Ausgabe #4 vom

Über subjektive und objektive Gründe, Islamist zu werden

JAN HUISKENS

Allenthalben hört man, der Islamismus sei eine Reaktion auf das Elend, das in der Welt herrscht. Die armen Menschen in Gaza wüssten nun mal keinen anderen Ausweg, deshalb sprengten sie sich in die Luft. Betrachtet man die Biographien von führenden Islamisten, so ergibt sich unterdessen ein ganz anderes Bild: Während Abu Mussad al-Sarkawi tatsächlich aus eher ärmlichen Verhältnissen stammt, aber von seinen Eltern gehätschelt wurde, ist Osama Bin Laden bekanntlich Sprössling eines milliardenschweren Clans. Die Attentäter vom 11. September entstammten dagegen größtenteils dem arabischen Mittelstand – auch bei ihnen von Elend und Hoffnungslosigkeit keine Spur. Offensichtlich ist die Theorie falsch, Islamisten seien Verzweiflungstäter. Einerseits. Denn es ist tatsächlich so, dass es keine hinreichenden subjektiven Bedingungen gibt, die ein Individuum automatisch auf den Weg des Islamismus führen. Andererseits ist der Islamismus aber doch so etwas wie der Ausdruck von Hoffnungslosigkeit. Sieht man einmal von subjektiven Gründen ab, begibt sich also in den – zugegebenermaßen abstrakten – Bereich gesellschaftlicher Totalität, dann lässt sich feststellen, dass nicht nur der Islamismus – als radikale Variante des Islam –, sondern auch der Islam selbst eine Ideologie ist, die die objektive Hoffnungslosigkeit auf wirkliche Befreiung gegen deren Möglichkeit wendet: der Islam ist kein Einwand gegen die Hoffnungslosigkeit, sondern gegen die Hoffnung. Deshalb wendet er sich gegen jegliche Form irdischen Glücks, verschreibt sich voll und ganz dem Todeskult. Das mögen Menschen, die noch halbwegs bürgerlicher Zweckrationalität verhaftet sind, als Wahn bezeichnen, aber es ist doch ein Wahn, der nicht unbedingt im Widerspruch zur objektiven Tendenz des Kapitals steht. Denn das Kapital macht Menschen überflüssig. Ob sie nun, ohne dass sie jemand beachtet, einfach so verhungern wie in Afrika oder Asien oder ob sie diesen Tod noch bewusst herbeisehnen, macht den einzigen Unterschied, dass letztere sich meistens nicht einfach umbringen, sondern meinen, die ganze Welt mit in den Abgrund reißen zu müssen. Al-Sarkawi, Bin Laden, Atta: sie sind Vollstrecker dessen, was die Welt, so wie sie ist, ohnehin für einen Großteil der Menschheit bereithält: den Tod. Sie aufzuhalten, heißt, Einspruch dagegen zu erheben, dass das Todesurteil das Ende der Geschichte sein soll.