Ausgabe #3 vom

Ein antideutscher Superheld

Captain America und das deutsche Ressentiment gegen die USA

TIM MÜNNINGHOFF

Spätestens seit dem dritten Golfkrieg kann man den Antiamerikanismus als die wohl hervorstechendste deutsche Tugend bezeichnen. Das Nervige am Antiamerikanismus ist, dass er, egal welch politischer Couleur, mit gnadenloser Penetranz bei jeder sich bietenden Gelegenheit vorgetragen wird. Eine solche Gelegenheit bietet auch die Comicserie Captain America aus dem Hause Marvel Comics.
 
 Vom antideutschen Superhelden zum altersblöden Pazifisten
 
 Der Comicheld Captain America wurde von den Zeichnern Jack Kirby und Jose Simon geschaffen und im März 1941 zum ersten Mal bei Timely Publications (ab 1961 Marvel Comics) veröffentlicht. Das Cover der ersten Ausgabe zeigt Captain America, der Adolf Hitler einen Fausthieb versetzt, und trägt die Überschrift „Smashing thru. Captain America came face to face with Hitler...“. Die Comicreihe wurde in Amerika ein großer Erfolg - bereits 1944 folgte den Comics die erste Realverfilmung - und somit auch ein sehr erfolgreicher Teil der amerikanischen Propaganda gegen Nazideutschland; und war sicherlich auch als Vorbereitung der Bürger auf das Unvermeidliche gedacht: den Kriegseintritt der USA zur Zerschlagung Nazideutschlands. Allein das macht Captain America schon sympathisch und es ist kaum verwunderlich, dass ihm bis heute in Deutschland der große Erfolg verwehrt geblieben ist. Denn wenn man sich die Geschichte des Superhelden ansieht, ist diese nicht weniger als eine Metapher für den „American Dream“, der zum deutschen Alptraum wird, wenn der schwächliche Steve Rogers durch das Superserum eines Wissenschaftlers zu Captain America, sozusagen vom halben Hemd zum Superhelden, mutiert (1). Der „Kämpfer für die Freiheit“ (Captain America No.1) - gekleidet in einem der USA-Flagge nachempfundenen Kostüm - kämpft in den ersten Episoden vor allem gegen Nazi-Saboteure und -Spione und deren Anführer „Red Skull“ in den USA, später dann auch gegen die Nazis und deren Verbündete selbst. Man kann die ersten Ausgaben der Comicreihe ganz sicher als antifaschistische Pflichtlektüre bezeichnen, die letzten Ausgaben hingegen nicht. Denn die Geschichte Captain Americas wird in der Nachkriegszeit, in der die Popularität von Comichelden nach und nach abnimmt, immer diffuser. Seine Gegner sind nun keine Nazis mehr, sondern gewöhnliche Kriminelle. Mangels Erfolg wird Captain America 1950 mit Ausgabe 75 zunächst eingestellt, jedoch schon 1953, in der Anfangszeit des Kalten Krieges, reanimiert. Dies ist aber gleichzeitig auch der Beginn der zunehmend schlechteren Captain America-Comics. So kämpft der vormalige antideutsche Superheld - zunächst in der Marvel-Comicreihe Young Men und später auch in seiner eigenen kurz wiederbelebten Reihe - nun gegen neue Feinde, die Ostblock-Kommunisten, und bekommt den martialischen Untertitel „Commie Smasher“ verpasst. Mitte der sechziger Jahre, nach dem Wiederaufleben Captain Americas in der Marvel-Reihe The Avengers, kommt es zur bereits fünften Fortsetzung der Comicheftserie. Auffällig ist bei dieser Fortsetzung, dass in der Storyline ein Schwarzer von Captain America zu einem Superhelden ausgebildet wird - obwohl der Rassismus in den USA zu dieser Zeit weit verbreitet ist und die Verkündung der Aufhebung der „Rassentrennung“ noch nicht lange zurückliegt. In dieser Zeit kann man Captain America als soziales Gewissen ansehen, das nicht Amerikas Wirklichkeit widerspiegelt, sondern der Nation ein Ideal vorhält, was anhand der Comics aus den Siebziger Jahren in Bezug auf den Watergate-Skandal noch deutlicher wird: Hier legt Captain America aus Protest gegen die Regierung sein patriotisches Kostüm ab und schlüpft in eine neue Identität.
 
 Captain America hat sich bis in die heutige Zeit immer mit politischen und sozialen Themen der USA oder der Welt auseinandergesetzt, und hat Ideale verkörpert, die zumindest ein Grundmaß an Freiheit und Gleichheit besaßen (sieht man von der verhältnismäßig kurzen antikommunistischen Phase ab), wenn er beispielsweise in Comics aus den Neunzigern die rassistische Terrororganisation „Hydra“ bekämpft, die ein weißes Amerika herbeibomben will. Und nicht zuletzt ist Captain America stets ein strikter Antifaschist gewesen, da er immer wieder gegen den nicht tot zu kriegenden Nazi-Terroristen „Red Skull“ kämpft. Dass ihr Superheld bis heute in Deutschland keine Erfolge erzielen konnte, scheint auch seine Zeichner gewurmt zu haben. Denn der Superheld wird in letzter Zeit immer mehr zum altersblöden Pazifisten, der sich dem deutschen Ressentiment anbiedert, wenn er z.B. in einer Ausgabe Dresden besucht und folgenden Schwachsinn von sich gibt: „Wir haben nicht verstanden, was wir hier getan haben bis zum 11. September. Geschichte wiederholt sich wie ein Maschinengewehr (sic!).“ (2)
 
 A never ending hatestory
 
 Gerade im Land der Mainzelmännchen und Fix & Foxis kommt Captain America überhaupt nicht gut an. Schon der Name des Superhelden erweckt hierzulande alle möglichen ressentimentgeladenen Gefühle, die als berechtigte, auch an Captain America exerzierte, Kritik am dekadenten Amerika dargestellt werden. Oder wie Todd Gitlin schreibt: Antiamerikanismus ist „eine Emotion, die sich als Analyse verkleidet.“ Im Falle Captain Americas hat sich die Süddeutsche Zeitung als die Avantgarde des Antiamerikanismus hervorgetan, indem sie sich genötigt sah, ihren deutschen Senf zum Thema dazu zu geben: Captain America „trägt einen blau-rot-weißen Strampelanzug und redet wie George W. Bush“. Er „verbreitet eine simple Botschaft: Amerika ist super. Das hat er immer gesagt, dafür wurde er im Zweiten Weltkrieg schließlich geschaffen.“ (3) Dabei ist der Autor des SZ-Artikels, Titus Arnu, derjenige, der seine simple Botschaft unter das deutsche Volk bringen will: Captain America = George W. Bush = Schlecht. Diese Losung funktioniert in der Anti-Bush-Nation immer; die zahlreichen Aufmärsche zu Bush-Visiten und die nicht enden wollenden Tiraden in allen erdenklichen Zeitungen von links bis rechts sind ein eindeutiger Beweis dafür. Und auch am Rest des Zitates wird deutlich, dass der Artikel in völliger Ignoranz und Unkenntnis des Comics geschrieben worden ist, wurde Captain America doch eher für antideutsche Mobilisierungszwecke geschaffen als für platten Patriotismus, der bekanntlich jedem Amerikaner vorgeworfen wird, der am 11.September ernst gemeinte Trauer zeigte oder gar hinter der Politik Bushs steht.
 
 Captain America war immer ein Spiegel des Klimas der amerikanischen Gesellschaft, gleichzeitig aber auch der Repräsentant des amerikanischen Ideals, aber ganz sicher nie ein Kommunist. Gerade deswegen wäre Kritik am Comichelden nötig (z.B. an seinem übertriebenen christlichen Glauben in den jüngeren Comics). Doch wäre darauf zu achten, eine solche Kritik als grundsätzlich mit dem amerikanischen Antifaschismus sympathisierende zu formulieren. Diese Kritik wäre daher selbstverständlich antideutsch und unterscheidet sich deshalb grundlegend vom Patriotismusgeseier deutscher Feuilletonisten. Dann, wenn die Deutschen zufrieden nicken, wie etwa beim obigen Zitat Captain Americas zur Bombardierung Dresdens, ist Kritik unbedingt angebracht. Der Autor der Süddeutschen Zeitung freut sich geradezu abgöttisch über die Einsicht Captain Americas in die „amerikanische Kriegsschuld“ (4), von der die Deutschen spätestens seit Der Brand sowieso alle überzeugt sind.
 
 Was bleibt?
 
 Auch in zahlreichen Internetbeiträgen kann man die deutsche Meinung zum Thema nachlesen: „Mich berührt es immer wieder seltsam, daß man hier bei uns leichter mit amerikanischen Nationalismus umgeht als mit einen (sic!) notwendigen deutschen Nationalstolz“ (5), heißt es beispielsweise in einer Captain America-Rezension. Dass man genau das will, was man an Anderen kritisiert, nennt man Projektion, und wie im Töten sind die Deutschen auch darin Meister. Auch hier gilt, was Sebastian Voigt in einem anderen Kontext zum Antiamerikanismus schreibt: „Diese negative Zwangsfixierung (...) auf den amerikanischen ,Konsumterror’ erklärte Wolfgang Pohrt bereits vor einigen Jahren mit ihrem geheimen, kaum unterdrückten Wunsch, sich in einem Meer von Micky-Maus-Heftchen badend vor dem Fernseher eimerweise Coca-Cola über den Kopf zu gießen. Anders lässt sich laut Pohrt die Tatsache nicht deuten, dass (man) ausgerechnet einem Phänomen, dem ,amerikanischen Kulturimperialismus’, den Kampf angesagt hat, gegen das man im Unterschied zu vielen anderen Phänomenen gar nicht kämpfen muss. Es genügt schließlich, sich keine Coca-Cola zu kaufen, wenn man sie nicht mag.“ (6) Genau so verhält es sich mit dem Patriotismus, den man den Amerikanern flächendeckend unterstellt und impliziert somit die Unfähigkeit zur Selbstkritik - eine Eigenschaft, die ja gerade in Deutschland unüblich ist. Und ob sich das jemals ändern wird, ist stark zu bezweifeln. 
 
 
 Anmerkungen:
 
 (1) Eine ausführliche „Biographie“ Captain Americas gibt es unter: http://en.wikipedia.org/wiki/ Captain_America.
 
 (2) http://www.sueddeutsche.de/kultur/ artikel/571/64507/.
 
 (3) Ebd.
 
 (4) Ebd.
 
 (5) http://www.parnass.scram.de/comicdetail.php?nr=242.
 
 (6) http://www.rote-ruhr-uni.com/texte/voigt_antiamerikanismus.pdf.