Ausgabe #4 vom

Parodie der Erfüllung

Anmerkungen zum rheinischen Karneval, Teil 2

ESTHER MARIAN

"Oberstes Gesetz ist, daß sie um keinen Preis zu dem Ihren kommen, und daran gerade sollen sie lachend ihr Genüge haben."
 Horkheimer/Adorno
 
 Im ersten Teil des Artikels ging es darum, dass an Karneval in Deutschland rohe Gewalttaten üblich sind und dann, wenn sie sich gegen wirkliche oder vermeintliche Nörgler richten, bei einem breiten Publikum auf Verständnis stoßen. Daraus wurde die Vermutung abgeleitet, dass der Spaß, den die Karnevalsfans zu haben meinen, vor allem darin besteht, einer Sehnsucht nach Barbarei freie Bahn zu lassen, die im Alltagsleben unter einer dünnen zivilisatorischen Decke verborgen ist und über den Kreis der brutalsten Schläger hinaus von einer Mehrheit geteilt wird. Im zweiten Teil soll nach einer Antwort auf die Frage gesucht werden, was das mit den offiziellen Inhalten des Karnevals zu tun hat, die einem  beliebten Karnevalslied zufolge der Liebe zum Leben, zur Liebe und zur Lust entspringen (siehe Teil 1 Prodomo 03/06, S. 32ff.). Natürlich hätte man auch eine andere Variante des Karnevals als die hier pars pro toto ausgewählte rheinische zum Gegenstand der Kritik machen können. Willkürlich ist die Entscheidung trotzdem nicht, denn das Spektakel in Köln und Düsseldorf gilt vielerorts als Inbegriff des Karnevals, nimmt dementsprechend viel Platz in den Massenmedien ein und soll einem Gerücht nach besonders frohsinnig sein. Wo es nötig schien, wird auch auf andere Varianten des Karnevals Bezug genommen, allerdings bleiben die Beispiele auf Deutschland beschränkt. Wer sich nun damit beruhigen möchte, dass immerhin der brasilianische Karneval frei sei von dem, was den deutschen so unerträglich macht, der sei gleich vorab darauf hingewiesen, dass auf dem zugegebenermaßen festlichen, schönen, glamourösen Karneval in Rio neben Raubüberfällen, Vergewaltigungen und anderen groben Gewalttätigkeiten Schwulenjagden offenbar fest zum Programm gehören: "Sogar in Strandvierteln der Mittel- und Oberschicht", heißt es in einem Bericht, "lauern Gruppen von bis zu fünfzehn jungen Männern den Schwulen an ihren Treffpunkten auf, schlagen sie brutal zusammen, bewerfen sie mit Steinen, traktieren sie mit Stöcken und Eisenstangen. Beim letzten Karneval häuften sich solche Übergriffe derart, dass Homosexuelle in Rio dem Volksfest fast ausnahmslos fernblieben. Denn die Polizei unternimmt gewöhnlich nichts." (1)
  
 Man muss sich vor allem von dem Gedanken frei machen, dass Karneval etwas mit Unbeschwertheit und Glück zu tun habe. Ein Beobachter, Tobias Chmura vom Merian-Magazin, hat sich beim Karneval in Westfalen umgesehen und stellt fest: "Ich habe mir die Mühe gemacht in die Gesichter der Menschen auf der Straße zu schauen und musste feststellen, dass fast niemand lacht. Es klingt unglaubwürdig, aber es ist wirklich so, niemand war froh." (2) In Köln und Düsseldorf wird zwar gelacht, aber man hat nicht den Eindruck, es sei irgendwer außer einigen Kindern glücklich dabei. Die Fröhlichkeit des Karnevals ist eine verbissene, aufstampfende und deshalb auftrumpfende. Sie manifestiert sich vor allem in Lärm. Dieser übertönt die Zweifel der freudlos Feiernden an dem, was sie tun, und beweist denjenigen, die nicht mitmachen wollen, dass sie sich zu ducken haben. Karneval ist totalitär: es ist unmöglich, sich ihm zu entziehen, denn das dumpfe Dröhnen der Trommeln und die an jeder Straßenkreuzung aus städtischen Lautsprechern tönenden Schlager lassen sich nicht überhören. Selbst von den Kölner Bahnsteigen, an denen der Karnevalsflüchtling wartet, und den Zügen, in denen er sich in eine möglichst weit entfernte Stadt begibt, ergreifen Marschkapellen Besitz. Schert ein auf dem Bahnsteig wartender Klarinettist aus und fängt in einer ausnahmsweise nicht von Trommeln durchdröhnten Minute an zu improvisieren, wird er für solche Frivolität sofort bestraft: die Trommeln setzen wieder ein, um ihn zu übertönen, was ihnen mühelos gelingt.
  
 Die Tyrannei des Karnevals zeigt sich vielleicht am deutlichsten darin, dass Passanten, denen anzusehen ist, dass sie mit Karneval nicht viel anfangen können, nicht einfach in Ruhe gelassen werden. Die Aufforderung zum Mittun ist obligatorisch. Wer Glück hat, bekommt bloß freundlich-spöttisch eine Bierflasche in die Hand gedrückt. Wer jedoch Pech hat, wird von denjenigen, die sich selbst für lustig halten, wegen eines falschen Gesichtsausdrucks oder fehlender Verkleidung als Spielverderber zur Ordnung gerufen. Die Regel "Jede Jeck is anders", auf die sich die Rheinländer so viel einbilden, gilt nur für bekennende Jecken: "Rosenmontag müssen Sie sich verkleiden. Wenn Sie im ordentlichen Zivilanzug auf die Straße kommen, werden Sie wie ein Narr verhöhnt" (3), erklärt ein besonders lustiger Zeitgenosse, der nach eigener Aussage Uneingeweihte zum Karneval verführen will. Nur für Lebensmüde empfiehlt es sich, deutliches Missfallen zu äußern.
 
 Überhaupt geht es beim Karneval in erster Linie ums Dabeisein und Mitmachen, nicht um irgendwelche Inhalte, an denen man Freude haben könnte. Die Zugehörigkeit zum Kollektiv als solche wird genossen und als Frohsinn oder Spaß verbucht. Daher die Begeisterung für seltsam bürokratische Verrichtungen, für Bräuche, die im 19. Jahrhundert erfunden wurden, für Prunksitzungen und Uniformen, über die man sich vergeblich den Kopf zerbrechen wird, wenn man in ihnen Komik sucht. Ganz im Gegensatz zu der gerne vorgebrachten Behauptung, die Uniform sei bloß ironisch gemeint, nämlich als Parodie auf die Uniform preußischer Soldaten, wird sie als Ausweis des Dazugehörens mit verbissenem Ernst getragen. Dazu passt, dass die Hütchen, mit denen sich viele Vereinsmeier zeigen, von einem Preußen erfunden wurden, dem Generalmajor Baron von Czettritz und Neuhauß, der 1827, kurz nach der Reform des Kölner Karnevals, das Prinzip "Gleiche Brüder, gleiche Kappen" durchsetzte, um aus Versammlungen "diejenigen, die hier unberufen eindringen, erkennen und nach Verdienst abweisen zu können" (4).
 
 Sind Uniform und Mütze das Erkennungszeichen der hart gesottenen Berufskarnevalisten, dient das Schunkeln der Erzeugung umfassenden Gemeinschaftsgefühls in der großen Masse. Es setzt beinahe automatisch ein, wenn irgendwo ein Karnevalsschlager zu hören ist – ein Vorgang, der in der Kölner Fernsehsendung Nightwash einmal in seiner ganzen Idiotie vorgeführt wurde, als der ortsfremde Showmaster das Kabarettpublikum zu den Worten "Et kütt ene Weltkreesch" ("Es kommt ein Weltkrieg") schunkeln ließ, was die Genasführten erst merkten, als es zu spät war. Man kann Michail Romm das Befremden nachfühlen, mit dem er in dem Film Der gewöhnliche Faschismus feststellte, dass die Deutschen während des Nationalsozialismus bei jeder Gelegenheit schunkelten, was ihn zu der Bemerkung veranlasste, es handle sich offenbar um ein typisch faschistisches Ritual. Immerhin soll das Schunkeln gelegentlich sogar den Jecken selbst auf die Nerven gehen, wie Gisela Probst berichtet: es werde "von vielen Teilnehmern karnevalistischer Veranstaltungen als eine lästige Pflichtübung empfunden" (5).
 
 Nicht erst im erklärten Gemeinschaftswillen, sondern schon im Entschluss, sich um jeden Preis zu vergnügen, liegt das Unheil: "Vergnügtsein heißt Einverstandensein", denn es heißt allemal: "nicht daran denken müssen, das Leiden vergessen, noch wo es gezeigt wird." (6) Das gilt auch und zuerst für das eigene. Die Lüge, auf der Karneval beruht, wird in dem Refrain eines Karnevalslieds ausgesprochen:
 
 "Drink doch eine mit,
 stell disch net esu aan,
 du stehs hee de janze Zick [Zeit] eröm,
 häste och kei Jeld,
 dat es janz ejal,
 drink doch met un kümmer disch net dröm!"
 
 
Der Preis dafür, dass derjenige, der kein Geld hat, ein Wochenende lang unbesorgt mittrinken darf, um danach wieder in die Geldnot entlassen zu werden, ist die Verpflichtung darauf, sich nicht so anzustellen und das Elend des Alltags zu vergessen. Dabei ist selbst die temporäre Befreiung von Ware und Geld, die von den freundlichen Kneipenbesuchern in Aussicht gestellt wird, keine: Karneval und Alltag, die dem Selbstverständnis der Jecken nach einander so entgegengesetzt sind, gehen nahtlos ineinander über. Wer im Rheinland zur Stadtprominenz gehört, hat auch in den Karnevalsvereinen das Sagen, denn diese fungieren als lokale Rackets, die das ganze Jahr über das gesellschaftliche Leben bestimmen. Wer sich nicht mal ein Bier leisten kann, hat normalerweise gute Gründe, die Auskunft "dat es janz ejal" als Zumutung zu empfinden; und eben hieran soll nicht gedacht werden. Die Suspension vom Denken wird von manchen Karnevalisten als Befreiung beschrieben: "Hier darf man mal ganz mit dem Kopf weg sein", erklärt ein Besucher einer so genannten Herrensitzung unumwunden (7). Amüsement ist Flucht, "aber nicht, wie es behauptet, Flucht vor der schlechten Realität, sondern vor dem letzten Gedanken an Widerstand, den jene noch übriggelassen hat."(8) Den so genannten Karnevalsmuffeln verzeihen die Jecken nicht, dass sie durch die Verweigerung ihres Einverständnisses an das erinnern, was man aus dem eigenen Bewusstsein verbannen wollte, und dadurch verhindern, dass die Flucht ganz gelingt. Doch auch Verstöße der Karnevalsfreunde selber gegen das oberste Gesetz der Kulturindustrie, ihre Konsumenten nicht zu dem Ihren kommen zu lassen, werden geahndet.
 
 Genauso ungern gesehen wie diejenigen, denen nicht nach Feiern zumute ist, sind deshalb diejenigen, die zu gut verkleidet sind. In Köln-Mülheim ereignete sich beispielsweise folgender denkwürdiger Vorfall: Eine Frau stieg aus der S-Bahn, die ganz in einen langen, silbrig-glitzernden Mantel gehüllt war. Die spitze, weite Kapuze ließ ihr Gesicht im Schatten zurücktreten; in ihren silbernen Plateauschuhen überragte sie alle Wartenden. Ihr Anblick war so hinreißend, dass es schwer fiel, die Augen von ihr zu wenden. Zwei Halbwüchsige starrten sie eine Weile an, dann rief ihr der eine hinterher: "Soll das ein Bademantel sein oder was?" Über die Motive für solche Pöbeleien gibt eine Gebrauchsanweisung für Köln von Reinhold Neven Du Mont, Verleger und Herausgeber des Express, Auskunft:
 
 "Der Kölner Karneval ist vulgär, nicht frivol. Die Kostüme, die man auf den Umzügen sieht, sind einfallsreich, deftig und selbstironisch, jedoch nur selten sexy. Köln ist nicht Rio. Sex kommt vor, aber nur als Parodie. [...] Wer Sinn für Schönheit hat, muß ihn nicht herausstellen. [...] Mit Schönheit geht man nicht hausieren. In Köln auch im Karneval nicht." (9)
 
 
Neven Du Mont erzählt dann, wie ein aus Hamburg zugezogener Kollege einmal an Weiberfastnacht "als Rosenkavalier, perfekt bis zu den Handschuhen" in eine Kneipe kam und wegen seiner allzu guten Verkleidung "von der Meute mitgerissen" wurde, "gebützt [geküsst] und geschubst bis ihm der Dreispitz vom Kopfe fliegt" (10). Mag man dies noch unter "rauh, aber herzlich" verbuchen, liegt doch in dem im anmaßenden Tonfall des "wir bleiben so, wie wir sind" vorgetragenen Hinweis, Karnevalskostüme seien nicht sexy und mit Schönheit gehe man nicht hausieren, eine dunkle Drohung. Wenn Schönheit und Sexualität aus dem Leben, der Liebe und der Lust ausgeschlossen sind, die die Feiernden zu lieben behaupten, dann haben diese Begriffe für die Jecken, die Neven Du Mont stolz als Meute bezeichnet, offenbar nicht den Sinn, den man ihnen sonst zuschreiben möchte. Es stellt sich heraus, dass die Gesinnung des Karnevals mit der von al Qaida, der sie auf den ersten Blick so entgegen gesetzt zu sein scheint (siehe Teil 1), zumindest eins gemeinsam hat: man mag es nicht, wenn Schönheit herausgestellt wird.
 
 Dem scheinen die Paraden der Funkenmariechen, die Auftritte weiblicher Sambatruppen aus Rio und die Promiskuität, die an Karneval überall zu beobachten ist, zu widersprechen. Schönheit und Sexualität sind tatsächlich nicht gänzlich aus dem Karneval verbannt. Doch die Formen, in denen sie geduldet werden, sind allesamt der Zote entsprungen, der männerbündischen Verhöhnung des Sexuellen im Medium des Sexuellen, eben jener Parodie, von der Neven du Mont spricht. So seltsam es klingt, die brasilianischen Tänzerinnen werden nicht so sehr ihrer kunstvollen Inszenierungen wegen eingeladen. Ein Foto aus dem Kölner Stadt-Anzeiger vom Auftritt der Sambatruppe "Fiesta Brasil" auf einer Herrensitzung, wiederum zufällig herausgegriffen (11), zeigt nur wenige bewundernde, viele gelangweilte und noch mehr abgewandte Blicke. Weit entfernt davon, sich von der Darbietung bezaubern zu lassen, halten die versammelten, recht verdrossen wirkenden Männer es vielmehr für ihr Vorrecht, die Tänzerinnen nach Belieben anzugrapschen. Daher die Drohung eines Sitzungspräsidenten: "Wer eines der Mädchen anfaßt, bekommt von mir höchstpersönlich was in die Fresse" (12). Solche Warnungen, die den Interessen der Sambatänzerinnen sicher entgegen kommen, bleiben freilich selbst dem Männerbund verhaftet: die prahlerische Geste dessen, der den edlen Ritter spielt, und das kollegiale, absichtlich derbe Vokabular lassen erkennen, dass hier ein Gleicher zu Gleichen spricht.
 
 Die allgegenwärtigen Funkenmariechen der Stadtkorps, die von den Herren als "lecker" angepriesen werden, sind völlig steril. In ihrer uniformierten Püppchenhaftigkeit haben sie nichts Verstörendes an sich, sondern scheinen dazu erfunden, durch blödsinnige Gesten und starres Lächeln die Idiotie der ganzen Veranstaltung zu verkörpern. In ihnen verherrlicht der Karneval den weiblichen Charakter. Darin impliziert ist "die Demütigung aller (...), die ihn tragen" (13). Die Demütigung ist eine doppelte, denn sie geschieht mit begeisterter Zustimmung der Gedemütigten, die keinesfalls darauf verzichten, den "leckeren Tanzmariechen" zuzujubeln oder etwa auf den beliebten Schlager über "Blootwoosch, Kölsch un e lecker Mädsche", die Hauptnahrungsmittel des Kölners, zu schunkeln. Die Verkleidungen der gewöhnlichen Karnevalsteilnehmerinnen zielen dann auch meist auf die Selbstzurichtung zum niedlichen Mäuschen ab, die zu der Selbstüberschätzung der grölenden Männerhorden passt und in ihrem Konformismus schwer zu ertragen ist. Diese geduckte Weiblichkeit feiert sich selbst an Weiberfastnacht, einem Tag, an dem die Frauen als Belohnung für ihren Verzicht darauf, sich ihres Verstandes zu bedienen, männlichen Kollegen den Schlips abschneiden und Polizisten abküssen dürfen. Ihren adäquaten Ausdruck findet sie in einem Karnevalslied:     
 
 "Denn mir sen Kölsche Mädscher,
 han Spitzebötzcher [Spitzenhöschen] aan,
 mir losse uns net dran fommele,
 mir losse keiner dran."
 
 
Die augenzwinkernde Aufforderung zum Fummeln bestätigt ebenso wie das offizielle Lob der Keuschheit die Versagung: das gierige Grapschen, das vom Objekt absieht, auf das es sich richtet, ist das Gegenteil von Erfüllung. Dass sie nicht nachtragend sind und wenig erwarten, bekunden die "Kölsche Mädscher" an einer späteren Stelle des Liedes, an der es über die Männer heißt: "Auch wenn sie uns manchmal ärgern, wir nehmen das gar nicht so schwer". Damit ist auch den Männern keine Ehre getan: sie sind dazu verdammt, Herrensitzungen besuchende Zotenreißer zu bleiben.
 
 Typisch für den Karneval, der Sexualität nur als Parodie kennt, ist jenes Gelächter, das Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung beschrieben haben:
 
 "Man darf dem verpönten Trieb frönen, wenn außer Zweifel steht, daß es seiner Ausrottung gilt. Das ist die Erscheinung des Spaßes oder des Ulks. Er ist die elende Parodie der Erfüllung. Als verachtete, sich selbst verachtende, wird die mimetische Funktion hämisch genossen. (...) Indem der Zivilisierte die versagte Regung durch seine unbedingte Identifikation mit der versagenden Instanz desinfiziert, wird sie durchgelassen. Wenn sie die Schwelle passiert, stellt Lachen sich ein." (14)
 
 Dieselbe versagte Regung wird Adorno und Horkheimer zufolge vom Kollektiv der Zotenreißer an den Juden entdeckt und verfolgt, weshalb sich die zitierte Passage im Kapitel Elemente des Antisemitismus findet und wie folgt weitergeht:  
 
 "Das ist das Schema der antisemitischen Reaktionsweise. Um den Augenblick der autoritären Freigabe des Verbotenen zu zelebrieren, versammeln sich die Antisemiten, er allein macht sie zum Kollektiv, er konstituiert die Gemeinschaft der Artgenossen. Ihr Getöse ist das organisierte Gelächter." (15)
 
 
Karneval mit Antisemitismus in Verbindung zu bringen, mag hart und übertrieben erscheinen. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass Karneval nie bloß ein harmloser Unsinn gewesen ist. Die Fastnachtsspiele im Spätmittelalter waren gegen die Juden gerichtete, von Fäkal-Komik geprägte, pseudo-antiautoritäre Veranstaltungen (16). Den Charakter als Versammlung der Meute zur Verulkung von Außenseitern hat der Karneval nie ganz abgelegt, was die Nationalsozialisten begriffen, die ihn 1933 in ihr Veranstaltungsprogramm übernahmen. Heutige Karnevalsvereine, die stolz herausstreichen, dass sie nie gleichgeschaltet wurden, aber nichts dabei finden, dass der Frohsinn im nationalsozialistischen Köln unter Motti wie "Singendes, klingendes, lachendes Köln" (1939) bis zum Beginn des Krieges einfach weiterging, vergessen gern zu erwähnen, wie die Karnevalswagen dieser lustigen Umzüge aussahen. Schon 1934 fuhr in Köln ein Wagen mit, auf dem Männer mit schwarzen Anzügen, Hüten und künstlichen Bärten als Juden posierten und der mit den Aufschriften "Die Letzten ziehen ab" und "Mer mache nur e kleines Ausflügsche nach Lichtenstein und Jaffa" versehen war (17). Ähnliche Szenen sind auch auf Fotos von Karnevalszügen in anderen Städten festgehalten, etwa in Nürnberg, wo man Julius Streicher zwei Judendarsteller zu ihrer Darbietung beglückwünschen sieht (18), oder in Neustadt/Weinstraße, wo die als Juden Verkleideten offenbar besonderen Spaß daran fanden, sich lange Nasen anzukleben (19).
 
 Betrachtet man den Karneval unter diesem Gesichtspunkt, fallen einige scheinbare Nebensächlichkeiten auf, die man sonst vielleicht übersehen würde. Der politische Humor der Karnevalssitzungen ist nach wie vor einer des rebellierenden Konformismus. Wenn die Büttenredner gerade einmal keine Zoten reißen, dann verkünden sie das, was ohnehin alle denken, im Tonfall des Tabubrechers, der es denen da oben einmal so richtig zeigt. So sehen dann auch die Karnevalszüge aus. Bekanntlich ist es einigen der Juden, die die Kölner 1934 nicht in der Stadt haben wollten, gelungen, der Massenvernichtung zu entgehen, indem sie über den Einwanderungshafen Jaffa in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina flohen. Bekanntlich nimmt ihnen die Mehrheit der Deutschen das noch immer übel und solidarisiert sich mit Diktatoren, Führern und Massenbewegungen, deren Hauptziel es ist, die Davongekommenen ins Meer zu treiben. Eine Kanzlerkandidatin, die sich weigerte, den Sturz eines dieser antisemitischen Führer zu verurteilen, bekam dafür von den Karnevalisten einen Denkzettel verpasst. 2003 war auf dem Düsseldorfer Karnevalszug ein Ensemble aus Pappmaché zu sehen, das eine US-Fahnen schwingende, aus Bushs Darmausgang hervor kriechende Angela Merkel darstellte; ein ganz ähnlicher Wagen in Mainz von 2005 zeigte Merkel hinter einem knienden US-Präsidenten mit heruntergelassener Hose, zu dessen Hintern eine Leiter führte, über der das Schild "Wiedereröffnung" angebracht war; in Köln sah man im selben Jahr eine Bushfigur Schüsse aus einem Maschinengewehr in Kreuzform mit der Aufschrift "God bless America" abfeuern, was wohl das beliebte Klischee "schießwütiger Weltpolizist und Kreuzritter" bedienen sollte; im Jahr zuvor hatte es der Kölner Karnevalszug mit einer Bushfigur mit langer Nase und der Aufschrift "Der Irak hat Massenvernichtungswaffen" bis auf die Titelseite der Zeitung Al-Quds al-Arabi ("Arabisches Jerusalem") gebracht (20). All dies war selbstverständlich lustig gemeint und vor allem "frech wie nie" – so das Lob des WDR (21). Als ob nicht eine erdrückende Mehrheit hinter ihm stünde, die in Deutschland allemal den Ton angibt, fragte Jacques Tilly, der sich die Wagenmotive in Köln und Düsseldorf ausgedacht hatte, mit gespielter Naivität: "Wurde der Karneval etwa nicht erfunden, um die Obrigkeit zu veräppeln?" (22) Klaus Wilinski, der Wagenbauer aus Mainz, dessen Merkel-Bush-Wagen von der so genannten Zugleitung einstimmig in Auftrag gegeben worden war, äffte Tilly nach und übertrumpfte ihn noch, indem er zu verstehen gab, dass er vereinzelte Missfallensäußerungen aus den Reihen der CDU als Unterdrückung seiner Meinungsfreiheit betrachtete: "Die Mainzer Fastnacht war schon immer politisch und hat sich gegen Obrigkeit oder Zensur gewehrt" (23). Dem stimmte das ZDF natürlich zu, und der WDR konnte zufrieden resümieren: "Das Narrenvolk rast – vor Schadenfreude" (24). Wenig überraschend, dass Witze, die wirkliche Zensur mittels § 166 oder Morddrohungen eines aufgebrachten Mobs nach sich ziehen könnten, für einen Humoristen wie Tilly nicht in Frage kommen: "Wir werden selbstverständlich auf Darstellungen des Propheten Mohammed verzichten" (25).
 
 Saddam Hussein scheinen die Jecken übrigens besonders ins Herz geschlossen zu haben. Erinnert sich noch jemand an den Ausfall des Karnevals von 1991? Damals war das Spektakel auf Empfehlung des Bundes Deutscher Karneval "aus Respekt vor der Reaktion der Bevölkerung auf den Krieg am Golf"  abgesagt worden. In Köln hatte man dies zum Anlass genommen, sich am Rosenmontag zu versammeln, um für den Frieden mit Saddam zu demonstrieren. Die edlen Seelen, zu denen sich gewöhnliche Jecken gesellten, hatten "Trommler, Friedensengel und Schubkarren voll Blut als Protestzeichen gegen den Krieg" mitgebracht (26). Die gespenstische Prozession gefiel allen so gut, dass im nächsten Jahr beschlossen wurde, einen Fackelmarsch daraus zu machen, der seitdem unter dem Titel "Geisterzug" jedes Jahr am Karnevalssamstag stattfindet und bei Grünen und Autonomen als "antiautoritärer Umzug" (taz) und Manifestation "subversiver Fröhlichkeit" (FAU Bonn) (27) beliebt ist.
 
 Der Karneval endet, wie es ihm entspricht, mit einem weiteren fröhlichen Fackelmarsch und der Verbrennung eines Sündenbockes, einer lebensgroßen bekleideten Strohpuppe, die in Köln "Nubbel" genannt wird. Das Ritual, mit dem früher an einigen Orten das Ende der Kirmes zelebriert worden war, hat sich erst nach 1945 allgemein verbreitet. Schwierig zu erlernen war es für die Nachkriegsdeutschen sicher nicht: man kannte den Vorgang, aus dem nun ein ironisch gebrochenes Spiel wurde, nur zu genau. So wie man früher mit den Juden verfuhr, verfährt man nun spaßeshalber mit dem Nubbel. Jede Kneipe hat ihre eigene Puppe. In der Nacht auf Aschermittwoch wird sie nach Verlesung einer Anklageschrift, die ihr die Schuld an allen Verfehlungen während der Karnevalszeit aufbürdet, unter Gejohle angezündet: "Zunächst verteidigt die Menge den Nubbel, am Ende ist sie aber von seiner Schuld überzeugt und fordert Rache. Die Anklage gipfelt dann beispielsweise in rhetorischen Fragen wie: 'Wer ist schuld, dass wir unser ganzes Geld versoffen haben? Wer ist schuld, dass wir fremdgegangen sind?' Die johlende Menge antwortet dem Redner dann stets mit einem schallenden 'Dat wör der Nubbel!', 'Der Nubbel ist dat schuld!' oder 'Er soll brennen!, der Nubbel!'" (28)
 
 Weil Verschwendung und Fremdgehen als lässliche Sünden gelten, kann man hoffen, dass die ironische Distanz gewahrt bleibt, die, so abstoßend das Ganze ist, verhindert, dass das Spiel umkippt und zum tödlichen Ernst wird. Ihre eigene uneingestandene Unlust am Karneval werden die Karnevalsfreunde hingegen weniger leicht verschmerzen. Solange sie nicht bereit sind, sich die eigene Enttäuschung einzugestehen, die lärmende Meute und Schunkelgemeinschaft zu verlassen und zu erkennen, dass der Karneval genau besehen wenig Anlass zum Fröhlichsein gibt, werden sie sich an wirklichen oder vermeintlichen Störenfrieden schadlos halten. Und als Störenfried gilt jemand, der Halbwüchsige davon abzuhalten versucht, „Viva Colonia“ zu grölen, allemal.
 
 
 Anmerkungen:
 
 
(1) http://www.ila-bonn.de/brasilientexte/homosexuelle.htm.
 
 (2) http://www.merian-magazin.de/category.php?catname=Freizeit&aid=239.
 
 (3) Ernst Heyter, Verführung zum Karneval. Eine Einführung in die rheinischen Mysterien, Düsseldorf 1953, S. 70.
 
 (4) Peter Fuchs/M. L. Schwering/Klaus Zöller, Kölner Karneval. Seine Geschichte, seine Eigenart, seine Akteure, Köln 1984, S. 35f.
 
 (5) Gisela Probst, Zur psychologischen Funktion des Karnevalsschlagers, in: Rheinischer Karneval. Rheinisches Jahrbuch für Volkskunde, Jg. 23 (1978), S. 31-48, hier S. 48.
 
 (6) Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt a. M. 1998, S. 153.
 
 (7) Tagesspiegel, 13.02.1999.
 
 (8) Horkheimer/Adorno 1998, S. 153.
 
 (9) Reinhold Neven Du Mont, Gebrauchsanweisung für Köln, München/Zürich 2004, S. 60.
 
 (10) Ebd.
 
 (11) Kölner Stadt-Anzeiger, Ausgabe Euskirchen, 1./2.02.1997.
 
 (12) Tagesspiegel, 13.02.1999.
 
 (13) Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt a. M. 1997, S. 121.
 
 (14) Horkheimer/Adorno 1998, S. 193.
 
 (15) Ebd.
 
 (16) Vgl. Gerhard Scheit, Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus, Freiburg i. Br. 1999, S. 58-67.
 
 (17) http://www1.yadvashem.org/about_holocaust/studies/ordinary/images/1.jpg.
 
 (18) http://www.jewishgen.org/yizkor/nuremberg2/nur004.html.
 
 (19) Fotos zugänglich über http://www.ushmm.org/.
 
 (20) http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,400029,00.html.
 
 (21) http://www.wdr.de/themen/freizeit/brauchtum/karneval_2005/session/_themen/zusammenfassung_rosenmontag/index.jhtml?rubrikenstyle=karneval_2005.
 
 (22) http://www.wdr.de/themen/freizeit/brauchtum/karneval_2005/session/_themen/wagenbaumeister_duesseldorf/index.jhtml?rubrikenstyle=karneval_2005.
 
 (23) http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/22/0,1872,2253782,00.html.
 
 (24) http://www.wdr.de/themen/freizeit/brauchtum/karneval_2005/session/_themen/ wagenbaumeister_duesseldorf/index.jhtml?rubrikenstyle=karneval_2005.
 
 (25) http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,400029,00.html.
 
 (26) http://www.beucker.de/2003/taz03-02-27a.htm.
 
 (27) http://fau-bonn.de/Members/Hein/Geisterzug.
 
 (28) http://www.koelner-karneval.info/Nubbelverbrennung.htm.