Ausgabe #2 vom

Parallelgesellschaft

PHILIPP LENHARD

 1977 stürzte der General Mohammed Zia-ul-Haq in einem Militärputsch die demokratisch gewählte Regierung Bhuttos in Pakistan. Das Zia-Regime forcierte den Prozess der nachholenden Modernisierung und errichtete eine faschistoide Form der Arbeitsdiktatur, die vom Westen im Kalten Krieg unter anderem deswegen, wenn schon nicht gut geheißen, so doch toleriert wurde, weil die pakistanische Opposition in Teilen aus Sozialisten bestand - Bhutto selbst vertrat das antiimperialistische Konzept des islamischen Sozialismus und machte in seiner Amtszeit dem maoistischen China politische Avancen. Zugleich hielt in Pakistan eine rigide Islamisierung Einzug, die das Bündnis mit konservativen Gruppierungen besiegelte und zugleich für die weitgehend moslemische Bevölkerung Möglichkeiten der Identifizierung bot, die die Herrschaft des Regimes festigte. Im Widerstand gegen diesen islamisch geprägten Faschismus war der Vater des Schriftstellers Nadeem Aslam aktiv, dessen Roman Atlas für verschollene Liebende im Juli 2005 erschienen ist. Dieser Hintergrund ist wichtig, um das Buch Aslams zu verstehen. Aslam musste als Jugendlicher vor den Repressionen des Zia-Regimes nach England fliehen und begann dort sein Studium der Biochemie und später der Literatur. Sein aktueller, zweiter Roman thematisiert den Zustand der pakistanischen Einwanderergemeinde in einer englischen Kleinstadt. Ausgangspunkt der Erzählung ist ein „Ehrenmord“ an dem jungen Mann Jugnu und seiner Freundin Chanda. Diese hatten den Fehler begangen zusammen zu ziehen, obwohl Chanda noch mit einem Mann verheiratet war, der sie – nachdem die durch die Zwangsheirat erhoffte Einbürgerung amtlich bestätigt worden war – ohne ein Wort der Begründung verlassen hatte. Nach islamischem Recht darf eine Frau erst dann wieder eine Beziehung eingehen, wenn sie von ihrem Mann verstoßen und somit „freigegeben“ wird. Erst nach dieser Prozedur hätte Chanda demnach neu heiraten dürfen und damit das Recht erworben, mit Jugnu zusammen zu leben.
 
 Chandas Brüder jedoch sind gläubige Moslems und beschimpfen sie fortan als „Hure“, bis sie sie und Jugnu eines Tages ermorden, um ihre vermeintliche Ehre wieder herzustellen. Die Aufklärung des Mordes durch die britische Polizei bringt durchaus kriminalistische Züge in die Erzählung ein, trotzdem bleibt sie wesentlich die Darstellung der Empfindungs- und Vorstellungswelt der pakistanischen Exilgemeinde, die durch Jugnus Bruder Shamas und seine Ehefrau Kaukab repräsentiert wird. Während Kaukab eine frustrierte und fromme, gar neidbeißerische Frau ist, die ihre Heimat vermisst und alles westliche verteufelt, ist Shamas ein eher zurückhaltender, aber durchaus aufgeschlossener Zeitgenosse, der im Buch als „Kommunist“ bezeichnet wird, wovon man allerdings im weiteren Verlauf wenig mitbekommt. Die Widersprüche innerhalb der Community werden durch den Gegensatz der beiden Hauptpersonen gespiegelt, deren Ehe auf faulen Kompromissen gründet. Der Roman erhält seine Spannung durch die regelmäßigen Zusammenstöße zweier Welten, der auf Tradition und Unsicherheit basierenden, hermetisch abgeriegelten Wahnwelt Kaukabs und der Neugier und Lebensfreude Shamas’ beziehungsweise der noch stärker „verwestlichten“ gemeinsamen Kinder. Nachdem sein Debüt Season of the Rainbirds 1993 von den Kritikern gefeiert und mit dem Betty Trask Award ausgezeichnet wurde, zog sich Aslam elf Jahre lang zurück, um sein neues Buch zu verfassen. Diese Mühe hat sich gelohnt: Das Buch ist geprägt durch einen detailverliebten Erzählstil, der jedem scheinbar Abseitigen Bedeutung verleiht und dadurch ein ungeheuer vielschichtiges und farbenfrohes Bild der Welt zeichnet. Die mitunter fast übertrieben wirkende Beschreibung der englischen Flora und Fauna, die unzähligen Analogien und Metaphern drücken eine Welterfahrung aus, die in krassem Gegensatz zur Trost- und Freudlosigkeit der islamischen Community steht, die den Rahmen der Erzählung darstellt. Es ist gerade dieser Kontrast, der schwer auszuhalten ist, weil er alle Illusionen über die gemütliche und idyllische Gemeinschaft der Einwanderer zerstört. Nicht zuletzt deshalb warf wohl Rezensent Stefan Weidner dem Buch in der Dezember-Ausgabe der Literaturen vor, es sei durch eine „hemmungslose Schwarz-weiß-Malerei“ gekennzeichnet. 
 
 Richtig ist, dass Aslams Buch eine deutliche Stellungnahme gegen den Islam ist, die allerdings durch die moralischen Vorstellungen und Handlungen der Akteure seines Romans legitimiert ist. Aslam betont, dass keines der geschilderten Ereignisse rein fiktiv ist, sondern dass es belegbare Vorbilder in der Wirklichkeit gibt. Gerade im Hinblick auf aktuelle Debatten ist das Buch ein gewichtiges Argument dafür, das Phänomen islamischer Parallelgesellschaften ernst zu nehmen.
 
 Nadeem Aslam, Atlas für verschollene Liebende. Aus dem Englischen von Rosetta Stein. Rowohlt, Reinbek 2005, 541 S., € 19,90.