Ausgabe #6 vom

Die Welt des Kitsches

Eva Herman versucht sich am Genre des Groschenromans

PHILIPP LENHARD

Schon vor der Veröffentlichung ihres Buches Das Eva-Prinzip musste die ehemalige Tagesschausprecherin Eva Herman so einiges einstecken. Schließlich hatte sie in der Zeitschrift Cicero dafür plädiert, dass Frauen gefälligst wieder ihren angeblich natürlichen Neigungen nachgehen, d.h. sich dem Mann unterordnen und dafür das bescheidene Glück der Mutter und Hausfrau genießen. Erstaunlich war eigentlich weniger, dass Herman einen solchen Sermon abgelassen hatte als vielmehr, dass dieser so einen großen Aufschrei nach sich zog. Schließlich sollte man meinen, dass die Frauenbewegung immerhin so erfolgreich gewesen ist, dass man über derlei Ansichten höchstens noch die Nase zu rümpfen braucht, weil ohnehin jeder weiß, dass die Zeiten des Patriarchats vorüber sind. Sogar die CDU scheint sich nicht mehr auf ein Milieu der Sorte Eva Herman verlassen zu wollen, schließlich tönt es auch von so mancher CDU-Abgeordneten Protest gegenüber dem eingerosteten Frauenbild des Parteivorstands.
 
 Trotzdem kann man sagen, dass Eva Herman einen gewissen Typus von Frau repräsentiert, der mit dem Begriff „Neue Spießigkeit“ einigermaßen treffend charakterisiert wird. Es handelt sich um Frauen (und Männer), die zwar oberflächlich betrachtet tatsächlich altbackene Vorstellungen von sozialem Rollenverhalten haben, genauer betrachtet aber keineswegs leben wollen wie in den Fünfziger Jahren, sondern sich die heimelige Zurückgezogenheit in Familienausflüge, Spielabende und Kitschromane vielmehr als Krönung ihrer Karriere leisten. Die neue „Hausfrau“ ist einigermaßen betucht, hält sich eine Haushaltshilfe und ein Kindermädchen, aber kocht hin und wieder für ihren nach der Arbeit heimkehrenden Mann, damit der sich als starkes Familienoberhaupt fühlen kann. Die neue Hausfrau weiß sich am rechten Platz und ist damit der großen Verantwortung, die sie im Berufsleben trägt, weitgehend entzogen. Politisch drückt sich dass darin aus, dass Ursula von der Leyen gerade dabei ist, Maßnahmen zu treffen, um die selbstbewusste, Karriereorientierte Frau, die nur dann Lust auf Kinder hat, wenn sie sich auch welche leisten kann, staatlicherseits zu fördern. Bei allem Klagen über den Geburtenrückgang der Deutschen ist doch für die allermeisten klar, dass Malthus Recht hatte als er darauf hinwies, dass nur solche Kinder erwünscht sind, die auch Aussicht darauf haben, irgendwann einmal etwas zur Stärkung des Standortes beizutragen. Noch mehr Hartz IV-Bedürftige will der Staat jedenfalls lieber nicht haben.
 
 Den wenigsten dürfte bekannt sein, dass Eva Herman nicht nur eine hervorragende Sachbuchautorin mit Aktualitätsbewusstsein ist, sondern auch im Genre des Groschenromans einiges vorzuweisen hat. Hier präsentiert sie die Welt ihrer Idealfrau, im Falle ihres ersten Buches Dann kamst du ist dies ihr alter ego Corinna Feldmann, die von ihrem Mann plötzlich verlassen wird und in ein tiefes Loch fällt, bis „ein Interview mit einem attraktiven Gewerkschafter sie auf andere Gedanken bringt. Und als sie kurz darauf im Flugzeug einen gut aussehenden Arzt fast mit ihrem Beauty-Case erschlägt, überstürzen sich die Ereignisse“ (Klappentext). Logisch, dass sich die Ereignisse „überstürzen“, denn was anderes hätte man auch nicht erwartet. Der Plot ist aber unwichtig, er ist nur die Bühne auf der sich Corinna alias Eva selbst inszenieren kann. Denn eigentlich ist das gesamte Buch eine einzige Selbstdarstellung, von Beginn an: „Ich schaute in den Spiegel. Na, toll. Also, wirklich, Sie sind eine schöne Frau, Verehrteste!“ (S. 5) Und weil sie so schön ist, verdient sie auch einen wunderbaren Mann, den sie als ihr Eigentum betrachtet: „Er war ein fantastischer Mann. Er hatte es verdient. Er war so schön. Und so männlich. Ruhte in sich selber. War unbeirrbar, unbeeindruckt von den Wirren des Lebens. Und er roch so gut. Es war mein Geruch. Er gehörte mir. Er war meine Heimat. Er war mein Mann.“ (S. 100) Und wenn einer keine Lust hat, als Besitz behandelt zu werden, als „Heimat“, die nur dazu dient, die Arroganz der Besitzerin zu bestätigen, dann wird sie wütend. Eine Wut, die über Eifersucht hinausgeht und schon manisch ist: „Mäuschen, merk dir: Du bist eine Frau. Und die ist dem Mann weit überlegen. In jedem Punkt. In Gefahrensituationen musst du lernen zu spielen. Sie auszuspielen. Sei sanft wie ein Lamm, auch wenn es in dir tobt. Du kannst die Gefährlichkeit einer Katze (sic!) haben, aber du darfst niemals vergessen zu schnurren. Im allerletzten Fall darfst du zur Mörderin werden, aber sorge dafür, dass dein Opfer ahnungslos und glücklich stirbt.“ (S. 145) Immer wieder wird offenbar, dass die Verehrung des Mannes eigentlich eine völlig zum Objektbezug unfähige Selbstliebe ist, die ihre Kränkungen nur durch Aggressionen und Intrigen verarbeiten kann. Unter der Oberfläche der Harmonie herrscht Krieg. Der in der bürgerlichen Konkurrenz aufgesogene Hass, die Missgunst gegenüber jedem anderen, wird in den von Eva Herman beschriebenen Beziehungen nur schlecht kaschiert als entfesselte Asozialität sichtbar. Wo der Verlag den Inhalt des Buches mit den Worten „100% Freundschaft, Liebe, Geheimnis“ beschreibt, da ist in Wirklichkeit 100% Neid, Narzissmus, Intrige.
 
 Was die Sprache anbelangt, so dürfte schon aus den wenigen angeführten Zitaten deutlich geworden sein, dass auch Dann kamst du ein Beleg dafür ist, dass die Sprache selbst einen Wahrheitsgehalt hat. Eva Herman lügt so gesehen ununterbrochen. Nicht nur, dass die Sätze so kurz aber unprägnant sind, dass ein Dreijähriger sie versteht, sie bestehen auch einzig aus Phrasen und vorhersehbarem Geschwätz, angefüllt mit Bauernweisheiten: „Der Mann ist des Weibes Untergang. Davon war meine Großmutter zeit ihres Lebens überzeugt“ (S. 5), „Setz für dich das Beste voraus, und du bist wert, es zu erhalten“ (S. 117), „Du bist eine Frau. Männer hassen es, wenn Frauen alles richten wollen.“ (S. 157) Auch absolut dämliche Sprüche wie „Bin fix und foxi“ (S. 50), „Fräulein Selbstmitleid war unterwegs“ (S. 58) oder „Ich tue wie Tulpe und bin ganz, ganz gleichgültig“ (S. 219) sind en masse zu finden. Und dass ein deutscher Kitschroman nicht ohne den Jargon der Eigentlichkeit auskommt, versteht sich von selbst. Deshalb endet das Buch mit den Sätzen: „Dann tauchte ich ein in das Universum und verschmolz mit dem glitzernden Zauber, der alle Menschen einst formte. Mit dem einzigen Ziel, sie auf herrlich breiten Schwingen zu der hohen Kunst des Träumens emporzutragen, endlich hinein in das gleißende, wärmende Licht.“ (S. 239) Dass in dieser abschließenden Passage ein Orgasmus beschrieben wird, steigert zwar eher noch den Ekel, aber ich will sie dem geneigten Leser als Quintessenz des Ausdrucksvermögens der Eva Herman dennoch nicht vorenthalten.
 
 Eva Herman, Dann kamst du, Wilhelm Heyne Verlag München 2001, 239 Seiten, 6 Euro.