Ausgabe #4 vom

Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski (Auszug)

GEORG WEERTH

Es verstand sich von selbst, daß Herr von Schnapphahnski auf dem Ball der Brüsseler Oper im vollen Glanze seiner Ritterlichkeit umherspazierte und nicht wenig damit beschäftigt war, jede einigermaßen erbauliche Maske Zoll für Zoll zu studieren. Tanzende zu beschauen, ist ein Kunst- und Naturgenuß zu gleicher Zeit. Der Tanz enthüllt nicht nur manchen Körperteil, den wir bei der Prüderie unsres Jahrhunderts selten en masse zu bewundern Gelegenheit haben, nein, die melodisch dahinflutende Bewegung der Gestalten zeigt uns, daß diese und jene Glieder auch noch einer ganz andern als der gewöhnlichen Tätigkeit fähig sind, und unwillkürlich söhnen wir uns mit unsern alltäglichen Erinnerungen aus, wenn wir die Menschen wieder einmal so kindlich-sonntäglich vor unsrer Nase herumspringen sehen.
 
 Die Kunst- und Naturstudien auf einem Brüsseler Balle haben freilich ihre Grenzen, und unser Ritter würde mit seinen Forschungen bald zu Ende gewesen sein, wenn nicht eine ungemein lebendige und graziöse Maske seine Aufmerksamkeit stets von neuem in Anspruch genommen hätte. Bald einen entzückend kleinen Fuß, bald eine zierliche Hand und bald einen Nacken zeigend, der durch seine herrlichen Formen alle übrigen Gestalten des Balles hinter sich ließ, wußte die Geheimnisvolle unsern Ritter stundenlang zu fesseln. Vergebens suchte er aus der Verschleierten irgendein bekanntes Wesen herauszufinden: sie widerstand seinen genauesten Beobachtungen durch so rätselhafte Gebärden und seinen kühnsten Fragen durch so zweideutige Antworten, daß er zuletzt davon überzeugt war, von einer durchaus Fremden intrigiert zu werden.
 
 Der Reiz eines derartigen Spieles wird durch den Widerstand, den man findet, nur erhöht. Ein zahmes Roß zu reiten, ist keine Kunst; ein wildes zu bändigen: die höchste Lust. Der Schwache wünscht Nachgiebigkeit und Kapitulation; der Kühne: Widerstand und Sieg. Der Schwache genießt nur einmal; der Kühne tausendmal, denn jede Stufe des Widerstandes wird durch ihr Überwundensein eine Stufe der Glückseligkeit, die nur der letzte Sieg an Wonne überbietet. Suche Widerstand, und du wirst ein Mann sein; lerne Weiber besiegen, und du wirst die Welt erobern!
 
 Herr von Schnapphahnski war zufällig nicht in der Stimmung, seinen Liebesfeldzug auch nur durch eine Nacht hin auszudehnen. Sei es, daß er alle Hoffnung aufgeben zu müssen glaubte oder daß er an ähnlichen Orten rascheren Erfolg gewohnt war -- genug, es ennuyierte ihn mit der Zeit, sich so den ganzen Abend für nichts und wieder nichts an der Nase herumführen zu lassen; und als die verhängnisvolle Maske wiederum mit sehr spöttischem Gruße an ihm vorüberhuschte, da vergaß unser Held plötzlich, daß er nicht in der Wasserpolackei und auf dem Ball einer zwar belgischen, aber nichtsdestoweniger zivilisierten Stadt sei, und -- es ist kaum zu glauben -- ja, unser Ritter griff der Vorübereilenden mitten in die Maske -- --
 
 Die so brutal Angegriffene stutzt, stößt einen Schrei aus, und vierzig bis fünfzig andre Masken stellen sich rings um den Ritter und die Dame. Der Schleier der Schönen ist indes gefallen, und der Ritter erkennt zu seinem nicht geringen Schrecken die Gattin des belgischen Künstlers.
 
 Der unglückliche Ehemann, „déguisé en quelqu'un, qui s'embête à mort“, ist ebenfalls herbeigesprungen. Er beobachtete den fremden Ritter und die eigne Gattin den ganzen Abend hindurch; seit einigen Stunden schon fühlte er seine Hörner wachsen, und mit der freudigen Wut eines erretteten Familienvaters stürzt er sich auf unsern Ritter.
 
 Eine Szene entspinnt sich, wie man sie in Brüssel vielleicht noch nicht erlebt hatte. Herr von Schnapphahnski begreift gar nicht, wie ihn die Brüsseler Bourgeois so langweilen können. Er nennt seinen Namen, seine Titel -- --
 
 “Je m'en f...“, brüllt der entrüstete Ehemann wie ein Hirsch in der Brunstzeit, und „Oui Monsieur! Oui Monsieur!“ schreit der Chor wie im ersten Akt des „Barbier von Sevilla“.
 
 Schnapphahnski gibt seine Karte -- --
 
  „J'aurai ta carte dans ma poche et toi la mienne sur la figure –„  
 
 Oui Monsieur! Oui Monsieur! -- und immer toller wird der Skandal, bis sich zuletzt hundert zierliche Hände erheben, um unsern Ritter zu zerreißen, die Faust des Ehemanns an ihrer Spitze -- ach, und nur durch die schleunigste Flucht rettete sich unser Held von der unangenehmsten Pointe, die ein Abenteuer haben kann.
 
 Aus: Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphanski, mit einem Nachwort von Nils Folckers, Verbrecher-Verlag, Berlin 2006, S. 54 – 57.  Am 8. August 1848 startete die Neue Rheinische Zeitung den Fortsetzungsabdruck des Romans über einen weithin bekannten Reaktionär, den Fürsten und Abgeordneten der Nationalversammlung Lichnowski, der als Schnapphahnski schon von Heine „aufgespießt“ wurde. Als Lichnowski im September 1849 ermordet wurde, geriet jedoch die Redaktion unter heftigen Beschuss und Georg Weerth wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die er von Ende Februar bis Ende Mai 1850 in Köln verbüßte.
 
 Für die Prodomo ausgewählt wurde der Text von der Georg-Weerth-Gesellschaft Köln.