Ausgabe #20 vom

Editorial: In eigener Sache

REDAKTION PRODOMO

Liebe Leserinnen und Leser,

 

was droht, wenn „eine Persönlichkeit von internationaler Bedeutung […] Fragen von allgemeiner Bedeutung behandelt“, wie es auf der Homepage der Universität zu Köln heißt, ließ sich dieser Tage genau dort wieder einmal beobachten. Vom 20. bis zum 23. Juni 2016 hat Judith Butler, diesjährige Inhaberin der Albertus-Magnus-Professur, in Köln mehrere Vorlesungen und Seminare zu Themen wie „Die Ethik und Politik der Gewaltlosigkeit“ oder „Verletzlichkeit und Widerstand neu denken“ gehalten. Dass sich Butlers „Ethik der Gewaltlosigkeit“ gegen das aufgrund der antisemitischen Verfasstheit der Welt notwendigerweise bewaffnete Israel richtet, stört die Verantwortlichen nicht. Ohnehin verwundert es vor dem Hintergrund der Vergabepolitik der letzten Jahre wenig, dass der Adorno-Preis des kleinen Mannes 2016 ausgerechnet an eine Unterstützerin der Kampagne „Boykott, Desinvestition und Sanktionen“ (BDS) und erklärte Sympathisantin von Hamas und Hisbollah geht. So finden sich unter den Preisträgern der vergangenen Jahre auch andere Israelfresser wie Giorgio Agamben oder Noam Chomsky.

Während die Veranstalter die Burka-Apologetin Butler adeln, indem sie sie „zu den weltweit einflussreichsten Theoretikerinnen im Bereich der Feminismus- und Genderforschung“ zählen, verlieren sie kein Wort über ihren gegen den jüdischen Staat gerichteten politischen Aktivismus. Als wäre in den letzten Jahren nicht zur Genüge nachgewiesen worden, wie letzterer mit Butlers theoretischen Ergüssen zusammenhängt, wird stumpfsinnig zwischen ihrem Engagement einerseits und ihren begriffslosen (De-)Konstruktionen andererseits unterschieden. Was der akademische Betrieb bereits bei der Heidegger-Rezeption eingeübt hat, wird nun bei der postmodernen Verfassung immer neuer „schwarzer Hefte“ für den tagesaktuellen Bedarf konsequent weitergeführt.

Diese strikte Erkenntnisverweigerung ist nicht nur insofern bezeichnend, als der kritisch daherkommende Konformismus der Veranstalter die mehrfache Auszeichnung einer öffentlichen Person mit interessierter Ignoranz bereits als Qualitätskriterium ansieht. Vielmehr spricht Butlers vermeintlicher Einsatz für die Entrechteten dieser Welt offenbar etwas in den sich als geistige Elite dünkenden Provinzakademikern an, das über bloßen Koriphäenkult und Strebertum hinausgeht: der Absage an die Mühen des begrifflichen Denkens.

Denn ginge es den Veranstaltern um so banale wie unabdingbare feministische Forderungen wie die rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau, und wäre es Butlers Fans tatsächlich um eine Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu tun, läge eine Kritik des spezifisch islamischen Frauenhasses auf der Hand. Die postmoderne Glorifizierung „widerständiger“ Kulturen hat jedoch dazu geführt, dass selbst die basalsten Errungenschaften der westlichen Gesellschaft ohne Besinnung preisgegeben und als eurozentrisch und totalitär verschrien werden. So fällt man all jenen Menschen in den Rücken, die sich nicht in ihr „kulturell“ zugemessenes Schicksal ergeben wollen und dabei auf die reale Einlösung des universell gültigen Versprechens der Aufklärung angewiesen sind. Dieses Versprechen nicht als uneingelöst zu kritisieren, sondern es frechweg zu revozieren, macht jegliche Hoffnung obsolet, dass die Welt überhaupt einmal besser werden könnte.

Mit dem theoretisch elaborierten Aufklärungsverrat folgen Butler und ihre Getreuen einem gesellschaftlichen Trend, der nicht zuletzt an den Universitäten immer deutlicher zu falschem Bewusstsein gelangt. War es einst das erklärte Ziel von Wissenschaft, Wahrheit zu ergründen, diffamiert man heute jedes Denken als logozentrisch, das noch universelle Gültigkeit beansprucht. Da jegliche Form der Argumentation, die die begrifflichen Vermittlungen in ihr Zentrum rückt, mittlerweile als westlich verrufen ist, gehen akademische Debatten kaum noch über autoritäre Setzungen und stures Beharren auf der eigenen „Position“ hinaus. Daraus folgt, dass auch an den Universitäten kaum noch begründete Urteile gefällt, sondern nur noch Meinungen vertreten werden sollen. Indem auf intersubjektive Vermittlung verzichtet wird, die die Grenzen des sich fugenlos gegenüber Erfahrung abriegelnden Ichs bewusst überschreiten und praktisch ein Ringen um das bessere Argument bedeuten würde, entfällt jegliche Verbindlichkeit der Argumentation, auf die sich der Einzelne berufen könnte. Stattdessen gerät die postmoderne Wissenschaft, „Sprecherpositionen“ gegen den universellen Wahrheitsanspruch setzend, zum Kampf aller gegen alle, bei welchem es nicht mehr um argumentative Überzeugung der anderen Seite geht, sondern sich vielmehr der Lautere durchsetzt – eine Art survival of the fittest im Wortsinne: Recht hat, wer sich am besten an die Irrationalität des Ganzen anpasst. In ihrer Affirmation eines wildgewordenen Subjektivismus, der keinen Einwand hören und kein Korrektiv mehr kennen will, nimmt die akademische Postmoderne genau jene barbarischen Tendenzen der spätkapitalistischen, nachbürgerlichen Gesellschaft geistig vorweg, die auf nichts anderes hinauslaufen als gesellschaftlichen Zerfall und Bandenbildung.

Zu dieser Entwicklung, erklärungsbedürftige Urteile durch den Verweis aufs subjektive, unhinterfragbare Gefühl zu begründen, passt die insbesondere an britischen und amerikanischen Universitäten sich ausbreitende, zutiefst denkfeindliche Praxis der safespaces 
 und triggerwarnings, die darauf zurückzuführen ist, dass es mittlerweile als Unzumutbarkeit empfunden wird, ein Individuum zu sein. Auch hierbei geht es längst nicht mehr um die Sache, um die vernünftige Auseinandersetzung mit dem Gegenstand. Eine irgend zu entfaltende Wahrheit ist all den postmodernen Diskurswächtern völlig gleichgültig geworden, es geht ihnen um die bloße Einübung ins Opfersein. Insofern die sogenannte männlich-weiße Subjektform nicht mehr als erstrebenswertes Ideal gilt, die über ihre eigene Borniertheit hinausweist, werden all jene gehasst, die sich in die objektive Ohnmacht nicht fügen wollen: allen voran und stellvertretend für alle anderen der jüdische Staat, dessen Gründungsideologie sich das Ende des jüdischen Opferstatus auf die Fahnen geschrieben hat und die Juden wieder zu Subjekten der Geschichte machen wollte. 

Handelte es sich bei der beschriebenen Regression in die selbstverschuldete Unmündigkeit um Einzelfälle, die sich lediglich akademischer Sondersparten bemächtigten und zunächst keine gesellschaftlichen und politischen Folgen zeitigten, erübrigte sich die weitere Auseinandersetzung. Doch deren zunehmende Ausbreitung zwingt zur Kritik des manipulativen, gefühlserpresserischen Treibens. Dem gekränkten postmodernen Subjekt geht es um weit mehr als langweilige und jargongetränkte universitäre Veranstaltungen, die sich selbst genügen. Die politisch engagierte Wissenschaft belässt es – wie die Karriere der antizionistischen Vordenkerin Butler beweist – nicht bei rein akademischen Gedankenspielen. Da die allmählich in Banden zerfallende Gesellschaft nur über den Hass auf Israel zusammengehalten wird, ist es traurigerweise nur eine Frage der Zeit, bis sich die gewissenlosesten Adepten des theoretischen Aufklärungsverrats zur politischen Praxis à la BDS-Bewegung zusammenrotten. Veranstaltungen wie die Albertus-Magnus-Professur der Universität zu Köln tragen zur antisemitischen Formierung in entscheidendem Maße bei.

 

Redaktion Prodomo                Köln, im Juli 2016