Ausgabe #3 vom

Wie links sind die Deutschen, wie deutsch ist die Linke?

Zur (Selbst-)Historisierung der Bewegungen

FABIAN KETTNER

Janice Sessions, die Protagonistin in Arthur Millers Erzählung Unscheinbares Mädchen, ein Leben, Tochter eines jüdischen Emigranten in New York, ist in erster Ehe mit Sam Fink verheiratet, einem überzeugten intellektuellen Kommunisten. Janice verlässt Sam und kommt mit dem Blinden Charles zusammen, mit dem sie zum ersten Mal glü-cklich ist. Ihre Vergangenheit, in der sie sich die Exegesen der jeweils letzten Stalin-Rede anhören und die Welt vom Klassenstandpunkt erklären lassen musste, ist ihr peinlich. Ihr neuer Geliebter Charles weiß das, aber er wendet ein: „Vieles aus der Vergangenheit ist einem peinlich - wenn man überhaupt sensibel ist. Was es in einem zurückläßt, darauf kommt es an, egal, wie dumm dir dein Leben rückblickend erscheint“ (S. 29). Die Vergangenheit, die deutschen Linken peinlich ist, ähnelt leider zumeist bis ins Detail hinein der Gegenwart, die von ihnen voller Stolz als Resultat eines Lernprozesses dargestellt wird. Kontinuität hat, was damals schon falsch war, was man in unterschiedlichen Aufführungen wiederholte. Das, wozu man sich später läuterte, ist das alte Elend in anderer Form. Die Kontinuität alter Gewissheiten und eines von links moralisierenden Alltagsverstandes spricht auch aus den Versuchen ehemaliger Beteiligter, sich und ihre Zeit zu historisieren, bei den Apologeten ebenso wie bei den Bekehrten.

Nonkommerzielle Arbeit

Bernd Cailloux war 1968 kein Student, sondern mit zwei weiteren Freunden Begründer der „Muße-Gesellschaft“, ein Unternehmen, das die Gegenkultur mit den ersten Exemplaren des Stroboskops in Deutschlands versorgte. Cailloux’ politische Praxis, für die er nie „die geringste Hilfe irgendwelcher studentischer Heißmacher gebraucht“ hatte, sollte „konkret“ und alltäglich sein. Er strebte an, was die Rote Armee Fraktion (RAF) und die Revolutionären Zellen (RZ) später als „politische Identität“ bezeichnen sollten und was dann zum mystischen Wort wurde: die ,Einheit von Theorie und Praxis’. „Wir besetzten keine Seminarräume, um der Öffentlichkeit politische Papiere für künftige Veränderungen aufzudrängen, durch unsere Arbeit, unseren Straßenkampf, veränderten wir die Realität schon jetzt“ (S. 111). Das Stroboskop sollte der „Blitz für den Beginn der Gegenkultur“ (S. 47) sein: „der Blitz weckte schlafende Kräfte, befreite Energien, Lüste und Neigungen, verscheuchte die Hemmungen. Jeder Ausdruck war möglich, keine Bewegung vorgeschrieben.“ Die Zerstörung der Tanzformen durch sein „rebellisches Zucken“, sein „elektrisierendes, befreiendes Wesen“ (S. 60) sollte erst der Anfang einer auf die gesamte Gesellschaft übergreifenden Bewusstseinsveränderung sein. Wie viele andere Bewusstseinsveränderungen der '68er und ff. auch bedeutete diese zunächst eine Auslöschung des Individuums: „Hingerissen vom unverhofften Gemeinschaftsgefühl“ (S. 69) auf der Tanzfläche legte man es darauf an, „mit der Masse zu verschmelzen, im Gleichklang zu bleiben“ (S. 70). Hier scheinen alle späteren Regressionen noch wie in einer Ursuppe beisammen. Cailloux’ Slogans sind wie noch nicht entmischt: „Für die große Halle des tanzenden Volkes. Für die psychedelische Revolution. Die soziodelische Revolution“ (S. 50). Soll man die Verwendung von „Volk“ schon beim Wort nehmen? Kann man die „nationale Identität“, die Linke ab den 1970ern zunächst bei anderen, ab den 1980ern über den Umweg philosophierender Heimat-Erörterungen und dann ab den 1990ern zunehmend direkt bei sich selbst suchte, hier schon als Fluchtpunkt des genossenen Gemeinschaftsgefühls erkennen?

Die „Idealvorstellung“ der jungen Unternehmer bestand darin, „eine nonkommerzielle Gruppe“ zu sein (S. 48), die sich von den Zwängen des Geschäfts nicht beherrschen lässt. Man wollte „etwas tun, was sich nicht in Geld umrechnen“ lässt (S. 68). Kapitalismus sei also nicht ein objektives System, sondern eine Frage der Einstellung, der Nicht-Korrumpierbarkeit. Man müsse nur aufpassen. Lohnarbeit sei völlig in Ordnung, ungerechte Löhne und der übermäßige Gewinn eines Kapitalisten dagegen nicht. Diese Ansicht führte die „Muße-Gesellschaft“ in die dem Underground eigentümliche Dialektik der Gesinnung: ich muss mich verkaufen - nutze die Erträge dann aber für die Veränderung. Verdiene ich mehr, bin ich zwar ein umso schlechterer Mensch - kann mich mit dem weiter zu verteilenden Geld aber von dieser Schuld wieder erlösen. Ich steige in die Massenproduktion ein - kann dadurch aber mehr Menschen erreichen. Der praktizierte Antikapitalismus sollte darin bestehen, dass die Muße-Gesellschafter nicht „in die Tasche eines Bosses hineinarbeiten“ (S. 166). Ist die Rolle des Chefs liquidiert, dann wird Ausbeutung nicht abgeschafft, sondern nur ihr Sinnbild entfernt. Unsichtbar ist sie sowieso. Die Utopie der „Muße-Gesellschaft“ bestand in einer egalitären Ausbeutung, einer repressiven Egalität. Kommunismus, das sei der Zustand, „wenn alle gleichberechtigt bei gleichem Lohn im Kollektiv“ (S. 219) mitwirken.

Studentischer Größenwahn

Die studentische Linke, die Cailloux verständlicherweise mied, hätte ihm diese Fehler auch nicht ausräumen können, denn auch deren Studium des Marxismus vermittelte keine besseren Einsichten in das Wesen des Kapitalverhältnisses. Je tiefer man in ihr drinsteckte, je härter man sich mit marxistischer Rhetorik geschnürt hatte, je verkrampfter man damals war und je erklärter heute der Unterschied zu damals - desto aufgeregter die Erinnerungen. Stephan Wackwitz wurde im März 1975 im Alter von 23 Jahren Mitglied des Marxistischen Studentenbundes (MSB), eine aus dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) hervorgegangene, der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) nahestehende Gruppe. Seine Diagnose, der MSB sei ein totalitärer, autoritärer Verein gewesen, dem er aus „Größenwahn" (S. 21) und Unsicherheit beigetreten sei, ist sicherlich richtig. Aber als würde alles verdorben, nur weil er seine Augen darauf richtete, rechnet er nicht nur mit den Fehlern seiner Vergangenheit ab, sondern mit allem, was damit in Verbindung steht: Fichte, Schelling, „der große, verrückte Hegel“ (S. 32), Hölderlin, Marx, alles eine „merkwürdige, schreckliche, unfreiwillig komische und absolut knalldeutsche Philosophic Gothic Novel“ (S. 229). Der Größenwahn von früher besteht fort. Die Erklärung seiner Jugendsünden kann er nur in einen geschichtsphilosophischen Zusammenhang stellen, in einen generationenübergreifenden Familienroman: in seinem Fall habe sich - nach Großvater und Vater - nur die Option fürs Deutsche und Fanatische wiederholt. Suchte er früher als Marxist, den Weltgeist aufzufinden und für seine Sache (resp. die des Volkes) zu reiten, so ist er heute mit ihm: dem Kapitalverhältnis. Denn heute, geheilt, sei er ein „liberal“ (S. 264), der sich an modernen eleganten Cafés im ehemaligen Ostblock erfreue, „wo Menschen hinkommen, die zwar hübsch, gesund und klug und glücklich aussehen, aber nicht deswegen, weil sich die Weltgeschichte, das Selbstbewusstsein Gottes, eine Idee oder das Absolute in ihnen ausdrückt“ (S. 20). Welche und wie viele Opfer dieses sicherlich schöne Leben nach dem Ende des Realsozialismus fordert braucht ihn nun nicht mehr zu interessieren.

Wackwitz ekelt sich als wäre er in einer der K-Gruppen gewesen. Zu diesen zählen die Kommunistische Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten (KPD/ML), die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) und der Kommunistische Bund Westdeutschlands (KBW). Schätzungsweise 100.000 bis 150.000 Menschen sollen in den 1970er Jahren die K-Gruppen durchlaufen haben. Von den ihnen vorangegangenen linken Studenten, so kann man Andreas Kühns Untersuchung über die Lebenswelt der K-Gruppen in der BRD entnehmen, distanzierten sie sich ausdrücklich. Gegen deren unzulängliche Versuche zur Überwindung bürgerlicher Moral betonten die K-Gruppen die Pflege von Sekundärtugenden und propagierten das Ideal sauberer und ordentlicher Mädels und Jungens. Deshalb richteten sich viele so genannte Kommunisten gegen sexuelle Emanzipation und die Popmusik (lenkt vom Klassenkampf ab), gegen Amerikanisierung (Verleugnung kultureller Eigenheiten) und die moderne Kunst (nicht fürs Volk), ja gegen Intellektuelle und Künstler überhaupt und sprachen sich für die klassische Rollenverteilung der Geschlechter und die autoritäre Erziehung aus. Politiker und Unternehmer galten als „Volksfeinde“, das Parlament als „Schwatzbude“. Für Verschwörungstheorien hatten diese „Kommunisten“ ein Faible. Viele Mitglieder der K-Gruppen befürworteten die Todesstrafe für Drogendealer und Umweltsünder, die Wehrertüchtigung in der Schule, sowie die allgemeine Bewaffnung des Volkes und dessen Unterrichtung in Waffenkunde. Denn sie wollten sich gegen die Supermächte im Westen wie im Osten behaupten und ein nicht nur wehrfähiges, sondern auch einiges deutsches Volk schaffen. Deswegen waren sie gegen die Berliner Mauer und die Ostverträge. Obwohl sie sich selber als Kommunisten sahen, konnten sie - ging es gegen die Sowjetunion - auch in Antikommunismus machen. Die Gleichsetzung von Sowjetunion und Nationalsozialismus erfüllte nicht nur die Standards der Totalitarismustheorie, sondern taugte auch zur Relativierung der deutschen Verbrechen. Ausdrücklich wandten sich viele deutsche Kommunisten gegen die Kollektivschuldthese und erklärten den exterminatorischen Antisemitismus des Nationalsozialismus zur Nebensache.

Man wundert sich, dass ihr Erfolg nicht noch größer war. Man wundert sich über Theorien, die die Entwicklung von Jugendlichen zu Neonazis als Trotzreaktion auf die Ubiquität von Altlinken bezeichnen. Wenn die oben geschilderten tatsächlich linke Ansichten sind und diese überall gepredigt wurden, dann gilt wohl eher: die Kinder plappern es den Älteren nach. Über diese Banalität erhebt sich kaum jemand, auch ‘68er-Kinder nicht. Wahrscheinlich gilt: wer wirklich ‘68er-Kind war, hat deren Überzeugung übernommen und spricht nicht schlecht über früher. Inzwischen melden sich auch die Kinder von ‘68ern zu Wort. Sie sind gute Kinder ihrer Eltern, sie werden wie diese. Richard David Precht und Katharina Wulff-Bräutigam sind im Gegensatz zu Sophie Dannenberg (Das bleiche Herz der Revolution, 2004) tatsächlich ‘68er-Kinder, und auch bei ihnen herrscht Kontinuität vor.

Das sozialistische Kind als braves Produkt

Richard David Precht wurde 1964 geboren. Seine Eltern konnten an ‘68 nicht recht teilnehmen, weil sie ins biedere Solingen zogen. Trotzdem oder gerade deswegen wurden sie Ende der 1960er „überzeugte Marxisten“ (S. 107), worin Precht zu Unrecht eine Bewegung gegen den Zeitgeist sieht. ‘68 war zwar vorbei, aber die Zeit der Parteiarbeit brach erst an. V.a. der Vater akkumulierte privat die üblichen Theorien, arbeitete aber schon als Hausgeräte-Designer. Die Mutter initiierte 1969 die Adoption eines ersten vietnamesischen Waisenkindes, vermittelt über terre des hommes. Beide wurden Mitglied der DKP, waren damit pro DDR und pro Sowjetunion. Die Kinder wurden zur Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ) geschickt und zuhause hörten die Prechts Franz-Josef Degenhardt. Ihr Kind wurde ihr braves Produkt; das Konzept der SDAJ - „sie sollte die lärmende Kinderschar der linken Freigeister bändigen und auf einen nahen wohl organisierten Spielplatz geleiten“ (S. 130) - ging auf. Die emotionale Bindung des kleinen Richard an die DDR und an die Sowjetunion war „tief und echt“ (S. 207), genauso wie seine Abneigung gegen die um das Proletariat/Volk konkurrierenden K-Gruppen. Auch beim Kommunistischen Bund (KB), den immerhin selbst Georg Fülberth als „linkes Trüffelschwein“ (1) bezeichnete, gab es nur „falsche Kommunisten“, die einen „Zeitgeist-Marxismus mit Sinn für Frauen, Schwule, Lesben und Alternative“ (S. 222) pflegten. Die RAF, das waren für ihn altklug „ein paar Dutzend bewaffnete Spinner“ (S. 251), deren Anschläge Bilder wie aus Vietnam produzierten (S. 237). „Der Baader“ hingegen, „sah aus wie die Rocker, die einem auf dem Schulweg auflauerten und nach Kleingeld durchsuchten“ (S. 242). Eine Welt wie aus dem TKKG-Buch. Von der DKP hat er gelernt, dass ein Kommunist „anständig und sauber“ (S. 132) sei. Deswegen verstand er nicht, dass Lieder von John Lennon („Kifferkitsch“) in der Schule besprochen wurden, denn „wäre es ein revolutionäres Lied, würde ich es kennen. (...) Seit wann gelten ausgerechnet Lieder von Drogensüchtigen als klug und vorbildlich?“ (S. 308f.). Und so quillt es immer weiter gänzlich unbedarft und unbekümmert aus dem deutschen Kind, das nicht nur das Pech hatte, in Solingen aufwachsen zu müssen, sondern auch noch in der bieder-bräsigen DKP, auf die man getrost Karl Kraus’ Urteil über die SPD anwenden kann, sie sei „die lebendig gewordene Langeweile, der organisierte Aufschub“, eine „staatlich konzessionierte Anstalt für Verbrauch revolutionärer Energien.“ (2) In der DKP pflegte und pflegt man den Antiamerikanismus und erfährt nichts von Marx’ Gesellschaftskritik. Das DKPistische Alltagsbewusstsein ist durchwebt vom Fetisch des Konkreten, Handfesten. In der DDR sollte „alles (...) direkter sein, ungeschminkter, ehrlicher“ (S. 175). Nach dem Umzug von der Mietwohnung in ein Eigenheim trauert Precht den „Hinterhofsystemen (nach), wo die Häuser sich noch wärmten“, ganz anders als bei den „sterilen Blocks und Straßen“ der Eigenheime, wo es „Solidarität (...) gerade noch beim Kauf einer Siedlungsantenne“ gab (S. 202). - Über die man dann doch nur Dallas empfangen wollte: „Hier gehen die Deutschen in die Lehre. (...) Die schweigende Mehrheit (...) ästhetisiert ihre Lebenswelt in der Übernahme amerikanischer Lebensformen“ (S. 310f.).

Anti-autoritäre Erziehung: Laisser-faire aus Bequemlichkeit

Wenn die Familie Precht früher auch auffiel, so hatte Katharina Wulff-Bräutigam, geboren 1965, eine wesentlich chaotischere Kindheit. In München lebte sie mit ihren Eltern in verschiedenen WGs, zunächst im politischen Milieu (die Mutter war Mitglied der KPD/ML), ab Frühjahr 1972 im künstlerischen. Nach der Abspaltung der RAF von der Linken und nachdem ein Freund bei konterterroristischen Ermittlungen erschossen worden war, hatte ihre Mutter „keine Orientierung mehr und verspürte eine innere Leere“ (S. 128) (3), die sie füllte, indem sie sich Bhagwan zuwandte. 1979 ging sie nach Poona. Die Mutter folgte immer den gerade aktuellen Trends in der Szene, wurde dabei von einem Bedürfnis nach Orientierung geleitet und unterzog sich dabei immer wieder Techniken der Selbstbearbeitung. Ich-Schwäche, Narzissmus, Egoismus und Masochismus gehen hier Hand in Hand: Die sogenannte antiautoritäre Erziehung war nur ein Laisser-faire aus Bequemlichkeit. Die „Kinder so sein zu lassen, wie sie sind“ (S. 53), war die Devise in der WG wie im Ashram, weil man so Zeit hatte, seinen eigenen Interessen nachzugehen. Weil man die Kinder nach einem sei’s rousseauschen, sei’s religiösen Romantizismus sich selbst überließ, mussten diese, mit ihresgleichen allein gelassen, sich den Gesetzen der Bande fügen. Was man an Kindern schätzte, nachdem man dies auf sie projiziert hatte - „sie sind ursprünglich, spontan, direkt, leben im Moment und unterdrücken ihre Gefühle nicht“ (S. 144) - setzte sich repressiv durch, indem ganz einfach die stärksten Kinder in der Gruppe die Führung übernahmen und die schwachen unterdrückten.

Wie ihre Kinder, so ließen auch die Erwachsenen sich selbst aufeinander los. Die Aufhebung von autoritären bürgerlichen Verkehrs- und Beziehungsformen befestigte und verschlimmerte diese. (4) Als Übel galt das principium individuationis; das als „bürgerlich“ verlästerte Individuum, das bislang Schein blieb, sollte nicht verwirklicht, sondern im Kollektiv aufgehoben und d.h. genichtet werden. Eifersucht und Privatleben waren verboten. „Intimsphäre war in einer Kommune tabu. Wer sich zurückzog und die Tür hinter sich schloss, galt als verdächtig, denn keiner sollte Geheimnisse vor den anderen haben“ (S. 91). Unter Druck, Kontrolle und Urteil der Gruppe unterzog man sich einer strengen Selbsterziehung.

Diese Ich-Techniken unter dem Deckmantel der Emanzipation, diese Verhärtung gegen das eigene Leiden wurde auch bei den Kindern praktiziert. Indem man sie sich selbst überließ, sollten diese „lernen, selbständig zu werden und sich abzunabeln“ (S. 80). „Selbständigkeit“ war aber nur ein anderes Wort für „Härte“. „Verweichlichte Kinder hatten hier nichts zu suchen. Miriam (eine Freundin) musste lernen, sich im Leben durchzusetzen - zu kämpfen“ (S. 90). Die sich selbst Befreienden gaben so die Kälte, die sie von ihren eigenen Eltern erfahren hatten, an ihre Kinder weiter und erzogen diese nach den Anforderungen der Gesellschaft, die sie abzulehnen meinten. Lehnte Wulff-Bräutigam die linke und künstlerische Szene auch ab, so folgte sie ihrer Mutter schließlich doch nach Poona. Im Alter von vierzehn Jahren ließ sie sich in die Bhagwan-Gemeinde einführen. Was man ihr antat, setzte sich durch. Im Ashram bewunderte sie ein Mädchen für „ihren Mut, ohne Rücksicht auf andere das zu tun, was sie wollte“ (S. 169). Für ihre ‚spirituelle Weiterentwicklung' nahm sie an einem Bodhidarma teil, dessen Prozedur darin bestand, mit vielen Menschen auf engstem Raum unter harten Arbeitsbedingungen in einer strengen Hierarchie zu leben und zu arbeiten, um ‚sein Selbst zu überwinden’. (5)

Von der marxistischen Gruppe zur religiösen Sekte

Von marxistischen Gruppen zu religiösen Sekten ist es häufig kein weiter Weg - nicht nur biographisch, wie im Falle von Wulff-Bräutigams Mutter, sondern auch nach einer inneren Logik. Formal stimmen sie, wie Kühn zeigt (S. 59ff.), in mehreren Aspekten überein: Abschottung der Gruppe nach außen, völlige Vereinnahmung des Einzelnen, Kontrolle der Beziehungen der Mitglieder untereinander, totale moralische Kontrolle, um so den Abbruch der Außenbeziehungen zu forcieren. Selbst das für religiöse Sekten typische Streben nach persönlicher Veränderung (als erster Schritt auf dem Weg zur Veränderung der gesamten Welt) widerspricht dem Primat der Gesellschaftsveränderung marxistischer Gruppen nur auf den ersten Blick. Wenn alle Bereiche des Lebens politisch sind, dann wird jede Handlung mit Bedeutung aufgeladen. Für den K-Grüppler musste auch der Urlaub und das Kochen ein politisch korrekter Akt sein; für den Bhagwan-Anhänger wurde jede Handlung, auch das Putzen des Ashrams, zu einem Gottesdienst.

Die Welt der bundesdeutschen Linken mag manchem kurios erscheinen, aber von ihren Grundprinzipien und -überzeugungen her könnte sie eigentlich jedem normalen Menschen vertraut sein. Man wundert sich, dass angesichts dessen der Hass auf Altlinke so weit verbreitet ist. Wieso fürchten sich so viele vor dem halluzinierten Zustand, dass Deutschland von ihnen durchsetzt sei? In der FAZ vom 28.03.2006 wurde unter dem Titel Wir Verlierer wieder mal ein Generationen-Manifest verkündet, wonach jeder mindestens einen älteren Verwandten in einem besetzten Haus, auf dem Bauzaun von Brokdorf usf. gehabt haben müsste. In der Ausgabe April 2006 gab die Zeitschrift GQ Style-Tipps für die nun aufrückende Managergeneration: weil diese meistens in antiautoritären Kinderläden und Elternhäusern groß geworden sei, wisse sie nicht, wie man sich in höheren Etagen richtig kleide. Dabei hat die Welt der ‘68er offensichtlich funktionierende Menschen fabriziert. Nicht nur Wackwitz weiß, dass man „ehemalige ‚Genossen’ oft an ihrer Geschicklichkeit (erkennt), Ämter auf sich zu häufen, bürokratische Karrieren voranzutreiben und in Apparaten aufzusteigen“ (S. 38). Für Kühn waren die Mitglieder der K-Gruppen „auf ihre Weise Existenzgründer, ihre Organisationen bizarre Talentschuppen“ (S. 290). (6) Auch Wulff-Bräutigams ehemaliger Kindergartenfreund „hat Karriere gemacht“ (S. 112). Florian Illies versuchte in Generation Golf (2000), seine Generation gegen jene unattraktiven Altlinken zu sammeln. Er polemisiert gegen ‘68er, von deren Engagement er doch weitgehend profitiert, obwohl und weil er nie mit ihnen zu tun hatte. Wüsste er etwas über sie, wüsste er, wie viel er mit ihnen gemeinsam hat. Der gegenwärtige reflexartige Hass auf die ‘68er rührt aus Ahnungslosigkeit her. Man hasst sie, weil man so aufwuchs; die angebliche Auflehnung gegen eine ganze Generation ist bloß das Nachplappern konservativer Phrasen.

K-Grüppler waren keine Kommunisten, sie waren nur der ewige Deutsche in einer seiner Verpuppungen, in einer seiner Formen, in die er sich nach 1945 von sich selbst entfremden musste, um sich treu bleiben zu können. Was jene „Kommunismus“ nannten, kann man auch beim Namen nennen: ein autoritärer Staat, in dem in repressiver Gleichheit alle seine Subjekte daran mitarbeiten, das Ideal einer nach innen wie nach außen hin wehrhaften und produktiven, totalintegrierten Volksgemeinschaft zu verwirklichen. Historisch sind diese Gruppen erledigt. Sie verfallen der Kritik des Kommunismus/der Vernunft noch viel mehr als der des Ideologen der „offenen Gesellschaft“. Linke Gruppen und Programme erledigen sich - nicht aber die Utopie einer befreiten, vernünftigen Gesellschaft. Sie steht weiterhin auf dem Programm, schon alleine deshalb, weil es die so genannte „offene Gesellschaft“ zu dem Totalitarismus zieht, den ihre Ideologen bei anderen verfemen. (7) Ärgerlich an den K-Gruppen ist, dass sie (wie ca. 95% des übrigen Marxismus) an der Zementierung der Verhältnisse mitwirkten, indem sie diese so gründlich fehlanalysierten. Sie brachten zum einen die Mittel zur richtigen Kritik dieser Gesellschaft und zum anderen den Kommunismus als eine mögliche künftige vernünftige Gesellschaftsform dermaßen in Verruf, so dass man sich fragt, ob man sich als Kritiker nach ihr noch benennen will.

Wiedererweckung des nationalen Kollektivs auf links

Die Kritik an den Verlaufsformen der Linken muss nicht nur deshalb gut aufpassen. Früher gehörten die innerlinke Kritik an der Linken und die Kritik von außen unterschiedlichen Kreisen an. Akteure und Inhalte waren grundverschieden; inzwischen vermischen diese sich. Es geht nicht darum, dass nur Linke Linke kritisieren dürften. Aber der Unterschied, um den es gehen müsste, ist der, dass man Linke dafür kritisieren muss, nicht ‚richtig links’ zu sein; die Mitte aber kritisiert sie dafür, überhaupt links (oder was jene dafür halten) zu sein. Schon die Kritik an linker Gesinnung, an ihrem Dogmatismus, am so genannten „Gutmenschentum“ (8), war nicht genug zugespitzt. Das Wort „Gutmensch“ war von Anfang an auch für die Mitte und die Rechte attraktiv; inzwischen wird es vollkommen inflationär gebraucht. Am Gutmenschen, in den 1980er Jahren in Friedens- und Ökologiebewegung entstanden, ist genau das zu kritisieren, was der Mitte eigentlich gefallen müsste, wofür diese aber blind zu sein scheint: die Wiedererweckung des nationalen Kollektivs unter der atomaren und die Wiederergreifung des nationalen Raums unter der ökologischen Bedrohung; die Wiederentdeckung der zunächst persönlichen, dann natürlichen, dann regionalen, dann kulturellen und schließlich nationalen Identität; der Antiamerikanismus, der Antizionismus, d.h. Antisemitismus; zunächst die gefühlige Annäherung an die NS-Vergangenheit, dann die moralische Reinigung von ihr. Unter dem Etikett „links“ konnte man sich lange Zeit einiges von dem erlauben, woran die Mitte und die Rechte noch nicht rühren durften. Die Vorreiterrolle wird den Linken nun, da sie die Drecksarbeit getan haben, schlecht gedankt. Und das haben sie verdient.

Aber noch etwas anderes von der Linken ist in der Mitte angekommen: die Spezialität der Kritik des Antisemitismus von links. Antisemitismus war früher in der Mitte ein Thema, zu dem man einfach nur geschwiegen hat, so wie zu allem, was zum Nationalsozialismus gehört. Heute aber, da man der Welt im folgenlosen Schuldbekennen ein Vorbild ist, da man Vergangenheit auf- und wegarbeitet, da man aus dem Schatten der Geschichte tritt, um diese produktiv für die eigene Politik einzusetzen, nun kann man Schulmeister und Richter für andere Völker und Nationen sein, wenn man ihnen Verstöße gegen die Menschenrechte nachsagen kann. Diese Strategie kann man nicht nur außenpolitisch einsetzen, sondern auch im Innern. So kann die Mitte den Linken nachsagen, dass diese nicht nur verwirrt und totalitär sind, sondern auch noch richtige Nazis. Vom Antisemitismus, der in der Mitte weit verbreitet ist, kann so abgelenkt und mit dem Hinweis auf den Antisemitismus von links soll jede Form von linker Gesellschaftskritik delegitimiert werden. Kühn - für den gesellschaftsanalytische Begriffe offenbar schon so irreal sind, dass er sie (wie „Klassengesellschaft“ und „Bourgeoisie“) ausschließlich in Anführungszeichen setzt, d.h. nur als befremdendes Zitat verwenden kann - prescht hierbei weit vor: „so mancher Akteur“ der K-Gruppen habe sich in Fragen des Umgangs mit dem politischen Gegner „wie ein Einsatzgruppenleiter“ aufgeführt und sich „mit einer rationalen Kälte, die den Technokraten des Reichssicherheitshauptamtes gleichkam“ hierzu geäußert (S. 167). Dies ist nicht nur sachlich falsch. (9) Das bloße analytische Benennen reicht nicht, die Richtung der Kritik ist wichtig. Entscheidend ist, von woher das Licht auf den Befund fällt und welcher mögliche Weg der Kritik damit angedeutet werden soll.


Anmerkungen:

(1) Vgl. Steffen 2002.

(2) Karl Kraus, Hüben und Drüben, Schriften Bd. 18, S. 169f.

(3) Vgl. hierzu auch Brückner 1983c und Schneider 1981.

(4) Vgl. hierzu auch Brückner 1983a und 1983b, Krahl 1971, Helms 1969, 65, 74f., 77, Reiche 1971, 140ff. und Böckelmann 1987.

(5) Vgl. hierzu auch ISF 1984, besonders Reimut Reiche: Poona oder: Der latente Faschismus, S. 37-42; Michael Berger: Rajneeshpuram von außen. Sommerurlaub 1983 in Oregon - Ein Bericht, S. 43-48; Birgit Heidtke & Patrick Thielen: Ashram in Freiburg, S. 49-58; Joachim Bruhn: Unter den Zwischenmenschen. Bhagwan Shree Rajneesh und die Verwandlung der bürgerlichen Gesellschaft zur therapeutischen Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit, S. 59-106.

(6) Reinhard Bütikofer, Krista Sager, Ulla Schmidt, Joscha Schmierer, Antje Vollmer und Jürgen Trittin sind ehemalige K-Grüppler.

(7) Wenn die „Freunde der offenen Gesellschaft“ ihre Homepage mit dem Tod Lindberg-Zitat schmücken: „there is no liberal standpoint outside liberalism“, dann legen sie nahe, jede Überwindung der herrschenden Gesellschaftsordnung sei un-liberal, also „totalitär“. Sie ignorieren, dass das Kapital selbst eine Totalität ist, die auf Ausbeutung und Unterdrückung beruht. Wenn das Kapital in eine Krise gerät, sei es eine gesellschaftliche (Rebellion, Missachtung der Eigentumsordnung) oder eine ökonomische (Absatzkrise), zeigt sich unmittelbar, welche Gewalt dem Kapital inhärent ist. Im Ausnahmezustand entscheidet der Staat des Kapitals über Leben und Tod und sichert so die Existenz des falschen Ganzen.

(8) Bittermann/Henschel 1994 und Bittermann/Droste 1995.

(9) En passant: Das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) wurde nicht von interesselosen Technokraten betrieben, sondern von einer „Weltanschauungselite“ (Wildt 2002, 137) von „politischen Aktivisten“ (ebd., 214). Kühn betet mit dieser Phrase nur eine ebenso beliebte wie bequeme, scheinkritische Deutung der Judenvernichtung nach (vgl. Kettner 2003/04).


Literatur:

Bittermann, Klaus/Henschel, Gerhard (Hgg.), Das Wörterbuch des Gutmenschen. Zur Kritik der moralisch korrekten Schaumsprache, Berlin 1994.

Bittermann, Klaus/Droste, Wiglaf (Hgg.), Das Wörterbuch des Gutmenschen II. Zur Kritik von Plapperjargon und Gesinnungssprache, Berlin 1995.

Böckelmann, Frank, Die schlechte Aufhebung der autoritären Persönlichkeit, Frankfurt/M. 1971, Neuauflage Freiburg i.Br. 1987.

Brückner, Peter,
- Paradoxien der Protestbewegung, in: Ders.: Zerstörung des Gehorsams, Berlin 1983, S. 86-108 (Brückner 1983a).
- Nachruf auf die Kommunebewegung, in: Ebd., S. 171-184 (Brückner 1983b).
- Über Krisen von Identität und Theorie, in: Ebd., S. 185-200 (Brückner 1983c). Cailloux, Bernd, Das Geschäftsjahr 1968/69, Frankfurt/M. 2005.

Dannenberg, Sophie, Das bleiche Herz der Revolution, München 2004.

Helms, H.G., Fetisch Revolution. Linksradikalismus unter monopolkapitalistischen Bedingungen, in: Ders.: Fetisch Revolution. Marxismus und Bundesrepublik, Neuwied - Darmstadt 1969, S. 39-172.

Illies, Florian, Generation Golf. Eine Inspektion, Frankfurt/M. 2001.

Initiative Sozialistisches Forum (ISF),
- Frieden. Je näher man hinschaut, desto fremder schaut es zurück. Zur Kritik einer deutschen Friedensbewegung, Freiburg i.Br. 1984 (ISF 1984a).
- Diktatur der Freundlichkeit. Über Bhagwan, die kommende Psychokratie und Lieferanteneingänge zum wohltätigen Wahnsinn, Freiburg i.Br. 1984 (ISF 1984b).

Kettner, Fabian, Ein Handlungsreisender in Sachen Judenmord. Adolf Eichmann, die Moderne und der Antisemitismus, in: Context XXI, Nr. 08.2003/01.2004, S. 7-13.

Krahl, Hans-Jürgen, Zur Dialektik des antiautoritären Bewußtseins, in: Ders.: Konstitution und Klassenkampf. Zur historischen Dialektik von bürgerlicher Emanzipation und proletarischer Revolution. Schriften, Reden und Entwürfe aus den Jahren 1966-1970, Frankfurt/M. 1971, S. 303-310.

Kraus, Karl, Hüben und Drüben. Aufsätze 1929-1936, Schriften Bd. 18, hg. v. Christian Wagenknecht, Frankfurt/M. 1993.

Kühn, Andreas, Stalins Enkel, Maos Söhne. Die Lebenswelt der K-Gruppen in der Bundesrepublik der 70er Jahre, Frankfurt/M. - New York 2005.

Miller, Arthur, Unscheinbares Mädchen, ein Leben, Frankfurt/M 1995.

Precht, Richard David, Lenin kam nur bis Lüdenscheid. Meine kleine deutsche Revolution, Berlin 2005.

Reiche, Reimut, Sexualität und Klassenkampf. Zur Abwehr repressiver Entsublimierung, Frankfurt/M. 1971.

Schneider, Michael, Von der alten Radikalität zur Neuen Sensibilität. Tendenziöses zur sogenannten Tendenzwende, in: Ders.: Den Kopf verkehrt aufgesetzt oder Die melancholische Linke. Aspekte des Kulturzerfalls in den siebziger Jahren, Darmstadt - Neuwied 1981, S. 142-165.

Steffen, Michael, Geschichten vom Trüffelschwein. Politik und Organisation des Kommunistischen Bundes 1971-1991, Berlin 2002.

Wackwitz, Stephan, Neue Menschen. Bildungsroman, Frankfurt/M. 2005.

Wildt, Michael, Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2002.

Wulff-Bräutigam, Katharina, Bhagwan, Che und Ich. Meine Kindheit in den 70ern, München 2005.