Ausgabe #2 vom

Die Klinsmanndeutschen

Ein „amerikanisierter“ Bundestrainer und die Last der Vergangenheit

ALEX FEUERHERDT

 Fußball ist ohne Zweifel en vogue, angesagt, hip und sexy. Nicht nur, aber auch in Deutschland und vor allem, seit die Weltmeisterschaft immer näher rückt. Die Bundesliga schreibt Jahr für Jahr neue Rekordbesucherzahlen, die TV-Einschaltquoten erreichen Höchststände, und längst ist dieser Sport – mehr als alle anderen – zu einem wichtigen Marktsegment geworden; aus Vereinen wurden teilweise börsennotierte Unternehmen. Fußball ist eine sehr gut verkaufte und sich bestens verkaufende Ware, die sich einen immer größer werdenden Konsumentenkreis erschließt. Während das Interesse am Kicken noch bis weit in die 1990er Jahre hinein als eher anrüchig, degoutant und prollig galt, hat sich die Gesellschaftsfähigkeit des Fußballs inzwischen gründlich geändert – heute ist der Stadionbesuch eine echte Alternative zu Theater, Kino, Konzerten oder Musicals; auf den (teurer gewordenen) Plätzen der (mittlerweile deutlich komfortableren) Arenen versammeln sich längst nicht mehr nur als mindestens potenziell gewalttätig geltende Männer. Fußballer sind Popstars, deren Trikots vom geneigten Publikum nicht bloß im Stadion getragen werden; Fernsehsender balgen sich um die Übertragungsrechte und blasen, genau wie bunte Illustrierte mit Namen wie 11 FreundeRund oder Player, noch die unwichtigsten Abseitigkeiten zu weltbewegenden Ereignissen auf. Ganz normaler Kapitalismus also, könnte man achselzuckend feststellen und zur Tagesordnung übergehen. 
 
 Und doch ist es nicht uninteressant, sich diese Entwicklungen samt ihrer konkreten Ausprägungen einmal näher anzuschauen und sie auf ihre ideologischen Flankierungen abzuklopfen. Denn insbesondere vor großen Turnieren der deutschen Nationalmannschaft nimmt das Getöse rund um die angeblich bloß schönste Nebensache der Welt massiv zu. Und da die WM auch noch hierzulande ausgetragen wird, erhält sie erst recht den Rang einer nationalen Pflichtveranstaltung. Schließlich sind „wir“ nicht nur Papst, sondern auch Deutschland und wollen daher natürlich Weltmeister werden – cui honorem, honorem. Als des Deutschen liebstes Kind jedoch vor anderthalb Jahren bei der Europameisterschaft schon nach der Vorrunde sang- und klanglos die Segel streichen musste und sich schließlich auch noch der zärtlich „Tante Käthe“ gerufene Teamchef Rudi Völler vom Acker machte, brach die nackte Panik aus: Das kickende Personal präsentierte sich alles andere als welt-meisterlich, und über die eilends einberufene Trainerfindungskommission und ihre hektischen Versuche, einen geeigneten Übungsleiter für die Eliteauswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) aufzutun, wurden Kübel voll Hohn und Spott ausgegossen. Selbst die DFB-Führungsriege zerstritt sich und versuchte, ihre Krise durch die Installation einer „Doppelspitze“ zu meistern; seitdem präsidiert neben dem deutschnationalen Gerhard Mayer-Vorfelder auch der hemdsärmelige Rheinland-Pfälzer Theo Zwanziger. Zu allem Übel folgte noch der so genannte Wettskandal um den Schiedsrichter Robert Hoyzer. Sieger sehen anders aus.
 
 Ein „Revolutionär“ zur rechten Zeit
 
 Das konnte, nein, das durfte selbstverständlich nicht so bleiben, wenn das große Ziel, auch im Fußball wieder zu Weltgeltung zu kommen, nicht gefährdet werden sollte. Und so präsentierte der DFB, nachdem er sich wochenlang Absage um Absage eingehandelt hatte, schließlich einen neuen Bundestrainer: Jürgen Klinsmann. Der stand zwar in dem Ruf, eigentlich ein intellektuelles Weichei, ein Querkopf und national eher unzuverlässig zu sein – schließlich lebt er schon seit Jahren in den USA –, aber mit seinem Namen verband man auch Erinnerungen an die goldenen 1990er Jahre, in denen Deutschland erst „wiedervereinigt“, dann Welt- und schließlich auch Europameister geworden war. Doch nicht bloß, weil Klinsmann ungefähr zehnte Wahl war, schwante Fußballfans wie Medien Böses: Die „Amerikanisierung des deutschen Fußballs“ drohe, fand nicht nur die Welt. Ein Nationalcoach, der nicht wieder nach Deutschland ziehen, dazu noch Mental-, Fitness- und Ausdauertrainer mit aus „den Staaten“ bringen und überhaupt alles umkrempeln will – das ging eigentlich gar nicht. Ein „Visionär“ (Zeit), der alles rosa sieht und aus Scheiße Gold zu machen verspricht – da hatte einer offenbar schon die typisch amerikanische Oberflächlichkeit inhaliert, was ihn für den Posten des Retters des deutschen Fußballs zu disqualifizieren schien. Man hatte Zweifel an seiner Ernsthaftigkeit, beäugte misstrauisch den großen Stab an Spezialtrainern, Psychologen und Betreuern und legte die Stirn in Falten, als gestandene Nationalspieler plötzlich grotesk anmutende Übungen mit langen Gummibändern verrichten mussten. Selbst Klinsmanns Vorgänger Völler legte die Stirn in Falten: „Ich habe ihm gesagt, mach’ das so, wenn du davon überzeugt bist. Mit der Amerikanisierung und das alles.“ (dpa-Meldung)
 
 Doch die größten Zweifel schwanden recht bald und es mehrten sich stattdessen die Stimmen, die Klinsmanns sonnigen Optimismus und seine innovativen, radikal anmutenden Vorschläge begrüßten – in Deutschland werde schließlich viel zu viel gemeckert und viel zu selten einfach angepackt; da komme so ein „Revolutionär“ (Zeit) gerade recht: „Jürgen Klinsmann kommt aus Amerika, wo vieles auch nicht so gut läuft. Aber er hat gelernt, so zu tun, als sei alles gut, und das versucht er zu vermitteln“, fasste etwa Bayern-Manager Uli Hoeneß die Vorzüge des Neuen zusammen und empfahl dabei gleichzeitig eine Nutzbarmachung des antiamerikanischen Ressentiments für die eigenen Zwecke. Der „polyglotte Sonnyboy mit Wohnsitz Kalifornien“ (Welt) passte mit seinem flockig-forschen Auftreten also bestens zur neuen deutschen Unbeschwertheit und personifizierte geradezu idealtypisch einen Ausweg aus der vorgeblichen „gesellschaftlichen Erstarrung“ und dem behaupteten „Reformstau“: Er verhieß „Aufbruchstimmung“ (so der damalige Manager von Borussia Dortmund, Michael Meier), brachte „positive Energie“ (DFB-Präsident Zwanziger), und sein Appell an das Selbstvertrauen und den Glauben an die eigene Stärke kam nicht nur bei den Nationalspielern gut an. Das Projekt FC Deutschland 2006 machte Fortschritte. Klinsmann verordnete seinen Kickern „aggressiv-rote Trikots“ (Welt) und verlegte das WM-Domizil der deutschen Auswahl gegen den erklärten Willen der DFB-Führung weg vom beschaulichen Leverkusen hinein in die Hauptstadt: „Berlin ist in Deutschland die Stadt schlechthin, das ist eine Metropole, da ist Energie, das pulsiert. Die Quartierwahl soll unser Selbstbewusstsein ausstrahlen“, ließ der Chefcoach wissen.
 
 Nicht nur dafür erhielt er herzlichen Applaus von der Politik - „Alle sollten seine Entscheidungen respektieren und ihn bei seinen Vorbereitungen auf die WM mit allen Kräften weiterhin unterstützen“, befand beispielsweise Ex-Innenminister Otto Schily - und den Medien. „Das Land sammelt sich hinter dem Hoffnungsträger für 2006“, beschrieb die Welt im Dezember 2004 die neue Formierung und staunte: „Das Merkwürdige ist, dass der Bundestrainer, obwohl er die Fußballnation zahlreicher Gewohnheiten beraubt, immer mehr Anhänger gewinnt. Während Bundeskanzler Gerhard Schröder bei jeder Ankündigung einer Neuerung an Zustimmung in der Bevölkerung verliert, sind Klinsmanns Kritiker verstummt. Je energischer der Bundestrainer sein Projekt 2006 vorantreibt, desto geringer wird der Widerspruch.“ Doch nichts lässt den kranken Volkskörper schneller gesunden als die Aussicht auf eine goldene Zukunft Deutschlands: „Der wesentlichste Grund für die größere Akzeptanz der Reformen des Fußball-Kanzlers gegenüber seinem Pendant in der Politik ist allerdings die schnellere Wirkung der von Klinsmann verabreichten, manchmal bitteren Medizin. Während Schröders Hartz-IV-Gesetze ihre heilsamen Effekte erst auf lange Sicht entfalten werden, kann Klinsmann bereits auf Resultate verweisen. In vier Spielen unter seiner Regie fuhr er in imponierender Weise drei Siege ein, gegen Weltmeister Brasilien langte es zu einem respektablen Remis.“ 
 
 Von amerikanischen Parallelwelten...
 
 Dennoch ist das Vertrauen in den „hoch intelligenten Systematiker“ (Zeit) immer noch brüchig. Auf das Stimmungshoch in Fußball-Deutschland während des reichlich unbedeutenden Confederations Cup vergangenen Sommer, als die naiv-unbedarfte Boygroup „Schweini & Poldi“ ausgiebig als neue deutsche Hoffnungsträgerin gefeiert wurde - die beiden Spieler nähmen „der Nationalmannschaft etwas von ihrem staatstragenden Ernst“, freute sich zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung -, folgte nach mehreren dürftigen Ergebnissen gegen zweit- und drittklassige Gegner nämlich der Kater, und mit ihm kehrten die Attacken gegen den „schwäbischen Sturkopf“ (Zeit) zurück: „Der soll nicht ständig in Kalifornien ’rumtanzen und hier uns den Scheiß machen lassen. Er muss sich mit uns unterhalten und muss öfter hier sein, das ist alles“, keifte beispielsweise Uli Hoeneß. Die lächerlichen Diskussionen um den Wohnsitz des Auswahlcoaches ebbten nicht ab und sind immer wieder Gegenstand von Kommentaren, Leserbriefen und Meinungsumfragen. Auch die Zeit glaubte, Klinsmann in einer „amerikanischen Parallelwelt“ verorten zu müssen, und machte sich Sorgen: „Kopfschüttelnd blickten die Fans Klinsmann hinterher. Selbst wohlmeinende Kommentatoren fürchteten auf einmal ein gestörtes Verhältnis des Bundestrainers zu seinem Job. Seit mittlerweile 18 Monaten im Amt, gibt der Coach der deutschen Öffentlichkeit immer wieder Rätsel auf. Selbst enge Vertraute gestehen, den Freund nicht wirklich gut zu kennen.“
 
 Doch das bildungsbürgerliche Wochenblatt gibt Entwarnung: „Bei Klinsmann entscheidet der bessere Sprintwert und nicht der Kumpelfaktor. Das Zauberwort heißt Effizienz. Damit passt Jürgen Klinsmann in das neue Deutschland mit seiner Großen Koalition der Pragmatiker. Auch im Profifußball beginnt die Dämmerung der Ideologen, der schwitzigen Männerbünde und feucht-fröhlichen Mannschaftsabende. Volksnähe ist trotz aller Logen zwar noch gewünscht, die Fraternisierung mit der Basis wird (aber) als anachronistisch empfunden.“ Letztere grummelt darob durchaus vernehmlich und ist ihrem Führungspersonal gelegentlich gar gram, doch das ähnelt mehr dem Verhalten enttäuschter Liebhaber als es einen ernsthaften Einwand begründen würde. Zwar schlummern klassischer Deutschnationalismus und Pogrompotenzial nach wie vor in den Deutschen, aber sie werden seit dem rot-grünen Antifa-Sommer 2000 längst nicht mehr so häufig abgerufen wie noch zu Beginn der 1990er Jahre, übrigens auch nicht in den Fußballstadien. Inzwischen hat sich ein „nationaler Nie-wieder-Konsens“ etabliert (Tjark Kunstreich in konkret), der keinen Schlussstrich unter die Vergangenheit mehr fordert, sondern Nazis hässlich findet, die Debatte um den Nationalsozialismus beständig perpetuiert und die „Vergangenheitsbewältigung“ zum Exportschlager und Standortvorteil gemacht hat.
 
 ... und dem Ende der Bescheidenheit
 
 Das, was die Zeit als „große Koalition der Pragmatiker“ und „Dämmerung der Ideologen“ bezeichnet, übersetzt sich in eine neue deutsche Unbefangenheit von Volk und Führung: Man wähnt sich mit sich und der Geschichte im Reinen und geht daher längst daran, die Weltenübel unverhohlen beim Namen zu nennen: Die kriegsgeilen und kulturell minderwertigen Amis bekommen die Leviten gelesen, und auch von den frechen Juden lässt man sich schon lange nichts mehr vorhalten. Beiden posaunt man millionenfach ein entschlossenes und selbstbewusstes „Nie wieder Krieg!“ entgegen - und dazu ein „Nie wieder Faschismus!“, wenn im Kosovo hufeisenförmige Konzentrationslager entdeckt werden -, sieht in der Befreiung Bagdads die Reinkarnation des „alliierten Bombenterrors“, bringt Europa gegen den „amerikanischen Unilateralismus“ in Stellung, sieht in Bush und Sharon die Wiedergänger Adolf Hitlers, verurteilt pflichtschuldig zwar Antisemitismus, lässt Antisemiten aber gewähren und tarnt die eigenen antisemitischen Ressentiments als vorgeblich legitime „Israel-Kritik“, hat Verständnis für Selbstmordattentäter, begeistert sich für autochthone Völker, klagt deren „Selbstbestimmungsrecht“ ein und hält Kulturrelativismus für praktizierten Antirassismus. Kurz: Die Deutschen wachsen wieder über sich hinaus, finden zu sich selbst und applaudieren begeistert ihrem „Friedenskanzler“, wenn der ganz offensiv einen „deutschen Weg“ proklamiert.
 
 Das Ende der Bescheidenheit ist angesagt, und deshalb passt einer wie Klinsmann wie der sprichwörtliche Arsch auf den Eimer. Letztlich ist für ihn alles vor allem eine Frage des Willens, weniger der realistischen Möglichkeiten, denn die sind so beschränkt, dass eine maßvollere Zielvorgabe ratsam wäre – und das hört man hierzulande immer gerne. Zwar verdächtigt man ihn bisweilen immer noch, ein „Fremder“ zu sein und im Vergleich zu seinem Vorgänger Völler zu wenig street credibility zu haben. Die Zeit etwa behauptete allen Ernstes: „Als Vertreter einer neuen Rationalität ähnelt Klinsmann der Kanzlerin Angela Merkel, von der es heißt, dass sie vom Volk nicht wirklich geliebt werde, weil sie ihrerseits das Volk nicht wirklich liebe.“ Doch das ist falsch. Das Blatt korrigierte sich – gewiss eher unfreiwillig – gleich im darauf folgenden Absatz: „Als Jürgen Klinsmann kürzlich wieder einmal in Frankfurt einschwebte, wurde er von einem Mann angesprochen. ‚Herr Klinsmann’, sprach dieser energisch, ‚lassen Sie sich nicht von Ihrem Weg abbringen. Das Volk steht hinter Ihnen.’“ - das bekam bekanntlich auch schon Gerhard Schröder im Zuge der Demonstrationen gegen den Irak-Krieg zu hören. Und dann: „Was der Bundestrainer bei diesen Worten empfand, ist nicht überliefert. Zeugen der Begegnung wollen jedoch eine gewisse Genugtuung in seiner Miene beobachtet haben.“ 
 
 Kein Grund zur Panik also – auch wenn echten Deutschland-Fans das „Klinsi“ immer noch schwerer über die Lippen kommt als das „Ruuudi“ bei seinem Amtsvorgänger – und kein Anlass zu Fragen wie der, ob man „in Klinsmann wirklich den großen Reformator des deutschen Fußballs sehen“ soll oder doch nur „einen ehrgeizigen Anfänger, der Spieler und Öffentlichkeit mit Reizen überflutet und dessen ambitionierte Amerikanisierung mehr Schein als Sein darstellt“ (Welt), der uns also alle bloß arglistig täuscht und hinterher wieder über den großen Teich entschwindet. Sondern vielmehr Anreiz, des nationalen Übungsleiters „Lebensphilosophie des proaktiven Optimismus“ (wiederum die Welt) zu teilen und fest an eine Wiederholung des Rührstücks Das Wunder von Bern zu glauben. 
 
 Die revitalisierte Liebe der Linken zu ihrer Nationalmannschaft
 
 Wie sehr die Weltmeisterschaft in Deutschland und der avisierte Titelgewinn ein wahrhaft nationales Projekt ist, lässt sich übrigens gut daran erkennen, dass auch die Linken ihre Liebe zur Nationalmannschaft (wieder-)entdeckt haben und vermuten lassen, dass ihre Jahrzehnte lang demonstrativ gepflegte Abneigung gegen die schwarz-rot-goldene Auswahl und ihre Anhänger eine bloße Attitüde war, die aus einer unerfüllten Liebe infolge grausam anzusehender Länderspiele und sich übel benehmender Landsleute resultierte. In dem Maße, wie sie Europa gegen die USA und Israel in Stellung bringen und maßgeblich den postnazistischen „Nie-wieder-Konsens“ befördert haben, haben sie auch die DFB-Kicker und vor allem ihren Trainer längst ins Herz geschlossen. Denn Klinsmann bringt so ziemlich alles mit, was des Linken Herz begehrt: Er ist nicht so bräsig und peinlich wie etwa der von der verhassten Bild-Zeitung ursprünglich favorisierte Lothar Matthäus, sondern weigert sich, sein Privatleben in der Boulevardpresse auszubreiten; er kommt intellektuell rüber, spricht mehrere Sprachen und ist weltgewandt; er macht sich nicht mit dem grölenden Mob gemein, genießt aber trotzdem einen gewissen Kultstatus und hat als Bäcker sogar noch einen proletarischen Beruf erlernt. Selbst über die deutsche Geschichte macht Klinsmann sich Gedanken, und er weiß, was er beizeiten zu tun und zu sagen hat, wie etwa 1997, damals noch als Spieler, in der Gedenkstätte Yad Vashem - „Es kam das Gefühl von Verantwortung hoch, dass wir die Aufgabe haben, dabei mitzuhelfen, dass so etwas nie wieder passiert“ - oder als Mitglied im Beirat des Vereins Für die Zukunft lernen – Verein zur Erhaltung der Kinderbaracke Auschwitz-Birkenau e.V.: „Die Konfrontation mit der Geschichte habe ich als Spieler der Deutschen Nationalmannschaft bei Länderspielen in Polen wie auch in Israel erlebt. Beide Begegnungen waren und sind für unsere Völkerverständigung von unschätzbarem Wert.“ Kurz: Klinsmann steht für das „bessere“, das postnazistisch-geläuterte Deutschland.
 
 Und er bekommt den verdienten publizistischen Flankenschutz von links. 11 Freunde etwa – längst vom subkulturellen und durchaus kritischen Fanzine zum auflagenstarken Intellektuellen-kicker aus dem Hause Intro aufgestiegen und zum Zugpferd der neuen Vierfarb-Fußball-Illustrierten avanciert – stimmt nach anfänglichen Zweifeln - „Endgültig diskreditiert hat sich Klinsmann jedoch durch seine Ankündigung, 2006 sei im eigenen Land durchaus der Weltmeister-Titel drin“ - mittlerweile in die „Klinsmania“ ein. Und ihr prominenter Kolumnist Christoph Biermann – außerdem für diverse Tageszeitungen sowie als Buchautor tätig – bekannte in der Taz freimütig, dass seine „Schwierigkeit, Anhänger der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zu sein“, eher eine Jugendsünde war: „Zur ordentlichen Biografie eines jungen Bundesrepublikaners der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts gehörte es (...) mit Deutschland und seinen kickenden Protagonisten zu brechen. Dazu brauchte man sich nicht einmal zu fragen, ob man nach Auschwitz noch ‚Deutschland vor, noch ein Tor!’ rufen durfte, schließlich wurde im dunklen Zeitalter unter Jupp Derwall so schauderhaft Fußball gespielt, dass man sich leicht von Deutschland lossagen konnte.“ Doch Adorno ist sowieso schon lange tot und vergessen: „Im Laufe der Jahre entspannte sich meine Deutschlandphobie. Den Jubel über den WM-Sieg 1990 sah ich auch nicht als nationalistischen Ausbruch, sondern als Ausdruck einer neuen Feierkultur (!), auch gegen den EM-Sieg sechs Jahre später in England hatte ich nichts weiter einzuwenden.“ Und „seit Jürgen Klinsmann ordentlich durchgelüftet hat“, sind auch die letzten Bedenken gewichen: „Zwar ist um ihn mitunter arg viel Sound of Neoliberalismus“ – typisch amerikanisch eben –, „aber man kann ihn halt beim Wort nehmen und schauen, ob all die schwungvollen Vorgaben wirklich eingelöst werden oder nicht. Zuletzt hat die deutsche Mannschaft eher Spaß gemacht“, selbst wenn „deutsche Länderspiele Versammlungen der Allerblödesten“ seien, weil auf den Rängen „provinzielle Lethargie“ herrsche und der Deutschlandfan „bespaßt“, das heißt unterhalten werden wolle, was für einen wie Biermann offenbar besonders verwerflich ist, wenn es um Höheres und Wichtigeres geht – nämlich um Deutschland.
 
 Jenseits solcher Bekenntnisse sorgen sich besonders engagierte Fans derweil darum, dass sie vom nationalen Projekt Weltmeisterschaft ausgeschlossen bleiben könnten. Das Bündnis Aktiver Fußball-Fans (BAFF) etwa freut sich zwar darüber, „zu einem viel gefragten Ansprechpartner für die Medien und staatliche Institutionen“ geworden zu sein, beklagt aber eine schleichende Zerstörung des „Volkssports Fußball“ im Allgemeinen und einer „gewachsenen Fankultur“ im Besonderen durch „Kommerzialisierungswut“, „Repression“ und „Versitzplatzung“: „Der Fußball verliert so seine Vielfalt und entwickelt sich Schritt um Schritt zum reinen Medienspektakel.“ Schuld daran hätten die „Seelenverkäufer in den Chefetagen“, denen „das liebe Geld und der totale Kommerz zu Kopf gestiegen“ seien. Konsequenter Weise versinnbildlicht das BAFF auf einem zum Verkauf angebotenen T-Shirt daher auch diese Feinde des Fußballs, die das schöne Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ leider ad absurdum führen und das ganz große Volksfest sabotieren: Dominiert wird das Textil, dessen Aufmachung eine Verfremdung des offiziellen WM-Logos ist, durch einen behelmten Polizistenkopf und einen grimmig drein schauenden Anzugträger mit Zigarre, der der klassischen Darstellung des „Bonzen“ auf linken Plakaten nachempfunden ist, während der „echte“ Fan erfasst und hinter Gitter gesperrt wird.
 
 Das Ganze atmet durchweg den Geist typischer No Global-Proteste. Man klagt über den Verlust eines vermeintlichen Biotops und fühlt sich von kafka-esken Bürokraten ums Vergnügen betrogen, obwohl man doch so konstruktive Vorschläge für das große Ganze macht und einfach nur dazu gehören will. Dass auch der Fußball längst ein lohnendes Marktsegment ist und daher kapitalistischer Rationalität folgt – mithin nun ein mal einen Teil des falschen Ganzen darstellt –, kommt dem BAFF nicht in den Sinn. Der berechtigte Ärger über exorbitant teure Eintrittskarten, eine absurde Datenerhebung und die peinliche Ticketvergabepraxis übersetzt sich stattdessen in eine Ressentiment geladene Attacke gegen „die da oben“, die dem Volk absichtlich seinen Spaß verderben würden, das - nirgendwo verbriefte - „Recht auf Fußball“ nähmen und lieber unter sich sein wollten. Am Ende dürfte aber ausnahmsweise einmal Franz Beckenbauer Recht haben: „Entscheidend wird doch sein, wie das deutsche Team bei der WM abschneidet.“ Falls der – glücklicherweise ziemlich unwahrscheinliche – Fall eintreten sollte, dass dessen „Spielführer“ - so heißt der Mannschaftskapitän in Deutschland sicher nicht zufällig ganz offiziell - den Pokal in den Berliner Nachthimmel stemmen darf, wird man landauf, landab Klinsmann als neue Lichtgestalt feiern und dankbar sein wie dereinst für die Care-Pakete. Andernfalls jedoch wird man ihn mit Schimpf und Schande davonjagen und sich als Opfer eines amerikanischen Luftikus fühlen, den man niemals hätte gewähren lassen dürfen.