Ausgabe #5 vom

Der Filzstift als Waffe

Göttinger Autonome versuchen sich als Künstler

JÖRG FOLTA / JAN GERBER

„Das Problem, etwas zu malen, wird nicht dadurch gelöst, es möglichst naturalistisch oder abstrakt wiederzugeben, sondern das umzusetzen, was im Menschen das betreffende Gefühl erwecken kann. Kunst interpretiert Empfindungen und drückt sie aus. Das Medium Kunst zu beherrschen, setzt deshalb voraus, dass das, was künstlerisch wiedergegeben werden soll, als Emotion begriffen wird. In der Konsequenz heißt Kunst, Dinge und Zusammenhänge von innen zu begreifen, sich in sie hineinzuversetzen. Das bedeutet, dass eine/r Künstler/in nur Dinge im Medium Kunst darstellen kann, die er/sie (zumindest bis zu einem bestimmten Grad) selber ist.“

Dieses Zitat ist keinem Volkshochschulprogramm entnommen; es stammt auch nicht aus der Selbstverständniserklärung eines esoterischen Kreativtherapiekreises. Solche Zeichenlehrerweisheiten verbreitet seit Mitte der 80er Jahre der Göttinger Zusammenschluss Kunst und Kampf (KuK). Nachdem es um die Gruppe seit etwa 2000 still geworden war – Ästheten hofften bereits, endlich aufatmen zu können – scheint sie nun wieder auferstanden zu sein. Bernd Langer, der wohl bekannteste KuK-Aktivist und Herausgeber des KuK-Bandes Kunst als Widerstand, tingelte im November 2006 mit einer Vortragsreihe durch Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Eine Kranzniederlegung aus Anlass des 65. Jahrestages der Ermordung zweier kommunistischer Widerstandskämpfer wurde mit einem KuK-Plakat beworben, im Januar sollte Langer im sächsischen Chemnitz einen „Workshop“ zum Thema „Organisierung der autonomen Szene“ abhalten und über die KuK-Homepage kann wieder eine Ausstellung mit den Bildern der Gruppe gebucht werden. Aus diesem Anlass sollen das Gesamtkunstwerk KuK und der KuK-Bildband Kunst als Widerstand, der vor genau zehn Jahren bei Pahl-Rugenstein erschien, an dieser Stelle noch einmal in angemessener Weise gewürdigt werden.

Die Gruppe Kunst und Kampf, die vor allem für den Entwurf von Demoplakaten („Plakatkunst“) bekannt ist, entstand im Dunstkreis der Göttinger Autonomen-Gang Antifa [M]. Folgt man der Gruppenlegende war diese Gründung eine Reaktion auf die bis dahin fehlenden „inhaltlichen Überlegungen zu Kunst und Widerstand“. Walter Benjamins Kunstwerk-Aufsatz aus den 30er Jahren oder Peter Weiss’Ästhetik des Widerstands von 1976 bis 1981 waren im autonomen Göttingen der 80er Jahre also noch nicht angekommen. KuK machte sich nun also daran, nachzuholen, was Benjamin, Weiss, Lukács und andere bereits ohne Anbindung an die autonome Szene erledigt hatten. In der 30-seitigen Programmschrift Kunst als Widerstand, die im gleichnamigen Band dokumentiert ist, verbreitete die Gruppe 1986 erstmals die theoretischen Grundlagen, auf deren Basis seither unglaublich einfältige Plakate und – kein Witz! – Ölgemälde entstanden sind: Kapitalisten sind dick und rauchen Zigarre, Polizisten sind willenlose Marionetten, die unterdrückten Massen müssen nur mobilisiert werden usw. In Form und Inhalt schließen die KuK-Werke direkt an entsprechende Versuche im KPD-Umfeld der 20er Jahre an, deren schon damals unbedarfter Realismus einfach übernommen wird. Die Resultate sehen in der Regel aus, wie mit Hammer und Sichel layoutet oder im Grundkurs Kunsterziehung ohne spezielle Vorgaben zusammen geschmiert. Der Filzstift als Waffe, so könnte dann auch das heimliche Motto der Gruppe lauten.

Da einfältig allein nicht reicht, mag es KuK kongenial meist auch martialisch und pathetisch. Da wird gerungen, gezündelt und angeprangert, dem Klassengegner – natürlich von Männern mit Masken – gezeigt, wo der Hammer hängt, das Schweinesystem gegeißelt und trotz alledem die eigene Befindlichkeit nicht vergessen: „Positiv formuliert“, so ist in Kunst als Widerstand zu lesen, „ist für das Individuum der Kampf für eine andere Gesellschaft völlig farblos, leer und unsinnig, wenn nicht schon während dieses Prozesses [gemeint ist der ‚Kampf- und Transformationsprozess’ – JF/JG] ein sehr intensives Lebensgefühl und eine Lebenspraxis/-weise existiert, mit der mensch sich über die alten Normen hinwegsetzt.“ Spätestens mit dieser Aussage dürfte deutlich werden, wem man hier aufgesessen ist: einer Horde liebkosungswütiger Zahnarztkinder, die ihren Freunden, Nachbarn und Mitbewohnern ihre Teepausenrevolutionsromantik aufdrücken und eine Diktatur der konstruktiven Kritik errichten wollen. Denn Kunst, so KuK, „heißt Bewusstsein schaffen, Widersprüche entwickeln, Probleme aufzeigen, Lösungen provozieren. Kunst heißt, in individuelle und gesamtgesellschaftliche Prozesse eingreifen und immer wieder den Versuch der Klärung zu unternehmen, also Stellung zu beziehen. Nur diese Inhalte heben Kunst von billiger Propaganda ab.“

Doch nicht nur in der äußeren Form, auch programmatisch folgt Kunst und Kampf den Vorstellungen der Thälmann-KPD. Auschwitz? Nie gehört. Antisemitismus? Ablenkungsinstrument der Bonzen. Volksgemeinschaft? Propagandalüge der Nazis. Dass die deutsche Arbeiterklasse in diesem Licht als knorke und für das Gute (Revolution!) eintretende Truppe durchgeht und ihrer ganz in diesem Sinne entstandenen Propagandakunst kein Härchen gekrümmt wird, ist dann nur logisch. Und so strotzen die KuK-Plakate nur so von Massendarstellungen, deren Protagonisten wahlweise gegen Staat, Kapital, Bullen, Justiz und Banken, am liebsten aber gegen alle zugleich antreten. Da die Massen trotz ihres Durchblicks zuvor aber auch noch ein bisschen überzeugt werden müssen – sonst wäre die Arbeit autonomer Künstlerkollektive nämlich sinnlos – ist laut Aussage des KuK-Aufsatzes Suche nach Erkenntnis eine „allgemeinverständliche Symbolik“ nötig. Mit anderen Worten: Schematisierung und Vereinfachung der Realität. Hier sind die KuK-Aktivisten zweifellos Klassenbeste. So wird das ohnehin infantile Weltbild des ideellen Gesamtautonomen der 80er Jahre in den Collagen und Bildchen der Göttinger Gruppe schließlich noch einmal verniedlicht. Denn: „Auch ohne Schrift und den unmittelbaren zeitlich/politischen Zusammenhang müssen die Plakatabbildungen verständlich sein, für sich sprechen. Das heißt, faktisch stellen sie eine Art Bildgeschichte dar beziehungsweise wird eine in Abbildungen kodifizierte Sprache verwendet. So soll zumindest das Hauptanliegen von KuK-Plakaten auch Menschen verständlich sein, die mit Politik nichts zu tun haben.“ „Weniger ‚zyklische Krise’, mehr zerbrochene Klosettschüsseln“ – das soll bereits Ernst Thälmann vom Wirtschaftsredakteur der Parteizeitung Rote Fahne gefordert haben.  

Dem Charakter der Autonomen als „bürgerliche Jugendkultur in antibürgerlicher Absicht“ (G. Fülberth) ist es wohl geschuldet, dass sich das autonome Plakatmalerkollektiv vom bürgerlichen Kulturbetrieb abgrenzt und seine Kunst als „antagonistische“ verstanden wissen will. Zwangsläufig bekommt man es nun mit dem Bullenstaat zu tun. Denn breiten Raum nimmt in Kunst als Widerstand die Verfolgung der KuK-Aktivisten ein. Ohne die jeweiligen Ermittlungsverfahren, so wohl die dumpfe Ahnung Bernd Langers und seiner Freunde, wäre die Wahrnehmung ihres Outputs vermutlich auf die Studenten der regionalen geisteswissenschaftlichen Fakultät beschränkt geblieben. Die Staatsorgane machten sich hiermit unfreiwillig zum Handlanger von KuK und spielten insofern eine ähnlich tragische Rolle wie ihre Kollegen des Staatssicherheitsdienstes der DDR. Konnte man diesem durchaus eine gewisse Geschmackssicherheit attestieren, wenn so unnachahmliche Nervensägen wie Wolf Biermann, Freya Klier oder Stephan Krawczik kurzerhand in den Westen abgeschoben wurden, so trugen sie damit dennoch nachhaltig zur Popularität ihrer Opfer bei. Ähnlich auch im Fall Kunst und Kampf: Vermutlich durch die ästhetische Zumutung der Bilder Bernd Langers (grandios: „Das M-Konzept“!) zum Einschreiten veranlasst, provozierten die Ermittlungsbehörden damit eine breite Solidaritätskampagne: KuK-Aktivsten hielten Vorträge, in denen sie aus dem Grad der Repression fälschlicherweise auf ihre politische – und schlimmer noch: künstlerische – Bedeutung schlossen, in autonomen Klitschen wurden KuK-Ausstellungen organisiert, und im südlichen Niedersachsen soll es ein Malversuch der Gruppe sogar in die Lokalzeitung geschafft haben.

Trotz all dieser Kritik am Proletkult, dem Kampfsportspleen und dem Maskenfimmel der Göttinger Abziehbildautonomen sollen abschließend auch einige gute Seiten des KuK-Bandes erwähnt werden. So erscheint es schon als angenehm anachronistisch, wenn in einer Zeit, in der bei Teilen der Antifa bereits ein Umdenken eingesetzt hatte – die Diskussionen um Dolgenbrodt und Gollwitz wurden in der Zeit geführt, in der auch der KuK-Bildband erschien – derlei Mumpitz ohne das geringste Gefühl von Selbstzweifel veröffentlicht wird. Das erfordert Chuzpe. Tiefe Einblicke gewährt der Band auch in die Polit-Szene der 80er und frühen 90er Jahre, wenn auf einem KuK-Plakat, das ein Punkkonzert im Göttinger Juzi bewirbt, der Hinweis „ohne Alkohol“ zu lesen ist. Interessant auch die Anthologie von Demo- und Plakatsprüchen: „Kampf dem imperialistischen Imperialismus/ die Front entsteht als kämpfende Bewegung“, „Alle Menschen auf die Beine/ gegen die Faschistenschweine“ oder „Zusammen mit den Kindern Südafrikas/ tanzen wir unseren Tanz/ zu heißen, bewegten Rhythmen/ der gleiche Feind/ zum gleichen Licht/ Freiheit“. Und sich abends bei einem guten Glas Wein die KuK-Schwarte zur Hand zu nehmen und darin zu schmökern, verursacht Dauerschmunzeln. So viel unfreiwilliger Humor in einem reich bebilderten Buch, gedruckt auf schönem Mattglanzpapier, ist schon ein außerordentliches Vergnügen. Danke KuK.

Bernd Langer (Hrsg.): Kunst als Widerstand. Plakate, Ölbilder, Aktionen, Texte der Initiative Kunst und Kampf, Bonn 1997.