Ausgabe #2 vom

Mission Klassenzimmer

CHRISTOPH HORST

 Es ist schon über zwei Jahre her, dass von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt ein Kongress atheistischer Verbände sich der Spiritualisierung des Bildungswesens gewidmet hat. Mit diesem Thema wurde nicht nur auf die massiv vorhandene Vorherrschaft christlicher Ideologie auch an öffentlichen Schulen abgezielt, sondern ebenso auf die Freiheit jeder kleinen Psychosekte, eine eigene Schule zur Abschottung des Nachwuchses von der Außenwelt aufzumachen. Das Forum demokratischer AtheistInnen hat die Kongressbeiträge nun verspätet als Buch herausgegeben und stellt damit einen Überblick der vernunftfeindlichen Erziehung zur Verfügung. Die konsequentesten Antimodernisten auf dem, neoliberalen Trends gemäß, immer stärker privatisierten Bildungssektor, sind zweifellos Anthroposophen mit ihren Waldorfschulen und -kindergärten. Mit dieser Wiedergeburtssekte setzt sich der Erziehungswissenschaftler Klaus Prange auseinander, indem er zentrale Thesen seines Standardwerkes Erziehung zur Anthroposophie zusammenfasst. Prange kennzeichnet die Anthroposophie als Heilsbotschaft, die über Waldorfpädagogik vermittelt werden soll. Ziel der Pädagogik ist letztlich die „Herrschaft einer selbsterwählten Elite“.
 
 Ähnlich wie Prange greifen auch andere Autoren auf zum Teil schon mehrfach Publiziertes zurück: Claudia Barth gibt einen historisch-systematischen Überblick über die Esoterikszene, Maria Wölflingseder befasst sich arbeitsmarktkritisch und Bezug nehmend auf Erwachsenenbildung mit dem Thema „Rationale Irrationalität und Irrationale Rationalität“ und Waldemar Vogelsang und Frank Welker referieren die Ergebnisse ihrer Studie zur Popularität des okkulten Gruselns unter Jugendlichen. Manches kann eben nicht oft genug thematisiert werden. Dem Reader gelingt es darüber hinaus, eine bisher fast unbeachtete Weltanschauungspädagogik in den passenden Zusammenhang zu setzen: Wolfgang Proske stellt die orthodox-katholische Montessori-Pädagogik vor, deren Ziel es ist, Kinder in kosmische Gesetzmäßigkeiten zu zwingen, denen sich Maria Montessori selbst unterworfen hat: Autorität, Gehorsam und unbedingte Gottesfürchtigkeit. Der antiautoritäre Pädagoge A.S. Neill formulierte schon vor fast 40 Jahren, dass Montessoris Ziel nichts weiter sei, als die Kinder dem „Apparat“ anzupassen. Trotzdem ist ihre Kinder-Dressur noch immer beliebt und viel verbreitet – allerdings nur praktisch, mit Montessoris vor Ehrfurcht triefenden Büchern setzt sich kaum einer noch wissenschaftlich auseinander. Proskes Kritik ist fast zu freundlich formuliert, da er die logische Schlussfolgerung umgeht, dass Montessori-Pädagogik protofaschistisch ist. Ergänzend zu seinem Beitrag empfiehlt sich daher die Lektüre der Dissertation von Hélène Leenders (Der Fall Montessori) über Nähe der Person und des Werkes Maria Montessoris zum italienischen Faschismus. Einen aktuellen Trend greift Lee Traynor auf, indem er die Evolutionsbiologie gegen den Kreationismus verteidigt. In verschiedenen westlichen Ländern schleicht sich derzeit die Ablehnung der Evolutionstheorie aus ultrachristlicher Sicht in die Lehrpläne ein. Traynor argumentiert naturwissenschaftlich gegen Schöpfungsmythen und den schlappen Gottesbeweis, weil alles so schön sei, müsse es vom großen Lenker gestaltet worden sein. Schwer vorstellbar, dass der Alibri Verlag mit der Herausgabe des Sammelbandes ein unmittelbar finanzielles Plus einfahren wird, denn wer zu Recht in alle Richtungen feuert, erntet als Reaktion meist debiles Schweigen. Es ist aber mittelbar eine gute Werbung für das religions- und esoterikverachtende Alibri Programm. Es wäre schön, wenn dies bald um eine eigenständige Publikation Proskes zur Montessoripädagogik erweitert würde.
 
 Forum demokratischer AtheistInnen (Hrsg.), Mission Klassenzimmer. Zum Einfluss von Religion und Esoterik auf Bildung und Erziehung, Alibri Verlag, Aschaffenburg 2005, 212 S., € 14,50.