Ausgabe #3 vom

Ein Mordsspaß

Anmerkungen zum rheinischen Karneval, Teil 1

ESTHER MARIAN

Ein Gerichtsprozess sorgte letztes Jahr in Köln einige Tage lang für Aufregung: „Karnevals-Schlägerei endete tödlich/Anlass für den Streit: Der Höhner-Hit ,Viva Colonia’“, meldete der Express, das lokale Massenblatt (1). Ein 42-jähriger Mann, der sich bei einem 17-jährigen beschwert hatte, weil dieser mit seinen Freunden das Karnevalslied grölte, war von dem Jugendlichen so heftig mit der Faust geschlagen worden, dass er nach hinten stürzte, mit dem Kopf auf den Asphalt schlug, schwere Kopfverletzungen erlitt und bald darauf starb. Die Jugendlichen ließen den Verletzten anscheinend einfach auf der Straße liegen und gingen weiter.
 
 Bezeichnender noch als das Ereignis selbst war die Berichterstattung darüber. Denn dieser war nur mit Mühe zu entnehmen, dass der Jüngere den Älteren getötet hatte; wer sich nicht weiter in die Berichte vertiefte, musste den Eindruck gewinnen, es verhalte sich umgekehrt. Das Opfer habe sich „mokiert“ und sei angetrunken gewesen, teilte Radio Köln, ein Sender, der in zahlreichen Kölner Büros vor sich hinplärrt, am 22. März im Halbstundentakt seinen Zuhörern mit. Der Express wusste noch mehr: der 42-jährige sei „extrem wütend und aggressiv“ gewesen, er habe „den Jugendlichen, der ein Giraffenkostüm trug, plötzlich angerempelt, angepöbelt und sogar geschlagen“ und sei mit „knapp zwei Promille im Blut“ auf den 17-jährigen „losgegangen“, der sich daraufhin lediglich „wehrte“, indem er „den Mann plötzlich kräftig von sich wegstieß“. Radio Köln wiederum, das immerhin den Faustschlag nicht verschwieg, machte sich nun Sorgen um den Jungen und zeigte viel Verständnis: er habe inzwischen die Schule abgebrochen und sei „sehr betroffen“. Nun gelte es herauszufinden, „wie schuldig der Schüler wirklich ist“. Damit war die Antwort, wie in jedem Radiokommentar, schon vorgegeben: schuldig konnte nur der Tote sein, der so dreist gewesen war, sich über das Viva Colonia-Gegröle zu mokieren. 
 
 Weder Radio Köln noch der Express vergaßen zu erwähnen, wie beliebt Viva Colonia sei - auch wenn das Publikum solche Belehrung sicher nicht nötig hatte, denn bei einer Umfrage des Express im Jahr zuvor war eben dieser Schlager zum beliebtesten „Kölsch-Hit“ gewählt worden (2). Durch besonders penetrantes Bemühen, die negativen Schlagzeilen in Reklame für die Lokalband „De Höhner“ (deutsch: „Die Hühner“) umzumünzen, machte sich der Kölner Wochenspiegel Rechtsrheinisch bemerkbar, der, die Gunst der Stunde nutzend, am 23. März, einen Tag nach dem Prozessbeginn, unter dem Titel „Große Party mit Kölscher Kultband“ eine „fesselnde Show“ ankündigte, nämlich den „Tanz in den Mai mit den Höhner in der Kölnarena“ - natürlich mit Viva Colonia als krönendem Abschluss. Viva Colonia ist in Köln ein Volksschlager, dessen Refrain zu jeder Gelegenheit, nicht nur an Karneval, und zu jeder Tages- und Nachtzeit gegrölt wird - vorzugsweise, aber keineswegs ausschließlich von männlichen Halbwüchsigen. Er lautet:
 
 Da simmer dabei! Dat is prima! Viva Colonia! 
 Wir lieben das Leben, die Liebe und die Lust 
 Wir glauben an den lieben Gott und ham noch immer Durst.

 
 Immerhin sprechen sich die Kölner für recht sympathische Dinge aus, könnte man meinen. In Zeiten, in denen andere Gottgläubige „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“ proklamieren, sollte man für solche Bekenntnisse vielleicht dankbar sein und über die Rohheit der Grölenden, die ihre Botschaft jedem ins Ohr brüllen und als Teil eines Kollektivs, das sich in der Mehrheit weiß, öffentliche Orte wie U-Bahnen, Straßenkreuzungen oder Kneipen in Beschlag nehmen, hinwegsehen. Schließlich ist es der Sinn des Karnevals, Spaß zu haben, und den muss man anderen ja nicht unbedingt verderben, wenn man keine guten Gründe dafür hat. Die Geschichte mit dem Jungen im Giraffenkostüm, der den nicht zum Grölen aufgelegten Älteren tödlich verletzte und dann auf dem Pflaster liegen ließ, ist, so hofft man, ja möglicherweise doch eine Ausnahme.
 
 Die Solidarisierung der Kölner Medien mit dem Jungen lässt allerdings auf etwas anderes schließen, nämlich darauf, dass jenes spaßige Mehrheitsbewusstsein ohne aggressive Akte gegen Abweichende gar nicht auskommt. Indem sie die Schuldabwehr, die Sache des Schlägers also, zu ihrer eigenen machen, zeigen die beflissenen Fürsprecher, dass sie sich zumindest vorstellen könnten, an seiner Stelle ähnlich zu handeln. Schon das Grölen selbst unterscheidet sich von gewöhnlichem Singen durch seinen Charakter als Reviermarkierung und Drohgebärde. Es ist tatsächlich gar keine Seltenheit, dass die unterschwellige Aggression, die den Frohsinn der Karnevalisten auszeichnet, in manifeste Gewalttätigkeit umschlägt.
 
 In der Düsseldorfer Altstadt, so etwa eine beliebig herausgegriffene Stellungnahme der Polizei, herrsche an Karneval eine „durchaus gewalttätige Stimmung“ (3). Letztes Jahr fanden dort einem WDR-Bericht zufolge allein an Weiberfastnacht (so die Bezeichnung für den Donnerstag vor Karneval) 30 Schlägereien statt (4). Nimmt man die Polizeipräsenz als Maßstab, muss in Köln regelmäßig ein bürgerkriegsähnlicher Zustand herrschen; hier versuchte die Polizei die Schlägereien „mit ihrem Großaufgebot in Schach zu halten“. Den Titel der Hauptstadt des deutschen Karnevals hat Köln auch insofern verdient, als die Angriffe hier besonders brutal ausfielen: einem Mann wurde mit einer Stahlrute ins Gesicht geschlagen, ein anderer wurde in den Rhein geworfen. Ähnliche Szenen ereigneten sich jedoch überall, so in Radevormwald im Oberbergischen Kreis: nach einer von der Polizei beendeten Kneipenschlägerei lauerten die Schläger einem der Verletzten im Krankenhaus auf; als sie daran gehindert wurden, zu dem designierten Opfer durchzudringen, verwüsteten sie eine Kneipe und bedrohten die Gäste. (5) Eine Meldung aus Marburg an der Lahn vom Karnevalswochenende 2004 mag Aufschluss darüber geben, warum der Karneval auch in protestantischen Gegenden immer beliebter wird: „Etwa um 23.35 Uhr prügelte sich eine größere Menschengruppe auf der Friedrich-Ebert-Straße in Höhe der Hausnummer 42. Mit dem Eintreffen der Polizei spritzte die Gruppe auseinander. Zehn Menschen liefen in unterschiedliche Richtungen davon. Die Beamten wurden Augenzeugen, wie der - auf dem Boden liegende - 27-jährige noch mehrfach mit Fußtritten ins Gesicht traktiert wurde.“ (6) In Wiesloch bei Heidelberg wurde am Karnevalssonntag 2002 vor einer Diskothek ein Mann zu Tode geprügelt: „Nach dem vorläufigen Ergebnis der Sektion führten Schläge und Tritte gegen den Kopf des Opfers zur Bewusstlosigkeit, in deren weiterer Folge dann trotz der am Tatort erfolgreichen Reanimation durch den Notarzt eine Hirnschädigung eintrat, die zum Tode führte.“ (7) Eine von Zuschauern offenbar begrüßte, jedenfalls nicht verhinderte Vergewaltigung ereignete sich beim diesjährigen Karneval in einer Kneipe in Konstanz (8).
 
 Auffällig an den Berichten ist die Brutalität der Karnevalsfans, die anscheinend bevorzugt auf Wehrlose und bereits am Boden liegende losgehen, der kollektive Charakter vieler Misshandlungen und schließlich die (hier nicht zitierten) Begründungen, die für sie gegeben werden. Meist wird die Schuld nämlich auf den Alkohol geschoben. Wenn einmal nicht das Opfer für mitschuldig erklärt wird, weil es betrunken gewesen sei oder provoziert habe, heißt es auf Leserbrief- und Kommentarseiten, in Internetforen oder am Familientisch, dergleichen sei halt auf den Alkoholeinfluss zurückzuführen. Man kann das verschieden interpretieren: entweder als Entschuldigung nach dem Motto „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“ oder - wahrscheinlich eher dem Selbstverständnis der Kommentatoren entsprechend - als Warnung vor den verderblichen Wirkungen des Saufens. Beiden Varianten ist gemeinsam, dass sie als selbstverständlich voraussetzen, was doch erst zu erklären wäre: dass sich nämlich unter einer dünnen zivilisatorischen Decke eine Sehnsucht nach der Barbarei verbirgt, die hervorbricht, wenn alkoholbedingt die Kontrolle nur ein wenig nachlässt.
 
 Wie sehr das, was beim Karneval enthemmt wird, von allen geteilt und daher allzu gut verstanden wird, tritt gerade dort zutage, wo der Täter nicht entschuldigt, sondern mit demonstrativem Ekel zum Scheusal erklärt wird, das zur kollektiven Jagd freigegeben ist. So in einer Zeitungsmeldung aus der gleichen Ausgabe des Express, in der auch die Meldung über die Schlägerei mit dem Jungen im Giraffenkostüm erschien. Entrüstet und zugleich pornographisch erregt sich die Zeitung an der Darstellung einer Vergewaltigung:
 
 „Polizei jagt den Karnevals-Vergewaltiger/Wer hat diesen Mann gesehen? Köln - Der brutale Vergewaltiger, der an Weiberfastnacht eine 49-Jährige in seinen Campingbus lockte und mit roher Gewalt zum Sex zwang. Die Polizei jagt das Sex-Monster immer noch - jetzt mit einem Phantom-Bild. Wer hat den skrupellosen Vergewaltiger gesehen? Er hatte sein Opfer in einer Altstadtkneipe kennengelernt, später unter einem Vorwand in den Campingbus gelockt. Dort fiel er über die 49-Jährige her. Dann fuhr der Mann mit dem Wohnmobil ans Rheinufer, hier gelang seinem Opfer an der Zoobrücke die Flucht. (...) Wer den Mann gesehen hat, sollte sich beim Kriminalkommissariat 12 melden: 0221/2290". (9) (Hervorhebungen E.M.)
 
 Die Überladung mit Adjektiven und adverbialen Wendungen, das Jagdvokabular, das gleichermaßen für die Vergewaltigung wie für die polizeilichen Ermittlungen verwendet wird, die der kleinen Erzählung innewohnende Teleologie, die gar keinen anderen Ausgang zulässt, weshalb schon in der Altstadtkneipe klar ist, dass die Frau nicht entkommen wird und deshalb Opfer heißen muss, die schaudernd-lüsterne Verdammung des Mannes als Sex-Monster - all dies straft die vorgeblich menschenfreundlichen Motive der Ermittlungsgemeinschaft, als deren Sprachrohr sich die Zeitung geriert, Lügen. Allzu sehr ist den Worten die Erregung anzumerken, die der Gedanke an die vergewaltigte Frau als in die Falle gelocktes Wild, über das der Vergewaltiger wie ein Tier herfällt, in Schreibenden und Lesern hervorruft, und diese Erregung eben ist es, die sich in Entrüstung und Jagdstimmung transformiert.
 
 Natürlich sind Mord und Vergewaltigung nicht die offiziellen Inhalte des Karneval. Woher die Aggressivität rührt, lässt sich offenbar nur begreifen, wenn man einen näheren Blick auf das wirft, was in Köln und anderswo unter Leben, Liebe und Lust, die ja den Inhalt des Karneval ausmachen sollen, verstanden wird. Was die Jecken so treiben, wenn sie meinen Spaß zu haben, wird Gegenstand von Teil 2 des Artikels in der kommenden Ausgabe der Prodomo sein.
 
 
 Anmerkungen:
 
 (1) Express, 22.03.05.
 
 (2) Express, 15.01.04.
 
 (3) http://www2.onnachrichten.t-online.de/dyn/c/33/81/52/3381522.html.
 
 (4) http://www.wdr.de/themen/freizeit/brauchtum/karneval_2005/session/_themen/zusammenfassung_weiberfastnacht/polizei_fazit.jhtml?rubrikenstyle=karneval_2005.
 
 (5) Ebd.
 
 (6) http://www.marburgnews.de/2004/mn-akt02.php?tag=23.
 
 (7) http://www.coole-russen.de/russen.htm.
 
 (8) http://www2.onnachrichten.t-online.de/dyn/c/33/81/52/3381522.html.
 
 (9) Express, 22.03.05.