Ausgabe #20 vom

Bloß nicht über den Islam sprechen

Zu den Reaktionen auf die Kölner Silvesternacht

PAULINE ARENZ

Während der kollektive Hilfseinsatz an der Flüchtlingsfront im letzten Sommer für ein mehrwöchiges Stimmungshoch unter den wieder einmal gut gewordenen Deutschen sorgte, die mit der ehrenamtlichen Sozialarbeit rund um den Flüchtling die Politur ihres moralischen Rüstzeugs verbanden, sah sich die antifaschistische Linke nicht nur eines ihrer letzten Aufgabenfelder beraubt, sondern wurde angesichts der notstandsfreudigen Helfer auch zur unbequemen Einsicht gezwungen, dass die Begeisterung, die man für Flüchtlinge aufbringt, längst kein politisches Alleinstellungsmerkmal ihrer auf Radikalität abonnierten Politszene mehr ist. Schon bald nach dem Abklingen der auf allen Kanälen inszenierten Selbstfeier der Helferdeutschen im Staatsauftrag begannen sich jedoch auch diejenigen Deutschen aufzustellen, die Flüchtlinge vor allem als Bedrohung wahrnehmen und die mit jedem weiteren Ankömmling hysterischer danach rufen, die Landesgrenzen dicht zu machen und die nicht Parierenden unverzüglich abzuschieben. Mit den Ereignissen der Kölner Silvesternacht verschärfte sich dieser Ruf, flaute die irrationale Euphorie der hilfsbereiten Deutschen weiter ab und wich zusehends einer dieser schon von Anfang an innewohnenden Enttäuschung, die den Helfern nun das großzügige und gastliche Auftreten verleidet. Dass dabei das Helfen mitunter in ordinäre Fremdenfeindlichkeit umschlug, erwies sich für die Antifa als ein günstiger Umstand, erlaubte dieser ihr doch, an der Realität des rassistischen Deutschen festzuhalten und also mit sich selbst im Reinen zu bleiben. Vor allem aber erlaubte er ihr in Anbetracht der massenhaften sexuellen Übergriffe der Silvesternacht davon zu schweigen, wovon die Rede hätte sein müssen: vom islamisch geprägten Frauenhass.

 

Kein Karneval in Köln

 

Über die Anschläge auf Gebäude, in denen Flüchtlinge unterkommen sollen, die vor allem im Osten stattfindenden Straßenproteste gegen Flüchtlinge, das Erstarken der AfD und die als Wählerbesänftigung durchgesetzten Verschärfungen des Asylrechts schien man im antifaschistischen Lager bei aller Empörung also gar nicht so unglücklich zu sein. Regelrecht begierig stürzte man sich auf den entsprechenden Blogseiten und Netzwerken auf den sogenannten Rechtsruck allein zu dem Zweck, so weitermachen zu können wie bisher: als vermeintlich radikale Avantgarde gegen die Faschisierung des Landes zu kämpfen, die man immer dann am Werke sieht, wenn irgendeine rechte Gruppierung auftaucht. Das Problem hierbei besteht nicht darin, dass man beim Engagement gegen rechts nur als radikale Vorhut der anständigen Deutschen fungiert, ohne es zu merken. Das Problem des wohlfeilen Antifaschismus besteht auch nicht darin, dass man Deutsche in ihrem wahnhaften Futterneid angreift. Das Problem besteht vielmehr darin, dass man beim fortwährenden Abarbeiten am hässlichen Deutschen nicht nur außen vor lässt, dass Antirassismus heute Staatsraison ist, mit der inzwischen jeder kulturrelativistische Aufklärungsverrat flankiert wird, sondern auch darin, dass das Kaprizieren auf AfD und anderem stolzdeutschen Gesindel mit dem Beschweigen oder gar Schönreden des Islam als derjenigen Ideologie einhergeht, die aktuell die gefährlichsten Faschisten hervorbringt. Weil die überfremdungsängstliche und um die Nation besorgte AfD nicht nur mit dem latent antisemitischen Slogan gegen ‚die da oben‘ auf Stimmenfang geht, sondern auch mit feindlichen Parolen gegenüber Flüchtlingen und dem Islam erfolgreich mobilisiert, schweigt man lieber vom Islam, anstatt die rechtspopulistische Denunziation als eine bloßzustellen, die die gemeinschaftsstiftende Potenz des Islam insgeheim beneidet und mit welchem man nur ein Problem hat, solange dieser in Deutschland um die krisengeschüttelten Volksdeutschen buhlt.

Absurderweise fungiert in der öffentlichen Auseinandersetzung inzwischen jeder Rechte vornehmlich als Anlass, vor Islamophobie zu warnen. Bezeichnend am gegenwärtigen Umgang mit der AfD ist in diesem Zusammenhang auch, dass nicht deren aggressiver Provinzialismus, ihre vom antiwestlichen Ressentiment getragene Putinliebe oder sonstige Spinnereien für Aufregung sorgen, sondern ihre Gegnerschaft zum Islam. Jeder Verweis auf das drohende Feindbild AfD ist den Kulturrelativisten aller Fraktionen recht, um Islamkritik als rassistisch zu diffamieren und somit mundtot zu machen. Um sich klar zu machen, in welch wahnsinniger Weise der neudeutsche Islamschutz funktioniert, genügt ein Blick in die Sendung Maischberger mit dem Titel „Mann, Muslim, Macho: Was hat das mit dem Islam zu tun?“ vom 11.05.2016. Dort berichtete der Nordafrika-Korrespondent Samuel Schirmbeck von seinen Alltagserfahrungen in islamischen Ländern, vom sexuellen Elend und der sexualisierten Gewalt, die dort Alltag ist, und wagte es, all dies mit dem Islam in Verbindung zu bringen – in einer wohlgemerkt sachlichen Form. Allein das Schildern von empirischen Realitäten reicht heute aus, um die Fürsprecher des Islam aus der Fassung zu bringen. Der notorisch beleidigte NRW-Ditib-Vorstand Murat Kayman durfte Schirmbeck bar jeder Grundlage vorwerfen, dass er „nahe an biologistischen Argumenten“ sei, ohne dass dies zum Einspruch durch die Moderation führte, während die Grüne Simone Peters in fast schon realsatirischer Weise nichts anderes tat, als andauernd mit weinerlicher Stimme vorzutragen, dass solche Kritik bloß die AfD stärke. Abgesehen von der Niedertracht solch eines strategischen Verhältnisses zur Wahrheit wäre eben gegen die AfD einzuwenden, dass sie keine Kritik des Islam betreibt, sondern den Islam mit Ausländern allgemein identifiziert, der islamischen Ideologie ihre Wirkmächtigkeit neidet und mit den verrohten Sitten des Islam kein Problem hat, wenn er außerhalb Deutschlands angesiedelt ist. 

Deutlich manifestierte sich dieses kulturrelativistische Elend in den Reaktionen auf die Ereignisse der Silvesternacht in Köln. Statt davon zu sprechen, dass die in der Silvesternacht offen zu Tage getretene Mischung aus Beutegier, sexualisierter Gewalt und Bestrafungslust überall dort vermehrt auftritt, wo der Einfluss des Islam wächst, stimmte das helle Deutschland (Gauck) – vom antideutschen Zeitungsprojekt über die rotgrüne Berufspolitik bis hin zu den tonangebenden Stimmen in Presse und TV – Relativierungen an, die den Zweck verfolgten, von der spezifisch islamischen Sozialisation der Täter absehen zu können. Das politische Establishment seinerseits stimmte zwar nicht direkt in die Verharmlosungsversuche ein, schwieg sich aber über eine mögliche Rolle des Islam beharrlich aus. Einerseits kündigte es eine „harte Antwort des Rechtsstaats“1 sowie eine schnellere Abschiebepraxis für straffällig gewordene Flüchtlinge an, um sowohl Handlungswillen zu demonstrieren als auch die zunehmende ausländerfeindliche Stimmung unter der Wählerschaft zu bedienen. Andererseits beeilte man sich, wie Innenminister de Maizière, die Forderung hinterherzuschicken, dass es keinen Generalverdacht gegen Flüchtlinge geben dürfe.2 Eine Forderung, die in Anbetracht des pauschalen Schwimmbadverbots für männliche Flüchtlinge über 18 Jahre, zu dem es im nordrheinwestfälischen Bornheim kam, doch nicht so selbstverständlich zu sein scheint. Damit lenkte man allerdings das Problem auf die Flüchtlinge und nicht auf die ideologische Zurichtung durch den Islam, mit der eine Verteufelung der Frau im Allgemeinen und ihrer Sünde provozierenden Körperlichkeit im Besonderen einhergeht.

 

Et hätt noch immer jot jejange

 

So eint die Reaktionen auf die Kölner Ereignisse eine beharrliche Verdrängung der Realität, die mit ihrem vorauseilenden Respekt für Kulturen die Rede über die Rolle des Islam wieder einmal unbedingt meidet. Sieht man von einigen Artikeln in der FAZ ab, ist vor allem kennzeichnend, dass in der Debatte kaum die Frage nach der Motivation der Täter gestellt wurde – und das, obwohl die Silvesternacht in den Tageszeitungen über eine Woche lang Titelthema war; die aus einer Mischung aus apokalyptischer Lust und allgemeiner Sensationsgier, wie sie besonders Sexualverbrechen zeitigen, also große mediale Aufmerksamkeit genoss. 

Auch die Kölner Stadtprominenz – vom ehrwürdigen Kardinal Woelki über den Mundartmusiker Wolfgang Niedecken von BAP bis hin zum everybody‘s darling der Berliner Republik Navid Kermani – meldete sich in der Sorge um das lokale Lebensgefühl ‚et hätt noch immer jot jejange‘ mit einer gemeinsamen „Botschaft“ zu Wort. Weil man in Köln jede Form des Karnevals, also auch den der Kulturen, schätzt, geriet die Stellungnahme zu einem gegenstandslosen Aufruf für noch mehr harmonisches Miteinander, von dem zu befürchten ist, dass er von Niedecken dereinst vertont wird.

Wenngleich drollig, so doch besonders dämlich bemüht die Kölner Prominenz also die vermeintlich tolle Kölner Kultur, um Spaltung zu verhindern und Zusammenhalt zu befördern. Obgleich die Herkunft des Mobs dort nicht geleugnet wird, die Täter nicht in linker Manier zu Opfern der Deutschen verklärt werden, glänzt die Erklärung mit der Abwesenheit jeglicher Anstrengung, nach Gründen von gesellschaftlichen Entwicklungen zu suchen. Neben der Kritik am Staatsversagen setzen die Lokalgrößen lieber auf „Gastfreundschaft und Offenheit“3 gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, eine heimische Spezialität, auf die man stolz ist, für die man dankbar ist und die man liebt. 

Während die „Botschaft“ zwar durch den Appell ans Positive den realen Geschehnissen ausweicht, aber im Ganzen gesehen von migrationsfreundlichem Versöhnungskitsch und harmloser Friedfertigkeit zeugt, versuchte Ekaterina Degot, künstlerische Leiterin der Akademie der Künste der Welt, den Verfassern hasserfüllt und autoritär auftrumpfend den Mund zu verbieten, indem sie ihnen die Benennung des kulturellen Hintergrunds oder eine „ethnozentrische Beschreibung“4 ankreidet. In ihrer unbestechlichen Narrenlogik enthüllt sie, dass die Gastfreundlichkeit, die mit dem Kölner Lifestyle einherstolziert, im Grunde das Gegenteil bedeute: dass dahinter die Absicht stehe, den Gast nicht nur nicht willkommen zu heißen, sondern ihn entrechten zu wollen. Das Wort „Gast“ sei Kern des Problems, weil es zwischen einem „wir“ und einem „anderen“ differenziere, aber das könnten die Verfasser der „Kölner Botschaft“ nicht verstehen, weil ihnen der Blick für den „Gesamtzusammenhang der Machtverhältnisse auf der ganzen Welt“ fehle. Degot hat zwar die Machtverhältnisse auf der ganzen Welt fest im Blick, findet aber die Stellungnahme der Prominentenriege „verstörend“. Einen verstörten Eindruck jedenfalls hinterlässt ihre schamlose Selbstinszenierung, die in der präludierenden Formel ‚ich als Frau‘, ‚ich als russische Migrantin‘ oder ‚ich als künstlerische Leiterin‘ sich dann durch den ganzen Text zieht. Man fragt sich irritiert, ob diese versprachlichte Ichfixierung einfach Ausdruck eines entfesselten Narzissmus ist, ob sie die Funktion hat, das Argument durch subjektives Erleben zu ersetzen (ich als Frau muss in Sachen Sexismus nichts begründen), oder ob sie als Manifestation einer Mentalität zu fassen ist, die sich – ähnlich dem Berufspalästinenser – im Opferstatus genüsslich einrichtet. Als Zweifach-Diskriminierte, als Frau und russische Migrantin (und vielleicht hat sie auch als künstlerische Leiterin mit Vorurteilen zu kämpfen), kommt ihr in der sich aus neuesten postcolonial- und genderstudies ergebenden Rangordnung wohl eine beachtliche Position zu, die sich die Devise einverleibt zu haben scheint: Je diskriminierter und also höher in der Opferhierarchie, desto mehr Respekt für das Vorgebrachte, wobei dieses notorische Herumopfern immer auch den Zweck verfolgt, sachlichen Widerspruch zu delegitimieren. Die ihr anscheinend wichtige Erwähnung, dass sie in der Nähe des Kölner Hauptbahnhofs wohnt, gibt dabei nur bedingt Aufschluss über ihre Motivation, spricht es doch sowohl für Selbstverliebtheit als auch für die Einübung in die Opferhaltung, indem sie betont, als Frau in der Nähe des Bahnhofs einer besonderen Gefahr ausgesetzt zu sein. Degots Stellungnahme ist Dokument eines intellektuellen Zerfalls und Musterbeispiel eines linken Antirassismus, der alles, was nicht weiß und männlich ist, zwangsadoptiert. Weil man von der frauenverachtenden Tradition des Islam partout nicht sprechen will, lenkt man den Fokus auf eine scheinbar rassistisch geführte Debatte und nimmt implizit die Entsolidarisierung mit den Opfern billigend hin.

Statt die kulturell gefärbte Misogynie zu thematisieren, gingen natürlich auch die dienstbeflissenen Antirassisten und Feministen sogleich mit bescheidwisserischen Abwehrschriften hausieren, in denen sie die massenhaften sexuellen Übergriffe durch Karnevals- und Oktoberfestvergleiche zum deutschen Normalzustand verharmlosten. So erklärte der Kölner Antifa AK in seinem Aufruf gegen eine Pegida-Demonstration vor Ort, dass dergleichen Übergriffe „in der BRD auf der Tagesordnung“ stünden, weshalb die Empörung hier vor allem den ach so rassistischen durchschnittsdeutschen Medien gehört, die die Übergriffe nur skandalisierten, weil die Täter als „nordafrikanisch oder arabisch“ beschrieben wurden und deren Entrüstung deshalb so verräterisch sei, weil sie „nie ein Wort über die andauernden Übergriffe an Karneval oder dem Oktoberfest verloren“5 hätten. Entsprechend setzt der AK die Ereignisse in der Silvesternacht mit Belästigungen und Übergriffen gleich, wie sie Frauen am jedem Wochenende in Diskotheken ausgesetzt sind und ermahnt zu einem Besuch der Feiermeile der Kölner Ringe, ehe man sich zu sexueller Gewalt äußert.6 Leider machte man sich auch in antideutschen Online-Publikationen solch vulgär-antirassistische Positionen zu eigen, wo man es für nötig und anständig hielt, den Opfern „rassistische[n] Verirrungen“7 zu unterstellen, oder wo man es fertig brachte, den Islam nicht einmal am Rande zu erwähnen.8 Hinter dem Bedürfnis, irgendwelche Allgemeinplätze zu bemühen, um die Täter aus dem Fokus zu nehmen, steht die Vorstellung, dass Migranten sich auf keinen Fall noch mieser aufführen können als die stolz verachteten Biodeutschen. Hinter der Nivellierung nicht-deutscher Täter oder (kultureller bzw. religiöser) Tatmotive zu einem ideologiekritisch nicht näher bestimmbaren abstrakten Allgemeinen steht eine Auffassung von politischer Theorie, die dem ordinärsten Kulturrelativismus verhaftet ist und die noch hinter den einfachsten Materialismus zurückfällt. Die Weigerung, von den konkreten Tätern und ihrer Gesinnung, die hier als islamisch-frauenverachtende zu exemplifizieren gewesen wäre, zu sprechen, bedeutet nichts anderes als die Abkehr von Ideologiekritik. 

Dass in den geschmähten Tagesblättern bereits ganz in ihrem Sinne argumentiert wird, übersehen die traditionell antifaschistisch Argumentierenden geflissentlich. In einem Interview in der FAZ führte die Kriminologin Rita Steffes-enn exemplarisch vor, wie man die für sakrosankt erklärte Kultur respektive Religion aus der Analyse der Geschehnisse verdrängt: „Über die Sozialisation entscheidet nicht das Herkunftsland und auch nicht die Religion, sondern wie jemand in seiner Familie geprägt wird. Da geht es zum Beispiel darum, welche Achtung die Frau erfährt, insbesondere, ob es Gewalt gibt oder wie man zu Sexualität steht. Auch in Europa passieren die meisten sexuellen Übergriffe in Familien. Sie werden in keiner empirischen Metaanalyse zu Täter-Risikofaktoren den Faktor kulturelle Herkunft finden.“9 Mit der aberwitzigen Trennung von familiärer und kultureller Sphäre oder mit der erstaunlich naiven Weigerung, die Familie als kulturelle Vermittlungsinstanz zu denken, weicht die Kriminologin vor der konkreten Situation auf einen allgemeinen, auch europäische Familien betreffenden Zusammenhang aus und verbittet sich damit, was die multikulturellen Linken und Feministen dann als rassistisch befinden, nämlich über die Identität der Täter zu sprechen. Im Unterschied zu diesen ist sie ohnehin überzeugt, dass die Taten in erster Linie nicht sexuell motiviert waren. Da ihr die Absicht, einer „Frau in den Schritt zu fassen“10, unerklärlich bleibt, werden die sexuellen Übergriffe als bloßer Trick oder zufällige Begleiterscheinung des Diebstahls rationalisiert und damit bagatellisiert, womit Steffes-enn der Lesart der Polizei aufsitzt, die von vornherein mit Fehleinschätzungen glänzte und mit ihrem Vorgehen bewies, dass sie es mit den sexuellen Angriffen zunächst nicht so ernst nahm: „Die Verdächtigen versuchten durch gezieltes Anfassen der Frauen von der eigentlichen Tat abzulenken – dem Diebstahl von Wertgegenständen. Insbesondere Geldbörsen und Mobiltelefone wurden entwendet. In einigen Fällen gingen die Männer jedoch weiter und berührten die meist von auswärts kommenden Frauen unsittlich.“11 Dass sich in den unter dem Begriff des Antanzens subsumierten sexuellen Tarnungsmanövern auch eine Verachtung der Frau Bahn bricht, kann und will Steffes-enn nicht begreifen und muss daher auch Fälle wie diesen in der Silvesternacht ignorieren, in dem einer Frau der Slip vom Leib gerissen wurde und die durch die Spalier stehenden Männern einem Spießrutenlauf ausgesetzt wurde. 

 

Verkommener Feminismus

 

In dem autoritären Wunsch nach Erteilung von Sprechverboten steht der von 23 Frauenrechtlerinnen verfasste, von Regierungsmitgliedern unterstützte und mithin staatstragende „#ausnahmslos“-Aufruf dem AK und der Kriminologin nichts nach. Aus der angesichts des AfD-Aufschwungs und der zahllosen Angriffe auf Asylheime berechtigten Sorge, dass „feministische Anliegen von Populist_innen instrumentalisiert werden[könnten], um gegen einzelne Bevölkerungsgruppen zu hetzen“12, ziehen die Verfasserinnen die Konsequenz, das Offenkundige, die migrantische Herkunft der Täter, möglichst zu verschweigen. „Das Problem des Sexismus und der sexualisierten Gewalt darf nicht ‚islamisiert‘“ werden, heißt es dort, weil damit „stigmatisierende Deutungen“13 begünstigt würden. Allein die Benennung der Tatsache, dass es mehrheitlich Männer mit nordafrikanischem oder arabischem Hintergrund waren, die im Kollektiv Frauen systematisch belästigten, gestaltet sich für die Feministinnen schon als Problem und wird sofort des Rassismus verdächtigt. Mit dieser Inkriminierung wird die Diskussion nicht nur auf vertrautes Terrain verschoben, sondern auch die Darstellung und Deutung der spezifischen Geschehnisse zu verunmöglichen versucht. 

Folgerichtig verlieren die besorgten Frauenrechtlerinnen kein Wort zum konkreten Ereignis, das nurmehr Anlass ist, sich in feministischen wie antirassistischen Phrasen zu ergehen und Forderungen aufzulisten, die die sexuellen Attacken in einer allgemeinen, strukturell bedingten Unterdrückung der Frau einebnen. Als „gestärkte[s] Vorhemd vor einer Normalgesinnung, die nie gewechselt wird“ (Karl Kraus), harmonieren die sprachlichen Klischees dabei hervorragend mit dem dürftigen Inhalt, der doch nur das gängige Repertoire an Gemeinplätzen wiedergibt. Das selbstauferlegte Schweigegebot hat nicht zuletzt seinen Grund in den postkolonialen und gendertheoretischen Diskursen, die jede Differenz zum imperialistischen Westen zu widerständiger Kultur adeln und daher diejenigen Differenzen unterschlagen müssen, die die geliebte Subversion in ein ungünstiges Licht rücken könnten. Wie Thierry Chervel in seiner Demontage von „#ausnahmslos“ treffend formuliert, manifestiert sich hier in komprimierter Form der Widerspruch solcher Diskurse, die „einerseits noch die speziellsten Identitätsformen zur ‚Kultur‘ sanktuarisieren, die stets von einem ‚Safe Space‘ des ‚Respekts‘ zu umgeben sei“ und „andererseits die Wirkkraft von Kulturen leugnen, sobald diese gegen das Allgemeine ausschlagen.“14 Obgleich die Autorinnen die sexualisierten Angriffe nicht als Reaktion auf den unterdrückerischen Westen ausweisen, sondern sich lieber über das Warum ausschweigen bzw. auf einen globalen Sexismus ausweichen, bedienen sie doch mit ihrem kulturellen Artenschutz das postkoloniale Argumentationsmuster schlechthin, demnach stets die weiß und männlich dominierte Kultur des Westens am Anfang allen Übels steht und die so in einen antirassistischen Rassismus verfällt, der den Nichtweißen jede Fähigkeit autonom zu agieren apriorisch abspricht. Damit korrespondiert fatal die angeprangerte Inkompetenz der Berichterstattung zu Ethnien und Minderheiten, weil sie von „[m]ännlich, heterosexuell und weiß dominierte[n] Chefredaktionen“ ausgehe und die lauthals vorgebrachte Unterstellung einer mehrheitlich rassistisch bedingten Diskussion in den Medien, die die Vorfälle nur thematisierten, weil „die Opfer (vermeintlich) weiße Cis-Frauen“15 waren. In die akademisch depravierte Sprache der Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken übersetzt: Die Debatte um die Ereignisse der Silvesternacht habe einen staatskonstituierenden Mythos wiederbelebt oder das patriarchale „Szenario ‚unsere deutschen, milchweißen Frauen und fremde, dunkle Männer‘“ reinszeniert, das an den Raub der Sabinerinnen und mehr noch an Kleists Hermannsschlacht erinnere: „Da ging es damals um die Befreiung von den Franzosen. Und da inszeniert Hermann die Vergewaltigung einer deutschen Frau durch die Römer, sprich Franzosen, die dann dazu führt, dass die Stämme geeint werden und der Hass durch das Land braust und die Fremden vertrieben werden.“16 Die Diskussionen ruhten „eben auf diesem Mythos der Vergewaltigung am Anfang von Republiken auf“. Dass sie die massenhaften Übergriffe sowie die Diskussion darum wie Literatur, sprich: Fiktion, liest, dazu passt der bemühte Begriff des Mythos, dem das Moment des Unwahren, Erdachten oder Nichtrealen anhaftet, womit die Literaturwissenschaftlerin den Opfern mit einer besonders infamen Ignoranz in den Rücken fällt, indem sie die Faktizität der Taten indirekt in Abrede stellt und die Opfer der Lüge bezichtigt. Ob sie es auf die in der Parallelisierung enthaltene verschwörungstheoretische Implikation angelegt hat oder ob diese bloß ein peinliches Nebenprodukt ihres Akademisierens ist, lässt sich aus dem Statement nicht erschließen. Die Antwort auf die Frage, wer nun der große Inszenator der Silvesternacht ist, wer den Hermann gemacht hat, um die Deutschen gegen den Feind zu einen, überlässt sie lieber anderen.

Die eigentliche Niedertracht des „#ausnahmslos“-Aufrufs liegt dagegen darin, dass die erklärte Solidarität mit den Opfern an bestimmte Bedingungen geknüpft wird, wie eben an diejenigen, dass der kulturelle Hintergrund ausgeblendet werden muss. So wird die Distanzierung von den konkreten Opfern dieser spezifischen Übergriffe in Kauf genommen. Wie in der Stellungnahme des antifaschistischen AKs geht es auch hier weniger um Parteinahme denn Parteilichkeit, weniger um Solidarität denn Identitätspolitik. Statt sich mit der Spezifik der im Kollektiv begangenen Belästigungen und massiven Übergriffe auseinanderzusetzen, die auch die Frage nach der Herkunft der Täter miteinschließt, begnügen sich die Frauenrechtlerinnen damit, nur Selbstverständliches zu formulieren, Sexismus und Rassismus zu verurteilen und eingeschliffene, bürokratische Forderungen aufzulisten. Neben der Forderung nach einem Ausbau von Beratungsstellen, mehr Aufklärungsarbeit, geschlechtssensibler Pädagogik, und dem Verbot von Darstellungen, die den weiblichen Körper als bloßes Lustobjekt verstehen, ist auch hier der neuerdings wieder grassierende Ruf nach einer Verstärkung des Sexualstrafrechts präsent, der denjenigen Gesetzesentwürfen Vorschub leistet, die das Recht durch die Kategorie der subjektiven Empfindung zu entobjektivieren bestrebt sind. Die nachvollziehbare Denunziation des täterbegünstigenden Strafrechts macht sich blind gegenüber den in Anschlag gebrachten Reformen, die zwar dem Wunsch nach Gerechtigkeit entsprechen wollen, aber zugleich einer abgründigen Willkür Raum geben und Gefahr laufen, dem Rufmord unfreiwillig Recht zuzusprechen. Dieser feiert seit den Silvestervorfällen fröhliche Urstände: In den Wochen danach kam es in verschiedenen Städten vermehrt zu Falschanzeigen, bei denen Frauen behaupteten, von Flüchtlingen oder Migranten vergewaltigt worden zu sein und die den deutschen Mob, ob gewollt oder nicht, in der Sorge um seine einheimische Frau und in der Hetze gegen Flüchtlinge befeuerten.17 Für Aufregung sorgte der Fall eines 13-järigen Mädchens aus Berlin-Marzahn, das für sein Ausreißen aus dem Elternhaus und den Verbleib bei einem Bekannten die Ausrede erfand, von „mehreren Männern mit ‚südländischem Aussehen‘ entführt und mehrfach vergewaltigt worden zu sein.“18 Vermutlich war sich das Mädchen der Perfidie dieser Lüge nicht bewusst, mit der es Flüchtlinge diffamierte und tatsächlichen Opfern von Vergewaltigungen spottete, spielte es doch mit den Vorurteilen ihrer Eltern, bei denen als russlanddeutsche Pegida-Versteher die Lüge auf fruchtbaren Boden fiel. Gut möglich, dass auch unter den mittlerweile die Tausend übersteigenden Anzeigen der Silvesternacht, von denen etwa die Hälfte Sexualdelikte betreffen, denunziationswillige Volksdeutsche und narzisstisch gestörte Trittbrettfahrerinnen sind, die Zahl damit allerdings allein zu begründen, wie in den ein oder anderen Relativierungsversuchen geschehen, spricht denjenigen Frauen Hohn, die sich durch die Thematisierung von sexueller Gewalt ermutigt sahen, Anzeige zu erstatten, auch den „harmlosen“ Pograpscher. 

Abstrahieren die #ausnahmslos-Autorinnen in höchst unfeministischer Manier von den konkreten Taten, weiß die Feminismusveteranin Alice Schwarzer mit ihrem Hinweis auf ähnliche Vorfälle am Kairoer Tahrir-Platz, an dem im Zuge der Massenproteste gegen das Mubarak-Regime etliche Frauen von Männerbanden massiv belästigt und vergewaltigt wurden, das Problem des islamisch deformierten Frauenhasses immerhin zu benennen. Nur dass die Taten nicht als der deutschen Gesellschaft genuin Fremdes, als Importprodukt, betrachtet werden können, wie Schwarzer es tut,19 zumal unter den Tätern welche waren, die in Deutschland geboren und sozialisiert wurden. Ebenso wie die sogenannte Radikalisierung von Muslimen und Konvertiten zum djihadistischen Islam in Deutschland stattfindet, weil er mit seinem für heilig erklärten Krieg gegen Ungläubige ein hohes Maß an Attraktion für Sadismus-Bedürftige besitzt – die sich wiederum bei den Volksdeutschen im hasserfüllten Neid auf die Entschlossenheit ausdrückt –, findet bei den Deutschen auch die Dämonisierung der freizügigen Frau in Phantasien und Projektionen der Unterwerfung Anklang. Die wachsende Frustration der Muslime angesichts des sexuellen Tabus entfaltet sich in der neurotischen und sadistischen Objektwahl gegen Frauen und koexistiert in einer latent indifferenten Gesellschaft der permanenten Aufrüstung für die sexuelle Kampfzone, mit der eine Ermüdung einhergeht, die die Abneigung gegen das idealisierte, aber verwehrte Objekt schürt.20 Der wettbewerbsfähige Erhalt des Körpers durch stetige Diäten, übersteigertes Trainieren und operative Korrekturen ist dabei Ausdruck der alle gesellschaftlichen Sphären synthetisierenden Totalität des Kapitals, in der die Freizeitaktivitäten der nachbürgerlichen Subjekte die Formen der Arbeitswelt annehmen und die so auch eine „kompetitive[n] Sportifizierung der Sexualität“21 bedingt, weil die nicht nur im Beruf auf Leistung und Erfolg abonnierten Subjekte im Eifer um Zuspruch und Anerkennung die betrieblichen Konkurrenzmuster in den Alltag übertragen. Die ewige Bemühung um ökonomischen, zwischenmenschlichen sowie sexuellen Erfolg sorgt für Erschöpfung und dem Wunsch nach Aufhebung der gehetzten Existenz, die dem Islam mit seinem Kampf gegen Freizügigkeit, sexuelles Begehren und Individualität, die den zusehends Regredierenden nurmehr eine Last ist, heimliche und offene Sympathie verschafft.

 

 

Sexuelles Elend

 

Was die erklärten Feministen, Antirassisten und auch die politische Führungselite hartnäckig beschweigen ist „das sexuelle Elend in der arabisch-muslimischen Welt“ und das damit einhergehende „kranke[n] Verhältnis zur Frau, zum Körper und zum Begehren.“22 Die Kritik am Islam ist ihnen synonym mit Islamophobie, weshalb man lieber zugunsten der Peiniger und gegen die Gepeinigten verstummt, aber laut ‚Rassismus‘ schreit, wenn Kamel Daoud das pathologische Verhältnis zur Sexualität im Islam klar benennt. In den zahllosen sexuellen Übergriffen der Silvesternacht in Köln, Hamburg und Stuttgart manifestierte sich sehr wohl eine neue Dimension der Gewalt gegenüber Frauen, die sich weniger quantitativ in der hohen Anzahl der Anzeigen ausdrückt, sondern sich durch die Terrorisierung der sich in der Öffentlichkeit bewegenden Frauen vor allem qualitativ von jenen Übergriffen des Oktoberfestes oder Karnevals unterscheidet. Hier ging es offenkundig nicht mehr darum, dass die Aktion, die massive Bedrängung zum Ziel hat, Frauen in einer widerlichen Weise abzuschleppen, sondern um bloße Machtdemonstration, reine Demütigung, zu deren Enthemmung die Zusammenrottung zur Männerbande sowie sicherlich auch der Alkoholkonsum beitrugen. Das legt auch der bei einem Verdächtigen gefundene „Anmachzettel“ samt Übersetzung aus dem Arabischen nahe, der mit Sprüchen wie „Ich will fucken“, „Große Brüste“ und „ich will töte dich küssen“ mehr die Absicht zur Demütigung denn zum Erobern der Frau demonstriert.23 Obgleich vom organisierten Vorgehen der Täter nicht die Rede sein kann, erinnern die erniedrigenden Attacken in ihren Beweggründen an die in einigen islamischen Ländern gängigen Vergewaltigungen in Gefängnissen und vor Hinrichtungen, die systematisch als Waffe zur Entehrung der Frau eingesetzt werden. Die sich in der Silvesternacht offenbarende sadistische Lust gründet nicht zuletzt im islamischen Verständnis von Weiblichkeit, demnach die Frau als Hypostase der triebhaften Natur oder körperlichen Lust die sexuellen Bedürfnisse des Mannes auch jenseits der Ehe weckt, ihn also zur Sünde verführt, welche das islamisierte Subjekt bedingungslos zu unterdrücken hat. An die Stelle der Sublimation tritt der Krieg gegen das triebhafte Verlangen, das, wiederum mit der Frau assoziiert, nicht nur den Hass auf sie befeuert, sondern auch ihr oder ihrer verführerischen Qualität den Krieg erklärt und sie deshalb unter das verhüllende Kopftuch oder unter die restlos entstellende Burka zwingt. So ist es auch kein Zufall, sondern folgerichtig, dass der Kölner Salafist Sami Abu-Yusuf den betroffenen Frauen für die sexuellen Demütigungen in der Silvesternacht selbst die Schuld gibt, zumal sie halbnackt herumgelaufen und parfümiert gewesen seien.24 Ebenso wenig ist die Predigt des australischen Großmufti Tadsch al-Din al-Hillali als beschämende Ausnahme zu lesen, dass „unbedecktes Fleisch“ Katzen anziehe, denn wird es „ohne Bedeckung draußen auf die Straße gelegt oder in den Garten oder in den Park, dann kommen die Katzen und essen es. Ist das nun die Schuld der Katzen oder des unbedeckten Fleisches?“25 Die Schuldzuweisung und das nicht vorhandene Unrechtsbewusstsein erklären sich aus der islamimmanenten Logik, nach der die öffentliche Anwesenheit der unverschleierten Frau als „aggressiv-exhibitionistisches Eindringen“26 in die männliche Sphäre verstanden wird, die zwangsläufig den sexuellen Übergriff, gar ihre Vergewaltigung provoziert und damit legitimiert.

In den sexuellen Übergriffen offenbarte sich einerseits ein externalisierter Selbsthass, bei dem das an sich selbst verachtete triebhafte Begehren auf die Frau projiziert und sodann in Form sexueller Erniedrigungen bekämpft wird. Andererseits liegt der Grund in der narzisstischen Kränkung oder in dem psychopathogenetisch einschneidenden Vorgang der Allmachtsbeschneidung, den der islamisch sozialisierte Mann erlebt: Der von der Mutter als Prinz verhätschelte Jüngling macht die Erfahrung, nicht so über die Welt verfügen zu können, wie es ihm beliebt. Mit seiner Entlassung aus dem mütterlichen Schoß in die Männerwelt muss er feststellen, dass es weitere privilegierte „Penisträger“ gibt, mit denen er nun konkurriert und unter denen er nun „fortwährend seine ganz besondere Männlichkeit unter Beweis stellen muß.“27 Die kränkende Feststellung, dass die Welt nicht einzig zu seiner Triebbefriedigung errichtet ist, anders als es das mütterliche Betüteln suggerierte, ist Nährboden für den Hass auf alle sich seiner Begierde entziehenden Objekte. Auf diesen erzieherischen Beitrag der Mutter macht auch die ehemalige Femenaktivistin Zana Ramadani aufmerksam, wenn sie schreibt: „Im islamischen Kulturkreis ist es so, dass noch immer fast ausschließlich Frauen erziehen. Die Frauen haben die Werte, unter denen sie selbst oft gelitten haben, so verinnerlicht, dass sie sie sowohl an ihre Söhne als auch an ihre Töchter weitergeben.“28 Ramadani prangert die mütterliche Erziehung an, die die Jungen durch Verhätschelung in ihren Allmachtsphantasien bestärkt und ein Frauenbild mit zu verantworten hat, das vermittelt: „Frauen sind Bedienstete. Frauen sind Sklavinnen. Wir sind Ware. Wir haben uns züchtig zu benehmen. Wenn wir einem Mann zu lange in die Augen sehen, dann wollen wir ihn reizen und erregen. Alles, was wir tun, und alles, was wir sind, ist reine Provokation.“29 Diese Degradierung wird paradoxerweise seitens der Frau hingenommen und mit einer Erhabenheit über das sündhafte, verhurte Leben sowie mit der gesellschaftlichen Anerkennung kompensiert, die ihr für die eifrige Wahrung des Hymen, den Gehorsam gegenüber dem Ehemann, die Erduldung des Beischlafs und das Gebären von erstklassigen Söhnen zukommt. Die Wirksamkeit des auf Keuschheit erpichten Systems beruht dabei auch auf einer Gruppendynamik, die das Misstrauen gegen die Sexualität verkörpernde Frau stetig reproduziert und die Frau zum andauernden Gegenbeweis durch züchtiges Verhalten anhält. Mit der hysterischen Angst vor dem Verlust der Ehre, für die besonders die Frau mit ihrer dämonischen Sexualität eine Gefahr darstellt, korrespondiert die strikte geschlechtliche Trennung, die für die Frau eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit und im Idealfall den Hausarrest zur Folge hat. Der Wahnsinn der Geschlechter-Apartheid reflektiert sich in einer Kindheitserinnerung Ramadanis, in der sie schildert, von ihrer Mutter „schon als kleines Mädchen als Dreck oder Hure beschimpft“ worden zu sein, weil sie mit einem Jungen im Sandkasten spielte. Die rigide Sexualmoral und mithin paranoische Angst vor Schande ist also nicht ausschließlich Produkt einer phobischen Männerkultur, sondern verdankt sich auch der autoaggressiven oder selbstzerstörerischen Tradierung der Mütter, die selbst einem kleinen Mädchen beim Spielen mit Jungen im Sandkasten unzüchtige Motive unterstellen. Dem islamischen Verständnis von Weiblichkeit, das die Frau zur natürlichen Quelle von unnötiger Lust ontologisiert, entspricht ein Männerbild, nach dem der Mann beim Anblick einer unverschleierten Frau von Natur aus übergriffig wird – insofern ist Ramadanis Bemerkung nicht ganz falsch, dass der Islam auch männerfeindlich sei, weil das Verschleierungsgebot unterstelle, dass jeder Mann ein „triebgesteuerter Vergewaltiger“ ist. Den Vorwurf der Männerfeindlichkeit würde der amerikanische pickup-artist und Vergewaltigungsprediger Roosh V, der mit dem weltweiten Aufruf für eine neomaskuline Bewegung mit unter anderem dem Ziel der Legalisierung von Vergewaltigungen Anfang Februar auch in Deutschland für Aufregung sorgte, dagegen strikt zurückweisen. Roosh V gibt ein besonders eindrückliches Beispiel für die Transformation des westlich narzisstischen Subjekts zum islamisierten Subjekt ab, dessen Unterwerfungsphantasien, wie er selbst bemerkt, hervorragend mit dem Islam harmonieren: „All the views that I present on sex, women and men are basically a light version of Islam, of how Islam does family values. It‘s a light version of what you can find in the coran, it‘s a light version of what has been taught of the prophet Mohammed. That‘s all it is. I‘m basically introducing traditional Islamic values, traditional Islamic family into a Western audience.“30 In den Mobilisierungsaufrufen gegen die weltweit stattfindenen Versammlungen seiner Anhänger wurde die selbsterklärte ideologische Nähe zum Islam freilich nicht beachtet, geschweige denn die Frage gestellt, was denn der eigentliche Islam sei, wenn die von Roosh V propagierte Rape Culture bloß die light-Variante ist.

In der Kölner Silvesternacht brach sich zwar keine derart reflektierte, bewusst propagierte Gewalt gegen Frauen Bahn, doch eine, die sich diesen „familiären“ und „traditionellen Werten“ des Islam verdankt oder an der die islamische Sozialisation wenigstens Anteil hatte. Deutlich islamische Züge trägt ein Verhalten, das ohne Schuldbewusstsein Frauen im öffentlichen Raum sexuell attackiert. Es entspringt der dem Islam zugrundeliegenden rigiden Trennung von Öffentlichen und Privatem, mit der eine geschlechtliche Trennung einhergeht: Diese erfordert per definitionem die Anwesenheit von Männern und ist dem politischen sowie religiösen Bereich zugeordnet, während jene mit der Frau assoziiert Sexualität, Häuslichkeit und Familie einbegreift.31 Während die züchtige Muslima zur Vervollkommnung ihres Glaubens die eigenen vier Wände bevorzugt und diese möglichst nur in Begleitung des Mannes verlässt, stellt diejenige, die sich ohne männlichen Familienanhang in der Öffentlichkeit bewegt, einen Angriff auf die männliche Umma dar, die zudem die triebhaften Regungen und Übergriffe provoziert und zu verantworten hat. In den Übergriffen der Silvesternacht artikulierte sich ein entsprechendes Verständnis, in der Frauen im öffentlichen Raum von den entsprechenden Banden als legitime Beute betrachtet wurden. Eine solche Einschränkung der weiblichen Mobilität läuft auf islamische Zustände hinaus. Auch wenn die Täter keine bekennenden Islamisten sind, tragen sie – wie bewusst oder unbewusst auch immer – zur Islamisierung des öffentlichen Raumes bei, der in letzter Konsequenz darauf hinausläuft, Frauen die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu verunmöglichen, indem ihr öffentliches Leben zu einem permanenten Spießrutenlauf gemacht wird. Dieser Islamisierung und ihren penetranten Schönrednern entgegenzuwirken wird auch weiterhin eine vorrangige Aufgabe der Ideologiekritik in kommunistischer Absicht sein.

 

1   www.spiegel.de/politik/deutschland/koeln-angela-merkel-verlangt-harte-antwort-des-rechtsstaats-a-1070609.html

2   Vgl. ebd.

3   www.ksta.de/koeln/koelner-botschaft-sote-wir-fordern-nach-silvester-uebergriffen-23469130.

 

4   www.academycologne.org/de/article/828_ekaterina_degot_on_the_letter_from_cologne.

 

5   antifa-ak.org/pegida-nrw-

entgegentreten/#more

-4441.

6   Vgl. ebd.

7   lustbonn.org/2016/01/06/marginalien-zur-debatte-um-die-koelner-silvesternacht/

8   So verliert etwa die Pólemos kein Wort zum Islam. Vgl. kritischetheorie.wordpress.com/2016/01/23/austreibung-der-restempathie/

9   www.faz.net/aktuell/rhein-main/kriminologin-zu-uebergriffen-frankfurt-nicht-mit-koeln-vergleichen-14003109.html.

10  Ebd.

11  So der Wortlaut im Polizeibericht. www.sueddeutsche.de/panorama/uebergriffe-in-koeln-ausgelassene-stimmung-feiern-weitgehend-friedlich-1.2806355.

 

12  ausnahmslos.org

13  Ebd.

14  www.perlentaucher.de/blog/562_ausnahmslos_differenz.html.

 

15  ausnahmslos.org

16  www.deutschlandfunk.de/karneval-verkehrung-der-geschlechterhierarchie.886.de.html.

 

17  Vgl. www.huffing
 tonpost.de/2016/01/29/story_n_9116048.html?utm_hp_ref=germany.

18  Ebd.

19  Vgl. www.aliceschwarzer.de/artikel/das-sind-die-folgen-der-falschen-toleranz-331143.

20  Vgl. David Schneider: Furcht vor permanenter Sexualisierung. Deformierte Sinnlichkeit und islamophile Pädagogik passen zusammen. In: Bahamas 71 (2015), S. 55.–59.

21  Ebd. S. 58.

 

22  www.faz.net/aktuell/feuilleton/islam-und-koerper-das-sexuelle-elend-der-arabischen-welt-14075502-p2.html

23  23www.spiegel.de/panorama/justiz/koelner-verdaechtiger-will-anmachzettel-gefunden-haben-a-1071327.html

24  Vgl. www.welt.de/politik/deutschland/article151310025/Wenn-sie-halbnackt-herumlaufen-passiert-sowas.html

25  www.taz.de.

 

26  Thomas Maul: Sex, Djihad und Despotie. Kritik des Phallozentrismus, Freiburg 2010, S. 111.

27  Natascha Wilting: Psychopathologie des Islam. Innenansichten des „ungeglaubten Glaubens“. In: Bahamas 38 (2002), S. 46.

28  www.welt.de/vermischtes/article150989935/Seid-wuetend-auf-die-muslimischen-Frauen.html.

29  Ebd.            

 

30  hailtothegynocracy.wordpress.com/2015/10/31/flashback-roosh-valizadeh-says-canadian-feminists-are-islamophobic.

31   Zum Verhältnis von Öffentlichen und Privatem s.: Christian Knoop, Thomas von der Osten-Sacken: Zur Psychopathologie des Islamisten. In: Wadinet. http://www.wadinet.de/analyse/iraq/psychopathologiedesislamisten.htm; Maul: Phallozentrismus, S. 111.