Ausgabe #5 vom

Wir nennen es Schwindel

Holm Friebe und Sascha Lobo entdecken die Ich-AG neu

JAN HUISKENS

Jeder kennt sie, diese aalglatten Typen, die überall mitmischen, aber zugleich nirgendwo anecken. Jeder scheint sie zu mögen und sie sind auf jeder Party gern gesehene Gäste (1). Solche Typen sind offenbar Holm Friebe und Sascha Lobo, die Autoren des Buches Wir nennen es Arbeit. Während Friebe Mitherausgeber der Jungle World ist, für KonkrettazNeon und die Berliner Zeitung schreibt, sowie nebenher als „Trendforscher“ und MTV-Redakteur tätig ist, betreibt Lobo ein Weblog namens Riesenmaschine, das – worauf Lobo sehr stolz ist – einen Grimme-Preis gewonnen hat, und verdient sein Geld als „freier Werbetexter“, als der er „bereits für ein Drittel der DAX-Unternehmen gearbeitet“ hat. Soweit die Selbstdarstellung im Klappentext. Suggeriert werden soll also: hier sind zwei schwer erfolgreiche Personen am Werk, die allerhand vorzuweisen haben.
 
 Wen dieses großkotzige Getue nicht abschreckt, der muss wohl auch beim Untertitel des Buches nicht schlucken: Die digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung. Was hat man sich unter so einem Titel vorzustellen? Die Antwort ist einfach: nichts. Bereits der Titel des Buches enthält das Programm – ein großes Geraune, das ein Geflecht aus Gerüchten, Bescheidwissen und völligem Nonsens darstellt, und das zu einem großen theoretischen Wurf aufgeblasen wird. In dieser Hinsicht ist Wir nennen es Arbeit also ein authentisches Produkt der Postmoderne – ein kreatives Nichts. Assoziiert man mit dem Terminus „Intelligentes Leben“ automatisch Außerirdische, weil das auf der Erde vor sich hin vegetierende, potentiell mit Intelligenz ausgestattete Lebewesen normalerweise schlicht „Mensch“ genannt wird, so liegt man gar nicht mal falsch. Die Autoren beschreiben ihr kleines Paralleluniversum, in dem man mit bedeutungsschwangerem Gesülze Erträge in der Währung „Respekt“ erwirtschaften kann.
 
 Nun wäre nichts – abgesehen von der grundsätzlichen Kritik der Warenform – dagegen einzuwenden, dass Friebe und Lobo mit einer solchen Ware ihr Brot verdienen, wäre das Buch nicht ein einziges Werbepamphlet für den Kapitalismus. Insofern muss es der schonungslosen Kritik anheim fallen – gerade weil linke Zeitschriften von Konkret bis Jungle World das Buch wohl diskutieren mochten, aber offenbar nicht den Mut aufbrachten, sich gegen ihren Autoren Holm Friebe zu stellen. So darf er im Interview mit der Konkret unwidersprochen auf die Frage, was ihn denn ideologisch von der FDP unterscheide, antworten: „Der deutlichste Kontrast zum Hurra-Kapitalismus ist, dass wir einen starken Staat fordern.“ (Konkret 12/06, S. 59) Ein ziemlicher Hammer ist das, aber offensichtlich ist im Diskurs alles erlaubt.
 
 Solches Gequatsche, das sich auch gerne auf den Dossierseiten der Jungle World austobt, zeichnet sich dadurch aus, ganz locker und flockig alles nicht so genau zu nehmen, sich nie auf eine Position festlegen zu lassen und doch im Vorbeigehen die reaktionärsten Ansichten zu verbreiten. Was also steht genau in Wir nennen es Arbeit? Der Plot ist schnell erzählt. Die Festanstellung werde von immer mehr Menschen als Last empfunden, als äußerer Zwang. Der Kapitalismus habe sich zugleich in eine Richtung entwickelt, in der das materielle Auskommen nicht mehr zwangsläufig mit einer Festanstellung verbunden ist. Leute, die freiwillig oder unfreiwillig auf eine feste Anstellung verzichten und sich stattdessen als eine Art von Ich-AG verdingen, werden von Friebe und Lobo „digitale Bohème“ genannt. Im Unterschied zur klassischen Bohème zeichne sich die digitale dadurch aus, dass sie finanziell erfolgreich sei. „Digital“ wird sie genannt, weil für sie das Internet das wichtigste Produktionsmittel ist. Die Einkünfte stammten aus Werbung und Honoraraufträgen. Die digitalen Bohèmiens seien viel freier als Leute mit Festanstellung, weil sie „so arbeiten, wie sie leben wollen“.
 
 Das, kurz und knapp zusammengefasst, wird auf rund 300 Seiten bis zum Erbrechen ausgebreitet. Doch wie alle Bücher von Bescheidwissern krankt auch dieses daran, dass die theoretischen Begriffe völlig unbestimmt bleiben. Was beispielsweise unter „Arbeit“ zu verstehen ist, was unter „Freiheit“, das bleibt nebulös. Wenn die Autoren glauben, frei zu sein, weil sie sich ihre Arbeitszeit frei einteilen können, dann erliegen sie dem fundamentalen Irrtum, die Freiheit zur Selbstausbeutung und die Freiheit zur ungegängelten Individualität seien dasselbe. Sie merken gar nicht mehr, wie sehr das Kapital da durch sie hindurch denkt, sondern führen als Motiv für ihre Tätigkeiten allen Ernstes den „Spaß“ oder – ganz klassisch – die „Selbstverwirklichung“ an. Da ist es nur folgerichtig, dass Friebe und Lobo über keinen kritischen Begriff des Kapitalismus verfügen, was u. a. deutlich wird, wenn sie versuchen, die digitale Sphäre als Kapitalismus der Zukunft darzustellen – sie reflektieren nicht darauf, dass diese Sphäre, in der sich die digitale Bohème tummelt, eine Begleiterscheinung der industriellen Produktion ist, die letztere aber niemals ersetzen kann. Noch die Computer, mit denen die Blogs erstellt werden, sind Industrieprodukte, die von Arbeitern mit oder ohne Festanstellung zusammengesetzt werden. Dass die „organische Zusammensetzung des Kapitals“ (Marx) sich zunehmend in Richtung des konstanten Kapitalteils bewegt, heißt deshalb noch lange nicht, dass die Maschinen von ganz alleine arbeiten würden. Nur lebendige Arbeitskraft kann Mehrwert bilden, d.h. dass diese auch im Zuge einer stetig voranschreitenden Verüberflüssigung von Arbeitskraft zentral für die kapitalistische Produktion ist. Weil das Kapital aber aus seiner eigenen Logik den Widerspruch hervorbringt, die Produktivkraft beständig zu erhöhen und gleichzeitig den Anteil an variablem Kapital zu senken, entsteht ein riesiges Heer von Arbeitslosen, das sich ohne staatliche Hilfe gar nicht mehr am Konsum der immer zahlreicher werdenden Waren beteiligen könnte. Aus diesem schlicht ökonomischen Grund, muss einer, der sein Geld damit verdient, Werbung für die zu verkaufende Ware zu machen, den „starken Staat“ herbeisehnen. Es ist das Dilemma des Liberalismus, der mit Friebe und Lobo in postmoderner Gestalt auftritt, dass er ohne den Staat gar nicht funktionieren könnte, obwohl er sich ständig gegen dessen Einmischung wehrt.
    
 Was die Autoren beschreiben, ohne dass es ihnen auffallen würde, ist ein Leben als permanentes Bewerbungsgespräch. Der Einfluss eines Internetangebots wird von ihnen keineswegs zufällig immer daran gemessen, inwieweit die alten Medien – also Zeitungen, Fernsehen, Radio – diese rezipieren. Wodurch sich die Blogger und Medienarbeiter qualifizieren ist die Tatsache, dass sie Tag und Nacht, zu jeder Zeit des Tages, bereit stehen, um an ihrem „Projekt“ zu arbeiten. Die Arbeit ist ihnen so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sich mit Hilfe der Begriffe der digitalen Bohème nicht einmal mehr zwischen Arbeit und Freizeit unterscheiden lässt – so sehr letztere auch immer schon von der Arbeit dominiert war.
 
 Holm Friebe/ Sascha Lobo: Wir nennen es Arbeit. Die digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung, Heyne Verlag München 2006, 303 Seiten, 17,95 Euro.
 
 
 
Anmerkung:
 
 
(1) Zur Soziologie dieses Typus von Klinkenputzern vgl. Justus Wertmüller, Kultur als Feind der Kunst. Der (un-)mögliche Gebrauchswert von Kunst, in: Bahamas, Nr. 28/1999, S. 58f.