Ausgabe #3 vom

Schlapphüte und Spitzel-Journalisten

HORST PANKOW

Der folgende Text wurde uns freundlicherweise vom Autor zur Verfügung gestellt. Er wurde ursprünglich für die Jungle World verfasst, die sich aber - obwohl sie diesen eigens in Auftrag gegeben hatte - weigerte, den Text abzudrucken mit der irren Begründung, darin würden „alle (!) Journalisten über einen Kamm“ geschoren. Der verantwortliche Redakteur verstieg sich in einer E-Mail an Pankow sogar zu der abgedrehten Behauptung, „gerade die Stelle, an der Du den Journalisten pauschal Empathie für Selbstmordattentäter bescheinigst, ist ja wohl das, worauf es Dir ankommt.“ Offenbar geht die Kritik am deutschen Konsens, der sich nicht zuletzt in deutschen Redaktionsstuben austobt, bisweilen auch gegen die Berufsehre linker Schreiberlinge. Wie recht Pankow mit seiner Einschätzung hat, deutsche Zeitungen produzierten zumeist das, was ohnehin schon alle glauben, wird auch in der neuen Ausgabe der Jungle World deutlich, in der Elfriede Jelinek zwar Kritik an der Hetze gegen Peter Handke äußert, zugleich aber den ewig gleichen Sermon wiederholt, im Kosovokrieg hätten „fremde Mächte“ einen „drohenden Völkermord“ verhindert. Deshalb sei dieser Krieg „völkerrechtlich gedeckt“ gewesen.
(Die Redaktion)


Ärgerlich und nahezu beleidigend für Menschen, die sich weigern, mit dem Aufschlagen einer Tageszeitung das Einstellen eigener Denktätigkeit zu verbinden, ist nicht selten die staatsbürgerliche Naivität politischer Kommentatoren. Ende Mai hatte man in den Kommentarspalten „linksliberaler“ Blätter einen neuen Aspekt der langweiligen und durchsichtigen Inszenierung BND-Skandal entdeckt. Die Empörung über einen Geheimdienst, der - ach, wie überraschend - Journalisten bespitzelt und als Spitzel auch Kollegen der Bespitzelten beschäftigt, wandte sich nun den Spitzel-Journalisten zu: Wie konnten die Leute nur? Haben die denn gar kein Berufsethos?

Antworten wären mühelos durchs Lesen der eigenen Blätter zu erhalten gewesen. Wer etwa in den letzten 15 Jahren sich die Lektüre deutscher linksliberaler Zeitungen zumutete, weiß wie’s ums journalistische Ethos hierzulande bestellt ist. Nehmen wir als Beispiel nur die 1991 begonnene, erst jetzt mit der Proklamation des „souveränen“ Zwergstaates Montenegro beendete Zerstörung Jugoslawiens. Das, was heute oft als Rathfelderei lässig vom Tisch gewischt und in den Bereich eines dubiosen Aufsteiger- und Aufschneiderjournalismus abgeschoben wird, war während der jugoslawischen Kriege gang und gäbe. Es war nicht nur der taz-Schreiber Erich Rathfelder, der „die Serben“ verteufelte, die völkischen und islamischen Separatisten zu „Demokraten und „Freiheitskämpfern“ stilisierte, Massaker und Leichenberge erfand, um den antizivilisatorischen und massenmörderischen Einsatz der Nato-Bomberflotten zu legitimieren - fast die gesamte deutsche Journalistenzunft, inklusive ihrer „linksliberalen“ Abteilung, war am schmutzigen Spiel beteiligt. Die wenigen Ausnahmen und (Kriegsdienst-)Verweigerer hatten außerhalb eines randständigen kritischen Milieus kaum Chancen auf Gehör und waren ähnlichen Diffamierungen wie die verteufelten „Serben“ ausgesetzt.

Man könnte weitere Beispiele nennen: Verständnis für den arabischen Vernichtungsantisemitismus gegenüber Israel, Empathie für islamische Terroristen, wenn sie israelische, amerikanische oder auch russische „Ziele“ attackieren und nicht zuletzt Sympathiewerbung für den autoritären Islam im „eigenen Land“. Man kann aber auch gleich nach der Motivation dieser Journalisten fragen. Die Antwort fällt simpel und ernüchternd aus: Sie glauben an die ideologischen Vorgaben ihres staatlichen Souveräns, sie haben sich postmodern-banal entschlossen, daran zu glauben. Dieses Glaubenwollen versetzt sie in den Stand von Überzeugungs-(Schreibtisch-)Tätern - der Zeilenschinder als Minister im Kleinformat. Ausgerechnet von diesen Leuten soll ein Nein zu erwarten gewesen sein, als die im Pressejargon liebevoll als „Schlapphüte“ titulierten BND-Figuren bei ihnen anfragten? Und - Hand aufs deutsche Journalistenherz - wer von den naiv-empörten Kommentatoren hätte sich einem Schlapphut-Appell ans demokratische Verantwortungsbewusstsein tatsächlich entzogen, wo's doch im nationalen Interesse um die Stopfung „undichter Stellen“ ging?

Den Hintergrund der BND-„Affäre“ erhellen übrigens zwei Sätze aus dem „rechten“ Käseblatt Berliner Morgenpost vom 3. Juni: „,Wir erleben zur Zeit eine interne Kulturrevolution’, sagt ein hoher Beamter.“ Und signalisiert sogleich den Zweck der Säuberungskampagne: „Im Zuge des Umzuges wichtiger Abteilungen in die Hauptstadt werde ‚mit vielen Besitzständen aus Zeiten des Kalten Krieges’ aufgeräumt.“ Der neue Feind wird nicht nur in Kommentaren über den Irak inzwischen offen benannt.