Ausgabe #3 vom

Renaissance des Tragischen

DIRK LEHMANN

Mittlerweile haben sich die Wogen etwas geglättet, die Aufregung hat sich wieder gelegt. Mit einer gewissen Nüchternheit spricht man lediglich noch vom Karikaturenstreit „zu Beginn des Jahres“. Wie anders war das noch „zu Beginn des Jahres“: Gern zitierte man in diesen nervösen Zeiten in den Kommentar- und Feuilletonspalten nicht allein der großen Zeitungen Kurt Tucholsky mit der Frage danach, was Satire dürfe. Dabei erschien gerade die Frage nur allzu oft als Aufhänger für ein einschränkendes „Aber“, dem eine aufbauende Vergewisserung eigener Werte auf dem Fuße folgte. Wo Tucholsky noch scheinbar unschuldig ausrief, Satire dürfe „alles“, da gilt es heutzutage in der globalen einen Welt die Existenz der vielen, ja ganz unterschiedlichen Kulturen in Rechung zu stellen. Und insbesondere die „religiösen Gefühle“ der Menschen sind es, die zu achten sind. Das Sentiment gilt heute als überdeutliche Grenze, vor der alle Kritik Halt zu machen hat; es markiert eine neue Tabuzone.
 
 Derart äußern sich auch die Granden aus Politik und Gesellschaft. Nicht zuletzt der Papst gab seinen klerikalen Sermon zum Besten und mahnte, die religiösen Wallungen der Völker dieser Welt zu respektieren, statt sie mit einem angemessenen Maß an ätzender Satire zu bedenken. In dieses Muster fügt sich auch ein Urteilsspruch des Amtsgerichts Lüdinghausen. Hier nämlich wurde ein 61-jähriger Mann wegen der Beschimpfung eines religiösen Bekenntnisses und der dadurch mutmaßlich ausgelösten Störung des öffentlichen Friedens zu, man höre und staune, einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung verurteilt. Überdies muss der Frührentner dreihundert Sozialstunden ableisten. Schließlich hat der Unglückliche nichts Geringeres verbrochen, als ganz gewöhnliches Toilettenpapier mit den Worten „Koran, heiliger Koran“ bedruckt und anschließend unverlangt verschickt zu haben. Eine solche Verzierung von ordinärem Scheißhauspapier verletzt in diesen Zeiten aber „religiöse Gefühle“ und darf daher nicht satirisch, sondern nur drakonisch mit Freiheitsentzug beantwortet werden. Auf den Zusammenhang mit den seinerzeit aktuellen Debatten um satirische Karikaturen verwies auch der vorsitzende Richter in seiner Urteilsbegründung ausdrücklich.
 
 Das Ganze ist aber nicht allein Ausdruck irgendeiner dussligen Multi-Kulti-Ideologie. Vielmehr geht es bei dem vermeintlichen Schutz des Fremden vor allem auch ums Eigene. Schließlich berühren die Verletzungen, die Menschen wie der Rentner aus dem Münsterland und all die anderen Ketzer „uns“ zufügen den Status von Religion insgesamt. Immer ist nämlich von den Gefühlen einer religiösen Gemeinschaft die Rede, niemals von gedemütigten Individuen. Es ist der Aberglauben eines Kollektivs, der mit der Errichtung von solcherlei Tabuzonen zu etwas Absolutem erhoben wird, das keiner kritischen Frage mehr unterworfen werden darf. Die Frömmelei ist somit nichts, über dessen Für und Wider argumentiert werden könnte. Jenseits aller Kritik ist Religion immer schon da; unbedingt fällt sie im wahrsten Sinne des Wortes vom Himmel. Sie wird so zu einer Realität sui generis erklärt. Unter der Hand setzt man den ontologischen Charakter von Religion wieder neu ins Werk. Einerlei ist dabei, ob die neuen Tabus erst durch solche performativen Akte errichtet werden; die Aufführung wird alsbald vergessen gemacht; was bleibt, sind sakrosankte Sphären des Unhinterfragten und Unhinterfragbaren.
 
 Mit der erneuten Verzauberung der Welt geht die Renaissance eines „tragischen Bewusstseins“ einher, das davon ausgeht, dass nicht die Lebensnot einen wesentlichen Anteil am Wohl und Weh der menschlichen Geschichte hat, sondern dass ein unvorhersehbares Schicksal, manchmal auch geheime Mächte den Verlauf historischer und sozialer Ereignisse bestimmen. Das Wort vom ach so lieben Gott ist nur eine weitere Variation dieses schier unerschöpflichen Themas, das durch den Begriff der Verdinglichung nur zu treffend charakterisiert ist. Dies ist aber nicht allein der Wiedereinzug der objektiven Unvernunft ins Soziale. Zugleich erscheinen die politischen Verhältnisse wie verhext, mit der Inauguration des religiösen Tabus kommt der vielbeschworene „Kampf der Kulturen“ selbst in die Welt. Zu erleben ist dieser Tage mit anderen Worten, wie die Wiederverzückung der Welt selbst den Ungeist des „Kampfes der Kulturen“ schafft. Mit anderen Worten: Dadurch, dass mit der Religion eine Sphäre außerhalb jedweder Kritik eingerichtet wird, trägt man sie einem Fetisch gleich vor sich her, und konstituiert so erst homogene Kulturen, die einander feindlich gegenüber stehen. (1)
 
 Erinnern wir uns, was der Vordenker des „clash of civilisations“, S. Huntington, unter diesem verstand. Die Welt der Jahre bis 1989 war für Huntington wesentlich durch Konflikte ideologischer Provenienz geprägt. Der Westen stand gegen den Osten und entlang einer scharfen Trennungslinie disputierte man darüber, auf welcher Seite man sich befand. Immerhin aber erlaubte die ideologische Fassung des Konflikts es, zumindest nach Huntington, dass die quer liegenden Konfliktparteien sich einander annähern konnten und sich so grundsätzlich für Kompromisse zugänglich zeigten. Vielleicht sind ein Gleichgewicht des Schreckens oder eine friedliche Koexistenz nur andere Begriffe für diesen Gedanken. Mit der Wende nach 1989 verschoben sich die Gewichte aber grundlegend. So teilt sich plötzlich die Welt nicht mehr entlang so genannter ideologischer Differenzen in verschiedene Lager, sondern es stehen sich nunmehr widerstreitende Zivilisationen gegenüber, die durch die Frage danach, was einer ist, generiert werden. Dieser neue Seinszustand ist für Huntington selbst nicht mehr hinterfragbar und insofern auch nicht in friedlich-koexistenten Kompromissen auflösbar. Dass sich die Welt für Huntington vornehmlich durch religiöse Differenzen aufteilt, scheint angesichts der an den Tag gelegten Tatsachenergebenheit nur zu nahe liegend und natürlich.
 
 Die religiösen Akteure propagieren, dass es sich nicht schickt, ja es gar nicht möglich ist, über Religion zu streiten. Religiöse Gefühle hat man unbedingt. So erscheint dieses Gefühl nicht als Ergebnis eines Tabuierungsprozesses, sondern als eine Gegebenheit, die auf nichts außer ihr liegendes mehr verweist. Allerdings soll sich ein solches Szenario in naher Zukunft wohl noch als funktional erweisen. Beinahe prophetisch mutet es an, dass sogar das liberale Feuilleton die einstmals als reaktionär abgetanen „Bocksgesänge“ eines Botho Strauß zum „Alten Werk“ überhöht und dafür wirbt, diese neu zu lesen. Genüsslich zitiert Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau vom 23.02.: „Nach Lage der Dinge dämmert es manchem inzwischen, dass Gesellschaften, bei denen der Ökonomismus nicht im Zentrum aller Antriebe steht, aufgrund ihrer geregelten, glaubensgestützten Bedürfnisbeschränkung im Konfliktfall eine beachtliche Stärke oder gar Überlegenheit zeigen werden“. Weiter findet er schöne Stellen bei Strauß: „Dass ein Volk sein Sittengesetz gegen andere behaupten will und dafür bereit ist, ein Blutopfer zu bringen, das verstehen wir nicht mehr und halten es in unserer liberal-libertären Selbstbezogenheit für falsch und verwerflich“. Und zuletzt: „Zwischen den Kräften des Hergebrachten und denen des ständigen Fortbringens, Abservierens und Auslöschens wird es Krieg geben“.
 
 So wie die Religionssoziologie der Jahrhundertwende angesichts des grundstürzenden Umgestaltungsprozesses um 1900 die „integrative soziale Wirkung“ der Religion, so Georg Simmel, erkannte und sie ob dieser ihrer Funktionalität für sakrosankt erklärt, so scheint heute, angesichts der globalen Herausforderungen Religion als Garant für „Stärke“ und „Überlegenheit“. Also Schluss mit MTV und der vermeintlich blasphemischen Schändung der Gefühle durch Sendungen wie Popetown, denn: Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben. 
 
 
 Anmerkung:
 
 (1) Diese Konstitution homogener Kulturen geht nicht alleine von den Vorkämpfern der islamischen Umma aus, sondern - für den Erfolg maßgeblich - gerade auch von jenen antirassistischen Europäern, die Gesellschaft ganz postmodern nur noch als Flickenteppich kollektiver Identitäten sich vorzustellen in der Lage sind.