Ausgabe #20 vom

Vernichtung und Islam

ANTONI GLORIÓS

„Erklärung zum gesegneten Angriff in Paris gegen das bekreuzte Frankreich

2. Safar 1437


Im Namen Allahs, des Gnädigen und Barmherzigen,

 

Allah, der Erhabene, hat gesagt: ‚Und sie hatten tatsächlich gedacht, dass ihre Festungen sie gegen Allah verteidigen könnten! Aber Allah ist über sie gekommen, wo sie ihn niemals erwartet hätten, und hat ihre Herzen mit Entsetzen erfüllt. Sie haben mit ihren eigenen Händen ihre Häuser zerstört, und mit den Händen der Gläubigen. Lasst es euch eine Lehre sein, die ihr euch von klarer Sicht leiten lasst.‘ (Sure 59:2)

 

Mit einem gesegneten Angriff, den Allah ermöglichte, hat eine Gruppe von Gläubigen unter den Soldaten des Kalifats – Möge Allah diesem die Macht und den Sieg geben! – die Hauptstadt der Gräuelsünden und der Perversion zur Zielscheibe gemacht, die das Banner des Kreuzes in Europa trägt: Paris.


Eine Gruppe, die sich vom Diesseits losgesagt hatte, trat ihrem Feind entgegen, um den Tod auf dem Pfad Allahs zu suchen, um Seine Religion, Seinen Propheten und Seine Getreuen zu verteidigen, festen Willens, Seine Feinde zu demütigen. Sie haben sich vor Allah als Wahrhaftige erwiesen, als solche betrachten wir sie. Allah hat es durch ihre Hand vollbracht und Furcht ins Herz der Bekreuzten gestreut, und zwar mitten in ihrer eigenen Heimat.


Acht Brüder, die Sprengstoffgürtel und Sturmgewehre trugen, haben sorgfältig zuvor ausgewählte Orte im Herzen der französischen Hauptstadt anvisiert: Das Stade de France, wegen des Spiels der zwei bekreuzten Länder Frankreich und Deutschland – welchem der Schwachkopf Frankreichs beiwohnte, François Hollande. Das Bataclan, wo sich Hunderte von Götzendienern zu einer Feier der Perversität versammelt hatten, sowie noch andere Ziele im X., XI. und XVIII. Arrondissement, und all dies gleichzeitig. Paris hat unter ihren Füßen gezittert, und seine Straßen sind eng für sie geworden! Die Bilanz dieser Angriffe beläuft sich auf mindestens 200 tote Kreuzträger und noch viel mehr Verletzte: Das Lob und der Ruhm gebühren Allah! Allah hat unseren Brüdern ermöglicht und gewährt, was sie erhofft hatten (das Martyrium), sie haben ihre Sprengstoffgürtel unter diesen Ungläubigen gezündet, nachdem sie ihre Munition verbraucht hatten. Möge Allah sie inmitten der Märtyrer aufnehmen und uns erlauben, mit ihnen wiedervereint zu werden! Frankreich und jene, die seinem Weg folgen, sollten wissen, dass sie die Hauptangriffsziele des Islamischen Staates bleiben werden, und dass sie weiterhin den Geruch des Todes riechen werden, weil sie die Spitze des Kreuzzuges gebildet haben, weil sie es gewagt haben, unseren Propheten zu beleidigen, sich damit gebrüstet haben, den Islam zu bekämpfen und die Muslime im Gebiet des Kalifats mit ihren Flugzeugen getroffen haben, die ihnen in den übelriechenden Straßen von Paris zu nichts Nutze gewesen sind. Dieser Angriff ist nichts als der Anfang des Sturms und eine Warnung für all jene, die lieber nachdenken und sich dies eine Lehre sein lassen sollten.


Allah ist größer!


‚Denn die Macht steht Allah zu, Seinem Gesandten und den Gläubigen.‘ (Sure 63:8)“

 

Als eine antisemitische Mörderbande am 13. November 2015 in Paris mehrere synchrone Massaker im Namen des Islamischen Staates beging, ließen sich nicht wenige Kommentatoren der deutschen und europäischen Presse dazu verleiten, von einem historischen Paradigmenwechsel zu sprechen. Ein veritabler game-changer für die ganze Gesellschaft, gar die europäische Entsprechung zu 9/11 habe nunmehr stattgefunden, ominierte es so vieldeutig wie nichtssagend durch die Medien.

Nachlesbar vom eigenen Gedächtnis unbehelligt, tippten Berufs- und Hobbyschreibende munter drauflos, der syrische Bürgerkrieg, gar der berühmte Nahostkonflikt seien jetzt endlich real im friedliebenden, demokratischen, vor lauter Zivilität ganz butterweichen Europa angelangt. Als hätte es allein in Paris nicht schon mehr als ein Dutzend Terrorakte nahöstlicher Provenienz gegeben! Der rote Faden, sprich: die ungebrochene Kontinuität antisemitischer Gewalt zur Stiftung orientalisierender Blutgemeinschaften reicht in der französischen Hauptstadt mehr als 40 Jahre zurück. Das erste pro-palästinensische, dezidiert antizionistische Attentat durch den antiimperialistischen Killer Ilich Ramirez Sánchez, genannt „Carlos“, welcher am 30. Dezember 1973 den britischen Geschäftsmann und zionistischen Politiker Joseph Sieff zu erschießen versuchte, korrespondiert trotz des allmählichen Schwerpunktwechsels der terroristischen Legitimierung von Moskau nach Mekka bzw. von Lenin zu Muhammad thematisch mit den jüngsten dschihadistischen Blutbädern. Der Konzertsaal Bataclan war nicht zuletzt als jüdisches Eigentum ins Visier der Mörder geraten.

Die zahlenmäßige Spekulation des IS-Bekennerschreibens erfüllte sich nicht ganz: Als alle Opfer in den Notaufnahmen und Intensivstationen ausgezählt waren, belief sich der body count schließlich auf 130 Tote und 368 Verletzte, davon ca. 100 schwer. Der 1973 noch gescheiterte Mordversuch durch „Carlos“ eröffnete einen ganzen Pariser Reigen blutiger Untaten postkolonialen Terrors, welche im Lauf der Jahrzehnte immer deutlicher metaphysisch begründet wurden. Die vorgeblich neue Dimension der Gewalt von 2015 hatte in den letzten Jahren auch schon Madrid, London und andere Orte Europas heimgesucht und setzte sich seit dem 13. November ungebrochen fort, wie im am 22. März 2016 zum wiederholten Mal grausam betroffenen Brüssel, als drei suicide bombers 32 Menschen mit sich in den Tod rissen.

Erst jüngst am 12. Juni 2016 erschoss Omar Mateen im Tanzlokal Pulse, laut Eigenwerbung „the hottest gay bar in Orlando,“ 49 Menschen. Unmittelbar vor dem Massaker outete sich der geistig gewiss verwirrte und doch völlig zielstrebig Dutzende von Leben auslöschende „Einzeltäter“ als spontaner mudschahîd, als selbstaktivierter Krieger des Dschihad. Doch weder sein zu Ohren des Orlando Police Department eintelefonierter Treueeid auf Abu Bakr al-Baghdadi noch die prompte, jubelnde Anerkennung seiner Bluttat durch den IS irgendwo aus dem syrisch-irakischen Kriegsgeröll durften nach dem Willen des institutionalisierten Antirassismus in Geltung gebracht werden. Sowohl seitens der Obama-Regierung als auch von einer besinnungslos auf politische Korrektheit bedachten Ideologieproduktion wurde das Geschehen sogleich als „homophober Terrorakt“ durch einen lone wolf einsortiert, dessen zügige Psychologisierung als closeted gay die erklärte islamische Triebfeder seines mörderischen Schwulenhasses geflissentlich auszublenden suchte.

Die globale Realität überführt die vielen Versuche rhetorischer Schadenskontrolle als Lügen: Von Florida bis Australien, von Argentinien bis Kenia ist längst ein heiliger Krieg unilateral gegen die als kuffâr1 bezeichneten Ungläubigen ausgerufen worden, genau besehen schon lange vor der Geburt aller seiner heutigen freiwilligen und unfreiwilligen Teilnehmer. Die Welt wird vom direkt begangenen und indirekt gesponserten Terror unzähliger, miteinander konkurrierender Regimes und Rackets befallen, die sich vor Freund und Feind als muslimisch zu legitimieren suchen. Von Marokko bis Indonesien ist noch vor jedwedem Bombenterror der jeweilige Stand der örtlich zusammengeprügelten islamischen Verhältnisse fast ausnahmslos irgendwo zwischen den Parametern „komplett vernagelt“ und „kollektiver Amoklauf“ zu verorten. Der aktuelle Grad rechtsgültiger Absurdität vor Ort wird in den meisten muslimisch dominierten Gebieten zwischen korrupten Clanführern, grausamen Militärrackets und verrückten Muftis ausgeknobelt, die am liebsten Russisches Roulette mit den Köpfen anderer Leute spielen.

Der dschihadistische Impuls ist für den historisch verspäteten, auf die älteren Monotheismen unüberlesbar neiderfüllten Islam konstitutiv gewesen. Das Empfinden kränkender Zurücksetzung durch damalige Christen und Juden, welches die im Koran niedergeschriebenen Drohungen und Verwünschungen durchtränkt, hat sich in späteren Zeiten als unnachahmlich effektive Mobilisierungsideologie für tödlich beleidigte Volksmassen und selbstmörderische Rachekulte erwiesen. Die im Namen Allahs angreifenden Kräfte waren und sind nicht immer miteinander homogen und brauchten es bislang auch nicht zu sein, um das islamische Territorium mit zahllosen äußeren wie inneren Fronten zu überziehen, an denen nach dem Vorbild des durch Allah sattsam Gesandten die Niederwerfung ideologisch absolut unverzichtbarer Glaubensfeinde mittels Schutzerpressung und Raub betrieben wird. Den kuffâr werden gerne – nicht nur, aber speziell seitens salafitischer Strömungen – auch alle von der eigenen Auslegung abweichenden Muslime umstandslos hinzugezählt. Die Umma genannte Weltgemeinschaft der Muslime, etymologisch von umm, dem arabischen Wort für „Mutter“ abgeleitet, findet in keiner ihrer signifikanten Strömungen so etwas wie inneren Zusammenhalt, ohne Feinderklärungen nach außen zu richten. Angesichts jeglichen Widerspruchs zwischen spirituellem Anspruch und verlogener Wirklichkeit, und insbesondere angesichts jeglicher Krise im real existierenden Islam – deren Anlass schon die geringste „Respektlosigkeit“ von Seiten der kuffâr sein kann – ergehen sich muslimische Kollektive immer wieder sogleich in wüsten Projektionen, die sich früher als später treffsicher gegen Israel und die Juden richten.

 

I. MUHAMMAD oder DER LETZTE PROPHET

 

„Wahrlich, ihr habt im Gesandten Allahs ein schönes Vorbild für jeden, der auf Allah und den Jüngsten Tag hofft und unablässig Allahs gedenkt.“ (Sure 33:21)

 

Die massenmörderischen Gräueltaten in Paris, Brüssel und Orlando geschahen, wie schon so viele zuvor, ausdrücklich im Namen Allahs, des imaginären Tyrannen des Alls, und im Namen seines Gesandten Muhammad, von Beruf ursprünglich Wasserträger für die Kameltränken einer Karawanserei. Die Vollstrecker und Verantwortlichen des überwältigenden Gros aller weltweiten, zeitgenössischen Terrorakte berufen sich auf das von ihm in Mekka und Medina verfasste „Auszurufende“ oder „Vorzutragende“, wie Übersetzungen des Titels Qur‘ân lauten. Darin wird das kommende Gericht Allahs beschworen und die diesseitsenthobene Todesweihe der wahren Gläubigen verklärt. Letztere werden nicht wie im Judentum und Christentum als diejenigen definiert, die dem erlösenden Wort Gottes gläubig vertraut und sich zu seinem Bund bekannt haben, sondern vielmehr als solche, die vor den Ohren zweier anderer Muslime offiziell schahada, das primäre islamische Glaubenszeugnis, abgelegt haben und an salât, der täglich fünffachen Proskynese zu Ehren Allahs teilnehmen, also an der mündlich vorgebrachten und leiblich dargestellten Unterwerfung im gemeinsamen Gebet gen Mekka. Die Absage eines Muslims allen Versuchungen, Sünden und korrupten Weltläuften gegenüber hüllt sich nach dem Beispiel ihres Gründers mit bezeichnender Äußerlichkeit in eine gesetzliche, kleinliche und unredliche Frömmelei. Islamische Spiritualität bleibt auf breiter Ebene in jeder ihrer ostentativen Gesten und Handlungen so dezidiert penibel wie aufs fromme Ansehen bedacht, ohne wirkliches Interesse am Seelenleben der Allah Unterworfenen zu zeigen2.

Muhammad war als Sechsjähriger Vollwaise geworden und bei seinem Onkel aufgewachsen, einem Händler, den er mehrmals auf seinen Karawanen nach Syrien begleitete, wo er mit jüdischen und christlichen Gläubigen in Kontakt kam. Er war ungefähr vierzig Jahre alt, als er über den Sittenverfall und Stämmezwist im vorislamischen Wallfahrtsort Mekka in große Besorgnis geriet. Innerlich aufgewühlt durch lebhafte Träume, die sich ihm fortwährend zu erfüllen schienen, und vom unabweislichen Wunsch angetrieben, sich vor den Menschen zurückzuziehen, drängte es ihn immer wieder, auf einen einsamen Hügel unweit der alten Pilgerstadt zu steigen, um in einer sehr kleinen und engen Höhle namens Dschar Hîra‘ stundenlang zu beten. Der nur unter beträchtlichen Mühen zugängliche Eingang der Höhle, heute eine optionale Station der Haddsch, blickte aus wenigen Kilometern Entfernung direkt auf das alte Heiligtum der Kaaba, in welcher damals 360 verschiedene Schutzgötter der weit verstreuten arabischen und anderen Stämme aufgestellt waren3 – unter ihnen eine höhere Entität namens Allah.

Muhammad indes war nach seinem eigenen Bericht tief ins Gebet versunken, als ihm dort im Monat Ramadan des Jahres 610 plötzlich der Erzengel Gabriel erschien, der dem Berufenen Allahs befahl: „Trage vor!“ Als dieser erwiderte, er sei des Lesens unkundig und wisse nicht vorzutragen, ging der offenkundig asphyxiophile Engel dazu über, ihn grausam zu würgen, „bis ich dachte, das ist der Tod,“ wie Muhammad selbst berichtete. Und wie sehr er Recht haben sollte! Als der Würgeengel ihn wieder losließ, befahl er ihm ein zweites Mal, lesend vorzutragen. Muhammad antwortete das Gleiche wie zuvor und die ganze Tortur wiederholte sich erneut. Nach der dritten Attacke aber fragte Muhammad schließlich: „Was soll ich denn vortragen?“ woraufhin ihm der himmlische Koran4 gezeigt und die ersten Verse der Sure 96 mitgeteilt wurden: „Trage vor im Names deines Herrn, der alles erschaffen, der den Menschen aus einem Blutklumpen erschaffen hat! Trage vor, denn dein Herr ist der Edelmütigste! Er hat den Gebrauch des Schreibrohrs gelehrt, hat dem Menschen gelehrt, was dieser zuvor nicht wusste.“ (Sure 96:1-5) Auf diese Weise – von schierer Todesangst überwältigt – fand der islamische Religionsstifter zum Glauben.

Der billige und verantwortungsscheue, dafür symbol- und amulettverliebte Fatalismus vieler unter den muslimischen Massen speist sich direkt aus der grundlegenden Idee von Allahs absoluter, unbeschränkter Souveränität seinen Geschöpfen und selbst seinen eigenen moralischen Kategorien gegenüber. Das permanente Ausgeliefertsein aller Wesen an die gnadenlose Willkür Allahs rührt nicht zuletzt aus der maßlosen Machtgier seines Verkünders Muhammad, welcher im weiteren Verlauf seiner Prophetenkarriere auch nicht zögerte, die billigste tagespolitische oder seinen sonstigen Interessen dienende Ausrede zu einer weiteren Offenbarung aufzuwerten, so es ihm opportun erschien. Und ebenso wenig zögerte er damit, inopportun gewordene Mitteilungen seines imaginären Auftraggebers flugs per göttliches Dekret wieder aufzuheben5, wenn sie ihm nicht länger in den Kram passten6.

Muhammad begann nach einer dreijährigen Phase verborgener Missionstätigkeit ab dem Jahr 614 mit der öffentlichen Verkündigung des Islam in Mekka. Er musste dafür viel Spott und Repression erleiden, gewann aber dadurch auch seine ersten Anhänger über den eigenen Familienkreis hinaus: Es waren vor allem jüngere Brüder und Söhne reicher Kaufleute Mekkas, Unzufriedene und Benachteiligte im Gefüge der Stammespolitik und schutzlose Fremde, die sich um Muhammad zu sammeln begannen. Nach einigem taktischen Lavieren wandte er sich schließlich immer offener gegen den Polytheismus in Mekka und überwarf sich dabei mit dem religiös-politischen Establishment seiner Heimatstadt. Er hatte nun vor allem die Rache des eigenen Stammes zu fürchten, den die Kaaba schützenden und von ihr am Meisten profitierenden Quraisch. Es war Muhammad aber zuvor gelungen, auch unter den jährlich zur Kaaba wiederkehrenden Pilgern aus dem ca. 450 Wegkilometer entfernten Yathrib immer mehr Anhänger zu gewinnen. Yathrib war eine im Vergleich zu Mekka eher agrarisch geprägte Siedlung, in welcher Muhammad, vielleicht aufgrund der dort ungleich stärkeren jüdischen Präsenz, einen weit fruchtbareren Nährboden für seinen bilderstürmenden Monotheismus vorfand. Die ca. 450 Wegkilometer von Mekka entfernt liegende Oase wurde schon seit einem Jahrhundert von tiefen, schier unversöhnlichen Blutfehden zwischen dem knappen Dutzend dort wohnender Stämme zerrissen: Zwei heidnisch-arabische und drei jüdische größere Gruppierungen bekriegten sich mit einer solchen talionischen Gewalt, dass man zuletzt im Jahr 617 durch die blutige Eskalation der Schlacht von Bu‘ath einen regelrechten Aderlass unter den maßgeblichen Persönlichkeiten der Stadt hatte erleiden müssen. In der hoffnungslos zerstrittenen und nunmehr relativ führungslosen Gemeinde fanden sich immer mehr Menschen dazu bereit, den politisch scheinbar völlig außenstehenden Gottesmann aus dem ruhmreichen Mekka und seinen verelendeten Anhang aus großteils Händlern und Handwerkern aufzunehmen. Da Muhammad sich laut der Propaganda seiner Emissäre und Gläubigen, die ihm bei der Flucht nach Yathrib vorausgegangen waren, um der unverbrüchlichen Einheit und Einzigkeit Allahs willen sogar mit seiner eigenen Quraisch-Blutsverwandtschaft verkracht und auch allen ihren Drohungen und Bestechungsversuchen widerstanden hatte, erschien er immer mehr kriegsgeplagten Einwohnern Yathribs als geeigneter, weil stammesmäßig unabhängiger Schiedsrichter ihrer Streitigkeiten. Eine größere Fraktion der Stammesältesten Yathribs entsandte schließlich eine offizielle Delegation nach Mekka, um Muhammad, dessen weiterer Aufenthalt dort immer gefährlicher geworden war, den Posten als Vertreter des übergeordneten Willen Allahs anzutragen. Mit seinem „Auszug“ (hidschra) im Jahr 622 n. Chr. beginnt die Zählung des islamischen Kalenders, und Yathrib wurde noch zu Lebzeiten Muhammads in Madînatu an-Nâbî (Stadt des Propheten) umgetauft. Heute heißt es kurz Medina. Muhammad begann als erstes, die zwei verfeindeten Araberstämme Yathribs miteinander zu versöhnen, unter denen er bereits einige Anhänger hatte. Er setzte mit ihrer Hilfe die „Gemeindeordnung von Medina“ ein, in der zunächst alle Stämme der Stadt – inklusive der Juden – als Teil einer im Namen Allahs gestifteten „einheitlichen Gemeinschaft“ (umma wâhida) verstanden wurden. Jede community sollte fortan ihre eigenen Kosten tragen, durfte vorerst ihre eigene Religion befolgen, hatte Gewaltakte gegen die anderen Stämme des Paktes zu unterlassen und musste bereit sein, gemeinsam mit ihnen jeden Angriff von außen – namentlich der Quraisch – abzuwehren. Und alle sollten in erster und in letzter Instanz auf die Führung Allahs vertrauen, unfehlbar übermittelt durch die Dekrete seines Gesandten, durch wen denn sonst?

Die jüdischen Stämme hatten zwar ebenfalls den Pakt unterzeichnet, aber ihre Anerkennung Muhammads als neuen Propheten des einen, wahren Gottes ließ mit sehr wenigen Ausnahmen auf sich warten. Muhammad musste mit seinem Anspruch aufs Prophetenamt bei den Juden bereits daran scheitern, dass er keine jüdische Abstammung vorzuweisen hatte. Seine Lügen und Manipulationen, seine Schübe immer schon tödlichen Beleidigtseins hatten ihn ohnedies schon früh mit jüdischer Opposition in Medina konfrontiert. Nicht zuletzt die qualvollen, anfallartigen Trancen7, unter denen er seine Offenbarungen zu empfangen behauptete, hatten ihm die ultimative Beleidigung madschnûn eingebracht, deren Wortwurzel dschinn ist. Sie nannten ihn vor den Ohren der ganzen Stadt und vor seiner aus Mekka mitgeflohenen Anhängerschaft also nicht nur einen ungebildeten Narren, sondern einen dämonisch Besessenen. Den damals verfügbaren Begrifflichkeiten gemäß entsprach dies am Ehesten der heutigen Idee eines gefährlichen psychisch Gestörten. Diese empfindliche und vor allem öffentliche Kränkung des angeblich demütigen und selbstlosen Propheten durch seine Thora-kundigen Widersacher theologisierte sich mit Muhammads zunehmender Machtfülle zum programmatischen, arabozentrischen Judenhass und rückte immer weiter ins Zentrum seiner endzeitlichen Lehre.

Mit weitreichenden Folgen war der ambitionierte Seher durch die Juden Medinas, von denen er als noch relativ machtloser Flüchtling Bestätigung erwartet hatte, als Schriftunkundiger überführt worden, etwa weil er die Schwester Moses und die Mutter Jesu aufgrund des gleichen Namens für die gleiche Person hielt. Muhammads öffentlich bloßgestellte Unkundigkeit betraf sein Unverständnis der Thora, wobei es nicht nur um eklatantes Unwissen in Sachen Judaica ging, und auch nicht nur um mangelhafte Auffassungsgabe. Vielmehr entlarvten seine jüdischen Opponenten auch sein viel grundsätzlicheres Verkennen dessen, was metaphysisch investierte Menschen als den Geist8 der kanonischen Schriften des Judentums bezeichnen würden. Muhammad entging die vielstimmige und über Jahrhunderte hinweg aufeinander Bezug nehmende Reflexion darin, er verstand den Unterschied zwischen dem jüdischen Anspruch9 und seinen sturen Behauptungen nicht.

Muhammad ließ Allah im Koran sich offen ob seiner Verschlagenheit und Hinterhältigkeit brüsten, ganz prominent in der 3. Sure „al-‘Imrân“, die sich insbesondere der Auseinandersetzung mit dem Wahrheitsanspruch der vorangegangenen Monotheismen widmete. Diese frühmedinensische Sure wurde 624, also zwei Jahre nach der Hidschra „herabgesandt“. Muhammad hebt darin kaum an, den Gottessohn und Erlöser der Christen als einen unverstandenen Propheten des Islam darzustellen, da kommt schon seine Rede alles andere als zufällig auf die angeblichen Machenschaften der Juden zur Zeit der Evangelien zu sprechen. Die Juden würden zwar zum gleichen Gott wie die Muslime beten, sie hätten aber die ihnen einst zuteil gewordene Offenbarung durch Mose böswillig verfälscht und heimtückisch gegen Jesus und andere Gesandte Allahs konspiriert. Der unendlichen „Verschlagenheit“ der biblischen Juden stellte Muhammad, mit Blick auf viel aktuellere Hassobjekte, eine um jedweden Wahrheitsbegriff unbekümmerte Gottesgerissenheit entgegen: „Und sie schmiedeten eine List, und Allah schmiedete eine List; und Allah ist der listigste der Listenschmiede.“ (Sure 3:54)

Zur Zeit dieser Offenbarung, die Muhammads Hauptproblem ausplaudert, waren die jüdischen, ursprünglich von der neuen Gemeindeordnung Medinas mitgeschützten Stämme der Qainuqâ‘10, Nadîr11 und Quraiza12 in sein Visier geraten. Zum Unterhalt des mit ihm vertriebenen und verarmten mekkaner Anhangs war er ab 623 dazu übergegangen, die Karawanen Mekkas aus dem Schutz Medinas heraus überfallen zu lassen. Die verteilte Beute dieser Überfälle ließ die Reihen des Islam in Medina durch neue Muslime wundersam anwachsen. Kaum ein wenig an Mannstärke erstarkt, verfügte Muhammad im Februar 624, dass alle Muslime fortan gen Mekka anstatt wie bislang in Richtung Jerusalem zu beten hätten. Ein arabisch-antijüdischer Schulterschluss festigte die muslimische Komplizengemeinschaft, als die die Umma sich nunmehr konstituieren sollte. Insbesondere der schlagende Sieg in der Schlacht von al-Badr, als die Truppe Muhammads im März 624 ein zahlenmäßig dreifach überlegenes, aber in sich uneiniges und unentschlossenes Heer aus Mekka hinwegfulminierte, wurde als göttliche Intervention Allahs zugunsten des Islam propagiert und verschaffte seinem Gesandten nunmehr genug Ansehen und Macht, um seine nächsten innenpolitischen Schritte wagen zu können.

Die koranische Eröffnungssure al-Fâtiha, „die Öffnende“, die gewissermaßen das Vaterunser des Islam darstellt, lässt alle frommen Gläubigen im Zuge der fünf salât-Gebete mit ihren jeweils vorgeschriebenen Wiederholungsabläufen mindestens siebzehnmal täglich „zum Herrn am Tag des Gerichts“ beten, voller Dank dafür, zu jenen „auf dem geraden Pfad derer, denen Du Gunst erwiesen hast“ zu gehören und nicht zu „denen, die Deinen Zorn verdient haben“ oder „denen, die fahrlässig in die Irre gegangen sind“ (Sure 1:7). Gemäß einer Hadith aus der Sammlung at-Tirmîdhis – einer kanonisierten Überlieferung also, die allgemein als sahîh, als authentische und bindende Antwort Muhammads auf die diesbezügliche Nachfrage seiner Anhänger anerkannt wird – handelt es sich bei denen, die laut diesen Versen Allahs Zorn verdient haben, um die Juden, und bei den fahrlässig in die Irre Gegangenen um die Christen. Das zentrale muslimische Gebet ist eine trostlos repetitive Konditionierung knechtischer Gratifikation, die ihr Gottvertrauen in der Herabsetzung der beneideten Konkurrenz sucht und die so zu ihrer Selbstversicherung stets auf identitären Judenhass und aggressive Christenverachtung zutreibt.

Anders als die älteren Monotheismen begriff sich der Islam von frühester Zeit an als diesseitiger Kriegstross, als fanatische Armee der Endzeit. Muhammad beanspruchte, der auserwählte Führer einer heiligen Kriegerschar zu sein, die rückhaltlos und todeslüstern die „Unreinen“ bekämpfen und von ihnen blutige Tribute zur Ehre Allahs fordern sollte, bis der ganze Erdkreis durch das Schwert unterworfen wäre und den Getreuen als Siegesbeute anheimfiele. Der religiöse Eroberungszug zeigte sich an der eigentlichen Missionstätigkeit von den ersten Erfolgen an auffällig häufig desinteressiert und zog es in unterworfenen Beuteterritorien vielmehr regelmäßig vor, die entrechteten Christen, verhassten Juden und vollends rechtlosen Polytheisten als solche identitär zu fixieren. Die beiden älteren Gotteslehren, Objekte des unverständig hinterherkapierenden Ideologie- und Zivilisationsneides der beduinischen Peripherie Ostroms, wurden vom Beginn des islamischen Eroberungszuges an zu Gegenständen eitler, wütend triumphalistischer Machtvorführungen, deren obsessives Überlegenheitsgehabe die spätere Institutionalisierung ihres dhimmî-Status unter Omayyaden und Abbassiden begründete. Die so dhimmisierten, andersgläubigen Monotheisten lebten unter der vielgerühmten islamischen „Toleranz“ vom Tag ihrer Eroberung an als prekäre Schutzbürger, die dem jeweiligen Beherrscher der Gläubigen regelmäßige Unterwerfungsgesten und nicht zuletzt den Extratribut der Kopfsteuer zu entrichten hatten. An ihnen profilierten sich „gütige“ Sultane und rächten sich „eifernde“ Kalifen, bereicherten sich Sklavenhändler und tobten sich aufständische Mobs aus. Die unterworfenen Juden und Christen wurden von ihren islamischen Souveränen bedarfsweise auch über längere Strecken toleriert, freilich ohne dass sich ihr unmündiger Status je grundlegend geändert hätte. Die islamische Raubökonomie bedurfte des lukrativen Ertrags aus der Sonderbesteuerung jedes dhimmî, und die islamische Identität suchte immer neue Genugtuung darin, die Glaubensnachfahren der einstigen Kritiker und Spötter Muhammads herabzusetzen, um sich der eigenen Überlegenheit zu versichern. Den polytheistischen Heidenvölkern Zentralasiens und Nordafrikas erging es noch weit tödlicher, denn sie erinnerten die religiös mobilisierten Beduinen darüber hinaus an die eigene Vergangenheit in der sogenannten dschâhilîya, der prä-islamischen „Unkundigkeit“ in magischer, schriftloser, zurückgebliebener Barbarei. Animistische, hinduistische, zoroastrische oder jesidische „Götzendiener“ und „Teufelsanbeter“ wurden von den Schwertern des Propheten ohne das geringste Zögern summarisch zur Versklavung, wo nicht zur Auslöschung verdammt, wie um damit die Wiedergeburt der heidnischen arabischen Stämme als einziges, der vollen göttlichen Offenbarung getreues „Volk des Buches“ (ahl al-kitab) zu besiegeln.

„Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen“ wird im Koran jede der 114 Suren eingeleitet (mit Ausnahme von Sure 9). Die unablässige Beteuerung erweist sich eben dadurch als hohl und inhaltslos, dass sie an keiner Stelle mit den erratischen, hinterhältigen und rachsüchtigen Aussagen der Gottheit je ernsthaft zu kollidieren scheint. Auch und gerade die treuherzigsten Nachfolger Allahs sehen sich durch die gläubige Rezeption der koranischen Offenbarung immer wieder neu verunsichert. Die Tyrannenlaunen, Machtintrigen und regelmäßigen Vollausraster Muhammads erhielten durch seine Ich-Projektion ins Göttlich-Metaphysische des Koran carte blanche, so dass Allah zwar allerlei narzisstische Bedürfnisse übererfüllte, doch um den Preis der unaufhebbaren Angst vor der ewigen Strafe, vor dem heimtückischen Hereingelegtwerden durch Muhammads allzu offenkundig selbstverliebtes Hirngespinst. In einer als besonders authentisch angesehenen Hadith erklärte der Gesandte, dass die Muslime am Tag des Gerichts als einzige gerettet werden würden, zunächst „einschließlich der Heuchler unter ihnen.“ Aber „Allah wird zu ihnen in einer anderen Gestalt kommen, als sie Ihn kennen, und wird sagen: ‚Ich bin euer Herr.‘“ Die nun aber wirklich wahren Gläubigen würden dann angesichts des göttlichen Täuschungsversuchs erwidern: „Wir suchen Schutz vor dir bei Allah. Dies ist unser Platz, bis unser Herr zu uns kommt, und wenn unser Herr zu uns kommt, werden wir ihn erkennen.“ Pech für die „Heuchler“, denn ihnen würde ihr Muslimsein schließlich doch nichts genützt haben! „Dann wird Allah in der Gestalt bei ihnen [den weiter Wartenden] erscheinen, die sie kennen, und wird sagen: ‚Ich bin euer Herr!‘ Und sie werden sagen: ‚Du bist unser Herr!‘ Und sie werden Ihm dann folgen.“ (Bukhari Bd. 8, Buch 76, Kap. 52, Hadith 577)

Nun mag bei einem Muslim, also per definitionem einem ikonoklastischen Monotheisten, die bange Frage aufkommen, inwiefern und woran die Gläubigen bei der „richtigen“ Erscheinung Allahs den gestaltlosen Allherrscher denn überhaupt erkennen sollten, und auch hierauf gibt eine als gesichert geltende Hadith gerne Auskunft: „Wenn [nach der Höllenfahrt aller Nicht-Muslime] nur noch diejenigen übriggeblieben sind, die [zu Lebzeiten] einzig Allah angebetet hatten – sowohl die Gehorsamen als auch die Böswilligen – und sie alle sagen: ‚Und jetzt warten wir auf unseren Herrn,‘ dann wird der Allmächtige zu ihnen in einer anderen Gestalt kommen als in jener, die sie zuerst gesehen hatten, und Er wird sagen: ‚Ich bin euer Herr,‘ und sie werden sagen: ‚Du bist nicht unser Herr.‘ Und keiner wird dann zu Ihm reden außer die Propheten, und dann wird zu ihnen gesagt werden: ‚Kennt ihr irgendein Zeichen, durch das ihr Ihn zu erkennen vermögt?‘ Sie [die Propheten] werden antworten: ‚Das Schienbein,‘ [sic!] und so wird Allah dann Sein Schienbein aufdecken, woraufhin jeder Gläubige sich vor Ihm niederwerfen wird, und es werden nur die stehenbleiben, die sich bloß zum Schein vor Ihm zu verneigen pflegten, und bloß, um einen guten Ruf zu haben. Diese Leute werden versuchen, sich ebenfalls zu verneigen, doch ihre Rücken werden sich versteifen wie Holzbretter, so dass es ihnen misslingen wird. Dann wird die schmale Brücke über dem Höllenschlund gespannt…“ (Bukhari Bd. 9:93 Kap. 24 Nr. 532b)

Es ist Menschen, die von einem solchen irrationalen Zwangssystem verschont aufwuchsen, kaum die Wirkung der skurrilen Elaborate auf das Bewusstsein nachvollziehbar zu machen. Die Lächerlichkeit eines Gottes, der wie das billigste Klischee weiblicher Verlockung beim Autostoppen etwas Bein zeigt und dessen heilige Haxe nur von den wirklich wahren Liebhabern erkannt und gewürdigt werden kann, ist dem Außenblick offenkundig. Doch der relevantere Punkt hier ist die unversiegliche Lust Allahs an fortgesetzten Selektionen selbst unter den „Geretteten“, an immer neuen Tests und Prüfungen, welche nur scheinbar die Rettung, in Wirklichkeit vielmehr die permanente Dezimierung zum Thema haben. Es geht bei dieser Eschatologie alberner cliffhanger um die genüssliche Identifikation des vollends Unterworfenen mit der kindischen Willkür Allahs, bis hin zur verabsolutierten Koketterie eines „prüfenden“ und „verkleideten“ Gottes, welcher nicht zulassen kann, dass sich in Bezug auf das Jenseits irgendjemand jemals in Sicherheit wiegen darf.

Gegen diese allgemeine, jedes Individuum isolierende Bedrohung hüllen sich zahllose Muslime in einen falschen Fatalismus, der zu panisch-opportunistischen Kriegserklärungen „reinigenden“ Gotteseifers gegen alle „Unreinen“ zu greifen versucht ist, wenn Höllenängste13 die Einzelnen ob ihrer persönlichen Sünden überwältigen. Nach salafitischem Verständnis etwa, das mit der in Saudi-Arabien herrschenden Lehrschule Hanbalis konform geht und mit Recht auf zahlreiche Bestätigungen im Koran und der Hadith verweist, macht die unbereute Vernachlässigung des fünfachen täglichen Gebets eines Muslims diesen zum Ungläubigen14. Darum sagten sich die Pariser Mörder wie alle suicide bombers vor ihnen mit so übergeschnapptem Jubel vom brisanten Diesseits los. Nicht nur unter den zahlreichen Anhängern des totalen Endzeitkrieges wird der Eintritt in die Seligkeit der für Allah im Dschihad Gefallenen furchtsam bewundert und beneidet15. Auch unter den vielbeschworenen „moderaten“ Subjekten des Islam beziehen viele eine selbstgefällige Gratifikation aus der tradierten und gefeierten Todesverliebtheit der mudschahadîn, der im Dschihad engagierten Krieger Muhammads seit der islamischen Gründungszeit.

Die aufgesetzte Abgeklärtheit des muslimischen Selbstverständnisses ekelt sich gerne ostentativ vor all den Erniedrigungen des leiblichen Daseins, dessen Äußerungen panisch unterdrückt und verbotenerweise unablässig begehrt werden. Folgerichtig, wenngleich nicht zwangsläufig gelangen die Gläubigen in der Identitätskrise zur glorifizierten Jenseitsgewandtheit der mudschahadîn, zum maßlosen Rachedurst gegen alles Lebendige: Auch und gerade gegen das eigene Leben richtet sich eine verächtliche Abgeklärtheit, die der islamische Idealist als Trost und als gottgefälligen Kitzel empfindet. Die vom Madrider Massenmörder Abu Dujan al-Afghani 2004 ausgegebene, siegesgewisse Parole gegen den abendländischen Feind lautete: „Ihr liebt das Leben, und wir lieben den Tod, was ein Exempel für das ist, was der Prophet Muhammad gesprochen hat.“ 

Die „beknackteste Religion überhaupt“ (Michel Houellebecq) ist, was ihre vielbeschworene Vielfältigkeit angesichts der Idiosynkrasie stets neuer Blutbäder angeht, ein im Lauf der Zeit und durch lokale Verhältnisse und Verhängnisse verschieden korrumpiertes, verschieden schlecht beruhigtes, verschieden die Menschen unglücklich machendes Gotteskriegertum. Sie gelangt nicht zur moralischen Evidenz, denn ihr Wahrheitsbegriff ist geradezu postmodern, also nichtexistent. Ihr Stifter war trotz zweifelloser rhetorischer Fähigkeiten ein monotheistischer Produktpirat minderer Güte, ein umherschweifender Schausteller mit dem theologisch dürftigsten Kasperletheater im Repertoire. Sein Unverständnis etwa der jüdisch-christlichen Begriffe „Martyrium“ (Glaubenszeugnis in Wort und Tat), „Opfer“ (Gnadenerweis durch Stellvertretung) oder „Gottesfurcht“ (Wahrheitsliebe und Bereitschaft zur Herzensumkehr), suchte der sie ohne Verständnis mit seiner endgültigen Offenbarung überbieten wollende Religionsgründer durch fanatische Affirmation äußerlichster, formalistischster Gesetzlichkeit zu usurpieren. Der mekkanische Grundstücksverkäufer jenseitiger Fata Morganas war der denkbar schlechteste, weil im Wortsinn religiöseste von allen falschen Propheten: Zahllose Suren und Hadithe erweisen ihn durch seine eigenen Worte und Taten als denkfaulen und unredlichen Abschreiber einer unverstanden gebliebenen Ethik. Akkreditierte Zeitzeugen lassen durch viele relativ gut gesicherte Anekdoten und Zitate das Bild eines spätantiken Gangsta-Rappers entstehen, der sich und die ihm Hörigen kokainös an der Blutrünstigkeit des von ihm angezettelten Dschihad berauschte, und der sich selbst und seiner wachsenden Räuberbande eine hierzu passgenaue Scharia anzufertigen wusste, welche ihm das unveräußerliche Recht verlieh, von allem Besitz zu ergreifen, wonach sein Auge nur begehrte. Seine Verstohlenheit beim Erteilen diskreter Mordaufträge hätte einem Mafia-Paten zur Ehre gereicht, wie etwa, als er (nach einem Bericht seines wichtigsten Biographen Ibn Ishaq) nach seiner Ankunft in Medina nicht nur auf die störrischen Juden, sondern auch auf den Widerstand einer berühmten Poetin namens Asma bint Marwan stieß, die dem zunehmenden Einfluss der Endzeittruppe mit öffentlichen Spottversen und Warnungen Widerstand zu leisten suchte. Ihr beizeiten zuzuhören hätte den Einwohnern Medinas und auch zahllosen anderen Menschen in späteren Jahrhunderten vielleicht großen Kummer ersparen können, wer weiß! Doch der alerte Hassprediger rief vor den Ohren seiner gehirngewaschenen Anhänger die gleichsam niemandem und allen gestellte Frage aus: „Wer wird mich nur von Marwans Tochter befreien?“ Woraufhin sie in der gleichen Nacht im Schlaf von einem frühen Helden des Dschihad erdolcht wurde. Allein das Register der vom Urvorbild aller Muslime direkt angeordneten Morde aus Habgier, Rache oder verletzter Eitelkeit erweist ihn als neidzerfressenes, intrigantes und machtversessenes Rumpelstilzchen, die von ihm losgetretenen Feldzüge führen ihn als manipulativen, terroristischen Räuberhauptmann vor, seine über sein ganzes Werk verstreuten Sexualängste und -begierden überführen ihn als komplexbeladenen Maulhelden, der sich straflüstern in mörderischen Gerichts- und Höllenszenarien entlud, als paranoiden und kontrollsüchtigen Feigling, der voller falscher Skrupel ständig um seine mickrige Ehre fürchtete, obwohl er selber es war, der sie mit seinen haltlosen Leidenschaften unrettbar befleckte. Und was für ein schlechthin monumentales Arschloch dieser herrschsüchtige Phallokrat, der sich selbst per Offenbarung zum Ideal- und gleichzeitigen Ausnahmemenschen erklärt hatte, im Hinblick auf die Frauen gewesen sein muss, lässt sich nicht nur mit unüberlesbarer Deutlichkeit dem Koran und den Hadithen entnehmen: Es erweist sich anhand jeder Lokalität, wo solche erbärmlichen, aber alles andere als erbarmungswürdigen Männer herrschen, die sich zu ihm als dem wahren Ausrufer Gottes bekennen und sich auf seine Lehren und sein persönliches Vorbild berufen.

Das jeweils örtliche und nicht zuletzt individuelle Ausmaß handfestester Misogynie variiert freilich und lässt sich auch gewiss nicht nur in der islamischen Welt verorten. Aber Muhammads Koran impft muslimischen Männern wie keine andere Schrift den absoluten Vorrang erzpatriarchalen Besitzens effektiv ein, noch vor jeglicher Idee von Liebe, Wahrheit, Freiheit. Gegen den männlichen Kontrollverlust über die Frauen, genauer: schon gegen die schiere Furcht davor wird den Gatten der strafende Liebesentzug und ein kleines bisschen Haue anempfohlen. Der betreffende Vers ist ein normatives Einfallstor für die Verhüllung, Versklavung, Verschacherung, Verstümmelung und bedarfsweisen Vernichtung der „erschreckenden“ Frauen. Muhammad brachte es hier programmatisch auf den Punkt: 

„Die Männer stehen für ihre Frauen gerade wegen des Vorrangs, den Allah ersteren statt letzteren verliehen hat, und weil erstere es sind, die ihren Besitz für letztere aufgewendet haben. Darum sind die anständigen Frauen demütig und ergeben und hüten das zu Verbergende, weil Allah darüber wacht. Und diejenigen Frauen, deren Auflehnung euch erschreckt: Ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie! Wenn sie euch dann aber gehorchen, ergreift keine Maßnahmen mehr gegen sie. Allah ist erhaben und groß.“ (Sure 4:34)

Muhammad predigte absolute Abstinenz von allem, was einem ungebildeten Beduinenscheich des 6. Jahrhunderts als harâm vorkam, zuvörderst Schweinefleisch, Alkohol und unreglementierte Lust. Die genussfeindliche Versagung ist das Dauerthema immer neuer Überbietungen des jüdischen Auserwählungsanspruchs und der christlichen Gnadenlehre. Der Islam eifert und sorgt sich vorrangig um seine öffentliche Anerkennung als die bedingungsloseste, wortwörtlichste, opferwilligste Vollstreckung der Befehle Allahs.

Der Sukzessionsstreit in Permanenz, der von Schiiten und Sunniten auf Kosten ungezählter muslimischer Leben veranstaltet wurde und immer noch wird, setzte keine der zerstrittenen Parteiungen unter den Druck, sich als die qualitativ-moralisch Bessere, als der bessere Islam zu erweisen. Vor der Umma wird vielmehr nur auf den historischen Erbanspruch auf die Legitimierung durch Allah mittels seines Gesandten gepocht. Aus dem extremen Monotheismus des Islam selbst kommt die Fetischisierung der totalen Einheit, die sowohl nach innen wie nach außen jede friedliche Koexistenz verunmöglicht. Die heutigen regionalen, durch außenpolitische Sachzwänge und Zweckbündnisse gleichermaßen kompromittierten Großmächte beider Konfessionen, der schiitische Iran und das sunnitische Saudi-Arabien, suchen einander als Nachfahren der verkrachten Erben Muhammads zu überbieten, insbesondere durch die dem koranischen Duktus exakter angemessene Befolgung der Scharia.

Sunniten und Schiiten schlachten sich seit 1.384 Jahren bis heute mit Hingabe gegenseitig ab, weil sofort nach dem Tod Muhammads, des angeblichen Überwinders der arabischen Stammeszwistigkeiten, sein Cousin und Schwiegersohn Ali ibn Ali Talib und sein Schwiegervater Abu Bakr erbittert um den Titel des Nachfolgers (khalîfa) des Propheten kämpften16. Überall dort, wo deren heutige Parteigänger aneinander geraten, ermorden sie sich gegenseitig in grundloser Fortsetzung einer alten Fehde um Territorium und Anhängerschaft, die auf beiden Seiten nicht zuletzt dem Zweck dient, die inneren Widersprüche und ständigen Misserfolge der angeblich perfekten islamischen Lebensordnung den Ketzern der jeweils anderen Sekte unterzuschieben. „Ist es angemessen, dass wir uns um das Kalifat streiten, noch bevor wir den Propheten begraben haben?“ hatte Ali vor der Auseinandersetzung mit dem Usurpator Abu Bakr gefragt. Und hätte er ausnahmsweise diese Frage ernst gemeint und nicht als pietätheuchelnden Griff nach der Macht, hätte er sie eindeutig mit „Ja“ beantworten müssen.

Trotz ihrer so massenmörderischen wie letztlich inhaltslosen Differenzen bleibt Sunniten und Schiiten immer noch manches gemein, allem voran die Verpflichtung zum Dschihad gegen den Staat Israel. Wo wäre die Umma ohne den jüdischen Erzfeind? Auch der von verleugnetem Begehren angetriebene Hass auf das Abendland, welches entgegen aller triumphalistischen Verbalsiege den islamischen Territorien in jeder zivilisatorischen Hinsicht überlegen bleibt, verbindet beide Lager, mitsamt dem unablässigen, kontrollsüchtigen Verfolgungswillen gegen das ganze weibliche Geschlecht, namentlich gegen nicht-konforme Frauen und solche, die bedarfsweise dazu gestempelt werden. Aus der Sicht der Verfolgten und Unglücklichen machen die haarspalterischen theologischen Streitigkeiten ohnedies keinen Unterschied. Statistisch gesehen ist der Iran (mit 966 Hinrichtungen im Jahr 2015) fleißiger beim Vollstrecken der Scharia als Saudi-Arabien (mit 157 Hinrichtungen im gleichen Zeitraum) und profiliert sich vor Umma und Welt damit.

 

II. FIQH oder DIE „VIELFALT“ DER WILLKÜR

 

„Und gehorcht Allah und Seinem Gesandten und streitet nicht miteinander, damit ihr nicht scheitert und euch die Kampfkraft nicht verlässt! Und seid geduldig! Wahrlich, Allah ist mit denen, die geduldig sind.“ (Sure 8:46)

Die Scharia ist das unveränderliche, ewige Gesetz, das Allah selbst aufgerichtet hat, und seine getreue Kenntnisnahme (fiqh) und Umsetzung oblag jahrhundertelang den ‚'ulamâ, den islamischen Rechtsgelehrten. Die Dispute innerhalb und zwischen ihren ursprünglich zahlreichen Lehrrichtungen (madhâhib) im Islam drehten sich kaum je – wie etwa Auseinandersetzungen unter Gelehrten der Thora oder bei den Kirchenvätern – um Inhalte und Implikationen verwendeter Heilsbegriffe, oder um Extrapolationen abstrakter Art über eine bloße Kasuistik hinaus. Mit dem Bestreben, die wahre ethische Intention des gottgegebenen Gesetzes zu entfalten, transzendierte das Denken in Form abendländischer Theologie unter der Auseinandersetzung mit dem Erbe der griechischen Philosophie schließlich den Gottesbegriff selbst. Innerislamische Debatten hingegen rangen und ringen bis heute nicht um eine allgemeine, vernünftige und begründete Moral, sondern vielmehr um die jeweils genaueste, treueste Anwendung all der erratischen, pingeligen und skrupelhaften Vorschriften des arabischen Wortlautes des „unübersetzbaren“ Koran.

Keine madhhab unter den heute gemeinhin als rechtmäßig anerkannten Methodologien – es gibt vier sunnitische, zwei schiitische und noch zwei präschismatische – kommt bei der Koranexegese ohne zusätzliche Befragung der Hadith-Sammlungen aus, welche nicht ganz so hermetisch-gravitätisch verfasst sind wie all das leere Stroh, das die ominöse, oft mehr dem Versmaß als dem Sinn gehorchende Lyrik Muhammads im Koran drischt. Die Hadith-Sammlungen stellen kein Protokoll gelehrter Auseinandersetzungen und Reflexionen der geistigen Vergangenheit dar, wie es beispielsweise Talmudkommentare sind, sondern sie sind schiere Sammelsurien der tradierten Worte, beispielgebenden Handlungen und nachahmenswerten Angewohnheiten Muhammads. In uferlosen Kompendien wurden all die geschmäcklerischen Ad-hoc-Urteile, witzlosen Anekdoten und dummen Sprüche17 des Propheten gesammelt und nach dem Grad ihrer verifizierbaren Authentizität und Verlässlichkeit aus zweiter bis x-ter Hand sorgfältig archiviert und klassifiziert. Die Sinnhaftigkeit einzelner Hadithe interessierte den schariatischen Gehorsam um des Gehorsams willen zunächst kaum18. Jede entstandene madhhab schöpfte ihre jeweilige aktuelle Praxis islamischer Normenfindung aus einer Scharia, welche nicht als kohärenter Gesetzestext vorliegt, sondern als durch Allah mittels Koran und Sunna, (der Sammlung der am zuverlässigsten verbürgten Hadithe) geoffenbart angesehen wird. Die madhâhib unterscheiden sich voneinander durch das Ausmaß und das Relevanzgefälle der präferierten Auswahl autoritativer Hadith-Sammlungen. Hinzu kommt der jeweilige Grad, bis zu welchem in der islamischen Normenfindung, wenn überhaupt, dem Analogieschluss (qiyas), dem gelehrten Konsens (idschma) oder der persönlichen Urteilsbildung (râ‘î) überhaupt noch Gültigkeit zugebilligt wird.

Mit dem Machtantritt der Abbassiden im Bagdad des 9. Jahrhunderts gelangte relativ kurzfristig eine islamische Strömung zu größerer Anerkennung, die im Verlauf ihrer Auseinandersetzungen mit manichäischen und anderen Sekten des Nahen Ostens das bessere Argument vorzubringen, die Schlüssigkeit des Islam zu belegen suchte. Die Gelehrten befleißigten sich, von den rezipierten Gedanken des Aristoteles inspiriert, der kalâm-Methode der streitenden Wahrheitsfindung, deren arabischer Name auf das verballhornte griechische Wort dialexis zurückgehen soll, welchem das Konzept der Dialektik entstammt. Die Theologie der Mu‘tazila (arab. „sich Absetzende“) trat an, zwischen dem ewigen Schöpfer und seiner niedergeschriebenen Offenbarung zu unterscheiden. Diese kalâm-Gelehrten bestritten in ihren Auseinandersetzungen mit der islamischen Orthodoxie also die behauptete ewige Ungeschaffenheit des Koran, um so Glaube und Vernunft exegetisch „versöhnen“ zu können. Letztlich hätte sich so das Prinzip der Abrogation – die Normenbestimmung durch Aufhebung einer bestimmten Weisung durch eine höhere, adäquatere – auch auf Stellen im Koran selbst anwenden lassen. Die rationelle Unternehmung der Mu’tazila war aber schon dadurch zum Scheitern verurteilt, dass auch diese Gelehrten im Zweifelsfall immer die formal „wörtlichere“ von zwei widersprechenden Schlussfolgerungen aus der koranisch-hadithischen Überlieferung vorzogen. Ihre „Vernunft“ blieb letztlich immer dem Endzweck untertan, die inhärenten Widersprüche der islamischen Verkündigung apologetisch zu glätten, anstatt sie im Wortsinn philosophisch auszutragen. Die korrekte, ursprüngliche Rezeption der sprunghaften Willkür und der sonstigen Kopfleidenschaften Muhammads, des alleinigen Autors des Koran, blieb für sie prioritär. Stets suchten auch und gerade die Mu‘tazila die souveräne Ehre Allahs und seine absolute Einheitlichkeit dogmatisch zu retten, und sie übernahmen die unter manchen Schiiten aufgekommene Idee der 'isma, der gottgegebenen Unfehlbarkeit des Propheten vor und nach seiner Berufung, dessen Quasi-Apotheose als höchstes Ideal des Menschseins sogar gegen die Autorität des Koran ausgespielt hätte werden können. Die schließlich siegreiche Orthodoxie, namentlich die puristische madhhab der Hanbaliten, die bis heute in Saudi-Arabien vorherrscht, verketzerte das rationalistische Potenzial der Mu‘tazila endgültig. Der im Wortsinn heillose, buchstabengläubige Literalismus der Orthodoxie, welche jede dogmatische Neuerung (bid‘a) als schädlich und verwerflich ablehnt, ist der im Koran beschriebenen metaphysischen Despotie Allahs viel angemessener als die trotz ihrer Beschränktheit für islamische Verhältnisse unerhört frivolen Gedankenexperimente der Mu’tazila. Sie scheiterten letztlich an einer programmatischen Denkfaulheit, die sich wie im folgenden Vers autoritär abdichtet: „O ihr Gläubigen! Fragt nicht nach Dingen, die, wenn sie euch enthüllt würden, euch womöglich unangenehm wären; und wenn ihr danach zur Zeit fragt, da der Koran niedergesandt wird, werden sie euch ohnedies schon klar werden! Allah hat euch davon zu wissen entbunden; und Allah ist allverzeihend, nachsichtig. Es haben schon vor euch andere Leute nach solchen Dingen gefragt, doch dann versagten sie der Antwort den Glauben.“ (Sure 5:101-102)

Der streng koranische Glaube an den Gesandten Muhammad lässt dem gefangengesetzten Verstand keine andere Lösung für notorische Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit als immer nur die erneuerte, erneut wütende Forderung nach noch wörtlicherer, noch direkterer Erfüllung des unanzweifelbaren Wortlauts der Offenbarung, unter maßlosen Strafandrohungen gegen jeglichen Ungehorsam.

Islamische Identitätspolitik betreibt mit peniblem Extremismus die Absonderung des kultisch Reinen (halâl) vom Unreinen (harâm) in allen gesellschaftlichen Sphären, was nicht zur behaupteten Heiligung des Alltags führt, sondern zur „moralischen“ Verdammung des Diesseits. Insbesondere alles Leibliche wird verächtlich gemacht, dessen „Unreinheit“ durch die kleinen und großen Waschungen vor jedem der fünf täglich abzuleistenden salât-Pflichtgebete wieder und wieder einbekannt wird. Der Idealismus der islamischen Offenbarung treibt die totale Beherrschung des Fleisches durch den Geist auf die Spitze und gelangt, die Fassade der „Reinheit“ unter allen Umständen behaupten wollend, zu einer verdrängenden und projizierenden Heuchelei, die viele Muslime unter dem Deckmantel gesetzlicher Strenge einem in Wahrheit moralisch resignierten Relativismus zutreibt.

Die von Muhammad gestiftete Weltreligion präsentiert sich nach außen hin als diejenige mit der striktesten Abstinenz, der absolutesten Keuschheit und der furchtbarsten Höllenstrafen. Der von Grundlegung an apriorisch beleidigte Islam ist eine intellektuelle Totgeburt immanenten, ungeglaubten Glaubens, eine metaphysisch sinnlose Negation ohne Transzendenz. Die Kernformel des muslimischen Bekenntnisses bringt das ganze spirituelle Elend vortrefflich zum Ausdruck: „La ilaha illa‘llah…“ (Keine Gottheit bis auf Allah). Noch vor jeder anderen göttlichen Eigenschaft, noch vor jedem Gebot und jeder Zusicherung wird die schiere Alternativlosigkeit Allahs eingebläut, gefolgt von der Einschwörung der gesamten Umma bis zum unglücklichen heutigen Tag auf die unlautere und manipulative Persönlichkeit des Propheten: „…wa Muhammad rassul‘llah“ (Und Muhammad ist der Gesandte Allahs). Auch die dschihadistisch relevante Kampfformel „Allahu akbar“ (Allah ist größer) lässt tief blicken, denn die auftrumpfende Auskunft ist auf nichtssagende Weise quantifizierend und verharrt beim bloßen Größenvergleich, den ein wohlverstandener, tatsächlich geglaubter und zuversichtlicher Monotheismus zu einem qualitativen Anspruch zu sublimieren begänne19. Es geht dem Gesandten Allahs nicht um den Inhalt, sondern stets um die Form, nicht um die Wahrheit, sondern stets um die Herrschaft. Der Vorrang des tadellosen Sippenrufs und der äußerlichen Reinheit treibt zur übertünchenden Darstellung eigener Frömmigkeit vor der öffentlichen Wahrnehmung. In Wahrheit macht sich im real existierenden Leben der Allah Unterworfenen mit bestürzender Häufigkeit eine tiefe Beschädigung, wenn nicht der Ausfall der inneren Rechenschaft bemerkbar. Hauptsache, das fromme Gesicht bleibt gewahrt! Die moralische Desorientierung trotz – oder gerade wegen – der rigorosen und drakonischen Gebote lässt einen frommtuenden Nihilismus aufkommen, der die Allmacht Allahs über seinen eigenen Anspruch auf Wahrheit und Gerechtigkeit stellt und so dessen unablässig beschworene Barmherzigkeit ad absurdum führt. Was Allah macht, ist nach Muhammads Koran per se gut, einfach weil er der Größte ist. So sieht sich der gläubige Gedanke an Allah und an seine alles beherrschende Willkür sogleich von paranoider Angst durchtränkt, weil alles Dasein – also auch der gehorsamste Gläubige, der ja doch nur Fleisch und Blut ist – völlig den göttlichen Launen eines Alltyrannen ausgeliefert bleibt, der sich nicht einmal an sein eigenes Gesetz gebunden sieht.


„Hast du nicht jene gesehen, die sich selber für rein erklären? Sie können ja gar nicht aus eigener Kraft rein werden! Vielmehr erklärt Allah für rein, wen er will. Und ihnen wird nicht ein Fädchen Unrecht getan.“ (Sure 4,49)

 

Die Abwehr der unterminierenden Ambivalenz eines Gottes, der sich seiner eigenen Verantwortungslosigkeit brüstet, liefert die Desorientierten nur umso schlimmer dem allgegenwärtigen, immer zuverlässig bösen Blick der Umma aus. Unermüdlich sucht der kollektive Anklagegeist nach den kleinsten, diskretesten Freuden der Mitmenschen, um sofort deren Aufopferung zu fordern. Der vorauseilende, äußerliche Verzicht der disziplinierten Fanatiker bringt ihnen in den Augen der vielen schuldbewussten, „schlechten“ Muslime autoritäre Zinsen, die eifernden Sittenwächter beziehen ihre Macht aus dem von ihnen zumindest so dargestellten Verschmelzen mit dem herrschenden Grundprinzip von Versagung und Strafe. Den hoffnungslosen Einzelnen innerhalb islamisch dominierter Kulturen bleibt letztlich immer nur die Option zwischen „gedankenlosen“ Ausbruchsversuchen in temporäre Fluchten und der resignierten Flucht vor der kollektiven Straflust hinter die weißgetünchten Fassaden der Sippe, in den immer nur bedingten Schutz der zugewiesenen, verzweifelt-verlogen aufrechterhaltenen Rolle.

Unabhängig von den verschiedenen madhâhib des Islam und auch von den jeweiligen Lokaltraditionen, die mitunter nennenswerte Resterinnerungen besiegter Kulturen transportieren mögen, zieht sich das Moment äußerster Willkür durch jedes islamisch dominierte Moralverständnis. Die Höllen- und Strafängste der Gewissen, die unterm unerbittlichen, schariatischen Regime nicht der stumpfen Prädestination entkommen und deshalb auch nicht zur geforderten Tugend gelangen können, werden häufig mithilfe einer nur oberflächlichen Selbstberuhigung gedämpft, als geborene Muslime in der privilegierten Gunst Allahs zu stehen. Doch letzterer hält laut der unaufhörlich drohenden Bußpredigt Muhammads immer eine gewisse Ungewissheit aufrecht, die noch das kleinste Glück aufzustören vermag. Allah behält sich sein launenhaftes Urteil über Gläubige und Ungläubige vor, wie es Dutzende Male im Koran sinngemäß und wörtlich heißt. Diese bewusst abhängig haltende Verunsicherung spricht fatal die Haltlosigkeit an, die aus der Frühentwicklung unzähliger Individuen resultiert, deren muslimische Väter aufgrund der Geschlechtsapartheid großteils aus der den Frauen zugeteilten Erziehung ganz herausfielen. Dies befeuert in postbürgerlichen Zeiten, in denen gesellschaftliche Ideale aufgelöst und abgewickelt werden, umso mehr den überaffirmierenden Eifer Ich-schwacher Gläubiger, die sich stets ungefestigt und verlassen fühlen. Diese Empfindung der Schutzlosigkeit treibt viele Muslime in Richtung Opfertod, für welchen dem Gläubigen ein Generalablass zugesichert und nicht zuletzt die Rettung seiner ganzen Sippe in Aussicht gestellt wird: Jeder gefallene mudschahîd darf nicht nur „beim ersten Blutstropfen“ mit der Vergebung aller seiner Sünden und mit der Zuteilung der berühmt-berüchtigten 72 Jungfrauen rechnen (weibliche Märtyrer erhalten einfach ihren Mann zurück), sondern er darf darüber hinaus auch Fürsprache bei Allah zugunsten 70 seiner Verwandten einlegen.

Den hirnverbrannten Lebensstil der arabischen Peripherie um das 7. Jahrhundert herum detailgetreu nachzuleben, um auch noch die absurdesten Weisungen des Koran buchstabengetreu zu erfüllen, ist gerade wegen der hoffnungslos naiven, eitel altertümelnden, aber stets nur äußerlichen Inkompatibilität mit der Moderne ein zentrales Motiv. Der sexistische Mummenschanz der Schleier und der Bärte, die ostentative, regelmäßige Opferung von Menschenleben zwecks identitärer Erbauung, die erbärmliche Selbstbefriedigung präpotenter Führer, die mittels einer Hinrichtung ihrem Volk und sich selber beweisen wollen, wie unbeeindruckt sie von den vollautomatisierten Protestdurchsagen des Westens sind, dieser ganze debile Triumph stellt gewissermaßen das Innerste islamischer Identität dar. Diese findet einen ewigen Nährboden bei islamischen Mehrheiten, die mit schlechtem Gewissen in korrumpierter Inkonsequenz leben, und aus deren frustrierten Reihen immer neue Freiwillige für den kleinen Dschihad (den Terrorkrieg) hervorkommen. Nicht zuletzt tun sich hierbei solche hervor, die von empfindlichen Niederlagen im großen Dschihad (der individuellen Abtötung aller sündhaften Regungen) seelisch gebrandmarkt sind. „They are mainly wankers“, wie der britische Nachrichtendienst es bezüglich freiwilliger IS-Kämpfer aus Großbritannien bündig auf den Punkt brachte. Sie bleiben bar jeglichen Vertrauens in ihre Annahme durch Allah, nicht nur, weil sie sich ihrer notorischen „Unreinheit“ deutlich bewusst sind, sondern auch, weil das extreme Prädestinationsmodell des Islam die Willkür Gottes bis hin zur Durchstreichung jeglicher Autonomie treibt. Allah erklärt ja schließlich für rein, wen er will.

In der Mitte des XIX. Jahrhunderts waren die letzten offiziellen ‚ulemâ als institutionalisierte Rechtsgelehrte des Osmanischen Reiches weitgehend entmachtet und in Pension geschickt worden, um Platz für Verwaltungsreformen und moderne westliche Gesetzestexte zu machen. Nur in zwei Ländern der Umma behielten die örtlich viel tiefer verwurzelten Kollegien ungebrochene Autorität, im Prinzip bis zum heutigen Tag: Die sunnitische madhhab der extrem puritanischen Hanbaliten dominiert weiterhin den größten Teil der Arabischen Halbinsel, die schiitische madhhab der Dschafariten versorgt den Iran weiterhin mit Ayatollahs.

 

III. SAUDI-ARABIEN oder DAS SCHWERT DES PROPHETEN

 

Die saudischen Revenue-Prinzen machen keinen Hehl aus dem taktischen Nutzen, den sie aus dem ab 1924 schwertstreichs usurpierten Wächteramt für die Heiligen Stätten in Mekka und Medina beziehen. An ihrer Rolle als Gralshüter der Kaaba hängt der ganze höhere Blödsinn ihres korrupten islamischen Staates. Sie suchen den militärischen Pakt und die lukrativen Ölgeschäfte mit dem verhassten und beneideten Westen dadurch wettzumachen, dass sie durch großzügigen Export der denkbar rigorosesten sunnitischen Theologie in alle Welt fromme Pietät erweisen.

Der namensstiftende Korangelehrte des saudischen Wahhabismus‘, Muhammad ibn Abd-el Wahhab, propagierte einen auf der Lehrrichtung der Hanbaliten gestützten „ursprünglichen“ Purismus. Protegiert durch ambitionierte örtliche Emire im formal osmanisch beherrschten Arabien, bemächtigte sich Abd-el Wahhab 1740 mit der Erlaubnis eines solchen Stammesführers der Ortschaft Al-Uyaina bei Riad und errichtete dort ein streng schariatisches Regime, dessen Maßnahmen eine gewisse Kontinuität mit heutigen Rückbesinnungsbewegungen zum reinen Islam aufweisen: Abd-el Wahhab ließ den Emir als Symbol der nun herrschenden Extremisierung der hanbalitischen Orthodoxie sogleich das von der dortigen Volksfrömmigkeit verehrte Grab Zayd Ibn al-Khattabs einebnen, eines berühmten Gefährten Muhammads und frühen Märtyrers im Dschihad. Abd-el Wahhab stiftete seinen Verbündeten ferner dazu an, einen Baumhain restlos abschlagen zu lassen, an dem noch magisch-heidnische Vorstellungen der Anwohner Al-Uyainas hafteten. Schließlich zelebrierte man den religiösen Neuaufbruch mit der wahrlich richtungsweisenden Steinigung einer Ehebrecherin. Durch wechselnde Machtverhältnisse aus Al-Uyaina wieder vertrieben, zog Abd-el Wahhab ins nahe Diriyah und schloss dort 1744 mit einem anderen, örtlichen Potentaten namens Muhammad bin Saud einen neuen religiös-politischen Pakt mit dem Ziel, die gesamte Arabische Halbinsel im Namen des „ursprünglichen“ Islam unter dessen Herrschaft zu vereinen. Der tradierte Wortlaut der Zusage Abd-el Wahhabs gegenüber bin Saud bringt die brisante Doppelbödigkeit dieses gegenseitigen Beistands perfekt auf den Punkt: „Du bist der weise Anführer dieser Siedlung. Ich will, dass du mir einen Eid leistest, gegen die Ungläubigen in den Dschihad zu ziehen. Im Gegenzug wirst du Imam sein, Führer der muslimischen Gemeinschaft, und ich werde der Führer in religiösen Angelegenheiten sein.“ Der nunmehr 272 Jahre alte Vertrag zwischen dem machthungrigen Emir und dem fanatischen Prediger besteht bis heute fort, faktisch ungebrochen. Die Nachfahren bin Sauds, die ihren Eigennamen ganz robust als familiären Besitztitel für den ganzen Staat verwenden, stützen mit aller Macht die Sippe und das Umfeld der Al-asch-Schaikh, der hochgeehrten und privilegierten Nachfahren Abd-el Wahhabs, welche gewissermaßen als zweithöchste Kaste des Landes ein erbliches, die Saudis im Gegenzug legitimierendes Priestertum darstellen. Ihre puristische Lehre eines wieder zu errichtenden Ur-Islam besitzt die völlige Kontrolle über das ganze Bildungswesen, das Schul- und Rechtssystem und alle geistigen Bewandnisse des heutigen Saudi-Arabiens. Die obersten Landesbesitzer fördern mit Unsummen die Verbreitung der wahhabitischen Ideologie durch großzügige Subventionen und Infrastrukturmaßnahmen zur Unterstützung der Haddsch. Prachtvolle Moscheen und Kulturzentren unter wahhabitischer Kuratel werden von Bosnien bis Pakistan spendiert. An der 2015 mit ca. 800 Millionen Euro budgetierten Umm-al-Qura-Universität zu Mekka werden zahllose wahhabitische Prediger stipendiert, indoktriniert und in alle Welt entsandt. Unter ihnen genoss unter anderen auch der umtriebige Konvertit Pierre Vogel die petro-islamische Förderung. Durch ihre als Mildtätigkeit auftretende Klientelpolitik und mithilfe der wahhabitischen Ideologieproduktion suchen sich die Saudis Loyalitäten innerhalb der Umma zu erkaufen, darin fleißig von manchen ebenfalls ölfördernden und legitimationsbedürftigen Sultanaten am Persischen Golf nachgeahmt.

Zum Ausweis der trotz des absurden Ölreichtums fortbestehenden, unverdorbenen Rechtgläubigkeit des Saudi-Regimes wird das zur sadistischen Schaulust angehaltene Volk regelmäßig mit drakonischen Autodafés versorgt: Designierte Sündenböcke bekommen am quälbaren Leib die unverwässerte Geltung der Vorschriften des Koran blutig vorgeführt. Das saudische Regime richtet sich mit seinen öffentlich inszenierten Bluttaten auch an all die unablässig in den Moscheen des Landes eifernden, machtgierigen, tausend Höllen ausheckenden Prediger. Nicht nur diejenigen unter ihnen, denen die Privilegien der elitären Al-asch-Shaykh-Sippe versagt blieben, sondern selbst diese hofierten Nachfahren Abd-el Wahhabs könnten irgendwann ja doch noch beschließen, dass den schariatischen Anforderungen nicht wirklich Genüge getan werde, sprich: dass ihnen bei der Arbeitsteilung mit den Saudis zu wenig Macht zufalle. Als beispielsweise 1979 eine ca. 500-köpfige Gruppe militanter Salafiten die Große Moschee von Mekka besetzte, Hunderte anwesender Pilger als Geiseln nahm, über die Moscheelautsprecher das Königshaus der Saudis in der ganzen Stadt als korrupt und verwestlicht und die wahhabitische Geistlichkeit als bezahlte Handlanger des Königshauses delegitimierte, gelang es dem Königshaus nicht ohne Mühe, seine Rechtsgelehrten zu einer loyalen Fatwa zu bewegen, die die brutale und blutige Niederschlagung der Geiselnahme trotz des im Heiligtum von jeher geltenden, absoluten Gewaltverbots für rechtens erklärte. Das Ende der zweiwöchigen Besetzung kostete schließlich mehrere Hundert Menschen das Leben. Auch sehr viele Pilger starben beim Gemetzel zwischen Soldaten und Terroristen, und der Imageschaden für das saudische Regime, speziell für die Verlässlichkeit des alten Paktes mit dem institutionalisierten Wahhabismus war gewaltig. Der Anführer der Erhebung, Dschulaiman al-Otaibi, war ein abtrünniger Schüler des hochangesehenen wahhabitischen Rechtsgelehrten Abd-el Aziz Al-Baaz, damaliger Vorsitzender des „Ständigen Komitees für islamische Forschung und Erstellung von Rechtsgutachten“, welches bis heute den König berät. Al-Baaz, auf den etwa die Fatwa zurückgeht, dass ein Muslim zum kâfir werde, der unentschuldigt das tägliche Gebet versäume, unterschied sich ideologisch von seinem ehemaligen Schüler nur an einem Punkt, der die ansonsten ideologisch quasi kongruenten Wahhabiten und Salafiten gemeinhin trennt: in der bleibenden bzw. in der aufgekündigten Bündnistreue zu den Saudis. Viele der Attentäter waren in der Islamischen Universität von Medina erst wahhabitisch indoktriniert und dann salafitisch rekrutiert worden, waren im ganzen Land mit immer deutlicheren anti-saudischen Parolen durch die Moscheen getingelt und hatten die Gläubigen gegen die geopolitischen Kompromisse und minimalen Sozialreformen des Regimes aufgehetzt, namentlich gegen jede Aufweichung der puristischen Staatsdoktrin. Sie wurden lange von angeblich loyalen Geistlichen wie Al-Baaz protegiert und von den Saudis selbst unangetastet gelassen, weil Letztere den offenen Affront gegen „ihre“ Berufsideologen scheuten.

Nach dem Ende des peinlichen Eklats mit den außer Kontrolle geratenen Gotteskriegern wurden zwar mehr als 60 der Aufrührer in verschiedenen Städten des Landes öffentlich einen Kopf kürzer gemacht, doch der staatstragenden Wahhabitenlehre geschah trotz ihres staatszersetzenden Aspekts keinerlei Abbruch. Vielmehr wurde dieser mehr Macht denn je verliehen, und strenge Gesetzesmaßnahmen wurden zwecks Wiederherstellung des guten islamischen Rufs der saudischen Hüter der Kaaba erlassen, auch in Hinblick auf die neu entstandene iranische Herausforderung. Als Erstes wurde jedwede Abbildung von Frauen in Zeitungen und im Fernsehen verboten, dann mussten alle Kinos und Musikgeschäfte des Landes schließen. Der Islamunterricht wurde in den Lehrplänen von Schulen und Universitäten zuungunsten aller „nicht-islamischen“ Themen großzügig erweitert, die Geschlechtertrennung im Alltag wurde wieder bis zum Äußersten getrieben und die Religionspolizei sah sich weitgreifend ermächtigt und aufgestockt. Bis heute buhlen die regelmäßigen Auftritte des Scharfrichters um die Anerkennung der saudischen Herrschaft durch einen straflüsternen Endzeitglauben, dessen Bestätigung so gebraucht wie dessen Aberkennung gefürchtet wird. Der bluttropfende Säbel des Henkers mag im saudischen Selbstverständnis und in so mancher Vorstellung von westlicher Realpolitik auch als implizite Drohung dienen, um religiöse Aufrührer daran zu erinnern, nicht auf dumme Gedanken zu kommen. In Wahrheit aber muss das „geringere Übel“ des saudischen Regimes der fanatischen Blutrünstigkeit willfahren, die es am Leben erhält, um nicht selber von ihr eingeholt zu werden.

Die saudische Kulturindustrie öffentlicher Hinrichtungen macht sich nicht zuletzt die westliche Presse und ihre windelweichen Protestnoten zunutze, um sich vor einem geneigten muslimischen Publikum zu profilieren: Jeder abgeschlagene Kopf in Riad ist als Obolus auf der Waagschale einer islamischen öffentlichen Weltmeinung zu verstehen, die in weiten Mehrheiten schariatische Strafmaßnahmen und autoritäre Exzesse goutiert. Falls aus der westlichen Zivilisation überhaupt noch nennenswerte Proteste kommen, bringen sie der fundamentalistischen credibility der Saudis immerhin einige zusätzliche Zinsen, zumindest an der propagandistischen Oberfläche. Das Regime lässt auspeitschen, steinigen, schlagen, abhacken, durchsägen, ausreißen, macht mittels jedes neuen Richtstättenszenarios unmittelbar sichtbar, wie die lust-, körper- und vor allem rasend frauenfeindliche Ideologie des Islam nicht allein die Verurteilten, sondern alle ihr unterworfenen Menschenseelen erniedrigt und verkrüppelt. Mit jeder Hinrichtung und mit jeder Verstümmelung werden im jeweiligen Strafobjekt die verleugneten Begierden der islamischen Subjekte erst heraufbeschworen, lüstern und hysterisch denunziert, dann mit wütender Vehemenz von der Umma abgespalten, unerbittlich isoliert und schließlich abgetötet. Doch trotz der schadenfrohen Gratifikation, die manche Unmenschen aus der barbarischen Abstrafung des eigenen Verlangens in Gestalt unglücklicher Statthalter beziehen, drängen schon bald nach jeder schäbigen Katharsis neue, beängstigende Zweifel und unverzeihliche Begierden umso stärker ins Bewusstsein zurück. So wird es immer wieder Zeit für ein neues Gemetzel „zur Hebung der Sitten“.

Die Gefangenschaft selbst des privilegiertesten Einzelnen in diesem Mausoleum von einer Gesellschaft treibt blindwütige islamische Subjekte zur tugendterroristischen Rache an allem, was auch nur in den Verdacht hedonistischen Genusses gerät und so die faule Friedhofsruhe der saudischen Gesellschaft mit Ahnungen verbotener Freiheit behelligt. Mal ereilt der inquisitorische Hass einen wie auch immer frech gewordenen atheistischen Blogger, mal einen ertappten Alkoholschmuggler ohne fürstlichen Spezialdispens. Und regelmäßig greift sich die kollektive Suchroutine die nächstbeste Frau, die etwa frecherdings eine Vergewaltigung überlebt hat, von der besinnungslos gesichtwahrenden, schamlos angedrehten Schamhaftigkeit als tötungswürdige Hure beschimpft und unter peinlicher Wahrung der Schicklichkeit und aller Bekleidungsvorschriften auf einem trostlos panoptischen Platz schwer gezüchtigt oder gleich zu Tode gesteinigt wird. Man lässt jämmerlich Verlassene grausam dafür büßen und sterben, dass sie zufällig oder willentlich das von allen so panisch Verleugnete darstellen. Die blutrünstigen Verstümmelungen und Ritualmorde sind gemeinschaftsstiftende Exorzismen jener Phantomschmerzen, die die islamischen Subjekte an den „amputierten Gliedern“ ihrer Psyche, an den seelischen Wunden heimsuchen, die ihnen von der gesellschaftlichen Zucht verabreicht werden.

 

IV. IRAN oder DIE TULPE DES MARTYRIUMS

 

Die Islamische Republik Iran lässt sich bei der kulturindustriell aufbereiteten Ausrottung illegitimen Begehrens umso weniger lumpen. Ayatollah Ruhollah Khomeini unterstellte den Staat und jeden seiner Einwohner permanent dem unanfechtbaren, von ihm kontrollierten „Wächteramt der Rechtsgelehrten“ (wilayat-e faqih). Die institutionalisierte Bevormundung durch seine handverlesenen Scharia-Experten bekämpft bis heute obsessiv und hasserfüllt jedwede Bildstörung der vollends durch Unterwerfung der Männer unter Allah und der Frauen unter die Männer zwangsharmonisierten Gesellschaft. Jegliche sexuelle Non-Konformität, die irgend in den Blick der Öffentlichkeit gerät, wird mit der geballten Brutalität der Staatsmacht bekämpft, weil sich schlechthinnige Autorität in einer so sexistisch verfassten und zusammengehaltenen Gesellschaft nicht anders erweisen lässt als durch die Wirkmächtigkeit des Staates als ideellen Gesamtpatriarchen, der die Ehre all „seiner“ Frauen bewacht. Diese Herrschaftsgeste macht alle Männer, ob sie es so wollen oder nicht, sowohl zu faktischen Komplizen des an den Frauen begangenen Unrechts als auch zu impliziten Eunuchen, die vollends unmündig bleiben gegenüber der verstaatlichten, väterlich überwältigenden Männlichkeit. Das unter allen Umständen stets aufrechterhaltene phallische Privileg korrumpiert nicht zuletzt die elementarste Solidarität unter den Menschen, die Gefangene ihrer Geschlechterrollen bleiben.

Die Islamische Republik war 2015 mit mehr als 977 Hinrichtungen nach der Volksrepublik China der eifrigste Henker unter allen Staaten. Das Gros der Exekutierten stellten verurteilte Drogenschmuggler im relativ wenig beachteten low-intensity war mit den Balutschen-Stämmen an der pakistanischen und afghanischen Grenze, von welchen sich die iranische Souveränität massiv herausgefordert sieht. Laut Angaben der Vizepräsidentin des Frauenressorts in Rohanis Kabinett, Shahindokht Molaverdi, wurde bei einer massiven Hinrichtungskampagne in der Region unter anderem die gesamte männliche Bevölkerung einer ungenannten größeren Ortschaft ausgelöscht. Auch großstädtischen Drogenhändlern droht ab gewissen Mengen das Todesurteil, wobei ihre Ermordung auf das offene oder schweigende Einverständnis einer Gesellschaft spekulieren kann, die voller Ressentiments gegen jeden individuellen Hedonismus ist und überführte Verbrecher als Vertreter der egoistischen Schuld der harmonistischen Straflust preisgibt. Die säkulare Opposition bezichtigt das Regime des Längeren schon, sich der grassierenden Opiumabhängigkeit als Antisubversivum zu bedienen oder diese gar zu fördern, gleichzeitig die regelmäßigen Hinrichtungen instrumentell als Ventil des Volkszorns benutzend. Des Weiteren führt die brutale Repression aller separatistischen Ambitionen nichtpersischer Ethnien, die zusammen 40 bis 50% der iranischen Gesamtbevölkerung ausmachen, dem Galgen reichlich Opfer zu. Jedwede „eindeutige“ Apostase vom Islam zu einer anderen Religion muss von der Scharia her mit dem Tod bestraft werden, namentlich sobald sie in der Öffentlichkeit der Islamischen Republik ruchbar wird. Bekehrungen zum Christentum etwa oder Bekundungen von Atheismus werden unerbittlich verfolgt und haben ebenfalls zur Verhängung von Todesurteilen geführt. In der Zwangsgemeinschaft unverrückbar festgelegter Geschlechterrollen wird nicht zuletzt gleichgeschlechtliche Sexualität unweigerlich zu einer subversiven Gefahr für die Phallokratie, weshalb öffentliche Hinrichtungen von sexuell als abweichend Angesehenen zwar seltener sind – wohl auch deshalb, weil der Mythos der „Abseitigkeit“ der auf den Westen abgewälzten „Perversion“ aufrechterhalten bleiben muss20. Doch immer wieder werden Menschen unversehens vom Tugendterror erfasst und müssen zur Bekräftigung der kerngesunden Heterosexualität leiden und auch sterben. Nicht zufällig trifft der Hass oft besonders junge, gar jugendliche „Delinquenten“ wie Ayaz Marhoni, 18, und Mahmud Asgari, 16, die 2005 bei einer volksfestartigen Inszenierung an einem modernen Baukran westlicher Provenienz aufgehängt wurden, während man unter den Zuschauern Süßigkeiten verteilte. Das grausame Ritual diente auf einer oberflächlichen Ebene der Abschreckung weiterer „Sünder“ unter der schariatisch komplett umzingelten und ob ihrer sexuellen Eruptivität verhassten Jugend. Worum es der religiösen Profilierungssucht aber bei solchen Untaten nicht zuletzt geht, ist der sichtbare Nachweis der Bereitschaft der Islamischen Republik, für Allah bis zum Äußersten zu gehen, bis hin zum symbolischen Kindesopfer. Dies folgt getreu der unter Khomeini eingerichteten Praxis Anfang der 80er, während des Krieges mit Saddam Hussein ganze Schulklassen an die Front zu fahren, grüne Plastikschlüssel an sie zu verteilen, die ihnen symbolisch das Paradies aufschließen sollten und sie kurzerhand als menschliche Minenauslöser über das Schlachtfeld zu treiben.

Anhand ebenfalls relativ seltener, doch von den Ideologieproduzenten Khameneis gezielt aufgegriffener Fälle werden regelmäßig an ausgesucht nicht-konformen Frauen tödliche Exempel zur Belehrung des ganzen unterworfenen, „beschützten“ Geschlechts statuiert. Dies geschieht mit besonderer Vorliebe bei solchen, die in irgendeiner Form weibliches Aufbegehren symbolisiert oder gar die aseptische öffentliche Moral „verunreinigt“, also an ihre allgemeine politische, ökonomische und nicht zuletzt sexuelle Erniedrigung erinnert haben. Die iranische Staatsräson bestärkt und bewehrt durch jeden Justizmord an einer Frau den schariatischen Alltag, der im ganzen Land die Männer – selber per welayat-e faqih unmündig gehalten – zu den panisch-willkürlichen Wächtern „ihrer“ Frauen und Töchter macht und so schier unzähligen Misshandlungen und Gewalttaten Vorschub leistet. 

Die über diese islamischen Grundstandards hinaus noch benötigte Distinktion gegenüber den konkurrierenden Ideologien in der Region und innerhalb der globalen Umma suchten die schiitischen Identitätspolitiker seit der Islamischen Revolution mittels eines im schlimmsten Sinn volksrepublikanischen Antizionismus zu etablieren. Der gemeinschaftsstiftende, Kohäsion verleihende antisemitische Irrsinn Khomeinis wurde in den Brandreden des früheren Teheraner Bürgermeisters, zeitweiligen Volkstribuns und späteren Wahlfälschers Mahmud Ahmadinedschad vollends beredt, der apokalyptische Visionen von der Ankunft des verborgenen Imams in Teheran beschwor, welche sich in der Vernichtung Israels durch das iranische Atomarsenal verdichteten. Während der Massenkundgebungen gegen seine allzu offen manipulierte Wiederwahl im Jahr 2009 richtete sich aber der immer vernehmlicher werdende Ruf „Tod dem Diktator“ nicht eigentlich gegen Ahmadinedschad selbst, sondern vielmehr gegen Ali Khamenei, dessen prägnanter offizieller Titel rahbar-e Iran „Führer des Iran“ bedeutet und auch genauso gemeint ist. Es war das abgebildete Konterfei des obersten Ayatollah, das vielerorts auf den Straßen des Landes zerrissen wurde. Khamenei, einstiger Übersetzer der Werke Sayid Qutbs ins Persische, wurde nur einen Tag nach Khomeinis Tod als machtunumschränkter Obermufti eingesetzt und behält seit 1989 das letzte Wort in allen relevanten Angelegenheiten des Landes. Er ermöglichte und bewirkte sowohl den Aufstieg Ahmadinedschads als auch dessen späteren, nach den niedergeschlagenen Unruhen möglichst geräuschlos abgewickelten Austausch gegen den Rechtsgelehrten Hassan Rohani. Letzterer ist ebenso wie sein unsubtiler Vorgänger auf Weisung des durch Khamenei kontrollierten Wächterrats installiert worden, wohl nicht zuletzt deshalb, weil Rohani im Iran eine juristisch-diplomatische Koryphäe in Sachen Atomkonflikt mit dem Westen ist und sogar mehrere Fachschriften hierzu veröffentlichte, die als Referenzen anerkannt werden.

Der Westen, allen voran der community worker im Weißen Haus, hatte den Protesten von 2009 jegliche Solidarität über die üblichen, standardmäßigen Menschenrechtsfloskeln hinaus verweigert. Obama bediente unter pazifistischer Chiffre den zunehmenden Isolationismus der eigenen Wählerschaft und signalisierte der sich in mehrfacher Hinsicht betrogen sehenden iranischen Wählerschaft im denkbar schlechtesten Augenblick ihre komplette Verlassenheit. Der hegemoniale Friedenszynismus Obamas und anderer souveräner Lieferanten, die – allen voran Deutschland – als prospektive Baukran- bis Atomanlagenexporteure um die Gunst Teherans buhlen, trug zur robusten Fortsetzung der Islamischen Republik entscheidend mit bei. 

Geschickt spielen nun die iranischen Kleriker um Khamenei die IS-Karte, um sich dem Westen als strategische Partner anzubieten. Die durch Rohanis Rhetorik und Obamas Borniertheit erreichte Lockerung des Embargos, mitsamt der faktischen Anerkennung des Iran als für Syrien und den Irak mitgestaltungsberechtigte Regionalmacht, haben vor allem den Fortbestand der islamisch-republikanischen Schreckensherrschaft garantiert. Obama half über seine gesamte Amtszeit mit unheilbar gutem Gewissen kontinuierlich den Ayatollahs. Teheran wird unablässig von bekopftuchten Politikerinnen des Westens zwecks „Dialog“ besucht und von den abgehalfterten Republiken Europas unter selbstverleugnenden Respektbezeugungen hofiert. Sie spekulieren darauf, mit den Ayatollahs ins lukrative Geschäft zu kommen, das es dem antisemitischen Unstaat erlauben würde, sein genozidales Waffenarsenal durch die Beschaffung der Atombombe aufzustocken und damit die von Ayatollah Khomeini ausgerufene Bestimmung der Islamischen Republik Iran zu vollenden – die Vernichtung Israels, selbst um den Preis der Zerstörung des Iran.

Im Innersten des antizionistischen Hasses der Islamischen Republik haust der schiere Vatermord: Das Refugium der antisemitisch Verfolgten, 30 Jahre vor Khomeinis Revolution ausgerufen, versinnbildlicht im neiderfüllten, hassverzerrten Blick all jene Modernität und Eigenverantwortlichkeit, die der Islamischen Republik bis heute abgeht und die den rasenden Hass ihrer Ideologen zur besinnungslosen Rache antreibt. Das Fortleben des jüdisch-republikanischen Gegenmodells Israel inmitten einer nahöstlichen Diktatoreneinöde gab und gibt weiterhin all jene hohlen militaristischen und todesschwülstigen Überkompensationen effektiv der Lächerlichkeit preis, die in der Region als nationale und supranationale Ideologien firmieren. Das Volk der Juden selbst ist und bleibt das primäre Ärgernis einer zutiefst falschen, religiösen Universalität, deren eigenes Auserwählungsbewusstsein zwanghaft auf die göttliche Verwerfung der monotheistischen Vorgänger abzielen muss. Der opportunistische Hass gegen die „verlogene“ Autorität des Judentums ist nicht zuletzt eine von gerissenen Ayatollahs kanalisierte Wut, die sich ohne diesen Fluchtpunkt gegen den spezifisch islamischen Verblendungszusammenhang, gegen die autoritären Lügen der schiitischen Gelehrten kehren könnte. Doch ein Immanuel Kant sprach nicht ohne Grund von der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“, die radikale Religionskritik eines Karl Marx zog mit Bedacht die Formulierung „Opium des Volkes“ dem beliebten Fehlzitat „Opium fürs Volk“ vor: Es fiel den meisten Menschen immer schon leichter, in heimlichem Einverständnis mit ihren Beherrschern gegen designierte äußere Feinde zu „rebellieren“, anstatt sich der wirklichen, eigenen Knechtschaft zu stellen.

Der scheiternde Verstand flüchtet sich auf gut schiitisch vor der eigenen Verantwortung in bußwütige Agonien, die paradox gottlose Frömmigkeit der „Partei Alis“ treibt vorwärts-zurück zu atavistischen Bluttaufen, zu den offiziell überwundenen zoroastrischen Derwischen, altpersischen Fakiren und großen Duldern. Deren asketische Hingabe und Weltverachtung floss in den populären schiitischen Kult um islamische Märtyrer ein, allen voran um Hussain, den Urmärtyrer der Schia, Enkel Muhammads und Sohn Alis, welcher vom Omayyadenkalifen Yazid I. im irakischen Kerbela besiegt und ermordet wurde. Die unterlegene Anhängerschaft des „wahren“, weil prophetenblütigen Imam Hussain kompensierte ihre Verketzerung durch die Sunniten schon früh durch Beschwörungen eines ganz eigenen, rückhaltlosen Vorlaufens zum seligmachenden Tod. Diese mit den Sunniten wetteifernde, überbietende Morbidität nährte sich speziell aus dem dualistischen Erbe Persiens und dem ritterlichen Adelsethos, der bis zu den alten Achämenidenreichen zurückgeht und dessen idealistisch-romantische Blüten noch indirekt den Minnesang in Okzitanien beeinflussten. Der Opferkult, der in der persischen Schia und ihren Volkstraditionen immer schon stark ekstatische und flagellantische Züge aufwies, transportierte trotz aller koranisch-arabischen Umwidmungen nicht zuletzt die tiefe Kränkung der alten persischen Zivilisation, ab dem Jahr 633 von einem marodierenden Araberheer aus der südlichen Wüste so schmählich erobert worden zu sein.

Der ostentative schiitische Eifer suchte ganz persisch-islamisch seine vielen, auch nationalistischen Kompensationsbedürfnisse durch Bekundungen gesteigerter Todesbereitschaft zu befriedigen und formierte sich schließlich im Spätkapitalismus zur politischen Theologie des postmodernen Iran. Auf der iranischen Nationalflagge prangt nicht zufällig eine blutrote arabische Kalligraphie, bestehend aus vier Halbmonden, die um ein senkrechtes Schwert arrangiert sind, so den Namen Allah bildend. Um auch jedes Missverständnis auszuschließen, bildet der kalligraphische Kurzschluss zudem eine rote Tulpe, die als traditionelles persisches Symbol des Heldentods und Märtyrertums zu verstehen ist, und nicht zuletzt als Quintessenz der „edleren“ schiitischen Todesbereitschaft. Der Ruhm Allahs wird darüber hinaus durch ein Muster aus mehreren Allahu akbâr in kufischer Schrift auf dem Rand der farbigen Streifen der rot-weiß-grünen Trikolore einbekannt. Es handelt sich um ein muslimisches Glaubenszeugnis, so wie auch auf der paradiesgrünen saudi-arabischen Flagge die Schahada von der Einzigkeit Allahs und der Gesandtschaft Muhammads invoziert wird, dort von einem langen Säbel unterstrichen, was wiederum ebenfalls kein Zufall ist. Dem arabischen Wort schahada wird schahîd, das Wort für „Märtyrer“ entlehnt, mit welchem gemeinhin islamische Selbstmordattentäter und sonstwie für Allah glorreich draufgegangene Massenmörder beehrt werden. Die Saudis „begnügten“ sich bislang mit dem Bekenntnis gezückter Tötungsbereitschaft, wodurch sie die frenetische Überbietung durch todessehnsüchtige Dschihadisten aus den eigenen Reihen quasi auf den Plan riefen. Die jeweilige Symbolik beider Staatsflaggen und impliciter beider Staatsideologien könnte einen allzu interessierten Blick dazu verführen, allzu große qualitative Wesensunterschiede zwischen den „reaktionären“ Saudis und ihrer „revolutionären“ iranischen Konkurrenz zu behaupten, die die, pardon, Dialektik des falschen Ganzen so verkennen würden wie die Dialektik zwischen der vollends aufgeklärten Welt und dem Unheil, in welchem sie triumphal erstrahlt.

 

V. DER ISLAMISCHE UNSTAAT oder AVANTGARDEN DER VERNICHTUNG

Der gründlich hanbalitisch-wahhabitisch indoktrinierte Osama bin Laden studierte an der saudischen Universität in Dschidda bereits gründlich die Werke Said Qutbs, des Vordenkers der ägyptischen Muslim-Bruderschaft, als er eine für seinen Werdegang entscheidende Entwicklung durchlief: Am 1. April 1979 hatte Khomeinis Ausrufung der Islamischen Republik die weltweite Umma aufgeschreckt und fasziniert, dann ereignete sich am 20. November der zuvor beschriebene Coup der Salafiten in Mekka, der aus Sicht des damals 22-jährigen bin Laden nicht nur geographisch viel näher einschlug: Der spätere „Emir“ von Al-Qaida war ein Sohn des bei Hof ein- und ausgehenden Bauunternehmers Muhammad bin Laden, dessen milliardenschwerer Baukonzern Saudi Binladin Group gerade an der Renovierung der Großen Moschee in Mekka zu arbeiten begonnen hatte, als das Heiligtum 1979 gekapert wurde. Das unrühmliche Finale der Belagerung war durch den Einsatz einer französischen Spezialeinheit überhaupt erst möglich geworden, um die das Saudi-Regime ersucht und die es zur Verfügung gestellt bekommen hatte. Obwohl sich die Kämpfer des Militärkommandos bei der Einreise formal zum Islam bekehrt hatten, kompromittierten sie als Vertreter einer „ungläubigen Nation“ im allein Muslimen vorbehaltenen „Heiligen Land“ zutiefst die Autorität sowohl des Königshauses als auch die seiner loyalen Vorbeter. Der Wahhabismus als staatstragende Ideologie Saudi-Arabiens legitimierte sich durch den Schutz der Pilgerstätten – auch im Sinn ihrer unbedingten kultischen „Reinhaltung“. So wirkte bei vielen Wahhabiten die geschehene „Entweihung“ Mekkas als Signal, den jahrhundertealten Pakt mit den Saudis aufzukündigen. Deren interessengeschuldete Kompromittierung angesichts der neu hinzugetretenen, iranisch-schiitischen Herausforderer um muslimische Gefolgschaft provozierte eine salafitische Refundamentalisierung innerhalb der ohnedies unter allen islamischen madhâhib extremsten wahhabitischen Ideologie. Der Fanatismus bin Ladens erhielt durch das Öffentlichwerden der saudischen „Heuchelei“ unendliche Nahrung. Seine genuin islamische Kompatibilität in globaler Dimension sollte in späteren Jahren darin bestehen, jene Vernichtungsimpulse der koranischen Offenbarung gänzlich freizusetzen, die nicht allein die saudische Usurpatorensippe, sondern jede nicht komplett auf den apokalyptischen Dschihad abzielende Herrschaft als korrupt und inkonsequent und in salafitischer Konsequenz aus der wahhabitischen Lehre als unmuslimisch erwies.

Osama bin Laden machte sich den im Koran begründeten und tradierten terroristischen Impuls des Propheten nicht nur völlig zu eigen, sondern überbot avantgardistisch den bereits im Namen Allahs bereits ausgeübten Terror. Mit immer wahnwitzigerer, immer „sinnloserer“ Gewalt fand er sich mit dem Tenor aller modernen Erneuerungsversuche des politischen Islam im tiefsten Einverständnis. Ein gemeinsamer Grundzug Abd-el Wahhabs und Said Qutbs, Khomeinis und in neuester Zeit auch al-Baghdadis liegt in der Bereitschaft, jedem nicht-dschihadistischen Islam als Apostasie und als Verrat an der Umma den Krieg zu erklären. Der selbstlos-selbstverliebte Narzisst bin Laden war für eine gewisse Zeit der konsequenteste Praktiker des Imperativs, dem tödlich reinen Idealismus Muhammads „wieder“ restlos zu genügen. Osama bin Laden verwarf die institutionalisierten Menschenopfer und die schariatische Alltagsbrutalität des saudischen Regimes als absolut ungenügend. Die wahhabitischen Grausamkeiten erschienen ihm als unzureichende, verlogene Gesichtswahrung, als infame Besänftigungsversuche einer grundsätzlich zornrasenden Gottheit gegenüber. Auf dem fruchtbaren Boden des islamischen Anspruchs auf absolute, absolut unvermittelbare Jenseitigkeit blühten die unzähligen Epiphanien allumfassenden Terrors, derer Allah bedarf, um überhaupt bestehen zu können und nicht ins eigene Vakuum zu implodieren. Osama bin Laden forderte, sich mit nachlesbarer Berechtigung auf die absolute Trennung des „Reinen“ vom „Unreinen“ berufend, die Entfesselung des totalen Glaubenskrieges gegen ein lebendes „Außen“, ohne welches sich die tote Leere des „Innen“ unerträglich aufdrängen würde.

Die finale Heldentat, die vernichtende Selbstauslöschung der mudschahadîn ist direkt mit der Gratifikation fatalistisch-gleichgültiger Ergebung in der gewöhnlichen Muslimfrömmelei verknüpft, die zwar durch Inkonsequenz und vorgespielte Ignoranz so manche Aussparung „pragmatischer“ Menschlichkeit bewirkt, die aber gleichzeitig mit lebensverachtend resignierter Geste jedes noch so erbärmliche Sosein der Welt affirmiert. Die Versessenheit auf plakative, brutale Symbolakte bei muslimischen Terroristen ist nicht nur Methode – nicht nur eine Taktik, um die weltweiten Nachrichten zu erobern – sondern der islamische Wahnsinn in seiner vollen Entfaltung: Jede Explosion, jeder Mord, jede Gräueltat bekennt sich zu einem Aktionismus par excellence, zum absoluten Primat der Praxis, zur Todesidentität der Gottgeweihten.

So hat sich Bombe um Bombe die Liste all jener Orte immer weiter verlängert, die für immer mit einer islamisch begründeten Gräueltat konnotiert bleiben werden: New York, Istanbul, Nairobi, Beirut, Mumbai, Djerba, Maiduguri – die Zahl der Opfer von Sprengstoffanschlägen und Massenmorden im Namen Allahs geht in die zehntausende, zuzüglich der Opfer schariatischer Rechtspraxis und der diversen, religiös beauftragten Milizen. Wo sich die fest beschlossene Vernichtung in der Maske eines wiedererweckten Heldenzeitalters ausbreitet, kann der moderne body count der Hingemordeten, Verstümmelten, Gefolterten, Vergewaltigten beginnen.

Die blutstarrenden Freikorps selbst – heißen sie nun Hisbollah, Boko Haram, IS, Hamas oder Al-Nusra – verfügen weltweit über Millionen militanter Mitglieder und Unterstützer; allein angesichts ihrer absoluten Zahl macht sich zum Narren, wer weiterhin unbeirrbar von einer „kleinen Minderheit“ sprechen will. Und Schlimmeres als ein Narr ist, wer den Dschihadisten statistische Irrelevanz und Isolation im real existierenden Islam zuspricht. Insbesondere im Hinblick auf Zustimmung, Sympathie, gemeinsame Ideologeme innerhalb der Gesamt-Umma geben alle repräsentativen Umfragen in mehrheitlich islamischen Ländern keinerlei Anlass zur Entwarnung. Trotz aller unbestrittenen Nuancierungen der Despotie Allahs untereinander sind antisemitische, christenfeindliche, antiwestliche, schwulenfeindliche und verschwörungstheoretische Wahngebilde in muslimischen Gesellschaften durchgehend verbreitet und finden weiterhin neue, fanatische Anhängerschaft. Die Dschihadisten sind keineswegs isolierte Randerscheinungen einer eigentlich friedliebenden islamischen Welt, auch wenn dies mit jedem neuen Anschlag noch eindringlicher beschworen wird. Denn gerade die blutrünstigsten Dschihadisten berufen sich beim Morden, Verstümmeln, Foltern und Vergewaltigen völlig überzeugt und nachlesbar schlüssig auf die grundlegend amoralische, islamische Metaphysik, auf den praktischen Nihilismus der koranischen Rigidität, auf das zutiefst heuchlerische und maßlos rachsüchtige Vorbild des Gesandten. Es gibt zweifellos politische, religiöse und soziale Unterschiede zwischen all den geschichtlichen und aktuellen islamischen Kulturen, und auch zwischen den einzelnen islamistischen Fraktionen. Faktisch aber breitet sich Krise um Krise auf jedem Basar postmoderner Islam-Angebote, auf so gut wie jedem lokalen und ganz klar auf dem globalen Muslim-Markt der immer konsequentere Purismus aus, die perfektere Gesichtswahrung, die noch aggressiver auftrumpfende Identifikation. Die islamische Religion besitzt von ihren eigenen Grundlagen her kein besseres sozio-ethisches Ideal als den stets als bedroht empfundenen, überängstlich gehüteten guten Ruf des „reinen“ Kollektivs, von der weltweiten, grundbeleidigten Umma bis hinab zur familiären Keimzelle des Patriarchats. Das einst dem Griechischen entnommene nomos, „Gesetz“, wurde in der arabischen Rezeption zu „namus“, zur sittlich-öffentlichen Rechtmäßigkeit jedes Mannes, der die Ehre seiner Sippe zu verteidigen bereit ist, sprich: Der die Keuschheit und Unterwürfigkeit der Frauen in seiner Familie unerbittlich überwacht und nicht den geringsten Zweifel an ihrer Intaktheit, also an seiner Kontrolle über ihr Verhalten irgend duldet.

Der „Islamische Staat“ tut sich derzeit als fortgeschrittenste Verwirklichung des Vernichtungsislamismus hervor; diesem ist die gottgefällige Vernichtung dermaßen zum Selbstzweck geworden, dass die allfällige Abwehrparole, all dies habe doch nichts mehr mit dem Koran zu tun, für einen Moment zu verfangen scheint. Die brutale Direktheit des islamischen Machtanspruchs, legitimiert aus der restlosen äußerlichen Ergebung in den strafenden Willen Allahs, eignet sich perfekt als zynischer Kontrapunkt zur amoklaufenden Todessehnsucht, die die Reihen des IS so anschwellen ließ. Herrenlose Berufsmörder aus dem einstigen Saddam-Regime, marodierende Sunnitenmilizionäre im Dauerkrieg mit allen Nachbarn, beutegierige Räuber, legalisierte Sklavenhändler und berufene Vergewaltiger strömten zuhauf, um den doppelten Ablass des Kalifen zu empfangen: Einmal für die Sünden der Vergangenheit und einmal für die künftigen Gräueltaten im Dschihad. Die Gelegenheit, der Vernichtungswut an designierten Feinden freien Lauf zu lassen und sich nicht zuletzt „ihrer“ Frauen und Mädchen zu bemächtigen, lockte auch aus dem Westen ein Freiwilligenheer opportunistischer Sadisten herbei, die ihre kleinkriminelle Verrohung und ihren maßlosen Frauenhass zur gotteseifernden Todesbereitschaft aufwerten durften. Es ist alles andere als ein Zufall, dass die Religion dieses Vereins die durch Muhammad geoffenbarte ist.

Worin sich der IS vor anderen Organisationen negativ auszeichnet, ist seine plakative Blutrünstigkeit, seine besondere sadistische Enthemmung innerhalb des innerislamistischen Konkurrenzkampfes. In keiner Organisation kann man sich dermaßen entmenschlichen wie unter der schwarzen Flagge Al-Baghdadis. Neidisch und besorgt schauen die Iraner auf diese sunnitische Konkurrenz, die ihnen im durch die Amerikaner hinterlassenen Machtvakuum erwuchs, und sie versuchen, den irakischen Sunniten im Rahmen des vermeintlichen „Anti-Terror-Kampfes“ im Irak jeden Geländegewinn in Syrien heimzuzahlen. Massaker an irakischen Sunniten, begangen von iranisch beratenen und unterstützten schiitischen Milizen, sind schon vor dem Aufkommen des IS keineswegs unbekannt gewesen, namentlich seitens der Mahdi-Armee Mustaqa as-Sadrs. Doch nun sind die anti-sunnitischen Terrorakte im Irak an der Tagesordnung und haben einen fatalen Einfluss auf das Verhalten von Armee und Bevölkerung: Die sunnitischen Einwohner Falludschas beispielsweise, die vom IS mit äußerster Rücksichtslosigkeit als menschliche Schutzschilde benutzt wurden, konnten schlichtweg nicht abschätzen, ob sie sich doch nicht am Ehesten noch vor der schiitisch dominierten irakischen Armee und den mitkämpfenden, ethnische Säuberungen betreibenden schiitischen Milizen fürchten sollten, die sie vor dem IS zu „befreien“ angetreten waren.

Die Vernichtungsimpulse im Islam sind weder die Erfindung Abd-el Wahhabs noch Qutbs, noch Khomeinis, bin Ladens oder al-Baghdadis, sondern sie lassen sich mühelos im ganzen Koran finden. Maßlose, unstillbare Strafwut durchzieht das Buch von den frühen bis zu den späten Suren. Die gesamte zwanghaft-hermetische und um auftrumpfende Endgültigkeit bemühte Diktion bietet keinen Raum für Interpretationen, keine legitime Möglichkeit für eine noch so vorsichtige Historisierung und Kontextualisierung der Verse: Der Gläubige, der sich der Souveränität Allahs sklavisch zu unterwerfen hat, ist nicht gehalten, Bedeutungen zu nuancieren, sondern soll den Anweisungen der sakrosankten Schrift unmittelbar und bis aufs Detail gehorchen: „Und Wir haben die Schrift auf dich hinabgesandt, um alles Umstrittene zu klären, und als Rechtleitung, Barmherzigkeit und Frohbotschaft für die, die sich Uns als Muslime ergeben haben.“ (Sure 16:89)

Die aktuell gravierendste Konsequenz daraus sind die fanatischen, innermuslimischen Territorialkämpfe um die entvölkerten und traumatisierten disaster areas im Irak und in Syrien. Die verbrannte Erde innerhalb des dâr ul-islâm, des „durch Unterwerfung befriedeten Gebietes“, wie das eroberte Territorium genannt wird (im Gegensatz zum dâr ul-kharb, dem „Kriegsgebiet“, in dem die Ungläubigen leben), sieht sich mit wütend miteinander konkurrierenden, dschihadistischen franchises überzogen, deren Weg bereits das Ziel ist: die Hinrichtung im Zeitalter ihrer videodokumentierten Reproduzierbarkeit. Vom iranischen oder saudischen Staatssender bis hin zum IS-upload liefert man von Zeit zu Zeit einer Weltöffentlichkeit, die sich von Click zu Blick immer weiter in passiver Mitschuld verstrickt, die grausamen Schlachtfeste an wehrlosen Mitmenschen, welche nicht zuletzt aufgrund der miteinander konkurrierenden Tötungs- und Todesbereitschaft der Islamismen für abstruse, zutiefst unreine Reinheitsideale leiden und sterben müssen. Der IS ließ den 15jährigen Ayham Hussein für das ledigliche Hören westlicher Musik auf seinem Walkman öffentlich köpfen, um sich im verdorrten „Friedensgebiet“ der syrisch-irakischen Wüste als die unerbittlichste islamische Gruppe zu profilieren, die wirklich bis zum Alleräußersten zu gehen bereit ist.

 

VI. DER WESTEN oder WAS VOM TAGE ÜBRIG BLIEB


„The notion that the West is at war with Islam is an ugly lie.“ (Barack Obama)

 

Das Erleben interessanter Zeiten soll der Wunschinhalt eines zumindest gut erfundenen Fluchwortes aus China sein. Doch die bauernschlaue Pointe war allzu naiv: Denn die Zeiten sind mehr als bewegt und zugleich von überwältigender Langeweile und Ödnis erfüllt. Die Menschen machen nicht Geschichte, sondern dumme Geschichten, und sie haben keinen Traum, sondern träumen immer nur blöde vor sich hin. Trostlos und reflexartig bilden die Krisengetriebenen autoritäre Formierungen, rotten sich zu feindsüchtigen Identitätskampagnen zusammen und spielen einander in stickigen Zusammenhängen die opportunen Stichworte entmenschlichender Zuschreibung zu, die schließlich zu veritablen Dammbrüchen aufgestauter Grausamkeit führen. Jedwedes Verschiedensein ruft trotz oder vielmehr gerade wegen der vielbeschworenen Pluriversalität die allgegenwärtigen Grenzwächter exklusiver Identitäten auf den Plan. Sie begehen mal kleinen, mal großen Verrat an der Menschheit, indem sie den Menschen hinter abstrusen Kollektivismen zum Verschwinden bringen. Jedwede Ahnung der eigenen Hohlheit lässt die Adjektivgläubigen ihre identitären Lügen umso aggressiver und verkrampfter beschwören. 

Wieder und wieder sehen sich willkürlich oder gezielt ausgesuchte Opfer von Unterwerfung, Gewalt und Terror des kollektiven Schutzes beraubt, und die durch ihr Wegsehen und Ausblenden Mitschuldigen bedienen sich der Ironie als Abführmittel des Gewissens. Erbarmungslose Gangster, massenmörderische Diktatoren und hasserfüllte Pfaffen werden in ihren terroristisch konstituierten Herrschaftsgebieten für den geringsten Vorteil der Nationalökonomie hofiert. Die schlimmsten Blutsäufer und Schreckensherrscher bleiben als vermeintliche oder echte strongmen an der Macht, solange der Rubel rollt, ohne dass auch nur eine Sonntagsrede übers Menschenrecht irgendwo noch ins Stocken geriete. Die vorgeblich aufgeklärte Öffentlichkeit des Westens wendet sich mit habitueller Entsolidarisierung von jenem Leid ab, das durch die reelle Gesamtheit aller erbärmlichen Kalkulationen der sogenannten freien Gesellschaft mitgeschaffen wurde.

Der westliche Staatsbürger, der trotz aller historischen Abwicklungen und faschistischen Kassenstürze weiterhin beharrlich behaupten mag, konservativ oder liberal, Christ oder Kommunist zu sein, kann in der Vergangenheit keinen Sinn und in der Zukunft keinen Trost mehr finden. Er wird von eitlen und selbstbezogen bleibenden Schuldgefühlen heimgesucht, die er mit der jeweiligen nationalen Konstitution erbte. Mit letzterer geht gemeinhin das schlecht verdrängte, schlecht einbekannte Wissen um die kolonialistischen, rassistischen und sexistischen Gewalttaten, die während der ursprünglichen Akkumulation bzw. der Versuche nachholender Entwicklung anfielen. Mordend, plündernd und menschenverschlingend wurden die alten, gottgeweihten Reiche Europas zu Brutstätten „neu“ geborener Völker, welche als demokratische Nationen zu sich selber fanden. Jede dieser dreckigen Vaterlandslügen einer aufsteigenden Bürgerambition hielt allen anderen Nationalformierungen gegenüber durch kollektivierten Egoismus zusammen, bis hinab zu den untersten Enden der nationalökonomischen Nahrungskette, so wenig die idealistischen Staatsbürger, die Linken, es bis zuletzt wahrhaben wollten. Als naive Progressisten schwärmten sie einst vom übernationalen Weltstaat und hofften auf seine kataklysmische oder reformistische Schaffung durch das „objektiv“ dazu berufene, vollends expropriierte Proletariat, so wie einst die Gläubigen auf den nackten, leidenden, von daher unkorrumpierbaren Messias hofften. Doch die brutal ausgebeutete Arbeiterschaft blieb im entscheidenden Moment – spätestens beim Kriegsausbruch 1914 – gleichgültig gegen alle hochherzigen, internationalistischen Appelle. Sie hatte sich schon zuvor im (für andere, kaum als Menschen wahrgenommene „Wilde“) entscheidenden Moment von verheißenen Plätzen an der Sonne, von prospektiven Farmen in Afrika komplett mit schwarzhäutiger Dienerschaft, von Südfrüchten und anderen Kolonialwaren bereitwillig verlocken lassen. Warum also nicht das Prinzip vernichtender Konkurrenz auch gegen die europäischen Nachbarn richten, gegen das Proletariat in den Berg- und Stahlwerken an anderen Standorten?

Zurück in die Zukunft: In den noch (genauer: immer schon) anstehenden Updates des Produktions- und Verwaltungszusammenhangs kann sich der Bürger – ob Arbeiter der Stirn oder der Faust – die eigene ökonomische Überflüssigkeit an den eigenen, schon lange nicht mehr schwieligen Fingern ausrechnen. Die Zukunft zeigt ihm immer nur das eigene Wutgesicht beim Erhalt der Arschkarte. Auf breiter kultureller und ideologischer Ebene treten diverse, eher manische als panische Retro-Beschwörungen an, die von möchtegernbolschewistisch bis grenztruppenmobilisierend, von arisch bis proletarisch, von Wir zu wirr allesamt salopp zusammengeschusterte, massenkompatible Identitäten ohne Erfahrungskern für entkernte Oberstübchen anbieten. Der so privilegierte wie historisch belastete Bürgernachkomme ist über die blutigen Sachzwänge gut unterrichtet, die seinen Wohlstand ermöglichten und die hierzu weiterhin fortbestehen müssen, angefangen mit dem objektiv notwendigen Grenzregime, welches genau besehen auf der schwachsinnigen Idee beruht, dass liberté, égalité, fraternité nur für die angeblich Glücklichen innerhalb abgezirkelter Territorien gelten können, welche das „außerhalb“ bis heute andauernder Notstandsgebiete in der ganzen Welt zumindest mitschaffen und am Leben erhalten. In seinen hellsten Momenten erkennt der Bürger die Vergeblichkeit seines postmodernen Wehmutblicks und weiß, dass es kein Zurück in die befestigte Idylle von einst gibt, die ohnedies nie so existiert hat. Die so lauten wie hohlen Schwüre linker und rechter Identitätssucher auf das Anno dazumal eines Bismarcks oder Lenins feiern in Wahrheit nur einen toten bürgerlichen Überschwang ab, der sich über seine alte Beklopptheit hinaus als vollends übergeschnappt erweist, sobald er kraftmeierisch ins postbürgerliche Zeitalter reimportiert wird. Die herbeigeträumten Erinnerungen an die Sturm-und-Drang-Phasen des Bürgertums appellieren allesamt an die Polizei. Bürgerliche Gesellschaft ist die perfekt aufgearbeitete Verdrängung all der in ihr einst sinnlos Zugrundegegangenen mittels sogenannter sinnstiftender, heldenbeschwörender Gedenkkultur. Erinnerung – nicht nur, aber speziell deutsche – dient der umso freimütigeren Bewältigung, die auch und gerade aus einer unerlösbaren, unabgeltbaren, ja unrächbaren Vergangenheit noch eine Ressource der Ideologieproduktion zu machen weiß.

Viele machten sich angesichts des Terrors in Paris – so einwandfrei robust wie unbeirrbar grundsätzlich – ad hoc daran, das erneut Unbegriffene, bestürzend Wahnsinnige, unendlich Traurige des atavistisch-futuristischen Geschehens ihrer jeweils bevorzugten Ideologie gefügig zu machen. Ob links engagiert, rechts zusammengerottet oder um irgend eine andere hohle Kaaba munter herumkreisend: Die denkfaule, habituelle Fassungslosigkeit, die immer so erstaunlich schnell wieder in die alte antizionistische Fassung zurückfindet, zeitigte zum x-ten Mal keinerlei neue Erkenntnisse. Das erschrockene westliche „Aufmerken“ ließ nur den Grad seines konstitutiven Aufmerksamkeitsdefizits beredt werden, das Ausmaß der notwendigen Selbstverblendung postbürgerlichen Bewusstseins wurde für ein verwirrtes Momentchen wieder sichtbar. Dann galt wieder business as usual: Jahrzehntelang ist der dezidiert islamische Charakter des globalen Dschihad geflissentlich kleingeredet, relativiert und beiseite geschoben worden, unisono von den idiotisch Nutzlosen à la Margot Käßmann und den akkreditierten Pseudologen à la Khola Maryam Hübsch, die dafür ans Mikro geholt werden, um es nicht besser wissen zu müssen.

Das apologetische Wunschdenken betriebsamer Multiplikatoren gegen „antimuslimischen Rassismus“ spricht den verelendeten Einzelnen, die die berühmten Massen in den islamischen Territorien und ihren Dépendancen im Westen bilden, in bester Kolonialherrenabsicht jegliche Autonomie ab. Dies lässt sich mittlerweile aber kaum noch ernsthaft hinschreiben, ohne gleich die Frage aufzuwerfen, wem diese banale Explikation denn immer noch auf die Sprünge helfen soll. Der bequeme Determinismus bankrotter Marxisten und Antiimperialisten hat sie in die Araberhengste des Weltgeistes verwandelt. Und nicht wenigen Sozialingenieuren juckt es schon administrativ in den Fingern, des durch barbarische Schergen gründlich dressierten und auf Angst- und Wutreflexe reduzierten Menschenmaterials mit den besten Absichten noch weit gründlicher und nachhaltiger habhaft zu werden. Die besinnungslos nach der richtigen Kombination der sozioökonomischen Stellschrauben suchenden Nachfahren August Comtes gelangen stets zuverlässig zur narzisstischen Überhöhung der technokratischen und administrativen Macht, die ein Ferdinand Lasalle schier anbetete. Je „radikaler“ sich der selbstvergessene Sozialistenfrust angesichts des kränkenderweise fortbestehenden Rückstands in puncto Menschwerdung gebärdet, desto stacheldrahtiger und maßnahmenseliger wird anscheinend die kompensatorische Souveränsrhetorik. Manche schwadronieren weiter von fortschrittlichen Epiphanien der Elektrifizierung plus Sowjetmacht, als hätte es nie einen ägyptischen Muhammad Ali, einen türkischen Atatürk, einen irakischen Saddam Hussein und einen syrischen Hafiz al-Assad gegeben. Man tut in spätjakobinischen Kreisen unbeirrt so, als ob sich nicht längst die robustesten Direktorate von Tunesien bis Afghanistan an der zwangspädagogischen Modernisierung muslimischer Untertanenknetmasse versucht hätten, als wäre nicht bereits das Lenin’sche Urmodell eine historische Lektion zum Thema „rückläufiges Moment der Aufklärung“ einschließlich gründlichen Nachsitzens in Stalins GULAGs gewesen! Wen betrügen die als Gespenster kostümierten Kindsköpfe, außer sich selbst? Es ist exakt dieser unverwüstliche Glaube an die gesellschaftliche Organisierbarkeit der erwünschten, erfolgreich geupgradeten Subjekte, der die ewigen Zauberlehringe von den Instituten bis zu den Ministerien daran hindert, die handfeste muslimische Sozialisation und ihre terroristische Virulenz anders denn als eine beliebig austauschbare, schier akzidentielle anzusehen. Sie müssen an einer globalen Realität scheitern, die immer wieder von fast ausnahmslos islamisch begründetem Terror erschüttert wird. Linke und linksliberale scheitern aufgrund ihres gegenstandsvergessenen „Durchschauens“ des grundlegenden islamischen Narrativs als reine Konstruktion oder Signifikante, die per se keine Relevanz in den postkolonialen Analysen haben darf. Denn dies gewährt ihnen nicht zuletzt die Illusion der prinzipiellen Möglichkeit, einst „auch“ den islamischen Kulturkreis durch die korrekte Mischung aus Volkswirtschaftslehre und betreutem Wohnen zu reformieren und so nachträglich halbwegs zur Vernunft zu bringen, wie es mit dem Christentum während der historischen Bemächtigungsbewegung des Bürgertums im Westen geschah.

Der Westen, diese seit der altgriechischen Propaganda gegen die asiatische Despotie der Perser immer schon unverschämte und doch dem berühmten Minimum unabdingbare Freiheitsprojektion in die Geographie, verurteilt sich selbst zum Gespensterdasein, wie als Rache für den durch ungeheure Blutbäder und erbärmliche Bankrotte ausgetriebenen kommunistischen Spuk in Osteuropa. Die US of A, der gelungenste Kristall kapitalistischer Verbürgerlichung und offiziöser Hegemon, führt sich parteiunabhängig zunehmend isolationistisch auf – das ist gebildet für „die Amis schmollen.“ Der nackte Kaiser ist weder bankrott noch regierungsunfähig in formaler Hinsicht: Militär und Polizei sind relativ diszipliniert und werden pünktlich bezahlt, die Beamten sind größtenteils loyal, die Öffentlichkeit wird vom Staat her wenig oder kaum zensiert. Letzteres aber besorgen selbsternannte Avantgarden der bürgerlichen „Selbstkritik“ mit einer noch höheren Effizienz als all die reichlichen Fatwas und die gelegentlichen, wenn auch entsetzlichen Mordkommandos im Namen Allahs: Das juste milieu will nichts von islamischen Formierungen auch mitten in der westlichen Gesellschaft hören und überlässt das Thema lieber den Faschisten. Der unbedingte Wille zur weißen Exkulpation führt geradewegs zur Kollaboration.

Von den ständig konferierenden Regierungen wurde, obwohl teuer genug bereitgehalten, kein Expeditionskorps etwa gen Syrien aufgeboten, es reichte „nur“ für „diskrete“ Drohnen, Luftschläge, Militärberater, Satellitenaufklärung und kleinere Kopfjägerkommandos. Es gälte, eine faktische Koalition der Unwilligen zu beschreiben: Jeder noch so imposante Staatsleviathan weiß, dass einer motorisierten und berittenen Guerilla wie dem IS letztlich nur durch die Präsenz und Permanenz sicht- und fühlbarer Bodentruppen beizukommen wäre. Kein Player des Great Game, nicht einmal Russland, möchte eine auf allen Kanälen live übertragene Intervention in Syrien wagen, weil ihre zu erwartenden Folgen schier unkalkulierbar geworden sind. Die denkbaren Risiken gehen vom terroristischen backlash in den eigenen Städten – Russland insbesondere wäre wie in Zeiten des Kalten Krieges von seiner „weichen Unterflanke“ voller muslimischer Ethnien her höchst verwundbar – bis hin zum ruinösen Ausbluten des Nationalhaushalts wie in Sowjet-Afghanistan durch einen wahrlich bodenlosen Hundert-Parteien-Bürgerkrieg ohne Ausgang.

Der Sozialarbeiter und stand-up-begabte Souveränsdarsteller Barack Obama ist in Hinsicht auf eine entscheidende Militäroperation in Syrien untätig geblieben, so dass bereits der Hauptwillige der nicht vorhandenen Koalition ausfiel. Obama, in dieser Hinsicht gestützt auf so nachvollziehbare wie noch viel Schlimmeres ankündigende amerikanische Umfragewerte, lieferte die Einwohner Syriens unter weihevollen, im Nachhinein den norwegischen Friedensoscar mehr als rechtfertigenden pazifistischen Parolen ans Messer der vergleichsweise immer noch engagierteren Russen und der Iraner, an die Fassbomben und Folterkammern Assads, in welchen vorläufig geschätzte 60.000 Menschen verrecken mussten, an die wahrlich besessene, mordwütige Soldateska des Propheten namens Islamischer Staat, an den Hunger und an die Seuchen in den Lagern des türkischen Grenzlandes, an die Menschenschmuggler und Sklavenhändler auf den illegalen Routen nach Europa, und natürlich an das leichenbedeckende Mittelmeer. Obama, Autor von „Audacity of Hope“ und seine antizionistischen Claqueure tragen schwere moralische Mitschuld durch unterlassene Hilfeleistung an den in Syrien begangenen Gräueln, was in einer unfernen Zukunft nicht weniger schwerwiegend auf dem kollektiven Gewissen lasten könnte als Kissingers verbrecherische Kambodschapolitik unter Nixon. Nicht, dass bei den imperialistischen oder auch anti-imperialistischen Geostrategen und Berufspolitikern mit großen Gewissensbissen zu rechnen wäre. Und immerhin dürften sich Architekten und Designer schon mal auf künftige Auftragsarbeiten zum Bau neuer Gedenkstätten und Reinigungsorte für unverdaute Erinnerungen freuen. Doch auch und gerade der erstarrte Quietismus der westlichen Staaten, der sich in die Gesichtszüge Obamas oder Merkels quasi verstoffwechselt hat, stiftet großen Schaden für eine Zukunft, an die kaum jemand außer den schlimmsten Verbrechern und Blutsäufern noch gerne denken mag. Ohne amerikanische oder andere boots on the ground trugen bislang die aus relativ sicherer Luft unterstützten Kurden und Jesiden, die wem auch immer halbwegs loyalen irakischen Truppen und ein paar soldiers of fortune mit unklar antiislamistischer Motivation die Hauptlast des Krieges gegen den IS. Die das Gros des Anti-IS-Widerstandes aufstellenden Kurdenmilizen streben allerdings mehrheitlich weniger die Zerstörung der Dschihadisten an denn vielmehr die Befreiung ihrer Heimat.

Viel schwerer allerdings wiegt, dass der Islamismus aufgrund seiner Bedrohlichkeit heute wie gestern von den westlichen Gesellschaften reflexhaft exterritorialisiert und in angebliche Peripherien abgedrängt wird. Dies geschieht, um trotz der eklatanten sozialen Widersprüche und Konflikte die Illusion intakter Souveränität und schützender westlicher Identität weiterhin aufrechterhalten zu können. Darum hat man speziell in Europa beharrlich so getan, als läge Syrien ganz am anderen Ende der Welt, bis eine mittlere Völkerwanderung, hauptsächlich durch den lange schon verrottenden Balkan, den bornierten Europäern das „Nahe“ in „Naher Osten“ noch einmal unangenehm deutlich machte. Die Antwort der Europäer hierauf, die sich so himmelschreiend über verfallende Milchpreise und übersubventionierte Flughafenprojekte die Haare raufen können, ist nach all dem antirassistischen Applaus und Gerede mit Idomeni recht knackig auf den Punkt gebracht, auch wenn dieses griechische Lager längst schon geräumt wurde. Meanwhile hat das islamische Problem längst vor und hinter der mazedonisch-griechischen Grenze alle Kontinente heimgesucht, und insbesondere der IS hat längst eine Dimension des globalen Kriegszuges zum Vorschein gebracht, die sich Al-Qaida nie hätte träumen lassen. Tausende von Freiwilligen, nicht zuletzt aus ganz Europa, kämpfen in den Reihen al-Baghdadis, und seine Sympathisanten, Unterstützer und Apologeten gehen in fast jeder westlichen Metropole in die Tausende. Nicht wenige von ihnen werden von einem fanatischen Konvertiteneifer angetrieben, wobei sie nicht nur vom nur noch minoritär fundamentalistischen Christentum und vom konformistischen Vulgäratheismus überlaufen, sondern auch von der tradierten, aber noch vor wenigen Jahrzehnten kaum noch selbst gelebten folkloristischen Tradition der muslimischen Großeltern und Eltern. Dieser „Re-Islamisierung“ vernünftig zu begegnen, ist angesichts der schieren Größe der sich als islamisch identifizierenden, potentiell dschihadistisch ansprechbaren Bewohner Europas eine der vordringlichen Aufgaben der Zeit.

Sozialstaatliche, integrations- und arbeitsmarktpolitische Maßnahmen mögen tatsächlich helfen, die Attraktivität des Islamismus zu senken. Doch diese Gedankenverbindung von Zukunftsaussicht und Fanatisierungsresistenz sollte gleich zur Frage führen, warum die einstigen Sozialingenieure denn ihre krisenmeisternden Maßnahmen wohl nicht mehr so beherzt ergreifen. Können oder wollen sie es nicht? Die Überflüssigkeit von immer mehr Menschen im Produktionsprozess ist zu einem durch keine Nachsteuerung mehr zu kaschierenden Problem geworden. Eine Stärkung des Laizismus könnte vielleicht wirklich den umtriebigen Islamverbänden und -rackets den Weg in Schulen und Jugendzentren erschweren und den Vorbetern wenigstens die staatlicherseits legitimierte Autorität entziehen. Und Aufklärung als solche würde gewiss auch nicht schaden, wenn sie endlich einmal nicht nur als Identitätsausweis einer halbgebildeten Führungsschicht oder gleich als Fortsetzung des Ariernachweises mit anderen Mitteln verhunzt würde. Es gälte scheinbar, ein solches Aufklärungsbemühen mit allem gebotenen Nachdruck in die Haupt- und Gesamtschulen zu investieren, ginge es in diesem Reich des Sachzwangs ernstlich darum, junge, unterprivilegierte Migrantenkinder rechtzeitig gegen islamische Rattenfänger zu immunisieren und sie gegen autoritäre Einflüsse aus dem eigenen Milieu zu stärken. Wer aber eine deutsche Gesamt- oder Hauptschule besucht, wird schnell feststellen, dass der Alltag dort ohnehin bereits von „Anti-Gewalt-Wochen“, „Anti-Mobbing-Workshops“ und anderen Oberflächenbehandlungen und Pöstchen für nie überflüssige Sozialarbeiter nur so strotzt. Die Kinder absolvieren Ausflüge zur Drogenberatungsstelle und zur Arbeitsagentur, um schon einmal die Rolle als zweite Wahl auf der Reservebank des Lebens auszuprobieren, die ihnen vom mit ihresgleichen übersättigten Markt zugedacht worden ist. Der nach der Ölkrise 1973 immer weiter abgewickelte und teilprivatisierte Sozialstaat westlicher Geschmacksrichtung sucht zwischen marktertüchtigenden Austeritätsprogrammen, statistikverschönernden Bauaufträgen und möglichst kostengünstiger Sozialarbeit sein genau abgestimmtes, finanzielles Gleichgewicht in einem gnadenlos abrechnenden Weltmarkt zu finden. Es gibt darin im Wortsinn keinerlei Standorte mehr, nur zeitweilige Vorteilspositionen ohne Gewähr, mit mehr oder minder, aber nie zuverlässigem Halt. Dem sich verflüchtigenden Druck des direkten Lohnzwangs wird mit zusätzlichen amtlichen Sanktionen beigeholfen, um weiterhin eine prinzipielle Arbeitsbereitschaft postindustrieller Reservearmeen aufrechtzuerhalten, deren Einberufung in weiten Segmenten nicht mehr zurückkommen wird.

Die krisenhafte, anarchische Produktionsweise des Kapitalismus macht die Ohnmächtigen zu potentiell Überflüssigen, die nach dem Prinzip der Mülltrennung und Resteverwertung durchsortiert werden und sich panisch-fleißig selber durchsortieren müssen. Diese Grundkonstante der doppelten Freiheit, die in den Subjekten auch jenseits akuter Prekaritätserfahrungen wirksam ist, treibt dem islamischen Tugendterror geneigte Anhängerschaft in Scharen zu, die ohnehin niemand sonst gebrauchen kann. Das findet vor allem im schlampig verwalteten Elend migrantischer Problemviertel und städtischer Brennpunkte statt, aber auch in den vom kapitalistischen Ponyexpress vergessenen Provinzkäffern. Mit der spätkapitalistischen Kontraktion des Verwertungsprozesses und der Ausscheidung immer mehr überflüssiger Arbeitskraft wird zudem die traditionelle Familie als zentrale Instanz bürgerlicher Subjektbildung weiter geschwächt. Die gewaltsame bzw. mindestens gewalthafte Zurichtung, die in patriarchaleren Zeiten dem und der Einzelnen in der sogenannten „Keimzelle des Staates“ angetan wurde, um sie zu verwertbaren Arbeitskraftbehältern und rollenkonformen Subjekten zu machen, diente immer auch der Aufgabe, besagte Vereinzelung auf ihre arbeitsteilige Standardisierung im gesellschaftlichen Marktgeschehen vorzubereiten und sie den mehrwertmotivierten Sachzwängen des Produktionsprozesses kompatibel zu machen. Die bürgerliche Autonomie entspringt dem antagonistischen Bewusstsein des tauschenden Warenbesitzers, dessen Transaktionen sein ganzes Weltvertrauen begründen. Je mehr dieses Vertrauen und die allgemeine Vernunft ihre objektive Glaubwürdigkeit verlieren und sich der „normale“ Markt zugunsten brutaler Verteilungskämpfe zwischen diversen Rackets zurückzieht, desto mehr schrumpft Erziehung in alimentierten Elendsquartieren zur gnadenlosen, street-wise Lehre von Gesellschaft als unerbittlichen, naturgegebenen Kampf um Vorherrschaft, in welchem sich nur die großen Prädatoren und die gemeinsam jagenden Rudel behaupten können.

Das islamische Racket bietet räuberische Gratifikationen: Vernichtende Siege über den Feind und Anteile beim Verteilen der Beute, nicht zuletzt vergegenständlicht in der so begehrten wie gehassten „westlichen“ Frau, genauer: der Frau „des“ westlichen Mannes. Mit der angeblich so selbstlosen und heiligen Gesinnung ist es im vergeistigungsarmen Islam ja ohnehin nie weit her: Sogar das Selbstmordattentat wird von den Brüdern nicht ausgeführt ohne die sinnliche Verlockung eines islamischen Paradieses, das man sich wie den feuchten Traum eines ausgezehrten Beduinen vorzustellen hat: Ein Disneyland „halâl“ mit angeschlossenem Laufhaus, das als Belohnung Allahs mit reichlich Wein und Weib auf die Gefallenen im Glaubenskrieg wartet.

Der Vernichtungsislamismus ist nur an der Oberfläche ein vormoderner Rückfall. Er stellt vielmehr eine Pervertierung und zugleich eine äußerste Zuspitzung der bürgerlichen Subjektivität dar. Entfesselter Dschihadismus ist die religiöse Weihe eines spätkapitalistischen Sprungs nach vorn, der jegliche Konkurrenz als Feind identifiziert und liquidieren will. Der dschihadistisch mobilisierte Muslim zieht nach ganz eigenen Kategorien und völlig ungehemmt all jene generell feindseligen Konsequenzen, die die meisten Bürger, den diffusen Versprechen der alten Welt mit halbem Verständnis anhängend, glücklicherweise noch nicht ganz zu ziehen bereit sind. Der Islamismus ist alles andere als ein Einbruch des Mittelalters, sondern vielmehr der Inbegriff postmoderner Subjektivität. So beliebig wie man es ihren Ausrufern vorgeworfen hat, ist diese Postmoderne dann aber doch nicht: Der Islam und sein blödes Buch bieten die beste Vorlage für die zweifelsfreieste Beute- und Vernichtungsideologie.

Bleibt die Frage, wie sich der vielgenannte Westen – jenseits des unverzichtbaren militärischen Kampfes – gegen eine schreckliche Zukunft verteidigen kann, die von terroristischen Identitätspolitikern ausgebrütet wird. Die bereits erwähnte Sozialpolitik, einst Kennzeichen der staatskapitalistischen Epoche als direkte politische Antwort auf den Zusammenbruch des liberalen Kapitalismus, wird zusehends zurückgefahren, weil der Staat offenbar doch abhängiger von der Mehrwertproduktion war, als es sich vor allem seine linken Ideologen eingestehen wollten. Je mehr der klassische Sozialstaat kassiert und das Outsourcing seiner Ordnungsfunktionen unter dem Euphemismus einer kultursensiblen Einbeziehung vorangetrieben wird, desto mehr wird der öffentliche Raum den kleinen und großen Schreckensherrschern islamischer communities mit ihrer programmatischen Asozialität überlassen, deren ideologische Obermuftis sich dem Staat als medientaugliche Ansprechpartner und ghetto-adäquate Ordnungskräfte anbieten. Was unweigerlich geschieht, sobald der Souverän diesen scheinheiligen Hausfrieden macht, wird in Frankreich, den Niederlanden, Großbritannien und Belgien drastisch vor Augen geführt: Es bedeutet letztlich die Preisgabe des Gewaltmonopols vor dem Treiben in Parallelgemeinschaften, deren Menschen als Gleichzubehandelnde ohnehin bereits abgeschrieben sind. Dementsprechend erklärt sich die vermeintliche Unbelehrbarkeit, die politische Entscheidungsträger dazu motiviert, „homegrown terrorism“ so lange zu ignorieren wie nur irgend möglich. Doch der erzbürgerliche Deal – ihr lasst uns in Ruhe und dafür lassen wir euch in Ruhe – funktioniert einfach nicht mit jenen, die nach dem Vorbild ihres religionsstiftenden Urpaten Verhandlungsbereitschaft und Laissez-faire schlichtweg als auszunutzende Schwäche interpretieren und dementsprechend immer übergriffiger werden. Der Staat kann auf diese Vertragsbrüche nur teilweise und über seine diskrepanten Räsons stolpernd reagieren, weil er zugleich auf die muslimischen Wortführer angewiesen bleibt: Sie sollen ihm kostengünstig den drohenden Aufstand vom souveränen Leib halten, die Folgen der kulturalistischen Entfremdung vorläufig oder endgültig überflüssig gemachter Segmente des Staatsvolks. Das geschieht so pragmatisch wie irrsinnig durch die Veredelung von Racketideologen zu kleinen Eingeborenen-Subsouveränen über die abgehängten Bezirke, so dass zahllose bärtige Böcke (und nicht wenige bekopftuchte Ziegen) zu postbürgerlichen Gärtnern gemacht werden. Wollte Vater Staat die Sonderbewusstseinszonen im radikal bürgerlichen Sinn zerschlagen oder zumindest ihre Muftis, Mullahs und Muezzins entmachten, so müsste er an Stelle der herrschsüchtigen islamischen Endzeitreligion entsprechende Massenstrukturen schaffen, die die „Resozialisierung“ der in der Parallelgesellschaft Gefangenen ermöglichen. Dazu ist der Souverän jenseits neuer Kapitalbewegungen nicht fähig, ohne dabei die eigene Staatlichkeit zu vergöttlichen, also vom Leviathan selber zum Behemoth zu werden. Über die Frage nach der vernünftigen Befähigung des Staates hinaus bleibt klar, dass die per Herkunft und Identitätszuschreibung Abgehängten weder den gesellschaftlich generierten Einzelegoismen noch dem verallgemeinerten Kollektivegoismus realiter irgendwelche nennenswerten Anstrengungen wert sind. Aus der Sicht anderer kapitaler Subjekte würden diese sozialdemokratischen Extrawürste ja doch nur zu Gunsten einer objektiven Konkurrenz ausfallen.

Die Aussichten der bereits angebrochenen Zukunft sind dementsprechend schlecht, auch wenn eine Niederlage im konkreten Fall des IS in greifbare Nähe gerückt ist. An den abgründigen Gründen für den tausendfachen Aufbruch muslimisch Sozialisierter zu den Schlachtstätten des syrisch-irakischen Kalifats hat sich indes nichts geändert. Das blutige Glaubenszeugnis von Paris, Brüssel, Orlando, jetzt erst wieder Istanbul, Bagdad, Dhaka wird erneut passieren. Umso mehr kommt es bis auf Weiteres darauf an, sich mit den Besten zur Verfügung stehenden Mitteln gegen eine weniger schleichende als knallintensive Islamisierung zur Wehr zu setzen. Bislang ließen sich viele liberalistische Gospelchöre vernehmen, durchbrochen mit autoritären Identitätskrämpfen, die aus jeglicher Gruppeneigenschaft eine veritable Wagenburg zu schaffen vermögen. Für die isolierten Einzelnen bedeutet das, mit anderen den kollektiven Kritiker zu bilden, um die radikale Wahrheit des Existenzialurteils zu entfalten. Es gilt, jede Mühe auf sich zu nehmen, jede noch so spärlich vorhandene Chance zur Verständigung, zur Desillusion und zur Intervention zu nutzen, damit die verrückte Logik der Geschichte nicht recht behält.

 

 

  1. Der arabische Wortstamm von kâfir, Plural kuffâr, geht auf die Grundform k-f-r zurück und bedeutet „verbergen“ oder „bedecken“, ursprünglich vor allem im Sinn des Eingrabens von Saatgut ins Erdreich. Aus dieser immer schon herablassenden Bezeichnung „freier“ Hirtennomaden für sesshafte Bauern wurde der im Islam gängige, verächtliche Ausdruck für solche, die sich vor der Botschaft Allahs wegduckten oder verbargen. Das Schimpfwort wurde später auf Afrikaans zur Herabsetzung der „primitiven“ Schwarzen in Südafrika übernommen und gilt seit dem Ende der Apartheid als hate speech crime. Im Jiddischen bezeichnete es wiederum Bauern, ebenfalls mit einer Konnotation von Beschränktheit und Rückständigkeit, die auch im Deutschen übernommen wurde.
  2. „Ubâda Ibn-as-Sâmit, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, berichtete: Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil seien mit ihm, sprach zu uns in einer Versammlung: Leistet mir den Treueschwur, dass ihr Allah weder eine andere Gottheit zur Seite stellen, noch Unzucht begehen, noch stehlen, und dass ihr niemanden töten werdet, dessen Leben Allah für unverletzlich erklärt hat, außer wenn dies gemäß der Scharia geschieht. Wer von euch dies erfüllt, der hat seinen Lohn von Allah zu erwarten; und wer immer etwas hiervon begeht und dafür eine weltliche Strafe erleidet, so gilt diese als eine Sühne dafür. Begeht einer aber eine Tat hiervon und wird von Allah vor der Öffentlichkeit geschützt, so verbleibt das Urteil bei Allah: Wenn Er will, wird Er ihm vergeben, und wenn Er will, wird Er ihn bestrafen.“ (Hadith-Sammlung Al-Bayan 986)
  3. Lange schon vor Muhammads Geburt waren in der Handelsstadt an der Weihrauchstraße nach Äthiopien jüdisch inspirierte Legenden mit der heidnischen Kaaba verknüpft worden. Das regionale Heiligtum wurde von manchen auf das Wirken Abrahams und sogar auf den Menschheitsvater Adam höchstselbst zurückgeführt. Für alle Einwohner und Besucher im Umkreis von mehr als 20 Kilometern um die Kaaba herum galt damals schon ein heiliger Bann gegen jedwedes menschliche Blutvergießen. Die gesamte Halbinsel wurde von zänkischen Araber- und Beduinensippen bewohnt. Karawanen, Räuberbanden und Hirtennomaden durchzogen das flusslose, um jede Oase und jeden Tropfen Grundwasser stets bitter umkämpfte Land. Die politische Funktion der Friedensenklave Mekka als Freistatt und Verhandlungsort, insbesondere zur Zeit der jährlichen Haddsch, war ein Hauptgrund ihrer ökonomischen Prosperität, an welcher Muhammed freilich relativ wenig Anteil hatte. Die heidnische Kaaba spülte Jahr um Jahr einen lukrativen Pilgerstrom aus allen Winkeln Arabiens in die Stadt und verband nah und fern ihrem erfolgreichen Markt.
  4. Qur‘ân wird aus der gleichen Wortwurzel gebildet wie Iqrâ!, dem dreifachen Befehl des himmlischen Würgers.
  5. „Und wenn Wir einen Vers bringen, der einen anderen ersetzt – Allah weiß ja am besten, welche Offenbarung Er herabsendet – sagen sie: ‚Du bist ja nur ein Erdichter!‘ Nein, das ist nicht wahr! Aber die meisten von ihnen wollen es nicht einsehen.“ (Sure 16:101)
  6. Dementsprechend erklärten Muhammads spätere Anhänger die durch ihn selbst oder durch die Redaktion des Koran unter dem Kalifen Othman nachträglich korrigierten Verse der 53. Sure zu Einflüsterungen des Satans. Drei heidnisch-arabische Gottheiten, deren Kultbilder seit Urzeiten im Zusammenhang mit dem vorislamischen Allah in der Kaaba verehrt wurden und gegen die Muhammad, wohl aus Furcht vor deren Anhängern, sich zunächst nicht zu positionieren gewagt hatte, werden dort von ihm angeführt: „Was haltet ihr nun von Al-Lât und Al-‘Uzza und weiter von Manât, der dritten von diesen (weiblichen Wesen)?“ (Sure 53:19-20) Al-Lât, deren arabischer Name auf die altsemitische Göttin Elat und ihre sumerische Urgestalt, der Unterweltsgöttin Ereschkigal zurückging, welche zudem in Karthago als Allatu angerufen und von den nabatäischen Nachbarn der Araber mit der griechischen Athene und der römischen Minerva identifiziert wurde, empfing besondere Verehrung durch den arabischen Stamm der Quraisch, dem wiederum Muhammad selbst entstammte. Die Quraisch waren ebenfalls Verehrer von Al-‘Uzza, die mit der ägyptischen Isis und der griechischen Aphrodite identifiziert wurde und zu deren eigenem Schrein in Taif bei Mekka sie regelmäßig pilgerten, um unter den ihr geweihten Bäumen Opfer darzubringen. Der Name der Schicksalsgöttin Manât schließlich, von den Gelehrten auf Menîtû zurückgeführt, einem Beinamen der babylonischen Ischtar, lässt sich womöglich auch mit der griechischen Nemesis verknüpfen. Sie wurde speziell von den Einwohnern Medinas zur Zeit der Ankunft des Gesandten hoch geehrt. Ursprünglich lautete der auf die Erwähnung dieser drei Gottheiten folgende Vers Muhammads: „Dies sind die erhabenen Kraniche, auf deren Fürbitte zu hoffen ist.“ Er verglich also die „Töchter Allahs“ mit anmutigen, in großer Höhe dahinfliegenden Jungfernkranichen (grus virgo), um die Nähe zum (und damit ihr fürsprechendes Gehör beim) Himmel symbolisch auszudrücken. Nach islamischem Verständnis hätte Muhammad damit aus Furcht vor seinem eigenen Stamm der Quraisch, den militärischen Hütern und Hauptprofiteuren der polytheistischen Kaaba, nichts Geringeres als schirk, die Gräuelsünde des „Beigesellens“ begangen, also irgendetwas oder irgendjemanden zusätzlich zu Allah geehrt. Die heute als kanonisch angesehene Nachkorrektur der heiklen Stelle sollte das unabdingbare Prinzip der ‚isma schützen, die Bewahrung Muhammads vor Irrtümern durch den göttlichen Schutz. Nun heißt es dort anstelle des Kranichverses: „Wie! Sollen euch die männlichen Wesen zukommen, und Allah die weiblichen? Das wäre wahrhaftig eine unbillige Verteilung! Es sind bloße Namen, die ihr und eure Väter euch ausgedacht habt, wozu Allah keinerlei Vollmacht herabgesandt hat.“ (Sure 53:21-23) Dies ist als spöttischer Vorwurf zu verstehen, dass die Araber, die Allah drei Töchter beigesellt hatten, sich selber doch immer nur männliche Nachkommen wünschten und ihrem Gott somit das Geringere in patriarchalen Augen zugestanden hätten.
  7. „Aischa, Mutter der treuen Gläubigen, berichtete: Al-Harith bin Hischam fragte den Gesandten Allahs: Oh, Gesandter Allahs! Wie wird dir die göttliche Eingebung geoffenbart? Der Gesandte Allahs erwiderte: Manchmal ereilt es mich wie das Klingeln einer Glocke; diese Art von Eingebung ist die härteste von allen, und dieser Zustand vergeht, nachdem ich die Eingebung erfasst habe. Manchmal kommt der Engel in der Gestalt eines Mannes und er spricht zu mir, so dass ich erfasse, was immer er sagt. Aischa fügte hinzu: Ich sah wahrlich den Propheten, als ihm an einem sehr kalten Tag eine göttliche Eingebung zuteil wurde, und ich bemerkte, wie ihm der Schweiß von der Stirn floss, als die Eingebung vorüber ging.“ (Sahih Al-Bukhari, Band 1, Buch 1, Hadith 2)
  8. Ektoplasma-intolerante Zeitgenossen sollten hier sicherheitshalber vielleicht besser von der Intention und der historischen Bewegung des Gedankens sprechen, aber es läuft so ziemlich auf das Gleiche hinaus.
  9. Die qualitativen Vorzüge der von Muhammad bei der Verfassung seiner Suren so schlampig rezipierten jüdischen und christlichen Konkurrenzliteratur ließen und lassen sich zwar im Sinn einer unterschiedslosen „Religionskritik“ stur und interessiert überlesen, aber speziell im Hinblick auf ihr schlechthinniges Verhältnis zur Wahrheit lassen sich die Geistesprodukte kaum ernsthaft miteinander gleichsetzen: Auch und gerade der jüdische Gottesbegriff wurde mit jedem weiteren Buch des Alten Testaments erweitert und sublimiert. Namentlich sei der von Genesis an durchgehende, nur allmählich sich seiner selbst bewusst werdende Impuls erwähnt, die „Götzen“ als von Menschenhand und -hirn Geschaffenes, als Lügen umzustürzen – und damit implizit allen Selbst- und Fremdtäuschungen und im Zug der geleisteten gedanklichen Radikalisierung schließlich auch der Religiosität selbst den Kampf anzusagen. Die insistierende Mühsal, die selbstkritische Rechenschaft wurde auch und gerade in Krisen und nach historischen Niederlagen durch die hebräischen Propheten vorangetrieben, die anders als Muhammad der politischen Macht prinzipiell misstrauten. Ihr Gottesnarrentum wies früh einen deutlich hervortretenden antireligiösen Zug auf, und ihre Bußpredigten waren tendenziell antimonarchistisch und oft dezidiert priesterfeindlich. Das geschah mit anderen theologischen Nuancen als mit jenen, die Muhammad bei der Etablierung seiner Religion verwendete.
  10. 10 Die jüdischen Qainuqâ‘ waren in Medina hauptsächlich als Gold- und Waffenschmiede tätig gewesen und okkupierten Schlüsselpositionen im städtischen Handel, die Muhammads eher handwerklich ausgebildete Mitflüchtlinge aus der Handelsstadt Mekka selber zu besetzen begehrten. Auf einen angeblichen, mutwilligen Übergriff mitten auf dem Markt, begangen durch einen Goldschmied des Qainuqâ‘-Stammes gegen die Schamhaftigkeit einer shoppenden Muslima, folgte seine prompte Ermordung durch einen anwesenden Muslim, welcher wiederum von den umstehenden Qainuqâ‘ im Gegenzug sofort getötet wurde. Dies bot Muhammad den perfekten Vorwand zu einer maßlosen Eskalation, die es ihm nach zweiwöchiger Belagerung der Befestigungen der Qaynuqâ‘ schließlich ermöglichte, den gesamten jüdischen Stamm aus Medina zu verbannen und sowohl die dadurch vakant gewordenen Posten als auch die reichhaltige Beute der weitgehend enteigneten Vertriebenen unter seinen Getreuen aufzuteilen. Oder, um es mit al-Tabarî zu sagen, dem anerkannten Biographen Muhammads: „Der Stamm der Qaynuqâ‘ besaß keine Ländereien, denn sie waren Gold- und Rüstungsschnmiede. Der Gesandte Allahs erbeutete viele Waffen aus ihrem Besitz und auch die Werkzeuge ihres Handwerks.“
  11. Die ebenfalls jüdischen Banû Nadîr hatten sich aus alter Gegnerschaft zu den Qaynuqâ‘ in der ganzen Angelegenheit zwar insgesamt neutral verhalten, doch auch sie stellten eine starke Präsenz im Handel Medinas dar, vornehmlich als Landwirte, aber auch als Geld-, Waffen- und Juwelenhändler mit vielen Geschäftskontakten nach Mekka. Letzteres machte sie trotz ihrer anfänglichen, vertragsgemäßen Neutralität zum nächsten Ziel der Angriffe Muhammads. Einer ihrer Wortführer, Ka‘b ibn al-Aschraf, war bereits nach der Schlacht von al-Badr in die feindliche Heimatstadt des Gesandten gereist und hatte dort zum Krieg gegen die Muslime aufgerufen. So wenigstens beschreiben es die muslimischen Sieger, die diese Geschichten tradiert haben. Dass der rhetorisch begabte al-Aschraf zudem erotische Spottgedichte betreffs der angeblichen Ehrenhaftigkeit der Muslimas rezitierte, hat die damalige Situation gewiss nicht entspannt. Ende August 625 besuchte Muhammad, dessen Ansehen nach einer empfindlichen Niederlage in der Schlacht von Uhud etwas lädiert war, die Banû Nadîr „geschäftlich“, um das ausstehende Blutgeld für eine von ihnen verschuldete Tötung einzutreiben. Im Zuge dieses Besuchs wurde der Prophet plötzlich von einer göttlichen Eingebung ereilt, der zufolge die Banû Nadîr ihm von einem Hausdach herab einen mittleren Findling auf den Kopf zwecks nachhaltiger Religionskritik fallen zu lassen trachteten. Gedacht, verbannt: Der gesamte Stamm wurde ebenfalls wochenlang von den Muslimen belagert und ergab sich erst seiner Ausplünderung und Vertreibung, als Muhammad in gröbster Verletzung aller arabischen Sitten und Bräuche die kostbaren Dattelpalmen im Besitz der Juden abschlagen ließ. Selbstredend erteilte er seinen Kriegern für diesen antiken Ökoterrorismus einen göttlichen Extradispens: „Was ihr auch umgehauen habt an Palmen oder auch auf ihren Wurzeln habt stehen lassen, es geschah mit Allahs Erlaubnis und mit dem Zweck, die Frevler zuschanden werden zu lassen.“ (Sure 59:5) Nach diesem internen Eroberungscoup nahm der Wohlstand und die Macht der Muslime Medinas merklich zu.
  12. Die jüdischen Banû Quraiza schließlich wurden im März 627 aufgrund eines heißen Tipps durch den Erzengel Gabriel ohne viel Federlesens summarisch als pro-mekkanische Verräter beschuldigt. Nach einem triumphalen Schauprozess unter dem Vorsitz Muhammads wurden die 600 bis 900 Männer des Stammes öffentlich geköpft, ihre Frauen und Kinder fielen der Versklavung durch ihre früheren Nachbarn anheim. Muhammad beteiligte wohlweislich jeden der verbliebenen nicht-jüdischen Stämme der Stadt sowohl an der Henkersarbeit wie auch an der Beute in menschlichen Naturalien, die islamische Umma gleichsam mittels des gemeinsam vergossenen Judenblutes zusammenschweißend.
  13. „Diejenigen, die nicht an unsere Zeichen glauben, werden wir bald im Feuer schmoren lassen. Sooft dann ihre Haut verbrannt ist, tauschen wir ihnen eine andere Haut dagegen ein, damit sie die Strafe richtig auskosten. Allah ist mächtig und weise.“ (Sure 4:56)

  14.  

    „Für diejenigen nun, die ungläubig sind, werden Kleider aus Feuer zugeschnitten, während man ihnen siedendes Wasser über die Köpfe gießt, wodurch das Innere ihrer Leiber und ihre Haut zum Schmelzen gebracht wird. Und Keulen aus Eisen sind für sie vorgesehen, um sie wieder hineinzutreiben, wenn sie aus ihrer Bedrängnis herauskommen wollen. Und es wird heißen: Kostet die qualvolle Verbrennungsstrafe aus!“ (Sure 22:19-22)

    „Sie, die das Buch und die Offenbarung, die wir unseren Gesandten mitgegeben haben, der Lüge zeihen, werden es noch erfahren, wenn sie ihre Nacken in eisernen Fesseln haben und an Ketten erst durch kochendes Wasser, dann zum Schmoren durch Feuer gezogen werden.“ (Sure 40:70-72)

  15. „Es wurde berichtet, dass Buraida ibn al-Hussain, möge Allah Wohlgefallen an ihm haben, erzählte: Ich hörte den Botschafter Allahs, der Friede und Segen Allahs seien mit ihm, sagen: Das Abkommen, das uns von ihnen unterscheidet, ist das salât-Gebet, und wer immer es vernachlässigt, ist ein kâfir (Ungläubiger) geworden.“ (Hadith-Sammlung Ahmad)
  16. 15 In einer nur auf den ersten Blick nachrangigen Nuance unterscheiden sich die Narrative der „auf den geraden Pfad geleiteten“ Muslime von denen der „zornverdienenden“ Juden (zumindest ab der Zerstörung des Tempels in Jerusalem) und der „fahrlässig in die Irre gegangenen“ Christen (zumindest vor der Eroberung der politischen Macht in Rom): Deren entsprechende Hagiographien und Martyrologien priesen – trotz der diesen Genres geschuldeten Morbidität – anstatt der Lebensverachtung die Todesverachtung ihrer großen Blutzeugen. Christen und Juden idealisierten vor allem das gewaltlose Ausharren ihrer jeweiligen Heiligen, die Bewährung in ohnmächtigen Zeiten: Erstere unter der Verfolgung im heidnischen Rom, letztere unter dem hernach zur Macht gelangten Christentum. Mit der duldsamen und gläubigen Passivität im Colosseum oder unter den Foltern der Inquisition verträgt sich der heroische Eskapismus islamischen Vorlaufens zum Tode gar nicht so gut.
  17. Ali, dem Muhammad seine Tochter Fatima angetraut hatte, galt als die erste männliche Person überhaupt, die den Islam annahm. Abu Bakr wiederum galt als der erste, der sich außerhalb von Muhammads direkter Blutsverwandschaft öffentlich zum Islam bekehrt und der neuen Religion früh viele illustre Söhne und Töchter Mekkas zugeführt hatte. Er verheiratete seine erst sechsjährige Tochter Aischa mit Muhammad, die der sunnitischen Tradition zufolge zu dessen Lieblingsgattin und Vertrauten wurde. Der Propheten-Schwiegervater übertrumpfte mithilfe des Einflusses Aischas den Propheten-Schwiegersohn, obwohl Ali einigen Hadithen gemäß der präferierte Kandidat Muhammads gewesen zu sein scheint. Ein Konsens der Kampfgefährten erkor Abu Bakr dennoch zum ersten Kalifen, unbekümmert um die Ansprüche der schî‘at ‚Alî (Partei Alis). Die Insistenz der Schia auf die göttliche Berufung Alis zum imâm, also zum geistigen Führer aller Muslime, wuchs bald zur sekundären Apotheose aus. Dem Imam Ali und seiner Gattin und Prophetentochter Fatima wurde genau wie Muhammad selbst gottgegebene Unfehlbarkeit zugesprochen. Als ebenso fehlerfrei gelten die elf auf Ali folgenden Imame der Zwölfer-Schia. Deren letzter ist der verborgene zwölfte Imam, welcher als apokalyptischer Mahdi verehrt und dessen Errichtung eines islamischen Friedensreiches nicht nur von Mahdisten wie Mahmud Ahmadinedschad erwartet wird. Der schiitische Anspruch unterminierte die Legitimation genau jener drei ersten Prophetennachfolger Abu Bakr, ‘Umar und ‘Uthmân, die von den Sunniten zusammen mit Ali, der schließlich doch noch der vierte Kalif wurde, als khulafâ‘ ar-râschidûn, als die rechtgeleiteten Kalifen bezeichnet werden.
  18. „Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, berichtete: Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil seien mit ihm, sagte einst: ‚Das Gähnen kommt vom Satan. Wenn einer von euch dabei ist, zu gähnen, soll er soweit wie möglich dagegen Widerstand leisten!‘“ (Hadith-Sammlung Al-Bayan, 1693)
  19. „Abu Huraira berichtete: Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil seien mit ihm, sagte einst: Wenn eine Fliege einem von euch in den Trinkbecher hineinfällt, so sollt ihr sie ganz hineintauchen und sie dann erst fortwerfen, denn in einem ihrer Flügel trägt sie eine Krankheit und im anderen Flügel das Gegenmittel dafür.“ (Sahih al-Bukhari, Bd. 7, Buch 71, Hadith 673)
  20. Das Bekenntnis der Hebräer hingegen, das Sch‘ma Yisrael, erinnert von vorneweg an das Verhältnis Gottes zu seinem Bundesvolk (Der HERR ist unser Gott) und postuliert folgenreich eine theologische Konsistenz, zu welcher Muhammads Religion ohne Gewalt unfähig bleibt (Der HERR ist einzig).
  21. „Im Iran haben wir keine Homosexuellen, wie in Ihrem Land. Das gibt es in unserem Land nicht. Ich weiß nicht, wer Ihnen das erzählt hat.“ (Mahmud Ahmadinedschad bei seinem Auftritt an der Columbia University 2007)