Ausgabe #4 vom

Offener Brief an Seyran Ates

MINA AHADI / NAZANIN BORUMAND

Liebe Frau Ates,
 
 die Nachricht über die Abgabe Ihrer Zulassung als Rechtsanwältin wegen einer akuten Bedrohungssituation, in der Sie sich befinden, hat uns erschüttert. Wir AktivistInnen der Kampagne ‚Vergesst niemals Hatun’ bedauern Ihren Rücktritt sehr. Wir haben Ihr Engagement und die Arbeit, die Sie als Rechtsanwältin geleistet haben, sehr geschätzt. Jeder fragt sich, warum es so weit kommen konnte, dass eine Rechtsanwältin im Herzen des „freien“ Europas aus Angst zurück treten muss.
 
 Manche glauben, dass die männliche Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft die ausreichende Antwort auf diese Frage wäre. Wir meinen aber, dass Männergewalt noch nicht alles beantwortet. Wir als Kritiker des politischen Islams meinen, dass diese Art der Gewalt politische Hintergründe hat. Diese Hintergründe sind die islamischen fanatischen Strömungen in Deutschland und Europa. Viele Frauenrechtsaktivistinnen, die die frauenfeindlichen islamischen Gesetze und die Politik, die diese Gesetze unterstützt, kritisieren oder gegen Kopftuchtragen und Religionsunterricht in den Schulen sind und den Ehrenmorden auf den Grund gehen wollen, werden ständig bedroht und müssen mit dieser Situation alleine fertig werden. Das kann so nicht weitergehen!
 
 Solange der politische Islam und die Institutionen, die diese Politik unterstützen und sie ausführen, nicht direkt kritisiert werden und durch progressive Menschen und Strömungen unter Druck gesetzt werden, wird der politische Islam immer weiter seine Ziele in Europa verfolgen, sich verbreiten und versuchen, Menschen wie Sie einzuschüchtern, zu terrorisieren und mundtot zu machen.
 
 Wir begrüßen Ihre Haltung und finden es sehr mutig, dass Sie Ihre Aktivitäten in der Politik fortsetzen wollen und vor allem nicht aufgeben. Wenn die Islamisten es schaffen, dass immer mehr Mädchen aus dem islamischen Milieu auch in der Schule Kopftuch tragen müssen und immer wieder Moscheen gebaut werden, in denen Männer zur Gewalt auch gegen die eigenen Frauen, Töchter und Schwestern getrieben werden, säkulare Menschen wie Theo Van Gogh in Holland und Hatun Sürücü in Berlin ermordet werden, dann werden sie in den Ländern wie Iran, Türkei, Pakistan und Irak noch stärker und dreister. Dies ist eine Problematik, von der wir alle betroffen sind, ob Mann oder Frau, jung oder alt, ob in Holland, Deutschland, Frankreich oder in Iran, Afghanistan und Türkei. Daher wäre die Beschränkung dieser politischen Problematik auf die Gewalttätigkeit der Männer ein großer Fehler und würde uns davon abhalten, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Es ist wichtig, dass wir in Europa alles in Bewegung setzen, um die politische islamische Bewegung, die so systematisch terrorisiert, zurückzudrängen und ihr das Handwerk zu legen. Frauen und Kinder aus dem islamischen Milieu sind schutzlos und können sich nicht gegen Gewalt in der Familie wehren. Die Regierung in Deutschland und die Gesetzgebung scheint kein Interesse daran zu haben, gegen diese Situation etwas zu unternehmen. Ganz im Gegenteil, die Politik der deutschen Regierung stärkt den politischen Islam, hilft ihm immer mehr sich auszubreiten und hinter dem Vorwand der multikulturellen Gesellschaft wird der kulturelle Relativismus verbreitet.
 
 Liebe Frau Ates, wir werden Ihre Aktivitäten weiter mit Interesse verfolgen und wissen die Rolle von Frauen wie Ihnen für die Freiheit der unterdrückten Frauen zu schätzen. Wir säkulare Frauen und Männer, die für eine Welt ohne Gewalt kämpfen, sind nicht wenige. Wir streben eine Gesellschaft ohne Zwangsverschleierung, die Trennung von Religion und Staat, und letztendlich eine bessere Welt an. Wir müssen zusammenhalten, unsere Stimme erheben und gemeinsam gegen Gewalt und Terror des politischen Islams in Europa etwas unternehmen.
 
 Unser Ziel ist, dass keine Frau aus dem islamischen Milieu Opfer der Gewalt durch den eigenen Vater, Bruder oder Ehemann wird und vor allem keine Frau wie Sie wieder bedroht und terrorisiert wird.
 
 Mina Ahadi und Nazanin Borumand 
 Im Namen der Kampagne ‚Vergesst niemals Hatun!’
 9. September 2006