Ausgabe #21 vom

Heute fährt die 18 bis nach Istanbul

Ereignisse und Ereignislosigkeit rund um den Besuch Erdogans in Köln

JONATHAN SCHRÖDER

Die Menschen, die in Köln leben, entweder hier geboren wurden oder herzogen, weil diese Stadt von der Eifel, dem Bergischen Land oder anderen egal-Regionen Deutschlands aus betrachtet, etwas von einer Metropole zu haben scheint, vertragen neben den beiden Großereignissen CSD und Karneval nicht allzu viel Aufregung. Und auch diese beiden Events liebt der Kölner nur deswegen, da sie ihm Tradition und damit Auftrag zum Ertragen sind. Denn Tradition, als sich vorhersehbar wiederholendes Ereignis, und eine Feindschaft zur Veränderung zeichnen den Kölner aus.[1] Diese Feindschaft geht so tief, dass negative Veränderungen lieber verdrängt werden, als sie zu skandalisieren. Lieber will man nicht wissen, nicht sehen und nicht darüber sprechen, als wahrzuhaben, dass die Entwicklungen und Tendenzen in der Welt und in Deutschland auch an Köln nicht spurlos vorbeiziehen. Alles scheint in dieser Stadt unwirklich verlangsamt, zugedeckt unter der sich selbst belügenden und schunkelnden Volksgemeinschaft, die als Veedel auch dem kritischen Jecken der näheren Betrachtung sich entzieht. Da ist ein eskalierter Aufmarsch von Hooligans gegen Salafisten 2014 oder eine Silvesternacht mit übergriffigen Flüchtlingen wie 2015/16 für die Stadtbevölkerung nur alle zwei Jahre zu verkraften.[2] Allzu schwer fällt es den Kölnern, die Ereignisse im Nachgang kleinzureden, zu verdrängen und zu vergessen, bis kein Ereignis, das über sich selbst hinausweist, mehr übrig bleibt, der Alltag wieder einzieht. Geschehen, Ereignis und Veränderung bedeuten hier so viel Aufregung und Anstrengung, soviel politische Überforderung, auf die im Anschluss nur reflexhaft mit Kein Kölsch für Nazis reagiert werden kann. Am Ende ist Köln im Selbstverständnis jedenfalls immer weltoffen, da ist man sich hier sicher, auch wenn die Welt dieses überdimensionierte und selbstverliebte Dorf, dass nicht nur fußballerisch häufiger Zweite Liga ist, meist recht gut ignoriert. Köln scheint unter den Millionenstädten in Deutschland das Gegenteil von Berlin zu sein; Berlin wo jeder noch so kleine Scheiß medial-emotional hoch gepicht wird und man gerne auf die Straße geht, nicht zuletzt, weil der „kleine Scheiß“ sich in der Zukunft als grauenvolle Avantgarde einer größeren Bewegung oder negativen Tendenz herausstellen kann. Wahn und berechtigtes Unbehagen liegen in Berlin ebenso nahe beieinander wie in Köln Gelassenheit und falsche Toleranz. Es ist die hiesige Dialektik von levve und levve losse, die am Ende aber nicht aufgeht, wenn das, was da bildlich am Leben gelassen wird, in letzter Konsequenz das eigene Leben in Frage stellt. Bis es aber soweit ist, sind die Kölner Großmeister der Verdrängung und Toleranz. Für uns, die Redaktion der Zeitschrift Prodomo, bedeutet das, dass wir eher aus dem Grand Village als aus dem Grand Hotel in den Abgrund schauen.

Nun wurden die Kölner 2018 recht turnusmäßig – es sei an dieser Stelle an die zwei Jahre Regel erinnert – wieder aufgeschreckt: Ein Besuch des türkischen Staatspräsidenten Erdogan, der in den letzten Jahren sein Land geführt hat, als sei Isnogud endlich Kalif anstelle des Kalifen geworden. Am 30.09.2018 kam Erdogan, um die fertiggewordene Großmoschee in Köln einzuweihen. Der ganze Besuch war bundespolitisch und lokalpolitisch eine unangenehme Sache. Erdogan hatte sich durch Verhaftungswellen und Aushebelung von Pressefreiheit wie auch rechtsstaatlicher Strukturen in weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit unbeliebt gemacht, denn die Deutschen – als Geschichts- und Erinnerungsweltmeister – verachten die Feinde der Demokratie. Das tun sie nicht wegen ihres Verständnisses des Rechtsstaates und der freien Presse, sondern weil es unmoralisch ist und den Deutschen nichts lieber ist als die Moral. Bei seinen Anhängern hingegen, die schon 2016 mit geschätzten 40.000 Menschen ebenfalls in Köln zusammenkamen und kollektiv nach der Todesstrafe riefen,[3] konnte Erdogan mit seiner Politik punkten. Er kam also nicht nur in ein fremdes und ihm feindselig gesinntes Land, sondern begegnete auch einer großen Zahl von Freunden, von denen besonders in Köln viele leben, wie die letzten Wahlergebnisse gezeigt haben. Zugleich braucht die Bundesregierung den Islamisten vom Bosporus: Erstens, um sich im Kontrast als weltoffen zu verkaufen und zweitens, um die Flüchtlinge möglichst weit von den eigenen Grenzen unter türkischen Verhältnissen fernzuhalten. Drittens träumt mancher in Berlin zumindest heimlich von einem anti-amerikanischen Block, da Trump den Partner auf der anderen Seite des Atlantiks ja vollends diskreditiert habe, weshalb man nun auch jedem Despoten mit moralisch gutem Gewissen die Hand schütteln kann. Viertens, was mit drittens – letztlich auch zweitens und erstens – zusammenhängt, geht es auch um Absatzmärkte für den brummenden deutschen Exportmotor. Der Besuch war also eine heikle Sache für die deutsche Politik, irgendwo zwischen kritischer Kritik und Hofschranzentum, unter sehr unterschiedlichen innen- und außenpolitischen Zeichen.

Den Kölnern ist auch die Großmoschee selbst durch deren Betreiberverein DITIB im letzten Jahr zum Problem geworden. Nicht nur, dass die Stadthonoratioren sich nicht ordentlich in die islamische Gemeinde integriert fühlten,[4] dem einen oder anderen war inzwischen gedämmert, dass es bei der DITIB sich vielleicht nicht um jenen aufgeklärten und unabhängigen islamischen Dachverband handelt, den man sich vorgestellt hatte. Völlig überraschend hatte sich der Verein als konservativer Dachverband mit klarer Anbindung an den türkischen Staat herausgestellt und es gibt zumindest Verdachtsmomente, dass er nicht einmal vor Spionage in Deutschland zurückschreckt. Sicherlich, 2007 hatte die Georg-Weerth-Gesellschaft Köln wie auch andere in noch recht zaghaften Worten davor gewarnt. So schrieb man damals in einem Flugblatt:

 

Die Ditib ist keine gemäßigte Organisation. Wer das behauptet, der hat sich noch nie die Website dieser Organisation angesehen. Sicher, dort werden keine djihadistischen Kampfaufrufe verbreitet, trotzdem vertritt die Ditib einen konservativen Islam, spricht sich für das Kopftuch aus, hält die Geschlechtertrennung beispielsweise in Schwimmbädern für sinnvoll und sieht im Koran das »Wort Gottes«.[5]

 

Doch vermeintlichen Spinnern wie der GWG wollte man nicht glauben, denn jeder, der damals etwas gegen die Moschee, DITIB oder andere Teile der Schunkelgemeinschaft sagte, der gehörte zu Pro Köln, die derzeit dem Kölner das waren, was heute die AfD der Bundesrepublik ist. Besonders infam war damals der Umgang mit Ralph Giordano. In der Presse wurde angedeutet, was Linke in Flugblättern aussprachen: Der Holocaustüberlebende Giordano stehe in einer Reihe mit den Rechtspopulisten, Antisemiten und Neonazis aus der Partei Pro Köln.

Jahre später hat sich der Ton gewandelt, denn leider haben der Schriftsteller, die GWG und andere Kritiker Recht behalten, und so schrieb 2017 Hildegart Stausberg auf welt.de „Ralph Giordano durchschaute schon früh die Ditib“[6]. Dass die Moschee als „Symbol der Macht des Islams“ zu sehen ist, dass hat Erdogans Besuch und das fehlende Rederecht jeglicher Nicht-Muslime während der Auftaktveranstaltung eindrücklich klargestellt. Letzteres wäre sicherlich zwiespältig zu betrachten und ebenfalls kritikwürdig gewesen, besonders bei dem, was man sich ausmalen kann, hinsichtlich potentieller und nun nicht gehaltener Redebeiträge von möglichen Kandidaten wie OB Reker, ex-OB Schramma oder gar irgendeiner kölschen Kulturgröße, was Karnevalssänger oder Karnevalsband bedeutet hätte. Doch es hätte zumindest bedeutet, dass Erdogan und die DITIB als sein auswärtiges Amt noch des Deckmantels der gesellschaftlichen Einbindung bedürften. Die DITIB hätte sich mit solchen Reden noch einmal zur schunkelnden Volksgemeinschaft bekennen müssen. Doch sie muss nicht mehr, als offizieller Erdogan-Fanclub ist ihre Macht groß genug, als dass sie sich nicht die verstörten Gesichter der Lokalprominenz und einige kritische Artikel erlauben könnte. Mit dem Fehlen der bisherigen Entourage Reker/Schramma ist nun vermutlich auch dem letzten klar geworden, wessen Haus das ist: Das Haus des türkischen Islam, der jenseits seiner konkurrierenden Spielarten, wie der bekämpften und sicherlich ebenso unangenehmen Gülen-Bewegung, immer weniger vom türkischen Staat zu trennen ist. Ein autoritärer Islam für einen ebenso autoritären Staat.

Diese ganze Gemengelage – unbeliebter, ausländischer Staatschef auf Besuch, Fans, Kritiker, Lokal- und Bundespolitik – das ist dem Kölner nicht Recht. Die Einheit aller Schunkelnden sieht er durch Differenzen und Wiederspruch in seiner Stadt bedroht. Dieser Widerspruch führte u.a. dazu, dass Erdogans Triumphfahrt durch Köln von einer kleinen Anfangspannen geprägt war: Es sollte ein Treffen mit dem Ministerpräsidenten Armin Laschet im von der Universität gemieteten und bereitwillig zu Verfügung gestellten Schloss Wahn geben. Die Lokalität, ein Treppenwitz, bedenkt man doch, dass Erdogan die Wissenschaftsfreiheit in den letzten Jahren in der Türkei nicht gerade hochgehalten hat. Die in ihrer Reisefreiheit eingeschränkten und entlassenen türkischen Wissenschaftler können ein Lied davon singen.[7] Zum Glück schaltete sich noch der Verpächter des Schlosses ein und tat das, was der Vernunft nach von der Universität zu erwarten gewesen wäre, und erklärte, dass der politische Besuch nicht durch das Nutzungsrecht der Universität gedeckt sei – die formale Begründung für die Überzeugung der Eigentümerfamilie.[8] Aber vermutlich ist der gescheiterte Besuch des Schlosses rückblickend betrachtet auch eher im Interesse derer, die sich so sehr wünschen, dass Erdogan endlich Deutschland mit Respect begegne. Denn der Despot erweckt mit dem neuen in der Heimat gebauten Präsidentenpalast den Eindruck, dass bauliche Objekte zur Verlängerung des präsidialen Geschlechtsorgans dienen, was darauf schließen lässt, dass er sich wohl kaum von dem kleinen Gutshof am Stadtrand beeindrucken hätten lassen. Trotz also dieses kleinen Missgeschicks, konnte Erdogan die Triumphfahrt zu seiner Großmoschee genießen, säumten doch viele Tausend Muslimbrüder(-Fans) und Graue Wölfe(-Fans) die Strecke – zumindest lies die viele Fingerakrobatik kaum andere Schlüsse zu. Kinder, mit roten Stirnbändern, auf denen Erdogan stand, und die wie die rote Variante der grünen Stirnbänder der Hamas in ihren paramilitärischen Sommerferienlagern aussahen, machten schnell klar, was Dialektik im Islam bedeutet: Sie skandierten wahlweise „Soldaten sterben nicht!“ und „Erdogan, ich würde für dich sterben!“ Auch unangenehm fielen die türkischen Sicherheitsleute auf, die man vorher nicht gut informiert hatte, dass zwar die größte Moschee in Deutschland eröffnet werde, Köln aber dadurch nicht zum türkischem Staatsterritorium werde. Allzu gerne übernahmen sie nämlich die Polizeiarbeit und erweiterten diese sogar noch um die Einschüchterung von Erdogan-Gegnern, bis die echte Polizei eintraf und das Missverständnis aufklärte.[9]

Gegen den ungeliebten Partner Deutschlands versammelte sich, durch Polizei getrennt bzw. geschützt, an den Absperrungen nur ein kleiner Haufen von Kölnern, um ihre Ablehnung dann doch zu zeigen. Der Großteil war schon mit der Verdrängung zu sehr beschäftigt. Einzig einige türkische und kurdische Frauen, die Erdogan und seine Kopftuchmuttis recht deutlich ablehnten, machten dies dann auch lautstark klar. Dem Rest der anwesenden Kölner, einige besorgte Bürger, Grüne und Jusos, fiel nichts anderes ein, als irgendwann Viva Colonia zum traurigsten Protestsong aller Zeiten umzufunktionieren. In dem Karnevalslied heißt es „Da simmer dabei! Dat is prima! Viva Colonia! Wir lieben dat Leben, die Liebe und die Lust. Wir glauben an den lieben Gott und ham uch immer Durscht!“ Damit ist diese Glosse wieder bei der psychopathologischen Beschreibung der Stadt und ihrer Bewohner vom Anfang angelangt. Hier geht es nicht nur um ein bürgerliches Spektrum, welches sich auf keine Demosprüche einigen kann, da sie eben nichts mehr verbindet – im Gegensatz zu der Gegenseite, die durch Islam und türkischer Nation ganz gut sich verbunden fühlt, denn „Nazis raus!“ können sie zumindest gegen die AfD jederzeit rufen, trauen sich aber wegen des möglichen Rassismusvorwurfes nicht, den Protest gegen Erdogan und die DITIB als ebenso antifaschistischen zu begreifen. Es ist also keine fehlende Vergesellschaftung, sondern jene kölsche Pomade, die im Karneval ihren jährlichen Höhepunkt findet, der sogar noch die wenigen Errungenschaften bürgerlicher Subjektivität abgehen. Diese Errungenschaften sind jedoch notwendig für das Erkennen und Aussprechen von Widersprüchen, formulieren von schärfster Kritik, ohne anhängigem Vernichtungswunsch von allem was da als fremd erkannt werden könnte. Doch da diese bürgerlichen Errungenschaften fehlen, da man sich tief in seinem Herzen bewusst ist, dass dieses jederzeit die Mördergrube werden kann, da flieht man sich lieber in die ach so weltoffene Schunkelgemeinschaft, die alle Widersprüche zwischen Kölsch, Bützchen und Antirassismus einebnet.

Mag bei aller Schunkelromantik von Viva Colonia, doch die Liebe zum Leben, der Liebe und der Lust, wie auch der Durst, der sicherlich auf keine Getränke abzielt, die nicht haram sind, noch halbwegs als Kritik am Islam funktionieren, so konnte man doch froh sein, dass der Erdogan-Fanclub nicht mitsang. Nicht nur, dass der Gottglaube kein Widerspruch erzeugt hätte, überhaupt zu glauben, dass man durch kölsche Folklore eine Differenz erzeuge, zwischen sich und den Kölnern, die Erdogan richtig gut finden. Denn nichts anderes als Kölner, Bürger Deutschlands, sind viele Fans des türkischen Despoten. Und gerade die falsche Weltoffenheit der Stadt bezieht diesen Wahnsinn mit ein, lädt ihn ein. Vermutlich hätte der eine oder andere sich sogar gefreut, wenn plötzlich alle – Gegner und Fans – zusammen Viva Colonia geschmettert hätten. Die schunkelnde Volksgemeinschaft hätte ihre Reihen wieder geschlossen, der Wiederspruch wäre aufgehoben. Aber diese geheimen vom Kölsch angefeuchteten Träume der Kölner wurden nicht erfüllt. Leider blieb aber auch der persönliche Wunsch des Autors dieser Glosse aus, dass plötzlich Greenpeace zwischen den beiden Minaretten ein Transparent mit „Atomkraft stoppen“ spannt, um so die naheliegendste Assoziation, die das Bauwerk evoziert, zu unterstreichen: Die eines AKW. Nicht einmal auf die wenig kreativere und auch nur unwesentlich provokantere Idee, Heute fährt die 18 bis nach Istanbul zu singen, ist man gekommen.

Nach über fünf Stunden des Wartens waren dann auch viele Erdogan-Fans ermüdet. Als der demokratisch gewählte Despot der Türkei an seinen Jüngern vorbeifuhr, brandete noch einmal Jubel auf, die Zeichen von Grauen Wölfen und Muslimbrüdern wurde mit den Fingern geformt, dann war plötzlich Stille. Die Bundespresse, die Lokalpresse, alle sekundierten noch wenige Tage. Doch bald war alles in den Brauhäusern und Szeneclubs der Stadt vergessen, wieder völlig verdrängt. Die Großmoschee arbeitet im Sinne Erdogans, die Kölner sind wieder eine Gemeinschaft – oder reden es sich zumindest ein. Irgendwie war es am Ende trotz allem, was hier beschrieben wurde, trotz des Ausnahmezustands inklusive Scharfschützen auf Dächern, gelungen, ein solches Ereignis zum Nicht-Ereignis zu formen, das nichts im Bewusstsein der Menschen dieser Stadt zurücklies, außer eben bei den Fans von Erdogan, die vielleicht in mancher Nacht mit dem wohligen Gefühl einschlafen, die Limousine vorbeifahren gesehen zu haben.

Und der Kölner wäre damit gerne wieder in seinen zumindest zweijährigen Schlaf verfallen, doch es kam anders: Der Hambacher Forst lag zu nahe, so dass die Stadt plötzlich mit „Rettet den deutschen Wald“-Plakaten zur Mobilisierungshochburg der sehr deutschen Öko-Ideologien wurde. Gegen den Energiekonzern RWE fiel die Mobilisierung dann auch wesentlich besser aus als gegen Erdogan, war man sich doch diesmal sicher, auf der richtigen Seite der Geschichte geschlossen zu stehen, und es ging diesmal ja um den deutschen Mischwald, der länger als jedes Reich nun schon bestand. Er stammt sogar aus einer Zeit, bevor das erste Kölsch gebraut und der Grundstein für den Dom gelegt wurde.  Aber das ist eine andere Geschichte. Auf jeden Fall waren die Kölner gegen Ende des Jahres sehr, sehr müde von dem ganzen Stress (Karneval und CSD waren ja schon gewesen und der 11.11. stand noch vor der Tür), sodass man letztlich eisern den gescheiterten Terroranschlag am Hauptbahnhof ignorierte. Aber gut, dieser ist dem Kölner auch aus anderen Gründen kaum ein Ereignis: Denn erstens ging der Anschlag schief und zweitens hat man den IS-Mitgliedsausweis des Täters noch nicht gefunden – und aus der Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit wissen wir, dass jeder, der Böse ist oder Böses tut, einen Ausweis hat oder in einer Mitgliedskartei zu finden ist. Trotzdem, recht viel Erregung für eine Stadt wie Köln, weshalb man sich nun auch mindestens drei Jahre tiefen Schlaf verdient hat.

Die deutsche Bundespolitik ist derweil bemüht, das Verhältnis zur Türkei in dem Maße zu normalisieren, wie man verbal gegen die USA aufrüstet. Dazu gehört dann wohl auch, dass dem kritischen Journalisten Adil Yigit, der bei der Pressekonferenz mit Erdogan und Merkel die traute Zweisamkeit gestört hatte, mit Abschiebung gedroht wird, was im Nachgang als nur ein formaler Zwischenschritt gerechtfertigt wird. Ein Zwischenschritt, um ihm im Anschluss eine andere Aufenthaltsgenehmigung mit weniger Rechten zu erteilen.[10] Es mag sicherlich alles mit formal richtigen Dingen zugegangen sein, jedoch jeder, der einmal in einer Verwaltung gearbeitet hat, der weiß, dass man Prozesse verschleppen und forcieren kann. Erdogan wird das Signal auf seinem Schloss in Ankara auf jeden Fall wohlwollend zur Kenntnis genommen haben. Ärgerlich nur für die so bemühte bundesdeutsche Politik, dass solche kleinen Liebesbeweise von der türkischen Seite weiterhin ausbleiben; mehr noch deren langer Arm in Deutschland in der Form der DITIB sich aus dem Gefühl der eigenen Stärke heraus nicht nur in Köln immer weniger darum schert gesellschaftlich an- und eingebunden zu sein.[11]



[1] Das der CSD sich in die Kölner Folklore so herrlich eingliedert hängt mit seiner Ähnlichkeit zum Karneval zusammen, sind doch die politischen Forderungen des CSD so weichgespült und greifen kaum provokante Themen – wie z.B. den Islam – auf, wie auch der Karneval in seiner politischen Kritik, die mit den Wagen inszeniert wird, sicher und vorhersehbar auf dem Niveau von Neues aus der Anstalt operiert.

[2] Für die Opfer der Übergriffe während der Silvesternacht sind diese selbstverständlich gar nicht und erst recht nicht turnusmäßig zuzumuten, doch die Opfer sind den Kölnern, ebenso wie den Feministinnen und anderen Linken reichlich egal. In der letzten Ausgabe der Prodomo dazu: Pauline Arenz: Bloß nicht über den Islam sprechen. Zu den Reaktionen auf die Kölner Silvesternacht, in: Prodomo 20.

[3] „Erdogan-Anhänger fordern auf Köln-Demo die Todesstrafe“, BZ, 16.07.2016, www.bz-berlin.de/deutschland/erdogan-anhaenger-fordern-auf-koeln-demo-die-todesstrafe.

[4] Besonders der ehemalige OB Schramma jammerte vor dem Besuch in vielen Zeitungen, dass die Zusammenarbeit irgendwie nicht ganz nach seinen Vorstellungen verlaufen sei. „»Die Moschee hat einen großen Makel durch diesen Akt«. Fritz Schramma im Gespräch mit Philipp May“, deutschlandfunk.de, 29.09.2018, www.deutschlandfunk.de/ex-ob-schramma-zu-erdogan-in-koeln-die-moschee-hat-einen.694.de.html

[5] Georg-Weerth-Gesellschaft Köln: „Ralph Giordano hat Recht! Und: Einige Gründe, gegen den Bau der „Zentralmoschee“ zu sein“, 13.06.2007, gwg-koeln.org/archiv/texte/20070713.html.

[6] Hildegart Stausberg: „Ralph Giordano durchschaute schon früh die Ditib“, welt.de, 26.02.2017, www.welt.de/debatte/kommentare/article162391279/Ralph-Giordano-durchschaute-schon-frueh-die-Ditib.html.

[7] „Warum Halil Yenigün in der Türkei keine Zukunft mehr hat“, Tagesspiegel, 26.08.2016, www.tagesspiegel.de/wissen/gastwissenschaftler-in-berlin-warum-halil-yeniguen-in-der-tuerkei-keine-zukunft-mehr-hat/14456732.html.

[8] „Eigentümer-Familie verhindern Erdogan-Empfang auf Schloss Wahn“, SPON, 28.09.2018, www.spiegel.de/politik/deutschland/recep-tayyip-erdogan-schlossbesitzer-wollen-keine-raeume-fuer-treffen-stellen-a-1230697.html.

[9] SPON an dieser Stelle etwas zurückhaltend, dafür mit schöner Bebilderung der freundlich dreinblickenden türkischen Islamo-Faschisten: „Türkische Sicherheitsleute spielen Polizei“, SPON, 30.09.2018, www.spiegel.de/politik/deutschland/recep-tayyip-erdogan-in-koeln-tuerkische-sicherheitsleute-uebernahmen-kurz-polizeifunktion-a-1230899.html.

[10] „Ausländerbehörde dementiert Ausweisung von Adil Yigit“, SPON, 29.10.2018, www.spiegel.de/politik/ausland/adil-yigit-auslaenderbehoerde-dementiert-ausweisung-von-erdogan-kritiker-a-1235747.html.

[11] So warf man im November 2018 die vom Bundesprogram „Demokratie Leben!“ geförderte Beratungsstelle Violence Prevention Network gegen Radikalisierung mit großem Tamtam aus der Berliner Sehitlik-Moschee. Sabine Beikler: „Aus für Präventionsprojekt an Sehitlik-Moschee“, 08.11.2018, tagesspiegel.de, www.tagesspiegel.de/berlin/berlin-neukoelln-aus-fuer-praeventionsprojekt-an-sehitlik-moschee/23597128.html.