Ausgabe #6 vom

Das echte Afrika

German Images (4)

MATHIAS SCHÜTZ

Wer in einem riesigen Zirkuszelt sitzt und schwarzhäutigen Menschen dabei zusieht, wie sie Dinge tun, von denen viele weißhäutige Menschen denken, dass schwarzhäutige Menschen sie tun, den hat es vielleicht in die Show Afrika! Afrika! des Circus Roncalli-Gründers, Sängers, Aktionskünstlers, „Die Welt zu Gast bei Freunden“-Erfinders und sonstigen Tausendsassas André Heller verschlagen. Dessen Team war fast zwei Jahre auf dem „Kontinent des Staunens“ unterwegs, um diesen dann im Showformat auf einen Nenner zu bringen. Was dabei herausgekommen ist, geht in keiner Weise über den Erkenntnishorizont wilhelminischer „Abenteurer“ hinaus.

Während sich im Vorzelt das Publikum standesgemäß bei Moët und Garnelen an zeitgenössischer afrikanischer Kunst erfreut, ist die Show vollständig befreit von den zerstörerischen Auswirkungen materiellen Überflusses; was Heller offensichtlich darstellen möchte, ist ein vermeintlich echtes Afrika, wie es in der Vorstellungswelt kulturrelativistischer Träumer irgendwann einmal Bestand hatte, und das angeblich von Frieden, Freude und Ententanz geprägt war. Die Show vermag es, noch die absurdesten Klischees über Afrika zu bekräftigen und sich dabei ganz zeitgeistig als Vermittler zwischen den Kulturen zu inszenieren. Vom real existierenden Afrika bleibt dabei wenig übrig.

Schon zu Beginn wird dem Publikum erzählt, dass Missgeschicke der Artisten auf den Unwillen der Götter zurückgeführt werden müssten, als wäre Afrika ein Hort des Polytheismus und nicht die reiche Spielwiese des evangelikalen Sektenwesens und eines sich ausbreitenden Islam (1). Was dann über die Zuschauer hereinbricht, wirkt tatsächlich wie aus einem wilhelminischen Lehrbuch für Völkerkunde und lässt sich kurz so zusammenfassen: Schwarze Männer sind entweder muskulös oder sie haben die Gestalt eines dauergrinsenden und dicklichen Clowns. Sie rennen und springen zu permanentem Getrommel durch die Gegend und klettern extrem behände aufeinander oder an Stangen herum. Dabei sind sie fast nackt; Kleidung existiert ausschließlich aus Baströckchen (!) oder Lendenschurzen, die mit Tiermustern bedruckt sind. Afrikanische Frauen sind ebenso spärlich bekleidet, sie singen und tanzen dabei sehr körperbetont, haben aber ansonsten kaum artistische Fähigkeiten; die Ausnahme bildet hier das obligatorische Jonglieren mit überdimensionalen Krügen. Als wilde Tiere verkleidete Menschen runden das Bild letztendlich ab. Diese Mischung aus „schönem Wilden“ und Safari-Atmosphäre ist dann auch bestens auf die Bedürfnisse und Vorstellungen des begeistert klatschenden Publikums zugeschnitten.

Afrika! Afrika! reduziert Schwarze, klassisch rassistisch, auf ihren Körper. Was die Artisten in der Manege vollführen, ist beeindruckend, aber ähnliches oder gleichwertiges ist in so ziemlich jedem anderen Zirkus zu haben – nur rastet das Publikum dort nicht so aus. Die Begeisterung für die schwarzen Artisten ist darauf zurückzuführen, dass man nicht gewillt ist, von ihnen überhaupt etwas anderes wahrzunehmen. Wie Haustiere oder Kinder lobt man sie über alle Maßen für das, was im Bereich ihrer vorab festgelegten Möglichkeiten liegt und reduziert sie somit auf ihre Kunststückchen. Die paternalistische Faszination, die Schwarzen so oft entgegen springt und die in der Begeisterung für eine „Hakuna Matata“-Lebensphilosophie, ungehemmte Triebe und riefenstahlsche Körper besteht, ist gerade denjenigen zueigen, die sofort, wie jüngst der Spiegel in seiner Afrika-Serie, von umgekehrtem Rassismus faseln, sobald es um afrikanische Selbstermächtigung geht; diese Faszination ist genau jener, sich im schlechtesten Sinne antirassistisch gerierende Rassismus, der insbesondere in der Auseinandersetzung mit dem Islam in Deutsch-Europa seit einigen Jahren Hochkonjunktur hat und der „Kultur“ als unabänderliches Wesen festschreibt. Die moralingetränkten Klagen der Linken über „Eurozentrismus“ haben längst ihre wahres Gesicht entblößt: Gerade die gnadenlosen Zuschreibungen des Kulturalismus zwängen Menschen in das Korsett von Familie, Stamm oder sonstiger unhinterfragbarer Bestimmung, rauben ihnen die Luft zum atmen und genehmigen keine Gegenwehr.

Die Begeisterung des Publikums wird einhellig nicht nur von der Presse geteilt, auch der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan bezeichnet sich „als große[n] Fan der Show“: „Die Show fördert den interkulturellen Dialog und zeigt zudem, dass dieser nur auf gegenseitigem Verständnis fußen kann“ (2). Wer sich um den „interkulturellen Dialog“ bemüht, der muss sich um die Verbesserung der Realität keine Gedanken machen.


Anmerkungen:

(1) Fetischpraktiken und ein wahnhafter Glauben an Verhexung sind zwar in vielen Regionen des Kontinents vorzufinden, aber diese sind von den monotheistischen Religionen, wie sonst auch in der Geschichte der Missionierung, längst vereinnahmt worden.

(2) www.africancircus.de/files/Pressedownload/Grussbotschaft%20Kofi%20Annan_vf.pdf.