Ausgabe #2 vom

Insel der Aufklärung

JAN HUISKENS

 Das von der Giessener Politikwissenschaftlerin Alexandra Kurth herausgegebene Buch Insel der Aufklärung. Israel im Kontext ist, so könnte man sagen, ganz der Israel-Solidarität verpflichtet. Es versammelt Aufsätze verschiedener Autoren, die allesamt den gängigen Stereotypen über den Judenstaat mit Kritik entgegen treten und zugleich zur Erhellung des Charakters der israelischen Gesellschaft beitragen. Die Form der Auseinandersetzung nimmt hier jedoch andere Züge an als beispielsweise in Karl Selents Band Ein Gläschen Yarden-Wein auf den israelischen Golan (erschienen im Ca Ira Verlag 2003). Trägt Selent seine Erkenntnisse mit bissiger Polemik vor, die zum Widerspruch reizt, scheint Insel der Aufklärung eher darauf bedacht zu sein, in wissenschaftliche Debatten einzugreifen oder unbefangenen Interessierten einen soliden Einblick in die komplexe Thematik zu vermitteln. Insofern eignet sich das Buch hervorragend für alle Einsteiger in die Thematik – viel Neues bietet es dagegen leider nicht. Die Herausgeberin wendet sich der zentralen Bedeutung des Militärs für Israel zu und kommt zu dem Schluss, dass die Israel Defence Forces neben ihrer eigentlichen Funktion der Landesverteidigung auch eine große Rolle für die gesellschaftliche Integration spielen. Zugleich richtet Kurth sich unter Verweis auf Moshe Zimmermann gegen den „Mythos“, das israelische Militär sei der beste Beweis für eine gesellschaftliche Gleichberechtigung der Frauen. Die Gleichberechtigung der Geschlechter sei zwar heute eine deutlich wahrzunehmende Tendenz, könne aber nicht für die gesamte Zeit der israelischen Existenz konstatiert werden; insbesondere auf dem Arbeitsmarkt würden Frauen auch heute noch deutlich benachteiligt.
 
 Steffen Hagemann referiert den Ablauf der Al-Aksa-Intifada, Samuel Salzborn behandelt das Problem einer fehlenden israelischen Verfassung aus staatstheoretischer Perspektive und Stefan R. Braun skizziert die Geschichte des Zionismus; die äußert interessante Darstellung der jüdischen Utopie einer „Rückkehr ins gelobte Land“, die mit dem Beginn der Diaspora einsetzt und bis zur Staatsgründung einen wesentlichen Teil der jüdischen Religiösität ausmachte, hätte sicherlich ausführlicher ausgebreitet werden können. Dafür rückt die Staatsgründung als Abwehrmaßnahme gegen den grassierenden Antisemitismus in den Vordergrund – und dies keineswegs zufällig, schließlich ist zweifelhaft, ob die eher abstrakte „Zionssehnsucht“ alleine tatsächlich ausgereicht hätte, um ein derartig waghalsiges und mühevolles Projekt wie die Gründung des jüdischen Staates in Gang zu setzen.
 
 Besonders interessant, weil die gesellschaftlichen Voraussetzungen des palästinensischen Antisemitismus thematisierend, ist Joachim Wursts Beitrag über „modernen Antisemitismus und Antizionismus“. Ausgehend von der Antisemitismuskonzeption der kritischen Theorie Adornos und Horkheimer stellt Wurst den Zusammenhang zwischen dem Aufkommen der durch die vollständige Durchsetzung der Wertform charakterisierten Moderne und der Judenfeindschaft dar, die er mit Moishe Postone als negative Codierung und Personifizierung der nichtbegriffenen umfassenden Vermittlung beschreibt. Zudem hebt Wurst hervor, dass eine strikte Trennung zwischen christlichem Antijudaismus und modernem Antisemitismus unzulässig sei, weil „das Vorurteil (...) sich historischen Materials“ bediene. Diese Erkenntnis wirft die im Buch eher unterbelichtete Frage - sieht man von Götz Nordbruchs empirischem Beitrag über „Verschwörungstheorien in der ägyptischen Öffentlichkeit“ ab - auf, warum in Bezug auf den islamischen Antisemitismus derlei Konsequenzen gewöhnlich nicht gezogen werden. Denn wie sich der moderne Antisemitismus im nachaufklärerischen Europa dennoch aus christlichen Quellen speist und die nichtbegriffene Gesellschaft teilweise in aus der Bibel entnommenen Bildern deutet, so basiert auch der islamische Antisemitismus auf der Vorstellungswelt des Koran – und dies in einem weitaus größeren Maße, weil der Prozess der Säkularisierung in der islamischen Welt längst nicht die Ausmaße erreicht hat wie im christlichen Europa. Doch dieser Frage wendet sich Wurst leider nicht zu, der Islam wird nicht explizit in die Analyse einbezogen. Damit lässt Wurst einigen Raum für Missverständnisse, die strikte Trennung zwischen angeblich nicht-antisemitischem Islam einerseits und „fundamentalistischem“ Islamismus andererseits betreffend. Dennoch bietet das Buch, einschließlich der Beiträge von Ilka Schröder und Rolf Schleyer, einen umfassenden Überblick über die Problematik des Antizionismus und die Verfasstheit der isra-elischen Gesellschaft. Würde dieses – laut Herausgeberin – als Beitrag zur „politischen Bildung“ gedachte Buch kostenlos an alle Studenten und Auszubildenden verteilt und diese würden das Buch auch noch lesen und verstehen – die Aufklärung befände sich wohl nicht länger auf einer einsamen und isolierten Insel.
 
 Kurth, Alexandra (Hrsg.), Insel der Aufklärung. Israel im Kontext, Schriften zur politischen Bildung, Kultur und Kommunikation, Band 3, Giessen 2005, 232 S., € 12.