Ausgabe #6 vom

Kurzschluss in Permanenz*

Die Konkret geht auf Kollisionskurs mit der Aufklärung

WALTER FELIX / JAN HUISKENS

„Der Schrei nach Aufklärung verhallt nicht ungehört“ – mit diesem Slogan wirbt Gremlizas Monatsmagazin konkret in Inseraten für sich. Doch bereits seit geraumer Zeit hat man den Eindruck, in Hamburg werde unter Aufklärung nicht der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit verstanden, sondern zunehmend nur die Aufdeckung von finsteren Machenschaften der herrschenden Klasse. Keinesfalls soll der Verdienst dieser Zeitschrift in den 90er Jahren geschmälert werden, als sie als eine von ganz wenigen Publikationen gegen den nationalen Konsens in Deutschland anschrieb. Doch seit 9/11 ist es damit vorbei. Wer geglaubt hatte, der Rausschmiss des mittlerweile zum Propagandisten des nationalen Flügels der Linkspartei regredierten Jürgen Elsässer hätte die alte Größe von konkret wiederhergestellt, der hat sich geirrt. Zwar fehlen die Interviews mit antisemitischen Verschwörungswahnsinnigen wie Andreas von Bülow seither, aber schon damals verkündete Gremliza: „Eine Zäsur findet nicht statt“. Der antiamerikanische Geist ist aus der Flasche gewichen und lässt sich nicht mehr einfangen, sondern spukt seither durch das Hamburger Redaktionsgebäude, woran auch die periodischen Teufelsaustreibungen, die beispielsweise an von Bülow und ähnlichen vorgenommen werden, nichts ändern. Sicher, es gibt noch die antideutsche Kritik in konkret und auch Gremlizas persönliche axis of evil scheint neuerdings aus „den Herren Chavez, Ahmadinedschad und Lafontaine“ zu bestehen. Auch stellt sich zumindest die Zeitschrift immer eindeutig auf die Seite Israels (was für den konkret Literatur-Verlag nicht gilt: man denke an die Veröffentlichung eines Buches von Zuckermann). Doch ist dies immer prekär. Davon kann man sich leicht überzeugen, wenn man die monatlichen Titelbilder betrachtet: diese zielen stets darauf ab, den antiamerikanischen und reaktionär-antikapitalistischen Mainstream der deutschen Linken zum Kauf der Zeitschrift zu überreden. Das Ergebnis dieser Verkaufspolitik lässt sich Monat für Monat auf der Leserbriefseite besichtigen: von Titeln wie Ami goes homeG8 – Diese Welt muss unser sein oder Bush und wie er die Welt sieht angelockt, befindet sich neben allerlei Antiimp-Publikum, das seiner Wut über die billige Bauernfängerei Ausdruck verleiht, auch schon einmal ein türkischer Faschist, der den Genozid an den Armeniern leugnet [1].
 
 Die Prognose, dass dieser fragile Spagat nicht auf ewig wird gut gehen können, ist nicht besonders gewagt: mit dieser Strategie lassen sich keine dauerhaft höheren Verkaufszahlen erzielen, geschweige denn politische Agitation betreiben, weil die Mogelpackung für jeden, der das Blatt liest, sofort durchschaubar ist. Es steht also eine Entscheidung an im Hause Gremliza, und diese ist nun offenbar getroffen worden. Ob Unfähigkeit, Neigung oder Geschäftssinn der ausschlaggebende Faktor gewesen ist, sei einmal dahingestellt, jedenfalls hat sich konkret dazu entschieden, der Mehrheit der Leser nach dem Mund zu reden. [2]
 
 Die Wertkritik der dummen Kerls
 
 
Wie bewerkstelligt konkret nun die Aufgabe, einerseits keinen allzu großen politischen Skandal auszulösen, indem etwa die Solidarität mit Israel in Frage gestellt wird, und andererseits dem linksdeutschen Mob zu gefallen? Richtig erraten: konkret wird grundsätzlich und hebt zum großen Rundumschlag gegen die Aufklärung als solche an. Neuer Starautor des Blattes (oder nützlicher Idiot?) ist offenbar Ralf Schröder, dem auf zwei Hefte verteilt sechs Seiten zugestanden wurden, um eine ganz fiese Machenschaft der Bourgeoisie aufzudecken: In dem Artikel No Pasaran in der Aprilausgabe mokierte Schröder sich über das Anliegen, „dem islamisch fühlenden Teil der Weltbevölkerung bezüglich der Ausübung seiner Religion und der zugehörigen Überzeugungen zu abendländischen Manieren zu verhelfen“ und im Mai folgte die Fortsetzung Unheilbare Verderbnis, in der er in Kollaboration mit dem philosophisch vermeintlich gebildeteren Frank M. Renkewitz mit der Philosophie der Aufklärung abrechnete.
 
 Als Anlass muss eine Debatte im Online-Magazin Perlentaucher [3] herhalten, jedoch der Verdacht, dass Schröder den Sack schlägt, aber den Esel meint, lässt sich nicht vermeiden. Er ist feige und umsichtig genug, beispielsweise eine offene Attacke auf den derzeit in Deutschland prominentesten Islamkritiker, Henryk M. Broder, zu vermeiden, da dieser den Schröder sofort als „Schmock der Woche“ genüsslich zerpflückt hätte. Stattdessen hält er sich an hierzulande bislang unbekannten niederländischen Juraprofessoren und wehrlosen, weil toten Philosophen schadlos. Schröder dünkt sich als unbeteiligter Kritiker, der das Geschehen von außen betrachtet und süffisant lächelnd seine Kommentare abgeben kann. Er sei, weil er Westen und Islam gleichermaßen ablehnt, „a priori davon befreit, den von oben ausgerufenen Kampf der Kulturen durch eine Parteinahme bereichern zu müssen“. Schröders „Unabhängigkeitserklärung“, die er zu Beginn zum Besten gibt, um sich von der Notwendigkeit einer Entscheidung im Konflikt zwischen dem Westen und dem radikalen Islam auf billige Art freizukaufen, weist ihn als einen, wenn auch epigonalen Schüler des späten Robert Kurz aus. Trug dessen Scheitern jedoch einen Zug von Tragik, da ihn seine eigene theoretische Reflexion zu dem Punkt geführt hatte, an dem er begann, wild um sich zu schlagen und dabei jegliche Reflexionsfähigkeit einzubüßen, ist Schröder allerdings nur lächerlich, denn er meint, anders als Kurz keine umständliche theoretische Rechtfertigung mehr für seinen Hass auf die Aufklärung abgeben zu müssen, sondern den wertkritischen Ballast über Bord werfen und gleich auf den Tisch hauen zu können. Dass Kritik und Parteinahme unauflöslich miteinander verbunden sind, weil die Kritik sonst bloße Selbstbeweihräucherung ist, hat Schröder noch keiner gesteckt; auch nicht, dass Parteinahme noch lange nicht Identifikation bedeutet, denn mit Dialektik weiß er nichts anzufangen. Die Züge von Egomanie tragende Ansicht, man stehe als Kritiker außerhalb des Geschehens und nicht mittendrin, führt Schröder zu einer vollkommenen Gleichgültigkeit gegenüber der Welt im allgemeinen und den Untaten des radikalen Islam, die erschaudern lässt. Gerade weil Schröder die Wirklichkeit verdrängt, weiß er sich „a priori“ auf der Seite der unverbrüchlichen Wahrheit, die nur noch Bekenntnis ist und sich gegenüber Erfahrungen abgedichtet hat. Trotz der Realitätsverleugnung meint er sich in die „Rolle des Beobachters begeben und seine Aufmerksamkeit vor allem der Seite widmen“ zu können, „die ihm so etwas wie Vaterlandsverrat vorwirft“. „So etwas wie Vaterlandsverrat“: die drei ersten Worte verraten den Lügner, denn liest man in der Perlentaucher-Debatte nach, so lautet der Vorwurf an die Schröders nicht „Vaterlandsverrat“, sondern „Kollaboration“. So schnell endet Schröders Versuch, sich als Verräter des – deutschen – Vaterlandes darzustellen und dadurch etwas von den Meriten des Antifaschismus zu ergattern, in der Blamage. Damit liefert er einen praktischen Beleg für die Vermutung, dass die Sprache sich gegen den Versuch der Lüge wehrt und denjenigen mit unfreiwilligem Humor bestraft, der sich an der Wahrheit vergreift.
 
 Schröder prüft die Argumente der Islamkritiker, die er verdächtigt, jegliche Kritik an einem „kolonial gesinnten europäischen Herrenmenschentum[s]“ verhindern zu wollen, nicht, sondern drischt mit der Brechstange auf die von ihm zu einem Popanz aufgebauschten Islamkritiker ein. Dem schwedischen Schriftsteller Lars Gustafsson etwa, der nur angemerkt hatte, dass Irrationalität nicht „in der gleichen Weise unsere Wertschätzung verdient wie Rationalität“, hält Schröder vor, er lasse „keinen Zweifel daran“ aufkommen, dass „der Globus auch künftig mittels der bestens erprobten und seit vielen Jahrzehnten herrschenden abendländischen Vernunft zu verwalten sei“. Der Vorwurf mag berechtigt sein – nur ist überhaupt nicht klar, was Schröder eigentlich gegen diese Vernunft ins Feld führt und er weigert sich beharrlich, es zu explizieren. Weil er nicht in der Gesellschaft – und damit letztlich sich selbst  als Kapitalsubjekt – kritisiert, sondern das Projekt der Aufklärung als per se kapitalistisch verwirft, kommt eben nur noch eine keifende Abwehr gegen die Aufklärung heraus: „Insgesamt ist das antiislamisch motivierte Geschwafel über ‚Aufklärung’ recht unschwer als ein Lobgesang auf die Herrschaftskunst und die Wirtschaftsweise der bürgerlichen Klasse zu identifizieren.“ Wenn es so „unschwer“ zu erkennen ist, dass Aufklärung Prokapitalismus impliziert, dann könnte, so meint man, Schröder diesen Zusammenhang doch in ein paar Sätzen darlegen. Das tut er aber nicht, sondern belässt es beim Verdacht. Der mag in manchen Fällen zutreffen, in anderen nicht, was gar nichts beweist, aber nahe legt, dass es zwischen Aufklärung und Kapitalismus vielleicht einen historisch-genetischen, aber jedenfalls keinen logisch zwingenden Zusammenhang gibt. Man kann – wie Marx – Aufklärer in ideologiekritischer Absicht sein und gerade deshalb die kapitalistische Produktionsweise bekämpfen, man kann aber auch, obwohl das falsch ist, den Kapitalismus als verwirklichte Freiheit aller ansehen. Letzterem hätte der Kommunist nachzuweisen, dass der Kapitalismus notwendig Ausbeutung, Zwang und Entfremdung impliziert und damit das Gelingen der Aufklärung, den Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit, verhindert. Aber diese Brücke hat Schröder längst hinter sich zum Einstürzen gebracht und tritt die Flucht nach vorne an. Er kompensiert seine Unfähigkeit, auch nur einen Gedanken auf den Punkt zu bringen, indem er zu einer immer uferloseren Generalabrechnung ausholt. Die Willkür und Ahnungslosigkeit, mit der er das Unkompatible gleichsetzt, erscheint dem Halbgebildeten als großer Durchblick und schlägt vollends in Größenwahn um, wenn er, der schon an den liberalen Autoren eines Online-Feuilletons grandios scheitert, meint, nun auch noch die „großen Philosophen des Abendlandes“ anschwärzen zu müssen. Er fährt fort: „[E]s ist eine feine Ironie, daß unter allen aufgerufenen Kronzeugen Immanuel Kant durchweg als der Gewichtigste erscheint.“ Die sprachliche Fehlleistung, die Schröder gleich dreimal wiederholt, besteht darin, zu behaupten, Immanuel Kant sei der „Kronzeuge der Aufklärung“. Der Metapher zufolge sitzt Kant gemeinsam mit Osama Bin Laden und anderen Zivilisationskritikern auf der von den Liberalen in einem imaginären Tribunal errichteten Anklagebank und erreicht eine geringere Strafe dadurch, dass er gegen seine Komplizen aussagt. Aber es ist Schröder, der sich zum Ankläger eines antiliberalen Tribunals ernennt, die Beschuldigten sind nicht Osama Bin Laden und seine Kumpanen, sondern die Aufklärung.
 
 Die Nacht, in der alle Katzen grau bleiben
 
 
Er zitiert Kant auf die Anklagebank: der Philosoph, auf den sich angeblich alle Islamkritiker stützen, sei es gewesen, „der seinerzeit und explizit dem Denken in rassischen, völkischen und kolonialen Kategorien zum Durchbruch verhalf“ – womit Schröder nahe legen möchte, dass auch die Islamkritiker rassistisch sind. Diese Methode der Denunziation – schäbigste Hintertreppenphilosophie – erinnert an den Obskurantismus von Konspiropathen, die in ihrem Beziehungswahn überall Verbindungen und Verschwörungen wittern, wo keine sind und dabei oft genug die offensichtlichen und selbstverständlichen Bezüge einfach übersehen. Wenn Kant ein Rassist war, dann seien deswegen auch alle anderen, die sich positiv auf die Aufklärung und die Vernunft beziehen, Rassisten: nicht nur Pascal Bruckner [4], sondern auch Hannah Arendt, die Schröder zufolge Kant nicht wegen dessen Kritik der reinen Vernunft verehrte, sondern weil sie Kants Rassentheorie so prima fand.
 
 In seiner Abrechnung mit Kant wird Schröder durch seine Ahnungslosigkeit immer wieder zu unfreiwilligem Humor verleitet: er schreibt, Kant habe einen „Bruch mit einer das Individuum von mittelalterlichen und klerikalen Zumutungen befreienden Philosophie, für die unter anderen Leibnitz und Locke stehen“, vollzogen. Kant also ein Apologet der Rückkehr ins Mittelalter? Und die angebliche Identität von Rassismus und Aufklärung folgt aus der Mittelalterlichkeit von Kants anthropologischen Schriften?
 
 In Unheilbares Verderbnis versuchen Schröder und Renkewitz, Kants Philosophie in Verruf zu bringen, ohne über sie zu sprechen. Sie begnügen sich mit wild zusammen gewürfelten Zitaten aus Kants anthropologischen und naturwissenschaftlichen Schriften, die sie, wenn überhaupt, nur in einen höchst kruden Zusammenhang mit Kants philosophischem Hauptwerk in Beziehung setzen: „Seine Rassentheorie entwarf er in der gleichen Zeit, in der er mit seiner Kritik der reinen Vernunft ein vermeintliches Bollwerk gegen Intoleranz und für eine kritische Vernunft anfertigte.“ (Hervorhebung WF/JH) Der nächste Versuch, Kants Philosophie Rassismus anzuhängen, besteht darin, dass Schröder/Renkewitz Kants Polemik gegen den englischen Empirismus in den Raum stellen: „Diese [Empiristen – WF/JH], so Kant, gebärdeten sich wie eine Art Nomaden, allen beständigen Anbau des Bodens verabscheuend.“ Es folgt keine Erläuterung dieses Kommentars, die Autoren tun so, als verstünde sich die Bedeutung dieser Bemerkung von selbst. Dass sie nicht rassistisch, sondern eine Metapher für die empiristische Ablehnung des begrifflichen Philosophierens ist, verschweigen sie.
 
 Man braucht gar nicht nachzuweisen, dass die inkriminierten Texte Kants zwar eine Rassentheorie enthalten, aber dennoch im Gesamten (bis auf einige Kommentare, die Schröder/Renkewitz schamlos ausbeuten) keine rassistische Theorie [5], um aufzuzeigen, welchen Unsinn die beiden konkret-Autoren da aufgeschrieben haben. Man lasse sich nur folgende Statements auf der Zunge zergehen: Kant habe einen „Abschied vom Individuum“ gepredigt (S. 41), habe „die Freiheit des Menschen […] durch seine völkische Zugehörigkeit“ bestimmt (S. 42), eine Theorie „völkischer Überlegenheit“ formuliert, die „fast wie ein Tagesbefehl der Obersten Heeresleitung der Naziwehrmacht“ klinge (S. 42), er habe die „Ausrottung ganzer Völker zur unmittelbaren historischen Notwendigkeit“ erklärt und auch „ein J. Mengele“ könne sich „mit dieser Aufklärung durchaus anfreunden“ (S. 42).
 
 Was soll man dazu sagen? Vermutlich besser nichts, denn jedes weitere Wort würde dem Gestammel auch noch zugestehen, diskussionswürdig zu sein. Stattdessen sei hier abschließend ein Leserbrief des aufmerksamen konkret-Lesers Wolfgang Kreuter aus Düsseldorf zitiert, der die Angelegenheit auf den Punkt bringt: „Hoppla, jetzt kommen Frank und Ralf. Und machen mal schnell den Kant kalt. Den Grundleger des Rassismus, den üblen. Hatten wir ja noch nicht gewusst. Wir kannten immer nur den Erfinder der Aufklärung, den Geistesgiganten aus Königsberg, der die philosophische Grundlage für die unwiderrufliche Befreiung des Subjekts gelegt hat. Den Immanuel Kant, der noch vor der großen Französischen Revolution Gott als Moralinstanz für den Menschen erledigt hat. Den Kant, der dem heiligen Schauer mittelalterlichen Gefühls das geistige Ende bereitete. Fichte, Schelling, Hegel, Marx – keiner hat den Mann offenbar richtig gelesen. Frank und Ralf  aber. Hitler wäre von selber gar nicht drauf gekommen, nein: Kant hat mit dem Scheiß angefangen. Fröhliches postmodernes Verhunzen. Was bricht da über uns herein? Die Nacht, in der alle Katzen grau bleiben, weil man es nicht mehr wagt, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, oder es nicht kann? […]“ (konkret Nr. 6/2007, S. 6).
 
 
 Anmerkungen:
 
 
* Adorno 1997, S. 117.
 
 [1] So ein gewisser Fahrettin Tahir in einem in konkret Nr. 4/2007 abgedruckten Leserbrief. Selbstverständlich kann man es der Redaktion nicht direkt zum Vorwurf machen, welche Leser sie hat, zumal der Mob den Artikeln nur selten zustimmt, sondern sie meist mit Schaum vor dem Mund ablehnt. Ob die konkret-Redaktion jedoch darüber nachdenkt, ob es vielleicht einen Zusammenhang zwischen diesen Titelbildern und diesen Leserbriefen gibt, darf getrost bezweifelt werden.
 
 [2] Auch die Jungle World meint neuerdings, gelegentlich wirklich dumme und antiaufklärerische Traktate abdrucken zu müssen. In der Ausgabe vom 18. April ließ sie zwei Autoren folgendes zur Forderung nach einem Kopftuchverbot schreiben: „Einerseits besteht es [das Lager der Verteidiger des Kopftuches, JH/WF] aus islamischen Patriarchen und Islamistinnen, die Proteste und Gerichtsprozesse gegen Kopftuchverbote organisieren und initiieren. Andererseits finden sich hier muslimische Frauen, die sich gegen Ansprüche der dominierenden Mehrheitsgesellschaft wehren; ein Anliegen, an dessen Wichtigkeit auch das gelegentliche und politisch fatale Bündnis mit den patriarchalen Kopftuchbefürwortern nichts ändert.“ Alles nötige zum Kopftuchstreit hat z.B. Thomas Maul in seinem Buch Die Macht der Mullahs (2006) dargelegt. Das Kopftuch ist nicht nur ein religiöses Symbol, sondern ein Zurichtungsinstrument zur Abwehr von selbst bestimmter weiblicher Sexualität und damit ein Instrument zur Reproduktion der repressiven islamischen Sexualmoral, unabhängig davon, ob einzelne verschleierte Frauen eine Autonomie des Denkens behalten mögen. Wer sich daher zweideutig zum Kopftuch verhält, ist ein Feind der Emanzipation.
 
 [3] Unter www.perlentaucher.de/artikel/3642.html kann die gesamte Debatte nachgelesen werden.
 
 [4] Einer der Autoren der Perlentaucher-Debatte.
 
 [5] Damit man es uns nicht als Mangel an Argumenten auslegt, wollen wir trotzdem diese Behauptung nicht unbelegt lassen: In der Schrift Von den verschiedenen Rassen der Menschen von 1775 betont Kant ausführlich und an prominenter Stelle die Einheit der Gattung Mensch: „Nach diesem [Buffonschen – WF/JH] Begriffe gehören alle Menschen auf der weiten Erde zu einer und derselben Naturgattung, weil sie durchgängig mit einander fruchtbare Kinder zeugen, so große Verschiedenheiten auch sonst in ihrer Gestalt mögen angetroffen werden. Von dieser Einheit der Naturgattung, welche eben so viel ist, als die Einheit der für sie gemeinschaftlich gültigen Zeugungskraft, kann man nur eine einzige natürliche Ursache anführen: nämlich, dass sie alle zu einem einzigen Stamme gehören, woraus sie, unerachtet ihrer Verschiedenheiten, entsprungen sind, oder doch wenigstens haben entspringen können.“ (Kant 1977, S. 11f) Zwar soll nicht geleugnet werden, dass Kant die Menschheit in vier Rassen unterteilt und diesen auch absteigend geringere Fähigkeiten zugesprochen hat, die angeblich durch Naturbedingungen wie das Klima bedingt seien, aber er besteht darauf, dass jeder Mensch  über das Vermögen der Vernunft verfügt und diese natürlichen Hemmnisse hinter sich lassen kann. Nimmt man diese wesentliche Einschränkung an, so ist keine allzu große Differenz mehr zwischen dem materialistischen Ansatz der Kulturkritik etwa eines Friedrich Engels und der Anthropologie Kants zu erkennen. Denn im Zustand weitgehender Beherrschung der Natur durch die Menschen emanzipieren sich diese von ihren natürlichen Lebensgrundlagen und gleichen sich einander an. Genau so ist auch die von Schröder/Renkewitz zitierte Einlassung Kants zu verstehen: „Die heilige Urkunde hat ganz recht, die Zusammenschmelzung der Völker in eine Gesellschaft, und ihre völlige Befreiung von äußerer Gefahr, da ihre Kultur kaum angefangen hatte, als eine Hemmung aller ferneren Kultur und eine Versenkung in unheilbares Verderbnis vorzustellen.“ Erst dieser Prozess, der u. a. im Kommunistischen Manifest beschrieben wird, hat geschichtlich die Möglichkeit des Kommunismus, der Gleichheit aller Menschen in ihrer individuellen – nicht-rassischen – Unterschiedenheit, eröffnet.
 
 
 Literatur:
 
 
Adorno, Theodor W., Theorie der Halbbildung, in: Gesammelte Schriften, Bd. 8, Frankfurt/M. 1997, S. 93-121.
 
 Kant, Immanuel, Von den verschiedenen Rassen  der Menschen, in: derselbe, Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik 1, Frankfurt/M. 1977, S. 11-30.
 
 Maul, Thomas, Die Macht der Mullahs. Schmähreden gegen die islamische Alltagskultur und den Aufklärungsverrat ihrer linken Verteidiger, Freiburg i. B. 2006.