Ausgabe #4 vom

Herr S. und die Natur

Alfred Schmidt zum 75. Geburtstag

INGO ELBE

Alfred Schmidt hat in der kritischen Gesellschaftstheorie der Bundesrepublik vornehmlich zwischen den 1950er und 70er Jahren deutliche Spuren hinterlassen. Der Horkheimer- und Adorno-Schüler gehörte zur ersten Generation der Theoretiker des Frankfurter SDS, promovierte 1960 mit einer vielbeachteten Arbeit über den Begriff der Natur in der Lehre von Marx, wurde 1972 Professor für Philosophie in Frankfurt und garantierte mit seinen Veröffentlichungen und seiner Lehrtätigkeit die Kontinuität der Motive vor allem der frühen Kritischen Theorie auch in Zeiten ihrer kommunikationstheoretischen Verwässerung durch Jürgen Habermas und andere. Neben der Mitwirkung an der Herausgabe der Schriften Max Horkheimers hat Schmidt wichtige Beiträge der Frankfurter Schule (1) und des französischen humanistischen Marxismus (2) ins Deutsche übersetzt. Sein gesamtes Werk ist geprägt von einer kritischen Reflexion gesellschaftlicher Naturverhältnisse als objektiver Vermitteltheit des Subjekts und subjektiver Vermitteltheit des Objekts. Sein Denken kreist um die konstitutive Verwobenheit von erster und zweiter Natur, versucht dabei aber zugleich die in emanzipatorischer Absicht unerlässlichen Unterschiede zwischen beiden kenntlich zu machen (3).

Eingedenken der ersten Natur und Materialismus der zweiten Natur

Die Reflexion der Vermitteltheit von Gesellschaft und Individuum durch die erste Natur ist seit jeher ein zentrales Anliegen Alfred Schmidts. Das Projekt eines „ökologischen Materialismus“ (4) jenseits regressiver Ideologien einer ‚Rückkehr des Menschen zur Natur’ bildet dabei ein Kernmotiv in Schmidts Denken bereits seit Anfang der 1960er Jahre, also zu einer Zeit, als die ‚Öko-Bewegung’ noch gar nicht in Sicht war. In seiner Dissertation werden vor allem in Abgrenzung zur ‚marxistisch’ drapierten Tonnenideologie des Ostblocks, aber auch zur antikommunistischen Marx-Verhunzung im Westen, wenn auch erst vorsichtig (5), bereits Einsichten der Marxschen Ökonomiekritik in die destruktive Verlaufsform des kapitalistischen Produktivkraftfortschritts und ihre ökologischen Konsequenzen aufgearbeitet. Marx zeige, „daß das Glück der Menschen nicht einfach dem Maß ihrer technischen Naturbeherrschung proportional ist, sondern daß es [...] auf die gesellschaftliche Organisation der Naturbeherrschung ankommt“ (6). Er wende sich gegen naiven Fortschrittsoptimismus und reaktionäre Naturidolatrie, die von ihm so genannte „christlich-germanisch-patriarchalische Naturfaselei“, gleichermaßen (7). Wie für Brechts Herrn Keuner die Bäume „etwas beruhigend Selbständiges, von mir Absehendes“ haben, das „nicht verwertet werden kann“ (8), weil er sie nicht mit den Augen eines Schreiners betrachte, so hat Alfred Schmidt später im interesselosen ‚griechischen Blick’ des anthropologischen Materialismus Ludwig Feuerbachs ein Gegengift gegen das Bestreben der totalen Auflösung der menschlichen Umwelt in die verwertungslogischen Zwecke des Kapitals gesehen. Gerade das vielgescholtene kontemplative Moment in Feuerbachs Philosophie, seine Betonung von Anschauung, Selbstzweck, Kunst gegen Arbeit, Nutzen, Egoismus, sein Gedanke, „die Natur in Frieden gewähren und bestehen zu lassen“ (9), könne als „utopischer Entwurf“ (10) einer Naturaneignung ohne zerstörerische Konsequenzen begriffen werden. Ziel einer befreiten Menschheit, das allerdings erst in den ökologischen Antizipationen des reifen Marx formulierbar werde, sei die „gesamtgesellschaftliche Beherrschung der Naturbeherrschung“ (11), nicht die Überwältigung der äußeren (oder inneren) Natur. Dennoch distanziert sich Schmidt von dem, im westlichen Marxismus häufig vorgebrachten, romantischen Gedanken einer Versöhnung von Mensch und Natur, dem „identitätsphilosophischen Verschwinden“ (12) der Grenze zwischen Subjekt und Objekt. So sei beispielsweise Marx’ Rede von schlummernden Potenzen der Natur nicht im Sinne Ernst Blochs als Antizipation eines kommenden ‚Natursubjekts’ zu verstehen, sondern lediglich als „objektive Möglichkeit der Dinge, in bestimmte menschliche Gebrauchswerte überführt zu werden“ (13).

Nicht nur die menschliche Umwelt wird in Schmidts Rekonstruktionen der philosophischen Tradition zum Thema, auch das Eingedenken des Naturhaften im Subjekt, bzw. eine Kritik der „Philosophie des bei seiner Rechnung sich selbst vergessenden Subjekts“ (14) wird von ihm vorangetrieben. Mit Denkern wie Feuerbach, Marx, aber auch Schopenhauer, schließlich Freud und Horkheimer/ Adorno, versucht Schmidt, philosophisches Denken auf das nicht im Begriff Aufgehende, vornehmlich den leidenden und bedürftigen Körper des Menschen, zu lenken. Auch hier spielt Feuerbach und seine Kritik der verselbständigten, über die menschliche Natur herrschenden Abstraktionen (Gott und Geist) eine entscheidende Rolle (15). Die regressiven Potentiale der Feuerbachschen Kritik am identitätsphilosophischen Vermittlungsmotiv Hegels, dem zufolge die Natur durch die Arbeit des Begriffs vermittelt und letztlich selbst ein geistiges Prinzip ist, werden aber von Schmidt eher vernachlässigt, was jüngst Falko Schmieder in seinem Buch zur fatalen Aktualität Feuerbachs bemängelt hat (16). An die Stelle der totalen Vermittlung durch den Begriff setzt Feuerbach nämlich nicht, wie von Marx, Adorno und letztlich auch von Schmidt intendiert, das materialistische Eingedenken des Nicht-Identischen und endlich-gegenständlicher Vermittlungen, sondern die totale Unmittelbarkeit, das stumme Zeigen und das Gefühl als Wahrheitsinstanz. Schmidts Intervention, sich mit Feuerbach einem materialistischen Subjekt-Begriff anzunähern, kann daher, ebenso wie dessen Inanspruchnahme als Regulativ gegen ein bloß ‚mediatisierendes’ Naturverständnis, in seinen eigenen Worten als Reaktion auf die „Nöte westdeutscher Intellektueller“ (17), namentlich eines das Individuum vernachlässigenden und technokratischen Marxismus, verstanden werden (18). Doch Schmidts Beharren auf der These, materialistisches Denken sei auf das Glück des Individuums und die Abschaffung von Leid und Mühsal verpflichtet, wird dadurch keineswegs in Frage gestellt. Nur ist sein Bezug auf Marx als einzig konsequentem Denker in dieser Perspektive (19) hier wesentlich plausibler als der Rekurs auf den bürgerlichen Materialismus. Auch die Würdigung der Seite des Materialismus, die Bloch seinerzeit als ‚Kältestrom’ gekennzeichnet hat (20), bleibt gültig. Sie bietet nach Schmidt „Einsicht ins Sinnwidrige, vielfältig Bedingte und Brüchige unserer Existenz“, weshalb „materialistischer Philosophie, die etwas taugt, ein pessimistisches Moment inne“ (21) wohne. Sowohl Triebverzicht als auch Naturbedingtheit und Endlichkeit seien unverfügbare Elemente menschlichen Daseins, wie sie bei Freud (kulturkonstitutiver Triebverzicht) und Marx (Reich der Freiheit beruht auf einem Reich der Notwendigkeit) betont worden seien (22). Doch ist Schmidt kein Apostel der Vergeblichkeit. Sein Pessimismus wird nicht zur Ontologie oder negativen Geschichtsphilosophie versteinert, sondern steht bei ihm stets im Zusammenhang mit einem Materialismus der zweiten Natur.

Bei diesem, als praktisch-kritischem, steht die Reflexion der gesellschaftlichen Vermitteltheit der Natur im Vordergrund. Zum einen betont Schmidt die doppelte Historizität des Gegenstands materialistischer Gesellschaftstheorie: Sowohl die Wahrnehmung des Gegenstands als auch der Gegenstand selbst sind durch menschliche Praxis unter historisch spezifischen Bedingungen vermittelt, „kein bloß abzubildendes An-sich“ (23). Was bei Hegel noch als durch die Arbeit des Begriffs bestehend gedeutet werde, das müsse mit Marx als durch gegenständliche, aber bewusstseinsvermittelte Praxis bedingt verstanden werden. Dieser Gedanke gehe in der marxistischen Orthodoxie mit ihrer bei Engels beginnenden Widerspiegelungstheorie verloren. Diese deute auch gesellschaftliche Gesetzmäßigkeiten, die Gegenstand insbesondere des Kapital von Marx seien, naturalistisch fehlerhaft als nur alternativ anwendbare, statt „in vernünftige Aktionen der befreiten Individuen sich auflösend[e]“ (24). Die von Marxisten wie Anti-Marxisten als Beweis wahlweise höchster Wissenschaftlichkeit oder gerade unwissenschaftlicher Prophetie angeführte Behauptung von Marx, er fasse die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise als „naturgeschichtlichen Prozess“ (25), stellt nach Schmidt dagegen eine kritische Aussage dar. ‘Natur’, bzw. ‘Naturwüchsigkeit’ seien negativ bestimmte Kategorien (26), „ein einziges kritisches Urteil über die seitherige Geschichte, in der die Menschen sich zu Objekten ihrer blind ablaufenden ökonomischen Dynamik haben herabwürdigen lassen“ (27). Der zur zweiten Natur erstarrte gesellschaftliche Zusammenhang der Menschen wiederum sei als von ihnen selbst unter bestimmten Vergesellschaftungsbedingungen ihrer Arbeit hervorgebrachter zu dechiffrieren. Hegel wird dabei als Ontologe dieser Subjekt-Objekt-Verkehrung begriffen (28), von dem – historisch-materialistisch gewendet – der Gedanke der Herrschaft eines „begriffliche[n] Element[s]“ (29) über die Subjekte entlehnt werden kann. Das ‚Begriffliche’ stellt so eine spezifische Form des gesellschaftlichen Zusammenhangs dar, „eine von der empirischen Welt selber vollzogene Abstraktion“ (30) – den Wert als Realabstraktion. Diesen ‚Begriffsrealismus’ der Marxschen Kritik fasst Schmidt allerdings als einen ironisch gebrochenen auf (31), einen ‚Begriff’, der den Menschen in Gestalt ihrer in der kapitalistischen Produktionsweise „verselbständigten Verhältnisse“ (32) aufgenötigt wird.

Dies ist auch der Einsatzpunkt der Kritik Schmidts am ‚theoretischem Antihumanismus’ (33) der strukturmarxistischen Schule: Dieser beschreibe zwar zu Recht die Nicht-Zurückführbarkeit kapitalistischer Produktionsverhältnisse auf das bewusste Handeln von Menschen respektive Individuen. Zugleich erhebe er aber die Verselbständigung der Verhältnisse gegenüber den Individuen, die nur als deren ‚Träger’ in Betracht kämen, zur wissenschaftlichen Norm einer universalen Theorie der Produktionsweisen und ontologisiere sie damit (34). Dass sich der gesellschaftliche Zusammenhang ausgehend von den Subjekten und ihren Handlungen nicht erklären lässt, also ein methodisches Strukturprimat besteht, ist für Schmidt vom negativ-verselbständigten Charakter der Produktionsverhältnisse nicht vollständig abzulösen. Doch tendiert Schmidt, ganz in der Tradition der Kritischen Theorie, dazu, den Emergenz-Charakter des Sozialen (35) gänzlich mit Entfremdung zu identifizieren, sodass ein methodologischer Individualismus in emanzipatorischer Perspektive entsteht, der davon ausgeht, dass der von Adorno so genannte ‚Sozialnominalismus’, die Rückführung gesellschaftlicher Phänomene auf ‚verstehbare’ Handlungen der Individuen, die korrekte Beschreibungsweise für eine im emphatischen Sinne freie Gesellschaft sei: „Sobald die Menschen aufhören, sich [...] die dinghafte Herrschaft des Allgemeinen [...] gefallen zu lassen, gilt der ‚Nominalismus’ wieder, das heißt, es wird ein Zustand erreicht, in welchem die merkwürdigen Entitäten verschwinden, denen die Menschen ausgeliefert sind [...] Das Ganze geht planvoll aus bewußten und vernünftigen Akten der Individuen hervor“. (36) Dadurch verliert, Schmidt zufolge, auch der Bereich des Geistig-Kulturellen seinen „Überbaucharakter“ (37).

Geschichte und Struktur

Der Materialismus der zweiten Natur ist für Schmidt am konsequentesten im Marxschen Kapital durchgeführt. Während die Historisierung des historischen Materialismus noch als Reformulierung zentraler Motive der klassischen Kritischen Theorie gelten kann, formuliert Schmidt in seinem Referat zum Kolloquium 100 Jahre ‚Kapital’ im Jahre 1967 einen für die entstehende Marx-Rekonstruktionsdebatte wegweisenden Katalog programmatischer Forderungen, die die verschwiegene Orthodoxie der Kritischen Theorie in Sachen Ökonomiekritik durch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Marxschen Spätwerk seit den Grundrissen ersetzen sollen. Er hebt dabei drei Aspekte einer zeitgemäßen „Methode der Marx-Interpretation“ (38) hervor: Erstens müsse von Differenzen zwischen den expliziten metatheoretischen Reflexionen von Marx und seinem realen Vorgehen in den materialen Analysen des Kapital ausgegangen werden. Es ist zwar unklar, ob Schmidt diesen Gedanken direkt von Althussers strukturalem Marxismus aufnimmt; klar ist hingegen, dass er damit – entgegen Althussers Pointe einer antihegelianischen Lesart – gerade die Bedeutung der Logik Hegels für die theoretische Struktur der Ökonomiekritik unterstreicht. Marx selber habe diese sogar zu Unrecht herunter gespielt, indem er von einem bloßen ‚Kokettieren’ mit Hegels Ausdrucksweise gesprochen habe (39). Zweitens müsse eine zukünftige Marx-Exegese zweischrittig, nämlich philologisch-rekonstruierend und deutend-applizierend, verfahren. Bereits der erste Schritt könne dazu beitragen, einige Unklarheiten der bisherigen Marx-Diskussion „rein philologisch [zu] klären“ (40), während der zweite, als Inbezugsetzung der gründlich bearbeiteten Texte zu Problemen der Gegenwart, die Aktualität Marxscher Theorie(n) prüfe. Drittens schließlich sei Marx’ ökonomiekritisches Spätwerk als hermeneutischer Schlüssel zum Verständnis des Frühwerks heranzuziehen, nicht mehr dieses als ‚philosophisch-humanistisches’ jenem als ‚fachökonomisches’ oder gar ‚ökonomistisches’ abstrakt gegenüberzustellen (41). Dieses Plädoyer für eine ‚rückwärtsgehende’ Erschließung der Kontinuität des Marxschen Denkens hat später insbesondere Helmut Reichelt (42) in die Tat umgesetzt.
 
Schmidt weist bereits in seinem Kolloquiumsreferat von 1967 deutlich auf den logisch-systematischen Charakter der Marxschen Darstellungsweise hin (43) und begibt sich damit auf Konfrontationskurs zur Orthodoxie, welche die Abfolge der Kategorien im Kapital stets als „Spiegelbild“ empirisch-historischer Prozesse, lediglich unter Absehung der „störenden Zufälligkeiten“ (44), gelesen hatte. In seinem 1971 erschienenen Werk Geschichte und Struktur baut er diesen Gedankengang vor allem anhand Marx’ metatheoretischer Reflexionen in den Grundrissen aus. Demzufolge wird eine „immanente Darstellung des Systems“ (45) der kapitalistischen Produktionsweise durch dessen selbstreproduktiven Charakter ermöglicht. Einmal aus historisch-spezifischen Bedingungen entstanden, „bildet [...] der bürgerliche Zustand ein System, das rein aus sich erklärbar ist“ (46). Die kapitalistischen Produktionsverhältnisse reproduzieren nun ihre ursprünglich vorgefundenen, nicht selbst gesetzten Bedingungen, als ihre eigenen Resultate, weshalb es nach Marx „nicht nötig“ sei, „um die Gesetze der bürgerlichen Ökonomie zu entwickeln, die wirkliche Geschichte der Produktionsverhältnisse zu schreiben“ (47). Umgekehrt, so Schmidt, sei das Begreifen des Wesens des Kapitals Voraussetzung zur Identifizierung der „historischen Voraussetzungen seines Entstehens“, da Marx ohne solche durchgeführte Strukturanalyse „nicht einmal gewußt [hätte], wo und wie sie zu suchen sind“ (48). Der Systemcharakter des Gegenstands, der „kontemporären Geschichte“ (49) als Reproduktionsprozess des Kapitals, erfordere und erlaube also eine dialektische Darstellung „im streng deduktiven Sinn“ (50). Das Kapital als komplexe Kategorie sei nämlich nur deshalb ‚immanent’ oder ‚deduktiv’ aus einfachen Kategorien, wie Ware, Geld und einfache Zirkulation, durch ‚logisches’ Übergehen dieser in jene zu entwickeln, weil alle diese Momente einander wechselseitig setzen und voraussetzen (51).

Im Gegensatz zur „im weitesten Sinn empirischen“ (52) Forschung habe nun die Darstellung konstruktiven Charakter deshalb, weil ihre begriffliche Ordnung von der Reihenfolge des Auftretens der ökonomischen Formen unabhängig sei (53), es „untubar und falsch“ (54) wäre, sie mit dieser zu parallelisieren. Als Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten (in Gestalt des begriffenen Zusammenhangs der empirischen Phänomene) sei sie „dem Hegelschen Systemgedanken verpflichtet“ (55). Der Fortgang der Darstellung sei, wie bei Hegel, zugleich Rückgang in den Grund des Anfangs. Das scheinbar Unmittelbare des Anfangs - das ‚Sein’ dort, die ‚einfache Ware’ hier – erweist sich damit als Vermitteltes, durch Bezug auf ein anderes Gesetztes. Bei Marx „ist das Fortschreiten von den äußeren, oberflächlichen ‚Erscheinungen’ der ökonomischen Wirklichkeit zu deren ‚Wesen’ (inneren Gesetzen) [...] ein Rekurrieren auf den ‚Grund’ der ‚Existenz’ dieser ‚Erscheinungen’. Auch Marx ist davon überzeugt, daß das rückwärts gehende Begründen des Anfangs [...] und das vorwärtsgehende Weiterbestimmen desselben’ (Hegel) sich uno actu vollzieht“ (56). Der Anfang der Darstellung sei daher kein empirisch Konkretes und historisch Erstes, wie von der ‚logisch-historischen’ Lesart behauptet, sondern „das im Hegelschen Sinn ‚Abstrakte’“ (57) als Unterbestimmtes, begrifflich zu konkretisierendes Moment des Gesamtzusammenhangs.
 
Der Primat des Logischen vor dem Historischen sei allerdings „nur kognitiv zu verstehen“, keinesfalls ontologisch, „als seien die Kategorien der Existentialgrund der durch sie vermittelten Wirklichkeit“ (58). Im Gegensatz zu Hegel, der die gedankliche Reproduktion des Konkreten mit dessen realer Hervorbringung durch das als ‚Idee’ hypostasierte Denken verwechsle, bestehe Marx auf der „Nicht-Identität von Erkenntnis und realer Genesis des Erkannten“ (59). Weder sei das Realobjekt der Ökonomiekritik derart Resultat begrifflicher Bewegung, noch drückten die es erfassenden Kategorien „zeitlose[...] Wesenheiten“ (60), ein ewig in sich subsistierendes absolutes System aus. Der Inhalt der strukturanalytischen Kategorien ist demnach ein historischer. Die Grenzen der Selbstbezüglichkeit des Gegenstands, die Verwiesenheit auf, aus seiner Prozessualität nicht ursprünglich hervorgehende, Voraussetzungen, markieren zugleich die Grenzen dialektischer Darstellung, die „Einbruchstellen lebendiger Geschichte ins naturhaft erstarrte System“ (61). Die gegebene Dynamik der Reproduktion erweise sich für Marx zudem, weil ’widersprüchlich’ strukturiert, „als sich selbst aufhebende und daher als historische Voraussetzungen für einen neuen Gesellschaftszustand setzende“ (62). Schmidt arbeitet so in Geschichte und Struktur zentrale Aspekte des logisch-systematischen Charakters der Darstellung des modernen Systems der zweiten Natur heraus. Auch wenn er dies – auf der metatheoretischen Ebene verbleibend – in Anlehnung an Hegelsche Argumentationsfiguren tut, konzediert er die Kritik am vorherrschenden historizistischen Methodenkanon (63) als „das unbestreitbare Verdienst der Althusser-Schule“ (64). Umso verblüffender, dass sich Schmidt nur an einer Stelle seines Buches zu einer (gemäßigten) Kritik an Engels durchringen kann (65). Hier wirken zwei Tendenzen zusammen. Einerseits das offensichtliche Bemühen, Engels im Stile einer simulierten Orthodoxie in die dissidente Strömung einer ‚logischen’ Kapitalinterpretation mit kognitivem Strukturprimat einzugemeinden, was erkennbar wird, wenn im Zusammenhang mit der logischen Methode von „ihre[n] Begründer[n]“ (66) die Rede ist oder Engels’ Widerspiegelungsmodell von Theorie und Geschichte mit Verweis auf den historischen Gehalt der Kategorien als „im abstrakten Sinn richtig“ (67) eingeschätzt wird (68). Engels historisiert aber – und das ist die hier verschwiegene, entscheidende Differenz zu Marx – damit die Form der Darstellung. Seine Aussage unterstellt eine Parallelität zwischen geschichtlicher und darstellungsmäßiger Abfolge der Formen, die von einer adäquaten Historisierung des Gegenstands weit entfernt ist. Hier tauchen – andererseits - begriffliche Unsicherheiten bei Schmidt auf. So ist die Formulierung, im Kapital handle es sich um ‚konstruierte’ statt ‚narrativer’ Geschichte (69), durchaus in eine logisch-historische Sichtweise integrierbar und das Zugeständnis an Lenin, die „Stufenfolge Ware-Geld-Kapital“ gebe auch „den realen Prozeß“ (70) der Entstehungsgeschichte des Kapitals wieder, führt direkt in die historizistische Parallelitätsthese hinein.

Alfred Schmidt ist stets den Motiven der Kritischen Theorie treu geblieben, hat sie aber nie bloß kommentiert, sondern entscheidend daran mitgewirkt, sie wieder mit der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie in Verbindung zu bringen. Seine Arbeiten erfüllen eine Art Scharnierfunktion zwischen westlichem Marxismus und neuer Marx-Lektüre (71) und haben einen guten Anteil an der späteren Rekonstruktionsdebatte, in die Schmidt allerdings dann nicht mehr eingegriffen hat. Obwohl seine Beiträge in dieser Hinsicht über die verschwiegene Orthodoxie der Kritischen Theorie in Methodenfragen der Ökonomiekritik weit hinausgehen, hat Schmidt aber auch wichtige Motive des Denkens der Frankfurter Schule vernachlässigt, zum Beispiel die Theorie des Antisemitismus - ein Versäumnis allerdings, dass zumindest in den 60er, 70er und noch 80er Jahren wohl die Mehrzahl, wenn nicht gar sämtliche, Schüler von Horkheimer/ Adorno teilten.


Anmerkungen:

(1) Wie Herbert Marcuses Der eindimensionale Mensch oder Max Horkheimers Zur Kritik der instrumentellen Vernunft.

(2) Z.B. Schriften Henri Lefèbvres.

(3) Vgl. Schmidt 1972, S. 29.

(4) Schmidt 1993a, S. I.

(5) Vgl. dazu das Vorwort zur Neuauflage von 1993a.

(6) Schmidt 1993a, S. 138.

(7) Vgl. ebd., S. 133f.

(8) „Herr K. und die Natur“ (Brecht GW, S. 382) (Schmidt bezieht sich auch explizit auf diese Stelle in 1993, S. 159).

(9) Feuerbach, GW 5, S. 207.

(10) Schmidt 1988, S. 191.

(11) Schmidt 1993b, S. 210.

(12) Schmidt 1985, S. 330.

(13) Schmidt 1993a, S. 167.

(14) Schopenhauer zit. nach Schmidt 1977, S. 46.

(15) Schmidt zufolge entwickelt Feuerbach auch einen, wenn auch noch abstrakten, Praxisbegriff (vgl. Schmidt 1988, 161ff.) sowie ein Verständnis der primären Sozialität menschlicher Existenz (ebd., S. 239, 244), das von Marx auf die „noch konkretere [...] Ebene geschichtlicher Praxis“ (ebd., 165) gehoben worden sei. Schmidt zeigt, dass Feuerbach „weit geschichtlicher denkt als in der marxistischen Literatur behauptet wurde“ (ebd., 219).

(16) Vgl. Schmieder 2004, S. 120f., 196.

(17) Schmidt zitiert nach Schmieder 2004, S. 121.

(18) Vgl. ebd., S. 120 (FN).

(19) Schmidt spricht auch von einem Marxschen Eudämonismus, der sich sowohl gegen den gesellschaftsblinden Hedonismus als auch gegen dessen idealistische Kritiker aus dem pflichtethischen Lager richte, vgl. Schmidt 1993a, S. 154 oder 1977, S. 184.

(20) Vgl. Bloch 1985, S. 372. Bei Bloch ist dieser nüchterne Blick aufs Diesseits aber deutlich optimistischer, als bei Schmidt.

(21) Schmidt 1977, S. 77.

(22) Vgl. Schmidt 1993a, S. 140-142.

(23) Schmidt 1993b, S. 205 sowie 1976, S. 39-46.

(24) Schmidt 1993b, S. 201.

(25) MEW 23, S. 16.

(26) Vgl. Schmidt 1993b, S. 201.

(27) Schmidt 1993a, S. 35.

(28) Vgl. Schmidt 1972, S. 27. Dieser Hinweis auf Marx’ zweite Hegel-Rezeption – die dechiffrierende, nicht-nominalistische Hegel-Kritik – wird in der so genannten ‚hegelmarxistischen’ Linie der neuen Marx-Lektüre eine wichtige Rolle spielen.

(29) Ebd., S. 26. Vgl. Adorno 1998, S. 209.

(30) Schmidt 1972, S. 26.

(31) Diese These vom ‚ironischen Charakter’ der Marxschen Kategorien findet sich bereits in den internen Debatten des Instituts für Sozialforschung aus den 30er Jahren. Vgl. Horkheimer 1985, S. 402.

(32) Schmidt 1972, S. 52.

(33) Vgl. Althusser 1968, S. 179.

(34) Vgl. Schmidt 1971, S. 77, 103, 133. Diese Althusser-Kritik Schmidts wurde später oft belächelt. Tatsächlich aber fasst Althussers Definition von Praxis als „Veränderungsarbeit“, die „in einer spezifischen Struktur Menschen, Mittel und eine technische Gebrauchsmethode der Mittel verwendet“ (Althusser 1968, S. 104) diese als ein subjektloses Subjekt und stellt somit eine Identifikation von Praxis und entfremdeter Tätigkeit dar.

(35) Emergente Eigenschaften sind solche, die einem sozialen Zusammenhang als Zusammenhang entspringen und nicht auf seine Elemente, z.B. die Individuen, reduzierbar sind. Diese Reduktion kennzeichnet aber den methodischen Individualismus der politischen Ökonomie und ihrer neoklassischen Nachfolge.

(36) Schmidt 1972, S. 52.

(37) Schmidt 1993a, S. 143.

(38) Schmidt 1972, S. 32.

(39) Vgl. MEW 23, S. 27.

(40) Schmidt 1972, S. 33.

(41) Vgl. ebd.

(42) Vgl. Reichelt 1973, S. 24.

(43) Vgl. Schmidt 1972, S. 37.

(44) So Engels in seiner Rezension von Zur Kritik der politischen Ökonomie (1859) (MEW 13, S. 475).

(45) Schmidt 1971, S. 39.

(46) Ebd.

(47) MEW 42, S. 373 (zitiert bei Schmidt 1971, S. 41).

(48) Schmidt 1971, S. 42 (vgl. auch S. 65).

(49) Ebd., S. 56; vgl. MEW 42, S. 372.

(50) Schmidt 1971, S. 56.

(51) Vgl. ebd., S. 66.

(52) Ebd., S. 47.

(53) Vgl. ebd., S. 43, 47.

(54) MEW 42, S. 41.

(55) Schmidt 1971, S. 47.

(56) Ebd., S. 64.

(57) Ebd., S. 61.

(58) Ebd., S. 47.

(59) Ebd., S. 51; vgl. MEW 42, S. 35.

(60) Schmidt 1971, S. 45.

(61) Ebd., S. 66. Noch wenige Jahre zuvor (1965) galt Schmidt die Benennung der Grenzen der Dialektik im ‚Urtext’ noch als „dunkle[...] Stelle“ (Schmidt 1993b, S. 192).

(62) MEW 42, S. 373 (zitiert bei Schmidt 1971, S. 74).

(63) Vgl. Schmidt 1971, S. 50, 106.

(64) Ebd., S. 107.

(65) Vgl. ebd., S. 44.

(66) Ebd., S. 43.

(67) Ebd., S. 45.

(68) Auch Stefan Breuer kritisiert an Schmidts Text, dass dieser „Engels’ Mißverständnisse nicht thematisiert“ (Breuer 1977, S. 249 (Anm. 3)).

(69) Vgl. Schmidt 1971, S. 139.

(70) Ebd., S. 60.

(71) Zu diesen Begriffen vgl. Elbe 2006.


Angeführte und zitierte Schriften von Alfred Schmidt:

(1993a) [zuerst 1962]: Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx, 4. überarbeitete und verbesserte Auflage, Hamburg.

(1993b) [zuerst 1965]: Zum Verhältnis von Geschichte und Natur im dialektischen Materialismus. In: Ebd.
(1988) [zuerst 1973]: Emanzipatorische Sinnlichkeit. Ludwig Feuerbachs anthropologischer Materialismus, München.

(1985) [zuerst 1962]: Kritik der Mitproduktivität der Natur. In: B. Schmidt (Hg.): Materialien zu Ernst Blochs ‚Prinzip Hoffnung’, 2. Aufl., Ff/M .

(1977): Drei Studien über Materialismus, München/ Wien.

(1976): Die Kritische Theorie als Geschichtsphilosophie, München/ Wien.

(1972) [zuerst 1968]: Zum Erkenntnisbegriff der Kritik der politischen Ökonomie. In: W. Euchner/ I. Fetscher (Hg.): Kritik der Politischen Ökonomie heute. 100 Jahre ‚Kapital’, gekürzte Studienausgabe, Ff/M.

(1971): Geschichte und Struktur. Fragen einer marxistischen Historik, München/ Wien


Weitere Literatur:

Adorno, Theodor W., Soziologie und empirische Forschung. In: ders.: Gesammelte Schriften Bd. 8, Darmstadt 1998 [zuerst 1957].

Althusser, Louis, Für Marx, Ff/M 1968 [frz. 1965].

Bloch, Ernst, Das Materialismusproblem, seine Geschichte und Substanz, Ff/M 1985 [zuerst 1972].

Brecht, Bertolt, Gesammelte Werke, Ff/M 1967.

Breuer, Stefan, Die Krise der Revolutionstheorie. Negative Vergesellschaftung und Arbeitsmetaphysik bei Herbert Marcuse, Ff/M 1977.

Elbe, Ingo, Zwischen Marx, Marxismus und Marxismen. Lesarten der Marxschen Theorie. In: J. Hoff/ A. Petrioli/ I. Stützle/ F. O. Wolf (Hg.): Das Kapital neu lesen. Beiträge zur radikalen Philosophie, Münster 2006.

Feuerbach, Ludwig, Gesammelte Werke, Berlin 1967ff.

Horkheimer, Max,  Die Marxsche Methode und ihre Anwendbarkeit auf die Analyse der gegenwärtigen Krise. Seminardiskussionen 1936. In: ders.: Gesammelte Schriften Bd. 12, Ff/M 1985.

Marx, Karl/ Engels, Friedrich, Marx-Engels Werke, Berlin 1953ff.

Reichelt, Helmut, Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs bei Karl Marx, 4. Aufl., Ff/M 1973 [zuerst 1970].

Schmieder, Falko, Ludwig Feuerbach und der Eingang der klassischen Fotografie. Zum Verhältnis von anthropologischem und Historischem Materialismus, Philo-Verlag, Berlin/ Wien 2004.