Ausgabe #4 vom

Gegner und Feind

Anmerkungen zum Guerillakrieg

DIRK LEHMANN

In der tageszeitung ist möglich, was auch in der Süddeutschen Zeitung möglich ist. Gleiches gilt für die Frankfurter Rundschau, wie für den Tagesspiegel. Überall ist sagbar, um was es sich bei der südlibanesischen Schiitenmiliz Hizbollah de facto handelt. So ist sogar von Uri Avnery in einem Kommentar der tageszeitung zu lesen, dass „der Kampf zwischen Israels Armee und der schiitischen Hisbollah-Guerilla (…) unentschieden ausgegangen ist“ (taz vom 14.08.2006). Thorsten Schmitz schreibt in der Süddeutschen Zeitung, die Soldaten Israels seien „in der Konfrontation mit der Hisbollah-Guerilla im Nachteil“ (SZ vom 12.08. 2006). Und der so genannte Nahost-Experte Michael Lüders gibt dem Leser in der Frankfurter Rundschau zu bedenken, Israels Armee habe „gegen die Guerilla der Hisbollah“ bisher wenig erreicht (FR vom 28.07.2006). Zuletzt gibt der Tagesspiegel in einem erläuternden Hintergrund folgendes zu bedenken: „Auf Initiative der iranischen Revolutionsgarden wurde (…) die Hisbollah-Miliz mit dem Ziel gegründet, die israelischen Einheiten mit Guerilla-Taktiken mürbe zumachen“ (1).
 
Und dennoch ist in der bundesdeutschen Presselandschaft, und nicht allein dort, eine eigentümliche Diskrepanz zu beobachten. Denn so freimütig wie hier einerseits über den Charakter der Hizbollah schwadroniert wird, so wenig zeigt man sich andererseits bereit, die Tragweite des geschriebenen Wortes anzuerkennen. Der hartnäckigen Nichtbeachtung folgen dann denkwürdige Blüten. So meint etwa,  stellvertretend für viele andere, das Bielefelder Friedensnetzwerk  in einem Flugblatt, verteilt anlässlich der jüngsten Verteidigung Israels gegen den massierten Raketenbeschuss durch die Hizbollah, dass „Gewalt, Terror und Faustrecht (…) keine Lösung (bringen), sondern immer wieder nur aufs neue Gewalt, Tod und Leid“. Wer behauptet hat, dass Gewalt, Terror und Faustrecht die Lösung seien, wird von den Verfassern tunlichst verschwiegen, zu nah brächte sie eine diesbezügliche Überlegung an die Wahrheit heran. Indes wird nur zu rasch der „sofortige Waffenstillstand ohne Vorbedingungen“ nebst der „Einhaltung des Völkerrechts von allen Kriegsparteien“ gefordert. Schließlich soll eine „Konferenz (…) unter Einbeziehung aller Konfliktparteien“ Frieden und Sicherheit im Nahen Osten herbeiführen. Waffenstillstand und Dialog ist, was den deutschen Dritte-Welt-Romantikern immer wieder aufs Neue einfällt, und womit sie nur ein weiteres Mal ihre völlige Verkennung der Situation im Nahen Osten und des dort sichtbar werdenden neuen Kriegstypus zur Schau stellen. Krieg meint hier nämlich nicht die Fortsetzung des politischen Dialogs mit anderen Mitteln, sondern Krieg ist hier im Kern Vertreibung, Vernichtung und, wenn man so will, die Farce nationaler Befreiung. Angesprochen ist damit eine Transformation des Krieges, wie sie sich etwa seit der Mitte des 20. Jahrhunderts vollzieht. (2) Ein erneuter Blick in die Schlüsseltexte der Übergangszeit kann erstaunliches zu Tage fördern.
 
Schauen wir aber zunächst noch etwas weiter zurück. In prägnanter Form fasst der Militärtheoretiker Carl von Clausewitz in seinem Hauptwerk Vom Kriege Direktive und Grundsätze des Staatenkrieges, wie er sich im Europa des ausgehenden Mittelalters entwickelte, zusammen. Clausewitz bestimmt den Krieg als einen „Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen“ (Hervorhebung D. L.). Staatenkriege sind geprägt von der Dominanz so genannter symmetrischer Beziehungen. Prinzipiell gleichartige Gegner erkennen einander in ihrer Gleichartigkeit an. Hierauf fußt das Kriegsvölkerrecht, wie es von beiden Seiten eingehalten wird. Der von Clausewitz erfasste Krieg hat zudem ein recht eng umgrenztes Ziel: er erscheint lediglich als machtvolles Mittel, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch und vor allem gegen Widerstand durchzusetzen. Das aber setzt voraus, dass keine der beiden Kriegsparteien mit der Absicht in den Kampf zieht, den jeweiligen Gegner zu zerstören oder zu vernichten. Es mag widersinnig erscheinen, aber die Sorge um den Erhalt des Gegners ist für beide Seiten konstitutiv. Freilich bleibt auch für Clausewitz der Krieg eine Einwirkung mit Gewalt, und es gibt keinen Grund, diese nachträglich zu romantisieren. Aber die hier eingesetzte Gewalt ist eine mittelbare, das heißt sie richtet sich nicht gegen den eigentlichen Gegner, sondern lediglich gegen die gegnerischen Soldaten. Und diese Einwirkung suspendiert keineswegs die politische Rationalität.
 
Folglich kann Clausewitz völlig zu recht argumentieren, dass „der Krieg (…) nichts als eine Fortsetzung des politischen Verkehrs mit Einmischung anderer Mittel (ist). Wir sagen mit Einmischung anderer Mittel, um damit zugleich zu behaupten, dass dieser politische Verkehr durch den Krieg selbst nicht aufhört, nicht in etwas ganz anderes verwandelt wird, sondern dass er in seinem Wesen fortbesteht, wie auch seine Mittel gestaltet sein mögen, deren er sich bedient, und dass die Hauptlinien, an welchen die kriegerischen Ereignisse fortlaufen und gebunden sind, nur seine Lineamente sind, die sich zwischen den Krieg durch bis zum Frieden fortziehen. Und wie wäre es anders denkbar? Hören denn mit den diplomatischen Noten je die politischen Verhältnisse verschiedener Völker und Regierungen auf? Ist nicht der Krieg bloß eine andere Art von Schrift und Sprache ihres Denkens? Er hat freilich seine eigene Grammatik, aber nicht seine eigene Logik“.
 
Hiervon unterschieden werden muss nun eine Form des Krieges, die etwa in der Mitte des 20. Jahrhunderts entsteht und mit der der politische Verkehr, von dem noch von Clausewitz handelte, sein Ende findet. Ihr Entdecker ist niemand geringeres als Mao Tse-tung. Von ihm ist zu lernen, dass Krieg kein immer gleich bleibender Vorgang ist, sondern dass jede Gesellschaftsformation ihre eigene Art des Krieges hervorbringt. Es ist diese sozio-historische Formbestimmtheit des Krieges, eingedenk ihrer weit reichenden Folgen, die angesichts des Leids „der Menschen“ nur zu gern vergessen wird. In aller Offenheit benennt Mao den Grundgedanken des neuen Krieges, mit dem er ihn zu deutlich von Clausewitz’ Kriegsbegriff abhebt. „Die Wurzel allen Kriegsdenkens ist der Grundgedanke, sich selbst zu erhalten und den Feind zu vernichten. Alle technischen, taktischen und strategischen Lehrsätze sind nur Anwendungen dieses Grundaxioms. Der Einzelkämpfer, der in Deckung geht, um am Leben zu bleiben, und auf seinen Gegner schießt, um ihn zu töten, folgt ihm genauso, wie der Stratege, der einen Feldzug oder einen Krieg plant“. Eine Schlüsselstelle: Selbsterhaltung und Vernichtung bilden nach Mao Tse-tung die Hauptachsen des neuen, nämlich  Guerillakrieges. Kriegsmotiv ist nicht länger bloß die wenig Affekt geladene Aufnötigung des Willens. Der Guerillakrieg berührt vielmehr eine vermeintlich existenzielle Dimension. Man wähnt sich nicht länger von einem Gegner, sondern vom Feind umstellt, in seinen Lebensgrundlagen bedroht, ja unterstellt ihm Vernichtungsabsichten. Als Kriegsziel bleibt vor diesem Hintergrund bald nur seine Vertreibung oder Auslöschung. Eine Regierung beziehungsweise ein Staat im Wartestand drängt darauf, sich selbst an die Stelle der offiziellen Regierung, des offiziellen Staates zu setzen.
 
Hieraus lassen sich verschiedene Grundsätze des Guerillakrieges ableiten, die sich teilweise exemplarisch auch bei der Hizbollah wieder finden lassen. So gründen reguläre Armeen die Disziplin ihrer Soldaten zu einem guten Teil auf Zwang und Gehorsam. Ganz anders die Guerilla. Zur Disziplinierung der Truppen setzt sie wesentlich auf Agitation, das heißt auf die Überzeugung der Kombattanten. Der Feind muss dem Guerillakämpfer als absolut furchtbar erscheinen; er muss das Gefühl haben, für die eigene Sache zu kämpfen. Die Hizbollah scheut weder Inszenierung noch Fälschung, um ihren Feind als blutrünstigen Aggressor darzustellen, wie das Beispiel Kana zeigt. Von Kana aus wurde die Israel Defense Force (IDF) mit hunderten von Katjuscha-Raketen beschossen. Die israelische Armee schoss zurück und traf dabei ein Gebäude mit Zivilisten. Die Hizbollah manipulierte die Zahl der Toten von 28 auf 60. Zahlreiche Leichen wurden nachträglich in das Haus gebracht, um der Presse die gestellte Szene zu präsentieren. Im Spiegel  erklärte der Berater der Unifil-Truppen, Timur Goksel, dass die Hizbollah so stark ist, weil „die Männer an das glauben, was sie tun“.
 
In konventionellen Kriegen wird zwischen den regulären Armeen und der Zivilbevölkerung streng unterschieden. Einerseits um die Kriegshandlungen zu begrenzen, andererseits soll so ein gegenseitiger Schutz gewahrt werden. Der Frieden ist durch die Kampfhandlungen nur partiell suspendiert und mit Beendigung des Krieges rasch wieder herstellbar. Die Guerilla konterkariert diesen Grundsatz bekanntermaßen nur zu deutlich, ja ihre Stärke beruht gerade auf der Verschmelzung mit der Zivilbevölkerung. Diese Unsichtbarkeit der Guerilla, die man der Hizbollah gleichfalls attestiert, muss als das „Hauptgeheimnis“ (Sebastian Haffner) ihres Erfolges angesehen werden. Bei Mao liest man hierzu die einschlägigen Anweisungen. „Die Guerillas müssen in den Volksmassen schwimmen, wie die Fische im Wasser“. So wird die Zivilbevölkerung zum Auge und Ohr der Guerilla, während sie zugleich die Feindesarmee taub und blind hält. Noch einmal Mao Tse-tung: „Die Mobilisierung des gemeinen Mannes im ganzen Land muß ein riesiges Meer schaffen, in dem der Feind ertrinkt“. Experten, so unter anderem der bereits zitierte Timur Goksel, weisen genau darauf hin. So weiß die Hizbollah zum einen gut 700 professionelle Kämpfer in ihren Reihen. Zum anderen aber rekrutiert sie sich aus 7.000 bis 8.000 Mann aus der libanesischen Bevölkerung. Andere, wie Bassam Tibi, sprechen davon, dass die Dschihadisten gerade keine Uniformen tragen, sondern sie ihren Kampf inmitten der libanesischen Bevölkerung führen (Tagesspiegel vom 27.08.2006). Die Hizbollah ist für die IDF nicht nur unsichtbar und nicht fassbar. Angesichts der fatalen Alternative, entweder nur ins Leere zu stoßen oder scheinbar wahllos zu zerstören und zu töten, geht die Guerilla aus jeder Gegenwehr des „zionistischen Feindes“ als moralischer Sieger in den internationalen Medien und bei den Freunden der Dritten Welt hervor. Der wahllos erscheinende ‚Staatsterror’ besitzt demnach eine geradezu katalytische Wirkung auf den Krieg der Guerilla. Die Hizbollah geht gestärkt aus dem jüngsten Krieg hervor, sie wird die stärkste Macht im Libanon sein und genießt auch unter Nichtschiiten hohes Ansehen.
 
Der konventionelle Krieg darf nicht unbegrenzt ausgesponnen werden. Unter gar keinen Umständen darf der Ausnahmezustand, den der Krieg darstellt, zu einer Art Dauerzustand werden. Das Ziel einer jeden regulären Armee muss die Herbeiführung einer schnellen Entscheidung sein. In dieser Hinsicht können sogar Vor- oder Zwischenentscheidungen als endgültig angenommen werden. Ganz anders liest sich das bei Mao Tse-tung. Nicht die Herbeiführung einer schnellen Entscheidung, sondern die Verwandlung des Ausnahmezustands in einen Dauerzustand ist Ziel der Guerilla. Die Guerillas haben zu lernen, im „Ozean des Krieges (zu) schwimmen“. Die künstliche Verlängerung des Krieges ist aber nicht, wie der europäische Beobachter meinen könnte, Ausdruck des irrationalen Umschlags der Kriegsführung. Vielmehr ist die Verstetigung des Krieges von immenser strategischer Bedeutung für die Guerilla. Denn für sie ist der Krieg vor allen Dingen eines: ein Wachstumsvorgang. Und nichts benötigt Wachstum so sehr wie Zeit. In Maos Worten: „ein revolutionärer Krieg bedeutet Geburt und Wachstum – Wachstum von einer kleinen Streitmacht zu einer großen Streitmacht, von der Machtlosigkeit zur Machtergreifung, von Waffenlosigkeit zu Totalbewaffnung, von Landlosigkeit zum Besitz des ganzen Landes“. Eine reguläre Armee beginnt ihre Kampfhandlungen auf dem Höhepunkt ihrer militärischen Macht. Die Guerilla beginnt mit buchstäblich nichts. Zunächst kaum mehr als eine kriminelle Band gelingt es ihr aber mit der Zeit im Kampf, für den Kampf und durch den Kampf zu wachsen. Die Geschichte der Hizbollah seit 1982, die eine Geschichte ungezählter Sprengstoffanschläge, Selbstmordattentate und bewaffneter Attacken aus dem Hinterhalt ist, veranschaulicht die Taktik des Wachstums im Krieg. Die Guerilla braucht den dauerhaften Krieg als steten Wachstumsreiz. Lässt die Zeit den Feind ungeduldig werden, ihn zur Herbeiführung einer Entscheidung drängen, verleitet sie ihn zur Unbesonnenheit, umso besser. Die Guerilla tut gut daran, die Entscheidung solange, wie der Feind noch stärker ist, aufzuschieben. „Keine Dauerfeldzüge, keine Blitzkriegstrategie, sondern eine Strategie des Dauerkrieges mit Blitzfeldzügen“ ist bei Mao Tse-tung zu lesen. Solange sie der Feindesarmee noch unterlegen ist, wird sie sich auf blitzartiges Zuschlagen und raschen Rückzug konzentrieren. Jedoch hat sie das Zeug dazu, mit der Zeit den Feind zu zermürben, sofern es ihr gelingt, ihre Wurzeln in der Bevölkerung nur tiefer zu verankern.
 
 
 Anmerkungen:
 
 
(1) www.tagesspiegel.de/politik/nachrichten/hintergrund/68539.asp.
 
(2) Der Vernichtungskrieg der Deutschen findet in den folgenden Ausführungen keine Erwähnung, was aber nicht heißt, dass er keinen Einfluss auf die Entwicklung des Guerillakrieges gehabt hätte. Die Deutschen führten ihren Vernichtungsfeldzug zwar nicht als „konventionellen Krieg“, weil es ihnen auf die restlose Auslöschung des Feindes ankam, aber doch mit einer regulären Armee. Dennoch bereitete der Nationalsozialismus mit seiner Idee einer Volksgemeinschaft die Nivellierung des Unterschiedes von Zivilbevölkerung und Armee entscheidend vor. Es ist deshalb auch kein Wunder, dass ein NS-Ideologe wie Carl Schmitt Gefallen an der „Theorie des Partisanen“ finden sollte. Vgl. Gerhard Scheit, Politische Theologie, in: konkret, 04/2003 bzw. Gerhard Scheit, Wiederkehr der politischen Theologie. Über die Vorwegnahme des Selbstmord-Attentats bei Carl Schmitt, www.cafecritique.priv.at/politTheo.html.