungen gilt und der deshalb auch ein zwanghaftes Selbstreinigungsbedürfnis verspürt, was nach seiner Machtübernahme zur islamischen Reinigung der iranischen Gesellschaft im permanenten Blutbad führt. Im Exil freilich ist er noch auf die Elementarform aller Reinigungsmittel verwiesen: „Der Imam trinkt ständig Wasser, alle fünf Minuten ein Glas, um sich sauberzuhalten; dass Wasser wird, bevor er daran nippt, mit Hilfe eines amerikanischen Filterapparates von allen Verunreinigungen befreit. Die jungen Männer, mit denen er sich umgibt, kennen seine berühmte Monographie über das Wasser, dessen Reinheit, die sich, wie der Imam glaubt, dem Trinkenden mitteilt, seine Dünnflüssigkeit und Schlichtheit, die asketischen Freuden seines Geschmacks.“ [6] Sinnbild allen Schmutzes ist für den Iman – wie könnte es auch anders sein – eine Frau. Sie heißt Aischa und führt dem Asketen in Form einer der wenigen in seiner gewollt kärglichen Behausung geduldeten Fotografien stets aufs neue die Verderbtheit der Welt vor Augen. Die sowohl erotische Attraktivität als auch materiellen Luxus verkörpernde „Kaiserin“ – offenbar handelt es sich um die Ehefrau des 1979 durch die „islamische Revolution“ gestürzten Schahs – dient dem Imam als Fetisch unstillbaren Hasses auf – ja tatsächlich, auf das Leben selbst. Aischa markiert aber auch einen heiklen Punkt in der phantasmagorischen Gedankenwelt des Imams. Denn diesen Namen trug der Überlieferung zufolge auch die jugendliche Geliebte des Propheten Mohammed; sogar der Islam ist also von Beginn an mit dem Schmutz fleischlicher Begierde behaftet, was für den Imam eine schier unerträgliche Erkenntnis darstellt, deren Inhalt nun wirklich blasphemisch wäre, wagte denn jemand sie in Gegenwart des Imams auszusprechen.  
 
 Der Imam im Exil
 
 Dass der spätere Chomeini als, wie er in westlichen Medien gern bezeichnet wurde, „Revolutionsführer“ bei der Lektüre dieser Schilderung seines realen Exilantendaseins nicht gerade begeistert war, kann angenommen werden. Rushdie war allerdings noch einen Schritt weiter gegangen, indem er sich Gedanken um die „historische“ Aischa machte. Die junge Gespielin des Religionsstifters, die in manchen Überlieferungen gar als Neunjährige – mithin betrieb Mohammed nach heutigem Verständnis schweren sexuellen Missbrauch eines Kindes – beschrieben wird, erscheint bei Rushdie als Chiffre, als eine Art Verdichtung des Wirkens eines anderen weiblichen Wesens: nämlich der vorislamisch-matriarchalen Gottheit Al-Lat, die Mohammed neben zwei anderen Göttinnen zunächst vom monotheistischen Verdikt über die Vielgötterei ausgenommen haben soll. Diese Ausnahme, so manche apokryphe islamische Überlieferungen, sei durch Einflüsterungen des Satans bewirkt worden. Der Prophet selbst habe dies später bemerkt und dafür gesorgt, dass die entsprechenden „satanischen Verse“ aus dem Koran entfernt wurden. Das könne aber auch ganz anders gewesen sein, meint Rushdie, und legt den Lesern nahe, der Koran insgesamt sei möglicherweise nicht durch die Einflüsterungen des Erzengels Gabriel, sondern durch die des Satans höchstpersönlich ins Ohr des Propheten gedrungen. Die Reaktion des realen Chomeini auf das Erscheinen der „satanischen Verse“ verleihen der Beschreibung des Imams im Roman nahezu prophetischen Charakter. Solcherart „Schmutz“ repräsentierte das „schmutzige“ Denken und Leben der nichtislamischen Welt. Die reinigende Kraft des Wassers war hier offenbar überfordert, das Vergießen von Blut schien einzig angebracht, diese „Verunreinigung“ des Denkens zu beheben. Das von Chomeini in Form einer Fatwa über Rushdie verhängte Todesurteil und die Auslobung einer Kopfprämie von drei Millionen US-Dollar für den/die prospektiven Mörder zeigten schließlich, dass die Überlegungen des Autors über gotteslästerliche „Blasphemie“ doch nicht so archaisch waren, wie zunächst vermutet werden konnte, sondern sich fatalerweise (wieder) auf der Höhe der Zeit befanden.
 
 In der Folge gingen auf dem gesamten Globus Millionen von Moslems auf die Straße und forderten – von den westlichen Staatsorganen toleriert – die Ermordung Rushdies, in gespenstischen Autodafes wurden von analphabeten und illiteraten Menschenmengen die „satanischen Verse“ öffentlich verbrannt. Es war dies das erste Mal, dass der Geltungsbereich der Scharia für alle Staaten beansprucht wurde. Und das ohne auf allzu großen Widerstand zu stoßen: Nicht Großbritannien intervenierte bei der iranischen Regierung zugunsten seines Bürgers Rushdie, vielmehr schmiss der Iran für vier Wochen die britischen Diplomaten aus dem Lande. Auf Verleger und Übersetzer des Romans wurden Mordanschläge verübt, zumindest der japanischen Übersetzer wurde bei einem solchen Anschlag getötet, andere zum Teil schwer verletzt. Auch in Deutschland wurden im Frühjahr und Sommer 1989 islamische Kundgebungen mit Mordaufrufen abgehalten, gegen die niemand einschritt. Die Obrigkeit, noch den Denkstrukturen des zu Ende gehenden Kalten Krieges verhangen, zeigte sich weitgehend gleichgültig, in manchen Massenmedien wurde bereits Rushdie die Verantwortung für seine Situation zugewiesen. Auch die damals noch vorhandene radikale Linke interessierte sich wenig für die Angelegenheit. Hier und da wurden sogar Vermutungen geäußert, bei Rushdie handele es sich um einen Autor, der imperialistische und neokoloniale Ambitionen des Westens bediene. Es waren hauptsächlich liberale und linksliberale Intellektuelle, Autorenverbände und kleinere Verlage, die sich hierzulande für Rushdie stark machten, darunter übrigens auch einige, die später durch die entgegengesetzte Haltung einer ausgeprägten Islamophilie von sich reden machten. Weil sich nicht nur Rushdies damaliger deutscher Hausverlag Piper von der islamischen Drohung beeindruckt zeigte, und auch kein anderer Verlag hierzulande den Mut zur Publikation des Buches aufbrachte [7], wurde der „Artikel 19 Verlag“ ins Leben gerufen, dessen einzige Veröffentlichung im Herbst 1989 die „satanischen Verse“ sein sollten. Auf den Seiten 5 und 6 dieser verdienstvollen Publikation findet sich eine beeindruckend lange Liste der „Gesellschafter und Herausgeber“. Auf Seite 6 in der achten Zeile von unten kann man zwischen dem Verlag im Waldgut und dem Walter Verlag den Namen Günter Wallraff lesen. Für Günter Wallraff war das eine unruhige Zeit. Höhepunkt und Niedergang seines publizistischen Schaffens fielen in ihr zusammen. Begonnen als kritischer Enthüllungsautor mit zum Teil spektakulären Recherchemethoden war er in den späten 70er und den 80er Jahren zum Publikumsliebling aufgestiegen. Er hatte den Leuten die Schweinereien des Springer-Konzerns, vor allem der BILD-Zeitung, enthüllt und war damit so erfolgreich, weil er zu Tage förderte, was sich viele bei Lektüre des Blattes stets gedacht hatten. Als „Türke Ali“ hatte er dann die deutsche Welt von Ganz Unten, so der Titel seines erfolgreichsten Sellers, für den sozial verantwortungsbewussten Staatsbürger kurzweilig aufbereitet. Mit dem Erfolg von Ganz Unten war aber der Zenit seiner Karriere überschritten: Sein Ghostwriter hatte ihm die Zusammenarbeit aufgekündigt und dies publik gemacht. Eigentlicher Verfasser von Wallraffs Publikationserfolgen war Hermann Gremliza von der Konkret die dieser auf der Grundlage von Wallraffs Notizen erstellt hatte. Weil Wallraff der Sinn längst nicht mehr nach „Unerwünschten Reportagen“, mit denen er einst als Gesellschaftskritiker reüssierte, stand, sondern es offenbar mehr auf Beiträge zur sozialpädagogischen Sinnstiftung für die Bundesrepublik angelegt hatte, wollte Gremliza nicht länger mittun. Zudem ehrte er seinen früheren Klienten mit einem Karl-Kraus-Preis, dessen Verleihung allerdings an die Bedingung geknüpft war, fortan auf jegliche Veröffentlichung zu verzichten.
 
 
 Praktische Intervention
 
 Nun mag Günter Wallraff kein genialer Schreiber sein und letztlich öffentlichen Zuspruch nicht immer zugunsten kritischer Analyse verschmähen, eines muss man ihm aber lassen: Er hat oft das richtige Gespür für den richtigen Ort und die richtige Zeit aufgebracht, um durch praktische Intervention die Wahrheit über Zustände und Verhältnisse kenntlich zu machen. Beispielsweise stellte er sich im Sommer 1967 mit einem Schild „Student, wegen Teilnahme an Demonstration gekündigt, sucht Zimmer und Arbeit jeglicher Art“ vor den Westberliner Bahnhof Zoo. Die Beschreibung dessen, was er daraufhin von antikommunistisch verhetzten, mit Vernichtungsphantasien überladenen Frontstadtbewohnern erfuhr, ist sowohl beängstigend wie erhellend. [8] Im Mai 1974 kettete sich Wallraff an einen Laternenmast auf dem Athener Syntagmaplatz und verteilte Protestflugblätter gegen des damalige griechische Militärregime. Diese Aktion, seine darauf folgende Verhaftung, Misshandlung und Einkerkerung trugen immens zur Aufklärung der brutalen Verhältnisse in einem europäischen NATO-Land bei. Auch nach seinem publizistischen Niedergang zeigte er gelegentlich einen ausgeprägten Sinn für das Richtige und Angebrachte. So reiste er 1991 demonstrativ nach Israel. In einer Situation als der Irak das Land mit Scud-Raketen beschoss, um auf diese Weise andere arabische Länder zu Angriffen zu motivieren, solidarisierte Wallraff sich mit dem jüdischen Staat. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang auch sein 1996 erfolgter Besuch beim PKK-Chef Öcalan, der ähnlich wie Chomeini ein Todesurteil über einen dissidenten Autor verhängt hatte. Wallraff erreichte zwar nicht die Rücknahme des Mordaufrufs, bewirkte aber einiges bezüglich der Erhellung der autoritären Strukturen der Kurdenpartei. Und heute fordert Günter Wallraf eine öffentliche Lesung aus den „satanischen Versen“ Salman Rushdies in der geplanten Kölner Monumental-Moschee. Zunächst hatte er vorgeschlagen, Rushdie persönlich solle in der Moschee lesen, war aber dann, aufgrund der Gefährdung Rushdies – immerhin war das auf ihn ausgesetzte Kopfgeld 1991 noch einmal verdoppelt worden – bereit, selbst aus den „Versen“ zu lesen. Bemerkenswert und das Gespür dieses Mannes fürs Richtige unter Beweis stellend, waren vor allem die erwartbaren Reaktionen – von nicht-islamischer wie von islamischer Seite. Hat man sich hierzulande erst einmal entschlossen, den Islam als grundsätzlich friedfertig anzusehen und eine erzreaktionäre islamische Einrichtung als Repräsentation eines „moderaten Islam“ zu begreifen, weicht man keinen Schritt mehr zurück. Da wird dann selbst ein in Deutschland allseits beliebter Publizist wie Ralph Giordano in die rechte Ecke gestellt, wenn er im Zusammenhang mit der durch den Kölner Moscheebau zu befürchtenden Konzentration islamischen Alltagslebens – immerhin sollen den Plänen der Betreiber zufolge 2.000 Menschen dort Platz finden – Selbstverständliches äußert, wie „Ich will auf deutschen Straßen keine Burka-Trägerinnen und Shador-Verhüllten sehen. [...] Ebenso wenig wie ich will, dass der Muezzin-Ruf von Minaretten ertönt“. Giordano weiß um die knechtende Praxis und Symbolik von Burka und Shador und begründet dies, genauso wie er weiß, dass von Minaretten nicht gerade Aufrufe zu gesteigerter Menschenfreundlichkeit zu vernehmen sind.
 
 Auch zu Wallraff gehen die Multikulti-Phantasten eines angeblich „friedfertigen“ und „moderaten“ Islam inzwischen auf Distanz. Zwar nicht so harsch wie gegenüber Giordano, aber so schroff wie der hatte sich Wallraff auch nicht geäußert. Vielmehr sei es ihm stets um Integration gegangen, die vorgeschlagene Lesung könne so etwas wie ein bestandener „Integrationstest“ werden, hatte der sich bereitwillig neben Kölner Politikern und anderen Lokalmatadoren als Mitglied eines sogenannten „Beirates“ der Moschee zur Verfügung Gestellte verlauten lassen. Außerdem habe er „bei sich zu Hause bereits eine Probelesung vor muslimischen Moschee-Gängern abgehalten, bei der die Zuhörer an Stellen gelacht hätten, die sich Nichtmuslimen gar nicht erschließen. ‚Daran sieht man, dass dieses Buch in den muslimischen Kontext gehört’, sagte Wallraff.“ (Spiegel Online, 25.09.2007) Zwar mit der nachgestellten Einschränkung „Vielleicht ist das auch nur ein Traum von mir“ hatte er in einem Interview folgendermaßen Scharfsinn gezeigt: „Die Welt ist dabei, sich zu verändern. Die Muslime, die jetzt in der deutschen Gesellschaft heranwachsen, sind nicht die Gewaltbereiten. Sondern sie fangen an, zu vergleichen und sich die positiven Seiten ihrer jeweiligen Kultur zu eigen zu machen und das Rückständige hinter sich zu lassen.“ (Zeit Online, 18.07.2007) Nicht solche spleenigen Statements brachten ihm Spott ein, sondern sein Beharren auf einer Lesung aus Rushdies Buch, nachdem die zu erwartende islamische Ablehnung eingetroffen war. Als quijotesker „Halbmondritter“, der „gen Ankara“ ziehe, titulierte in die FAZ. Die Süddeutsche Zeitung zieh ihn süffisant eines grotesken Paternalismus: „Es ist schwärzester Undank. Da reibt sich einer auf, riskiert sein Leben, und kommen ihm die Muslime auch nur einen Millimeter entgegen? Aber woher.“ Ach ja, die lieben Muslime. Die nicht ganz so friedfertigen und leider auch nicht allzu sehr moderaten unter ihnen setzten Wallraff sogleich auf eine im Internet kursierende Liste der „Feinde des Islam“. Weil dies so weit von einer Todesdrohung nicht entfernt ist, und so etwas auch für islamophile Deutsche nicht ganz in Ordnung geht, zumindest solange es innerhalb der deutschen Grenzen stattfindet, machten die Friedfertigen und Moderaten das, was von ihnen erwartet wird: Sie distanzierten sich von dieser Drohung ebenso wie sie sich zuvor schon von Chomeinis Fatwa gegen Rushdie distanziert hatten. Letzteres hatte Wallraff schon gewürdigt: „Eines habe ich bereits erreicht, und das ist schon was: Zum ersten Mal hat [...] eine islamische Gemeinde, und noch dazu die größte in Deutschland, sich eindeutig gegen die Fatwa ausgesprochen.“ Na immerhin...
 
 Die innerhalb der Moscheebetreiber führende Kraft, die vom türkischen Staat dirigierte DITIB, hatte in einer Presseerklärung unter anderem mitgeteilt: „Geschäftsführung, Dialogabteilung und Vorstand sind sich einig gewesen, dass eine solche Veranstaltung nicht für die Integration der Muslime in Deutschland förderlich wäre. In einer Demokratie darf man auch zu dem Entschluss kommen, dass eine von einem prominenten Schriftsteller angefragte Veranstaltung nicht mit der religiösen Auffassung der Gemeinde zu vereinbaren ist.“ Ja, das darf man, und man darf als Gemeinde mit einer religiösen Auffassung auch zu dem Ergebnis kommen, dass „Blasphemie“ ein strafwürdiges Verbrechen ist, nur selber strafen darf man nicht, das hat man in der Demokratie dem Staat, und falls der nicht will oder kann, dem Allmächtigen zu überlassen, dem seinerseits wiederum auch nur die Menschenkinder als Strafvollstrecker zur Verfügung stehen. In nahezu jeder christlichen Kirchen- und jüdischen Synagogengemeinde sind „blasphemische Gedanken“ wie die eingangs aus Rushdies Roman zitierten als selbstverständliche akzeptiert. Auch wenn sie dort nicht immer zum täglichen spirituellen Brot gehören dürften, ist man sich schon darüber im Klaren, dass die Suche nach einer Antwort auf die Frage, wie ein als gleichermaßen allmächtig und menschenliebend vorgestellter Schöpfergott zu dem aus den Schweinereien seiner Geschöpfe resultierenden Leid steht, eine unabdingbare Triebkraft jeder modernen Theologie darstellt. Doch der zeitgenössische Islam will offenkundig weder modern noch theologisch, jedenfalls nicht im systematischen Sinne, sein. Haben seine beiden monotheistischen Konkurrenten auf politische und soziale Gestaltungsmächtigkeit inzwischen weitgehend verzichtet, beansprucht der Islam in der spätkapitalistischen Weltgesellschaft nach wie vor die praktische Realisierung seines Namens: Unterwerfung.
 
 Günter Wallraff allerdings unterwirft sich vorerst nicht. Wie ein deutscher von den heimischen Institutionen Enttäuschter bisweilen verkünden mag, „bis nach Karlsruhe“ zu gehen, um sein „gutes Recht“ zu erlangen, so erklärte Wallraff, nach Ankara zu reisen, um mit den dortigen Vorgesetzten des Kölner DITIB Tacheles zu reden. Wieder ein Beweis dafür, dass der Mann immer noch über das richtige Gespür für den richtigen Platz und den richtigen Ort verfügt. DITIB ist nämlich die Auslandsfiliale des türkischen Religionsministeriums, das sich selbst bescheiden als „Amt für religiöse Angelegenheiten“ titulieren lässt. Von dort werden die Aktivitäten der europäischen DITIB-Gemeinden inhaltlich bestimmt und praktisch gelenkt. Zuvor hatte Wallraff seine „maßlose Enttäuschung“ über die Ablehnung seines Integrationstestes erfolgreich durch eine zutreffende Qualifizierung des Kölner DITIB-Chefs kompensiert. Der sei nämlich nichts weiter als ein „Aufpasser, Wächter, Abschirmer im Auftrag des türkischen Staates“, erläuterte der Enttäuschte dem Kölner Express. Als Unterabteilung einer staatlichen Institution nimmt DITIB die Interessen seines Souveräns wahr, und die Interessen des türkischen Staates werden, sofern nicht stärkere Souveräne wie etwa die NATO drohend mit dem Zeigefinger wedeln, von völkischem Nationalismus und Islam bestimmt, woraus die bekannte unappetitliche Melange beider Ingredienzien in türkischer Innen- wie Außenpolitik resultiert. Die Wallraffsche Idee, statt mit einem Kölner Subordinierten gleich mit dem obersten Chef zu reden, war nur konsequent. Gleichwohl dürfte diese Idee, auch wenn ihre Realisierung in Ankara vorgesehen war, in einem durchaus als byzantinisch zu bezeichnenden Wirrwarr enden. Zunächst war die Ankara-Reise für Oktober projektiert, dann wurde sie auf Anfang November verschoben. Beim Schreiben dieses Artikels ist es fast schon Mitte November. Wahrscheinlich wird nichts mehr aus dem Projekt. Und dennoch sind wir Zeugen einer schönen praktischen Intervention geworden, einer Intervention, die noch in ihrem Scheitern Schönheit und Würde menschlicher Blasphemie verdankt.
 
 
 Anmerkungen:
 
 
[1] Rushdie, Salman, Die Satanischen Verse, o. O., 1989, S. 333. Alle weiteren Rushdie-Zitate aus dieser Ausgabe.
 
 [2] Rushdie, ebd.
 
 
 [3] Nietzsche, Friedrich, Der tolle Mensch, in: derselbe, Die Fröhliche Wissenschaft, Frankfurt/M. 1982, S. 137 ff. Hervorhebung im Original.
 
 [4] Rushdie, S. 209
 
 [5] Rushdie, S. 210
 
 [6] Rushdie, S. 213. Tatsächlich hatte Chomeini in den 70er Jahren eine skurrile Abhandlung Von der Natur des Wassers verfasst.
 
 [7] Erst 1997 erschienen Die satanischen Verse als Taschenbuch im Droemer Knaur Verlag.
 
 
[8] Er beschreibt das in dem Text Sauberes Berlin, der 1969 erstmals in den 13 unerwünschten Reportagen erschien.