Ausgabe #3 vom

„Etwas zwischen Klang und Geräusch“

Ein Nachruf auf György Ligeti

FELIX HEDDERICH

György Ligeti, einer der bedeutendsten Komponisten Neuer Musik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wurde am 23. Mai 1923 im rumänischen Diciosânmartin geboren. Der Sohn jüdisch-assimilierter Eltern zog mit sechs Jahren nach Cluj um, wo er seine Kindheit verbrachte und ab 1941 Komposition bei Ferenc Farkas studierte. Den Wunschberuf des Biochemikers konnte er nicht erlernen, da er als Jude nicht zum naturwissenschaftlichen Studium zugelassen wurde. „Ich bin zwar von jüdischer Abstammung“, sagte Ligeti später, „wurde aber wirklich Jude erst durch die Naziverfolgung.“ (1) 1944 wurde Ligeti zum Arbeitsdienst in der ungarischen Armee eingezogen, floh jedoch. Anders als Vater und Bruder überlebte György die Nazibarbarei, setzte sein Studium im Herbst 1945 fort und schloss es 1949 ab. Zu einem Wunschstudium bei seinem Vorbild Bela Bartók nach dem Zweiten Weltkrieg kam es nicht, da dieser vor seiner geplanten Rückkehr nach Ungarn im amerikanischen Exil verstarb. Ab 1950 lehrte Ligeti an der Budapester Musikhochschule Harmonielehre und Formanalyse.

Als durch die zunehmende Stalinisierung die kompositorische Arbeit für Ligeti immer unmöglicher wurde - seine Musik galt als „volksfeindlich“ - floh er 1956 nach Wien, wurde aber schon bald nach Köln beordert, um freier Mitarbeiter im Studio für elektronische Musik des WDR zu werden. Obwohl er dort nur eine vollständige elektronische Komposition fertig stellte (Artikulation), galt diese Zeit für ihn als die prägendste für sein weiteres Schaffen. Ligeti selbst beschrieb die Erfahrungen, die er im Umfeld von Karlheinz Stockhausen und Mauricio Kagel sammelte, als den „schönsten Schock meines Lebens.“ (2) Denn hier kam er auch „zum erstenmal in direkte Berührung mit der neueren westeuropäischen Musik.“ (3) Schon 1950 hatte Ligeti an das Komponieren von Statik, an das Komponieren eines stehenden Klanges gedacht - zehn Jahre später, 1960, konnte er diese Idee schließlich mit seiner Komposition Apparitions verwirklichen. Seinen eigentlichen Durchbruch feierte Ligeti aber mit der 1961 uraufgeführten Komposition Atmosphères für großes Orchester ohne Schlagzeug, in der er seine bereits in früheren Werken angedachte „Mikropolyphonie“ - „etwas zwischen Klang und Geräusch“ (4) - vollendete. Kennzeichnend für die Komposition ist die Primärsetzung der Klangfarbe, was Ligeti vor allem durch eine völlige Eliminierung von Harmonik und Rhythmus sowie durch die Schaffung neuer Klänge, die ihm - sicherlich beeinflusst von John Cages Sonatas and Interludes für präpariertes Klavier - durch das Anschlagen der Klaviersaiten durch zwei Spieler, „die eher Schlagzeuger als Pianisten sein sollen“ (5), mit Jazzbesen, Tüchern und Bürsten gelang. Noch im selben Jahr beantwortete er auf Einladung die Frage nach der „Zukunft der Musik“ mit einer Musikalischen Provokation für einen Vortragenden mit Auditorium - und sagte gar nichts. Der „Schweigevortrag“ - mit zehn Minuten etwas mehr als doppelt so lang wie Cages 4'33'' - sorgte für einen Skandal.

Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Atmosphères, und damit auch der Komponist Ligeti, 1968 durch den Film 2001 - Odyssee im Weltraum von Stanley Kubrick, der dieses und andere Werke Ligetis für den Soundtrack verwendete. Auch in späteren Filmen griff der Regisseur auf die Musik Ligetis zurück, so etwa stellte Kubrick das frühe Klavierstück Musica Ricercata II von 1953 in den Mittelpunkt seines letzten Filmes Eyes Wide Shut.

Ligeti, dem es stets wichtig war, „Verfahren immer neu zu überprüfen, zu modifizieren, eventuell wegzuwerfen und durch andere Verfahren zu ersetzen“ (6) antwortete schon 1962 auf sein eigenes Werk mit der Komposition Poème symphonique für 100 Metronome, indem er die radikale Verbannung des Rhythmus ebenso radikal zurücknahm und gleichzeitig die Eliminierung der Harmonik weiter vorantrieb. Auch der musikalischen Avantgarde, in der er sich selbst bewegte, stand er stets kritisch gegenüber. So war er mit einem Aufsatz über Pierre Boulez’ Structure 1a der erste immanente Kritiker der seriellen Musik und antwortete 1977 auf das innerhalb der Avantgarde zur Mode gewordene Komponieren von Anti-Opern mit seiner Anti-Anti-Oper Le Grand Macabre, die Ligeti als „unmittelbar, comic-artig übertrieben, farbig und verrückt“ (7) beschrieb und den Tod in den Mittelpunkt der Handlung stellte. Da Ligeti „sowohl die funktionale Tonalität als auch die Atonalität (als) abgenutzt“ (8) betrachtete, suchte er auch in außereuropäischen Musikformen nach neuen Ansätzen „jenseits von Tonalität und Atonalität“ (Imre Fabian). Immer ließ er jedoch auch Splitter musikalischer Tradition - vor allem seiner großen Vorbilder Gustav Mahler und Claude Debussy - in seinem Werk durchscheinen. Sein Wissen und seine kompositorischen Erfahrungen gab Ligeti als Professor an den Musikhochschulen in Stockholm (1961-1971) und Hamburg (1973-1989) weiter.

Auch nach dem Ende des - wie er es nannte - „surreal existierenden Sozialismus“ kehrte Ligeti nicht nach Ungarn zurück - aufgrund „unterdrückter nationalistischer Strömungen, die nun leider in allen ehemaligen Ostblockstaaten virulent geworden sind: siehe die Katastrophe in Jugoslawien, siehe die Farce zwischen Slowaken und Tschechen“. (9) György Ligeti starb am 12. Juni 2006 in Wien.


Anmerkungen:

(1) „Ich glaube nicht an große Ideen, Lehrgebäude, Dogmen...“. Lerke von Saalfeld im Gespräch mit György Ligeti, in: Neue Zeitschrift für Musik, Nr. 154/1 (Januar 1993), S. 32.

(2) Imre Fabian, Jenseits von Tonalität und Atonalität. Zum 50. Geburtstag von György Ligeti, in: Österreichische Musikzeitschrift, Nr. 28/5,6 (Mai/Juni 1973), S. 235.

(3) Ove Nordwall, György Ligeti. Eine Monographie, Mainz 1971, S. 221.

(4) György Ligeti im Interview mit Josef Häusler, in: Ebd., S. 122.

(5) Helmut Schaarschmidt, György Ligeti: Atmosphères für großes Orchester ohne Schlagzeug, in: Siegmund Helms / Helmuth Hopf, Werkanalysen in Beispielen, Regensburg 1986, S. 371.

(6) György Ligeti, Rhapsodische, unausgewogene Gedanken über Musik, besonders über meine eigenen Kompositionen, in: Neue Zeitschrift für Musik, Nr. 154/1 (Januar 1993), S. 24.

(7) György Ligeti, Zur Entstehung der Oper „Le Grand Macabre“, in: Melos/NZ, Nr. 4/2 (März/April 1978), S. 91.

(8) György Ligeti, Rhapsodische, unausgewogene Gedanken über Musik, besonders über meine eigenen Kompositionen, in: a.a.O., S. 28.

(9) „Ich glaube nicht an große Ideen, Lehrgebäude, Dogmen...“. Lerke von Saalfeld im Gespräch mit György Ligeti, in: a.a.O., S. 36.