Ausgabe #5 vom

Editorial

In eigener Sache

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
 
 zunächst einige Worte in eigener Sache: die uns durch finanzielle Missstände aufgezwungene Entscheidung, die Prodomo als Online-Ausgabe herauszugeben, hat sich als kleiner Erfolg entpuppt. Da nun alle Artikel online abrufbar sind, werden sie eifrig verlinkt und diskutiert, das mit der letzten Ausgabe eingerichtete kostenlose PDF-Abo ist offensichtlich sehr gefragt. Die kopierten Exemplare der Prodomo sind bei Veranstaltungen mit unseren Autoren oder per Bestellung weiterhin zu erwerben.
 
 Schwerpunkt dieser Ausgabe ist eine Debatte zwischen Ingo Elbe von der Roten Ruhr Uni aus Bochum und der Redaktion, die sich um grundsätzliche Fragen materialistischer Gesellschaftskritik dreht. Die Debatte wird in der nächsten Nummer fortgesetzt, Beiträge sind wie immer erwünscht.
 
 Zu den Auseinandersetzungen um eine Berliner „Großdemonstration“ gegen Ahmadinedschad werden wir uns vorerst nicht ausführlicher äußern, weil uns die aufgeregte Beschuldigung, die Redaktion Bahamas argumentiere „im Kern antisemitisch“, nicht nur mangelhaft begründet, sondern sogar von ganz anderen als inhaltlichen Gründen getrieben scheint. Wir meinen aber, dass auch hier in Westdeutschland, einige hundert Kilometer von der Hauptstadt entfernt, schnellstens eine Debatte über die Zukunft der Israelsolidarität einsetzen sollte, damit unsinnige Bündnisse ebenso wie ein bloßes „Raushalten“ vermieden werden können. Kommunistische Israelsolidarität, die ihren Namen verdient, schielt nicht auf Anschlussfähigkeit, sondern benennt die sozialen Voraussetzungen für Antisemitismus und Antizionismus. Die kritische Theorie des Antisemitismus impliziert, die falschen Verhältnisse ebenso zu denunzieren wie alle Versuche, diese negativ aufzuheben. Ein bürgerlicher Antitotalitarismus, der solch regressiven Antikapitalismus personalisiert und damit von seinen gesellschaftlichen Voraussetzungen trennt, greift in der Kritik zu kurz und weigert sich, die demokratischen Ideologen und Helfershelfer der Antisemiten anzugreifen. Eine ätzende Kritik an diesen Ideologen, heißen sie nun Tony Judt oder Noam Chomsky, Christian Ströbele oder Günter Grass, ist eine praktische Solidarität mit den Bedrohten, die ohne das identifikatorische und illusorische „Einfühlen in die Opfer“ auskommt. Von einer bloß verbalen Solidarität mit den potentiellen Opfern des Antisemitismus, den Juden, hat niemand etwas außer dem sich Solidarisierenden selbst, der sich mit einem solchen Gebaren ein gutes Gewissen verschafft. Deshalb gilt gerade in Zeiten, in denen der politisch korrekte Antisemitismus seine Salonfähigkeit bereits hinter sich gelassen hat und auf dem besten Wege ist, ideologisches Allgemeingut zu werden, dass nur radikale Kritik sich dieser Tendenz noch in den Weg stellen kann. Ein verständnisvolles Gutzureden und Verharmlosen macht die Situation nur noch schlimmer, weil es die individuelle Ohnmacht verdoppelt. Sollten – jüdische oder nicht-jüdische – Bürger, die von der Kritik der falschen Gesellschaft nichts wissen wollen, gegen Antisemitismus demonstrieren, so ist das schön und gut; ein bloßes Mitmachen aber hilft nur dabei, zu vernebeln, dass der Antisemitismus sich nicht auf dem Wege des „demokratischen Diskurses“ aus der Welt schaffen lässt; dass kurzfristig allein die „Kritik der Waffen“ hilft und langfristig die Abschaffung von Verhältnissen, die den Antisemitismus aus sich heraus produzieren.
 
 In diesem Sinne,
 Redaktion Prodomo
 
 Köln, Februar 2007