Ausgabe #5 vom

Nach der verlorenen Zeit

DIRK LEHMANN

Als Georg Lukács 1923, inmitten der Krise des orthodoxen Marxismus, seine Studie über Marxsche Dialektik mitsamt des darin enthaltenen zentralen Theoriestücks über die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats veröffentlichte, kam dies für viele seiner damaligen Leser einem Fanal gleich. Lukács’ Anspruch war kein geringerer, als das Ausbleiben der mit allzu großer Gewissheit prognostizierten revolutionären Erhebungen in Mitteleuropa zu erklären. Wesentlicher Gedanke ist, dass mit der universellen Ausbreitung der Warenform im „modernen Kapitalismus“ sämtliche Beziehungen des Individuums zu sich selbst, zum anderen und zur natürlichen Umwelt verrückt werden. Im „modernen Kapitalismus“ muss es zu einer habituellen Gewohnheit werden, alles unter der Perspektive der Instrumentalisierung wahrzunehmen; Kontemplation und Teilnahmslosigkeit bei den „Akteuren“ sind die Folgen. 

Bis in die Mitte der 1970er Jahre hinein hielten die Kontroversen um Lukács und die Verdinglichung an. Seither ist es ruhiger geworden um den paradigmatischen Kern kritischer Theorie; man mag dafür Defizite der Lukácsschen Konzeption selbst in Erwägung ziehen. Dessen ungeachtet bleibt aber der Verdinglichungsbegriff wesentliches Instrument einer Theorie der modernen Gesellschaft, die zu erklären beansprucht, warum die Menschen sich selbst nur als gleichgültig und ohnmächtig, ihre Beziehungen zu anderen einzig als instrumentell und sinnlos erfahren; einer Theorie, die diese eigentümliche Gleichzeitigkeit von Ermächtigung und Entmächtigung zu verstehen sucht. Daher ist der Anschluss an den Ursprungstext, den Honneths anerkennungstheoretische Zuspitzung in seiner schlicht Verdinglichung betitelten Studie sucht, nicht gering zu schätzen; indes kann der Begriff von Verdinglichung, den Honneth dann auf gerade einmal 113 Seiten entfaltet, zu einer Beantwortung der wirklich brenzligen Fragen einen nur kleinen Beitrag leisten.

Nach Honneth gibt es nun zum einen eine offizielle Lesart des Lukácsschen Urtextes, nach der Verdinglichung immer auch auf die Notwendigkeit einer anderen Form der gesellschaftlichen Organisation verweist. Überdies existiert eine dissidente Lesart, die freilich die Honnethsche ist. So sind hiernach mit Lukács zwei Handlungsschichten zu unterscheiden. Zum einen ist eine „ursprüngliche Form der Weltbezogenheit“ (S. 41) zu nennen. Diese wird emphatisch als „aktive Teilhabe“ oder auch als „existenzielle Involviertheit“ (S. 29) charakterisiert. Diese Urform der Welterschließung nennt Honneth „Anerkennung“ und meint ein für das einzelne Individuum kaum verfügbares Ur-Wissen um den Eigenwert, die Besonderheit, ja der „qualitativen Bedeutung“ (S. 42) des Anderen; ein Wissen vor allem expliziten Wissen, das jeder intersubjektiven Beziehung fundamental aufruht, sie trägt und das letztendlich eine gewisse Haltung vor der Erkenntnis darstellt. Für die Existenz einer solchen Urerfahrung sprechen im Übrigen nicht allein jüngste Einsichten der Entwicklungspsychologie, die Honneth zu Rate zieht, sondern auch Überlegungen aus anderen philosophischen Traditionen, die der Autor konsultiert, um seine These zu untermauern. Über dies Urwissen legt sich aber die „Vorstellung eines neutralen Erfassens der Wirklichkeit“ (S. 31), und es ist diese Vorstellung, die nach und nach zum „Vergessen“ jenes Erfahrungsgehalts führt. Solches „Vergessen“ gilt Honneth als „Kern“ (S. 70) aller Prozesse von Verdinglichung. „Verdinglichung im Sinne der ‚Anerkennungsvergessenheit’ bedeutet […], im Vollzug des Erkennens die Aufmerksamkeit dafür zu verlieren, daß sich dieses Erkennen einer vorgängigen Anerkennung verdankt“ (S. 71).

Anhand zweier exemplarischer Fälle versucht der Autor diesen Gedanken zu erläutern. So lernt der Leser einen Tennisspieler kennen, der so sehr auf Sieg aus ist, dass er im Mitspieler nicht länger den besten Freund, um dessen Willen die Partie einstmals begonnen wurde, sondern nur noch den zu überwältigenden Gegner erkennt. Honneth spricht in diesem Fall von einer Verselbständigung des Zwecks; der anerkannte beste Freund geht eben dieser Status verloren. Damit ist aber nur ein Muster benannt, das den Vorgang der Verdinglichung plausibilisieren soll. Die vorgängige Anerkennung kann auch dort verloren gehen, wo stereotype Denkschemata oder Vorurteile das Handeln der Menschen bestimmen, wo der Andere einzig noch als „Jude“ oder „Neger“ erscheint, oder gar: zum Verschwinden gebracht werden soll. Angesichts solcher Fälle spricht Honneth von der Verleugnung oder Abwehr von Anerkennung. „Mit der Unterscheidung dieser beiden Fälle haben wir die zwei Muster kennengelernt, nach denen sich im Rahmen des komplexeren Modells der Prozess der Verdinglichung erklären läßt“ (S. 72).

Fragwürdig muss allerdings erscheinen, ob der Autor mit der konstatierten ursprünglichen Involviertheit – Anerkennung, die aller Erkenntnis vorausgeht und doch zugleich stets Gefahr läuft in Vergessenheit zu geraten – nicht die, wenn auch schwache Version einer essentialistischen Verdinglichungstheorie wieder belebt. Zudem bleibt unklar, wie überhaupt der Prozess des Vergessens vorzustellen ist; die angeführten Beispiele legen es nahe, Vergessen eher als ein persönlich zu verantwortendes Fehlverhalten anzunehmen. Verdinglichung wird so aber nicht länger als falsche Form von Praxis insgesamt verstanden, wie noch zuvor von Lukács intendiert, sondern einzig als moralisches Vergehen. Sozialphilosophie, die Honneth doch schreibt, nimmt sich so die Gelegenheit, Gesellschaft als Ganze zu kritisieren. Zuletzt bleibt unklar, auch wenn der Autor sich des Problems sehr wohl bewusst ist, ob und wie Verdinglichung auch hinsichtlich der Beziehungen der Menschen auf die außermenschliche Natur und des Individuums zu sich selbst statthat. Honneth betont mehrfach, dass seine Überlegungen lediglich Geltung auf einer intersubjektiven Ebene beanspruchen können. Hier scheinen die Hinweise der Entwicklungspsychologie mehr zu verbergen, als dass sie der Erkenntnis förderlich sind, legen sie doch eine chronologische Dramaturgie – erst die Anerkennung, dann das Erkennen – nahe. Interessanter wäre es, diese beiden Momente in ihrem Aufeinanderverwiesensein zu thematisieren. Aus dieser Dialektik könnte dann eine kritische Theorie der Verdinglichung verfasst werden, die ihren Gegenstand schließlich als Signatur der modernen Gesellschaft begreift.

Axel Honneth, Verdinglichung. Eine anerkennungstheoretische Studie, Frankfurt am Main, 2004, 113 Seiten, 14,90€.