Ausgabe #20 vom

Register, Jargon, Idiolekt

Drei pragmatische Intuitionen

RALF FRODERMANN

für Sabine Stallbaum

 

but soon the outlines 

      become again vague.

 

                        William Carlos Williams

 

Die Sprachebenen sind heute nivelliert, ihre Gravitationszentren wurden uneindeutig.

Zwischen Gosse und Büro ist ein munter-müdes switching an der Tagesordnung. Zunehmend empfindungsloser gegenüber dem, was einmal unter ‚sprachlichem Ausrutscher’, gar ‚kommunikativer Fauxpas’ unter Sanktionsgebot stand, registrieren die sprachlichen Akteure solche Registerbrüche, kaum mehr als indirekt oder ironisch. 

Wer sich solcherart gemein macht, sät nirgendwo Zwietracht, sondern überall Achtung und Affirmation. Und wer sich doch zur Korrektur versteigt, gilt rasch als sprachspielverderbender Sonderling.

Jargon verhält sich zur Sprache wie die enervierende Warterei zum gespannten Warten, er ist das Biotop beredter Gedankenleere, seine Sprache karikiert ihren Sprecher. 

Geistvolle, geistreiche Gedankenleere galt als notwendiges Ferment zwanglosen Dialogisierens, bis hin zum neckenden Wortspiel, der reziproken Sprachkonsumtion ohne ernste Einsätze. Das Maß ihrer Zwecklosigkeit bestimmte nicht zuletzt das Maß ihres Genusses. Eigentümlich utilitaristisch wirkt dagegen jeder Jargon.

 

Der individuelle Sprechhabitus einer Person, sein Idiolekt, der mehr ist als die Summe aus Aussageinhalt, Tempo, Phrasierung, Lautstärke, dialektale Färbung und anderen Formprinzipien, ist ein mit den Jahren ausbleichender, phonetischer Halo-Effekt.

Darin u.a. muss die Lächerlichkeit des geschwätzigen Alters begründet liegen, das neben dem Schaden – nämlich so grundloser wie wundersamer Weise alt zu sein -, noch das spöttische Mitleid darüber redselig erduldet.