Ausgabe #2 vom

Propagandisten der Gegenaufklärung

JAN HUISKENS

Als vor einigen Wochen gegen den Islamforscher Hans-Peter Raddatz von Seiten der Betreiber des schiitischen Internetportals Muslim-Markt eine Morddrohung ausgestoßen wurde, warf das kein gutes Licht auf den deutschen Islam, dem immer wieder bescheinigt wird, nur in Ausnahmefällen „fanatisch“, „extre-mistisch“ oder „fundamentalistisch“ zu sein. Zwar gilt Muslim-Markt als ein solcher Ausnahmefall, aber die Tatsache, dass keine der größeren islamischen Vereinigungen sich von dem Mordaufruf distanzierte, sondern ihn höchstens herunterspielte, rief die Häuptlinge der islamwissenschaftlichen Disziplin auf den Plan. So war es Dr. Udo Steinbach, Leiter des Deutschen Orient Institutes, der Raddatz vorwarf, selbst für diese „Reaktion“ verantwortlich zu sein, da er mit seinen pauschalisierenden Urteilen über den Islam die Moslems beleidigt habe. [1] Das Argumentationsmuster, das man schon von der Ermordung Theo van Goghs kennt, wird besonders abstrus durch den Umstand, dass Steinbach zuvor erklärt hatte, der Mordaufruf sei „eigentlich“ gar keiner gewesen. Kurz und knapp ausgedrückt: Gesetzt den Fall, Moslems wollten Raddatz ans Leder, was in Wahrheit gar nicht ihr Begehren ist, hätte Raddatz sich die Folgen selber zuzuschreiben.
  
 Allzu offensichtlich ist das Bestreben Steinbachs, die Moslems aus jeder Schuld zu nehmen und ihre Aggressionen stets in äußeren Umständen - den Vergehen der prospektiven Opfer, den „gesellschaftlichen Wurzeln“, dem Rassismus, der Benachteiligung et cetera – zu verorten. Da dieses Denkschema immer auftaucht, wenn Islamwissenschaftler sich zu Wort melden, drängt sich die Erkenntnis auf, dass diese Wissenschaftler vom Standpunkt ihrer Disziplin aus unfähig zur Islam-Kritik sind. Der Islam ist für sie ein stets rein zu haltendes Forschungsgebiet, dem nicht wissenschaftliche Abgeklärtheit, sondern libidinös aufgeladene Faszination entgegen gebracht wird. Besonders deutlich zeigt sich diese Bindung an das Forschungsobjekt bei explizit linken Islamwissenschaftlern. Diese geben sich zwar besonders kritisch, verurteilen dieses und jenes, können sich aber niemals zu einer radikalen Kritik des Islam durchringen. Es ist weniger das linke Erbe, welches die „Toleranz für andere Kulturen“ oder die Begeisterung für kollektivistische Gesellschaftsmodelle hervorbringt, als vielmehr die der Wissenschaft innewohnende Tendenz zur Rationalisierung, welche noch die scheinbar subversivsten Geister in Apologeten der islamischen Barbarei verwandelt. So argumentiert etwa Michael Kiefer, der in der Linken als äußerst beliebter Stichwortgeber in Sachen islamischer Antisemitismus gilt, weil er ein faktenreiches Buch zu diesem Thema geschrieben hat und gleichzeitig bekennender Gegner der Antideutschen ist, letztlich nicht anders als offen reaktionäre Ideologen wie Udo Steinbach.
  
Ein monolithischer Block
  
 Kiefer ist ein einschlägig bekanntes Mitglied des islamwissenschaftlichen Milieus, so referiert er unter anderem auf Konferenzen der Deutsch-Morgenländischen Gesellschaft und engagiert sich für die Einführung islamischen Religionsunterrichtes an deutschen Schulen. Er verteidigt die Islamwissenschaften gegen den Vorwurf der Islamophilie, indem er die Udo Steinbachs und Annemarie Schimmels seiner Disziplin zu schwarzen Schafen erklärt. Es gebe „die deutsche Islamwissenschaft als monolithische(n) Block mit islamophilen Ambitionen ganz gewiss nicht“. (Kiefer 2004, S. 223) Vielmehr gäbe es mittlerweile „viele Kolleginnen und Kollegen, die sehen, dass der islamisierte Antisemitismus in vielen islamischen Gesellschaften erheblich zugenommen hat und zu einer ernsthaften Gefahr für die noch verbliebenen jüdischen Minderheiten geworden ist“. Der Begriff „islamisierter Antisemitismus“ deutet jedoch schon an, dass Kiefer bemüht ist, den Antisemitismus vom Islam zu trennen. Kiefer zufolge konstruiert der Begriff „islamischer Antisemitismus“ „in seiner Allgemeinheit eine his-torisch begründete Verbindung von Islam und Antisemitismus“. Wieso die Behauptung einer Verbindung von Islam und Antisemitismus lediglich „konstruiert“ und somit unbegründet sei, untermauert Kiefer mit dem Argument, der vermeintlich „neue Antisemitismus“ sei keineswegs neu, sondern bediene sich derselben Bilder und Stereotype wie der klassische moderne Antisemitismus aus Europa. Deshalb sei der islamische Anteil an diesem Antisemitismus lediglich „ornamental“, in Wahrheit sei er also eine europäische Erfindung, die von Nazis, Koloni-alisten und anderen Bösewichten gezielt exportiert worden sei.
  
Ist der Islam antisemitisch?
  
 Um weiteren Aufschluss über diese Argumentation zu erhalten, empfiehlt es sich, Kiefers Buch „Antisemitismus in den islamischen Gesellschaften“ (2002) zur Hand zu nehmen. Dort will er nämlich dem „Transfer eines Feindbildes“ auf die Spur kommen. Auf die Zusammenstellung von antijüdischen Gewaltexzessen in der islamischen Vergangenheit durch Robert Wistrich, die Kiefer auszugsweise zitiert, erwidert er, diese Fakten seien nicht die ganze Wahrheit. Gerade Leon Poliakov, der in einer Schrift von 1969 den Islam pauschal des Antisemitismus verdächtigt habe, sei in seiner „Geschichte des Antisemitismus“ zu diesen Verdächtigungen auf Distanz gegangen und habe das islamisch-jüdische Zusammenleben als weitgehend friedliche Koexistenz beschrieben. Während Poliakov 1969 der „Logik des Antisemitismus“ aufgesessen sei, weil er ebenfalls - wie der Antisemit das Bild des ewigen Juden - das Bild eines ewigen Antisemitismus zeichne, habe er zehn Jahre später in seiner „Geschichte des Antisemitismus“ die Wahrheit gesagt. Um der möglicherweise auftretenden Unzufriedenheit des Lesers über solch beliebige Urteile zu begegnen, fasst Kiefer anschließend die jüdisch-islamische Geschichte ganz differenziert als „wechselvoll“ zusammen. (Kiefer 2002, S. 27ff.) Das soll und kann nur heißen, die Juden seien nicht jeden Tag verfolgt worden und hätten nicht jedes Jahr ein Pogrom zu erleiden gehabt, sondern höchstens hin und wieder.
  
 Beschäftigt sich Kiefer dann mit konkreten Verfolgungen der Juden, so ist er bemüht, den Islam als Motivation für diese Verfolgungen auszuklammern. Wenn er etwa in Bezug auf die Vertreibung und teilweise Vernichtung der jüdischen Stämme von Medina durch Mohammeds Streitkräfte schreibt, diese sei „hauptsächlich nicht-religiöser Art“ gewesen, so erwartet man als Leser eine andere schlüssige Erklärung. Diese wird ohne Umschweife geliefert und sie könnte nicht deutlicher Kiefers Affinität zum islamwissenschaftlichen Betrieb ausdrücken: „Die Enttäuschung und Verbitterung des Propheten“ über die Weigerung der Juden, sich ihm zu unterwerfen, „und das aus heutiger Sicht (!) grausame Vorgehen der Muslime gegen die jüdischen Stämme in Medina sollten jedoch nicht zu der Schlussfolgerung verleiten, dass in der islamischen Urgemeinde die Grundlage für einen militanten Antijudaismus gelegt wurde.“ Wo enttäuschte Liebe zu Verzweiflung führt, so wissen wir aus dem islamwissenschaftlichen Diskurs, ist die Vernichtung der Juden nicht nur verständlich, sondern mitunter sogar notwendig. Kiefer zitiert dem gemäß zustimmend einen gewissen Ali Dashti, „der die Ereignisse in Medina aus einer kritischen Perspektive betrachtet“ und die These formulierte, „dass der Krieg gegen die jüdischen Stämme notwendig (!) war, um dem neuen islamischen Staatswesen eine solide wirtschaftliche und politische Grundlage zu geben.“ (ebenda, S. 9f) Es wundert an dieser Stelle nicht, dass die Juden ausgerechnet den Störfaktor für die wirtschaftliche und politische Grundlage des islamischen Reiches darstellen - der Leser kann sich schon denken, dass die Juden der Entfaltung einer islamischen Identität im Wege standen und darüber hinaus durch ihren unbeschreiblichen Reichtum mehr als hart gesottene Konkurrenten waren.
  
Power to the Muslims!
  
 Der vermeintlich kritische Islamwissenschaftler Kiefer erliegt, wenn es hart auf hart kommt, den Illusionen seiner Disziplin und rechtfertigt noch jede Schweinerei, nur um sein Forschungsgebiet von jeder Schuld freizusprechen. Dies zeigt sich auch, wenn Kiefer über den Nahostkonflikt spricht: Er sieht selbstverständlich im Tempelbergbesuch Ariel Sharons eine „kaum zu überbietende Provokation“ und eine „erneute Demütigung“ (ebenda, S. 7) - wen wundert es, dass die Palästinenser sich wehren? In einer Stellungnahme zu den Massenmorden des 11. September, die von 89 Islamwissenschaftlern unterzeichnet wurde, unter anderem auch von Michael Kiefer, heißt es getreu dieser Logik: „Die von einigen Medien suggerierte Gleichung ‚Muslim = Fundamentalist = Terrorist’ ist absurd und dem Zusammenleben verschiedener Nationen und Religionen abträglich. (...)Wir möchten darauf hinweisen, dass es sich nach unserer Beurteilung bei diesen terroristischen Verbrechen nicht um Taten vor dem Hintergrund eines religiösen oder kulturellen Konfliktes handelt. Tatsächlich dreht sich der Konflikt um die Verteilung von Machtpositionen im Nahen Osten, wobei auf Seiten der Terroristen islamische Glaubenselemente und religiöse Begriffe als willkommene Stützen der eigenen ideologischen Position dienen. Das Feindbild radikaler Muslime richtet sich weniger auf die westliche Zivilisation an sich, als vielmehr auf die USA als Supermacht, deren Einfluss auf die politischen Verhältnisse in dieser Region als übermächtig und unerträglich empfunden wird.“ (http://www.uni-koeln.de/phil-fak/orient/htm/stellungnahme.htm) Die USA sind also wegen ihres Machthungers selbst schuld, wenn die Moslems dagegen aufbegehren. Hielten die USA sich mehr an den Willen der „Weltöffentlichkeit“ – das heißt Deutsch-Europas und der Völker der Dritten Welt - so würden sie sich auch weniger Ärger einhandeln. Genau das ist die Ideologie der UNO und damit der sich als zu kurz gekommen, ergo: „unterdrückt“ wähnenden Völker: mehr Machtgleichgewicht unter den Nationen führe automatisch zu mehr Frieden. Dass jeder Machtzuwachs für radikale Moslems und andere Verrückte ers-tens deren Terror nicht stoppt, sondern stärkt, und dass zweitens ein Frieden mit diesen Schurken eine falsche, nämlich barbarische Harmonie bedeuten würde, in der jeder bei Strafe des Unterganges gezwungen wäre, sich deren Wahnsinn zu unterwerfen, geht den politisch engagierten Islamwissenschaftlern so wenig auf wie der politischen Klasse im EU-Parlament.
  
 Es ist das ewig gleiche Spiel: Moslems sind per se unschuldig und wenn sie doch schuldig sind, dann nicht als Moslems, sondern als verblendete Opfer des Westens. Es drückt sich hierin eine antiwestliche Haltung aus, das Gefühl, selbst Opfer des Westens zu sein und ständig gedemütigt und missverstanden zu werden. Das eigene Unbehagen an der westlichen Zivilisation scheint den Islamwissenschaftlern Antrieb für die Beschäftigung mit dem Orient zu sein, in den alle Sehnsüchte nach Widerstand und frommer Rückkehr zur prämodernen Ordnung projiziert werden. Insofern ist die Wahl des Forschungsgebietes „Islam“ keineswegs zufällig, nur ganz bestimmte Individuen neigen dieser Disziplin zu, wie es einstmals - zu Hochzeiten der antiimperialistischen Bewegung - schick war, Regionalwissenschaften Lateinamerika oder Ethnologie zu studieren, weil man das wirkliche Wesen der bedrohten Völker kennen lernen wollte. Damals drückte sich diese Sehnsucht in Slogans wie „von Kuba lernen, heißt siegen lernen“ aus. Heute, da der Kalte Krieg Schnee von gestern ist, die alten Helden verblasst und allerorten durch ihre Korruption und Kollaboration mit dem Westen verschrien sind, findet der wirkliche „Widerstand“ im Nahen Osten statt. Hier residiert das große Identifikationsangebot für zivilisationsüberdrüssige Volksgenossen. Die Islamwissenschaften bilden den akademischen Rahmen für ein Projekt, in dem sich jeder aufgehoben fühlen kann, weil es ohnehin nicht um Wissenschaft und Forschung geht, sondern um die Entde-ckung des authentischen Islam - da sind Ressentiments selbstverständlich mehr gefragt als die kritische Durchdringung des Gegenstandes. Islamwissenschaftler bilden die intellektuelle Avantgarde dieses antiwestlichen Volkssturmes, in dem sie sich als Propagandisten des Unheils betätigen.
  
Islamischer Stillstand
  
 Es ist wenig erstaunlich, dass es nicht der Kiefer oder sonst ein Hansel, sondern gerade Hans-Peter Raddatz ist, der für eine Sorte Wissenschaftler steht, die ihren Verstand noch nicht im Empfangszimmer für dialogbereite Nachwuchspolitiker abgegeben hat. Dies sieht man in erster Linie an den Vorwürfen gegen Raddatz und den Umstand, dass radikale Moslems gerade ihn zum Feindbild erkoren haben. Raddatz wird von seinen Gegnern - Islamwissenschaftlern wie Moslems - vorgeworfen, antiislamisch zu sein. Er wahre lediglich die gebotene Distanz des Wissenschaftlers zu seinem Gegenstand, antwortet Raddatz. Dass der Islam vom Grundsatz her gewalttätig und absolutistisch sei, sage er „nicht über den Islam, ich sage das über den rechtlich-politischen Teil des Islam, der eben nicht nur eine Religion, sondern auch ein universelles Rechtssystem ist. Wie in jeder Religion gibt es selbstverständlich einen spirituellen Teil, der vom Recht auf Glaubensfreiheit zu schützen ist. Aber der Koran ist mehr, er ist die Verfassung der islamischen Gesellschaft, und insofern ist der Islam tatsächlich zu erheblichen Teilen inkompatibel mit unserem Rechtssys-tem. Dort, wo der Islam rechtliche und politische Geltung einfordert, ist er oft nicht nur nicht kompatibel, sondern teilweise auch gewaltbesetzt. Die Sharia schreibt den Gläubigen vor, dafür zu sorgen, dass Allahs Gemeinschaft sich ausbreitet. Dazu gehört auch die biologische Reproduktion, was sich in den unglaublichen Zuständen bezüglich der Frauenrechte niederschlägt.“ (Raddatz 2005a) Raddatz lässt sich nicht auf den unmaterialistischen Blick auf den „Islam an sich“ ein, sondern geht von der islamischen Praxis aus. Er betrachtet den Islam von außen und versucht gar nicht erst ihn zu verstehen. Seine Aufgabe als Wissenschaftler sieht er darin, die historischen und gesellschaftlichen Verlaufsformen des Islam zu analysieren.
  
 Diese Verlaufsform skizziert er treffend als Konflikt zwischen dem islamischen Herrschaftsanspruch und der universalen Herrschaft des bürgerlichen Staates, der angesichts des Unterganges des Osmanischen Reiches auftrat. In dieser Zeit restaurierte und organisierte sich der Islam als sinnstiftende Erweckungsbewegung gegen den vielfach überlegenen Westen. Der Islam musste sich, wollte er überleben und nicht einfach durch die Säkularisierungswelle fortgespült werden, als Abbild der vormodernen Tradition konstituieren. Gerade weil es sich um eine Modernisierung des Islam im Sinne einer Anpassung an die neuen politisch-ökonomischen Bedingungen handelte, wurde die wortgetreue Umsetzung des Koran immens wichtig: Der „zunehmende Druck der europäischen Okkupation hatte weitere Traditionalisten auf den Plan gerufen, die eine Bekräftigung des überkommenen Glaubensgutes einforderten. Theologen wie der Syrer Ibn Abidin (gest. 1836) und der Nordafrikaner As-Sanusi (gest. 1859) bestätigten noch einmal die doktrinäre Regel, dass das Glaubenserbe des Islam mit Koran, Prophetentradition und schariatischer Exegese von unübersteigbarer Geltung war. Glaube und Vernunft, innerer Ritus und äußerer Kampf befanden sich in definitorischer Übereinstimmung, die das religiöse Wissen des Islam als unveränderbare Wahrheit und ehernen Maßstab für alle Zeit festgelegt hatte. Unübersehbar begann sich hier eine ‚reformerische’ Bewegung abzuzeichnen, welche die unangreifbaren Wurzeln des Islam gegen die herannahenden Wellen des westlichen Unglaubens wappnen wollte.“ (Raddatz 2002, S. 151) Der Koran rückte noch mehr ins Zentrum als bisher, jede abweichende, etwa allegorische Deutung einer Sure wurde als westliche Verwässerung begriffen und dementsprechend grausam verfolgt. Es entstand ein eigenartiger Stillstand der islamischen Welt [2], deren Gewaltpotenzial sich in diesem Stillstand jedoch prächtig entfalten konnte, weil alle Schuld für den verpassten Fortschritt dem Westen angelastet wurde.
  
Bewegung der Gegenaufklärung
  
 Ausgehend von Raddatz’ Analyse ist es möglich, wenn nicht zwingend, den Islam als Bewegung der Gegenaufklärung zu bestimmen, die sich wesentlich gegen die Universalität der Freiheit des Einzelnen richtet. Indem der Islam diese Universalität bekämpft, verstrickt er sich immer tiefer in die Barbarei, weil ihm fortan jede individuelle Regung als potentielle Feindschaft erscheint. Die von Raddatz in Aussicht gestellte rein „spirituelle“ Ausübung der islamischen Religion wird in dem Moment unmöglich, wo die Mehrheit der Moslems und deren religiöse Führer diesen Kampf gegen das Individuum - den Jihad - zur obersten religiösen Pflicht erheben und deshalb die bloß für sich praktizierenden Moslems exkommunizieren und als Kollaborateure des Westens brandmarken. Aus diesem Grund nimmt auch die Verfolgung der Abtrünnigen einen so hohen Stellenwert im heutigen Islam ein. Raddatz erfasst diesen Zusammenhang, wenn er darauf hinweist, dass „man als Muslim die Gemeinschaft nicht verlassen kann, ohne bedroht zu werden“. (Raddatz 2005b) Hans-Peter Raddatz wird gerade aufgrund seiner Distanz zum Gegenstand seiner Forschung nicht nur von radikalen Moslems, sondern auch von anderen Vertretern seiner Zunft gehasst. Er ist für sie der ständige Nachweis, dass sie eigentlich völlig unfähig sind, kritische Erkenntnisse über den Islam zu gewinnen. Sie müssen ihn als „Provokateur“ oder als „christlichen Fundamentalisten“ [3] hinstellen, weil er ihnen als Störenfried auf eigenem Terrain ständig das geliebte Objekt madig macht und ihre Lügen offen denunziert. So ist Raddatz wiederholt als schonungsloser Kritiker des so genannten „kulturellen Dialoges“ aufgetreten und hat damit die Geschäftsgrundlage der Islamwissenschaften als Fiktion bloßgestellt: „Die Botschaft dieses ‚Dialoges’ trägt alle Merkmale einer Ersatzrealität, einer kognitiv starren und dabei offenbar heilsträchtigen Fiktion, die allerdings politisch nicht ohne Brisanz ist.“ (Raddatz 2002, S. 9) Das Vokabular des multikulturellen Europa sieht Raddatz als Ausdruck der bereits weitgehend vollzogenen „Kollaboration mit dem Islam“: Der Begriff der Toleranz bilde „den zentralen Tugendfokus der gesellschaftlichen Orientierung, der inzwischen die Rolle eines identitätsstiftenden Fetischs übernommen hat. Wer nicht bereit oder in der Lage ist, auf seine unveräußerlichen Rechte zu verzichten, offenbart ein fundamentales Defizit und bekommt den Beißreflex der Tugendwächter zu spüren.“ (ebenda, S. 246) Letzteres musste er nun an eigener Haut erfahren, was seine Kritik auf recht unangenehme Weise bestätigt.
  
 Dass Raddatz auch Positionen vertritt, über die man nur noch den Kopf schütteln kann, etwa sein obskures Beharren auf das Ausfindigmachen angeblich „masonisch geprägter Konturen einer Herrschaftsclique aus Kirche, Politik und Kommerz“, die „durch ihre Nähe zur organisierten Kriminalität eine eindeutig personale Tendenz“ aufwiesen, schmälert seine Verdienste nicht im Geringsten. Raddatz führt vor, zu welch weitreichenden Erkenntnissen auch ein nicht gerade auf materialistische Ideologiekritik abonnierter Bürger gelangen kann, wenn er schmerzhafte Erfahrungen ins Bewusstsein vordringen lässt. Diese Erkenntnisse sind zwar weit davon entfernt, Einsichten in das Verhältnis von Waren- und Denkform zu gewähren und sie können daher auch nicht erhellen, warum es gerade nicht der böse Wille einer verschworenen Gruppe ist, der dem Islam zum Vormarsch verhilft, sondern eine vom Kapitalismus und dessen Verfallsformen höchst selbst produzierte Sehnsucht, aber sie machen kenntlich, in welchem Ausmaß die Islamwissenschaften auf Lügen gegründet sind. Damit ist es auch eine Sache der Entscheidung, Islam-Kritik oder Propaganda der Gegenaufklärung betreiben zu wollen.
  
  
Anmerkungen:
  
 [1] Steinbach wörtlich: „Raddatz hat die Muslime auf vielfältige Weise über viele Jahre durch seine radikalen Positionen gegen den Islam provoziert.” Zitiert nach: Hamburger Abendblatt vom 22.10.2005.
  
 [2] Der Analyse dieses Stillstandes hat sich in jüngster Zeit vor allem Dan Diner (2005) gewidmet. In diesem Zusammenhang ist auf seine Erkenntnis hinzuweisen, dass die Sakralität der arabischen Sprache diesen Zustand maßgeblich zementiert. Allerdings ist die Tatsache, dass das Hocharabische immer noch sakralen Charakter besitzt, nicht ohne die gesellschaftlichen Umbrüche in der frühen Neuzeit zu erklären.
  
 [3] Steinbach: „Er ist also - wenn sie so wollen - ein christlicher Fundamentalist. Einer, der ein fundamentalistisches Christen-Verständnis hat, das absolut unfähig ist, sich zu öffnen, modernisieren, sich auch für den Dialog offen zu halten, Stichwort Dialog der Kulturen. Herr Raddatz ist jemand, der das für verlorene Zeit hält.” Zitiert nach: http://www3.ndr.de/ndrtv_pages_std/0,3147,OID1924154,00.html.
  
  
Literatur:
  
 Diner, Dan, Versiegelte Zeit. Über den Stillstand in der islamischen Welt, Berlin 2005.
  
 Kiefer, Michael, 
 - Antisemitismus in den islamischen Gesellschaften. Der Palästina-Konflikt und der Transfer eines Feindbildes, Düsseldorf 2002.
 - Die Gefahr des islamisierten Antisemitismus (Interview), in: Gerhard Hanloser, „Sie warn die Antideutschesten der deutschen Linken“. Zu Geschichte, Kritik und Zukunft antideutscher Politik, Münster 2004.
  
 Raddatz, Hans-Peter, 
 - Von Allah zum Terror? Der Djihad und die Deformierung des Westens, München 2002.
 - „Mehr Realismus käme allen zugute“ (Interview), in: Jungle World 44/2005 (2005a).
 - Interview, in: Konkret 12/2005 (2005b).