Ausgabe #5 vom

Avantgarde für alle

JAN HUISKENS

Es ist schon merkwürdig, dass einem verzweifelten Revolutionär und Avantgardedichter über ein halbes Jahrzehnt nach seinem Selbstmord noch eine solche Karriere beschieden ist. Doch Wladimir Majakowskis Forderung „Her mit dem schönen Leben!“ hat Hochkonjunktur. Gerade erst hatte die Gewerkschaftsjugend unter diesem Motto eine Kampagne gegen Neoliberalismus durchgeführt, da folgt ihnen schon die Kölner Hiphop-Formation Microphone Mafia, die aus dem Slogan einen peppigen Song zusammen mixte. Dumm nur, dass auch die deutsch-national gesinnten Sozialrevolutionären Sozialisten Halberstadt nun für März eine Demonstration mit dem gleichen Titel ankündigen. Was kann man da nur machen? Die Linksradikalen aus Frankfurt am Main halten sich angesichts bevorstehender revolutionärer Unruhen jedenfalls nicht mit solchen Nebensächlichkeiten auf. Deshalb nennen auch sie ihre Randale-Demo gegen die „Show der Reichen“, den Opernball, einfach „Her mit dem schönen Leben!“ 
 
 Ob sie alle den Majakowski schon mal zur Hand genommen haben, bevor sie ihn zitierten? Möglich wär´s immerhin. Schließlich sind bei ihm nicht nur Gedichte über „Arbeitermacht“ und „Genosse Lenin“ zu lesen, sondern auch Elaborate gegen den verteufelten Imperialismus. Über die USA beispielsweise schreibt er: „Amerika ist nämlich nur deshalb ein einziger großer Fremdenverband, damit es besser Ausbeutung, Spekulation und Kommerzgeschäftigkeit betreiben kann.“ Und das, wenn schon nicht die Huldigungen an das untergegangene Vaterland der Werktätigen, gefällt wohl auch den braunen Jungs aus Halberstadt. Aber man sollte Majakowski nicht Unrecht tun. Andere Umstände, andere Maßstäbe. 
 Das gilt jedoch nicht für die Organisatoren der Frankfurter Opernballdemonstration. Wenn sie, nach dem Ende des nationalen Sozialismus, der sonst für Weisheiten wie die zitierte Majakowskis zuständig war, immer noch den Volksmob gegen die Reichen auf die Strasse bringen wollen, dann ist es aus mit der Nachlässigkeit. Ihr Transparent, dass die „Charaktermasken des Kapitals“ allen Ernstes zu „demaskieren“ fordert, lässt Schlimmes erwarten. So richtig haben sie die Marxsche Redeweise von den Charaktermasken wohl nicht verstanden, wenn sie sie geradezu als Aufforderung begreifen, das Kapital endlich zu personifizieren. Und was heißt hier „demaskieren“? Den Manager eines kapitalistischen Unternehmens braucht man gar nicht erst zu entlarven, der bekennt selber ganz stolz, dass er schon so manches zur Profitmaximierung beigetragen hat.
 
 Was bleibt? Wie immer, der Kampf gegen Nazis. Denn die hatten sich – war´s Zufall oder nicht? – natürlich auch wieder unter die Demonstranten gemischt; schließlich sind auch sie „Gegen Kapitalismus!“, wie ein aktuelles Plakat der Freien Kameradschaften verkündet. Doch wie soll man sie erkennen, seit sie aussehen wie waschechte Linke? Das, erklärt ein anonymer Autor bei Indymedia, ist schwer: „Hey Leute, auf dem Baseler Platz waren doch 2 Typen die diese komischen Nazishirts trugen, weiss denn jemand was genaueres über die (haben ja schliesslich ewig welche mit denen diskutiert)? Waren dass jetzt nun Nazis? Werden Nazis jetzt etwa auch auf AntiFa Demos toleriert?“ Schwer zu sagen. Denn die beanstandeten T-Shirts trugen einen Slogan, der das Zeug hat, in Zukunft genauso beliebt bei allen Freunden des Sozialismus zu werden, wie der Majakowskis. Auf den T-Shirts stand: „I can´t relax with Israel“, was offenkundig keinen der versammelten Antikapitalisten so sehr störte, dass er dem Spuk ein Ende bereitete.