Ausgabe #2 vom

Die Dülmener Karnevalsprinzessin ist zurück

„Unsere“ Franka Potente berichtet aus dem Evil Empire

FABIAN KETTNER

 Die Sicht der Deutschen auf Hollywood ist von Bewunderung, Neid und Unterlegenheitsgefühlen geprägt. Wann immer einer der deutschen Schauspieler es dorthin schafft, zeigt man es stolz vor: Wir können mithalten, wir können es der Welt zeigen. Auch kleinste Rollen und sonstige Beiträge zu US-Filmproduktionen werden hochgejubelt, aber ebenso wird bei deutschen Filmen, wann immer einer erfolgreich ist, wird bei jeder Verleihung eines größeren deutschen Filmpreises beschworen, dass man die Konkurrenz der USA nicht zu fürchten habe. Ein Indiz heftigen Realitätsverlustes, angesichts der Umsatzzahlen, aber das eigenwillige Verhältnis zur Realität ist es eben, was das antiamerikanische Ressentiment ausmacht. Geht man von Babelsberg nach Hollywood, schwingen immer auch leichte Verratsvorwürfe mit. Als Franka Potente nach Hollywood ging, musste sie sich vom Focus (03.12.2000) anblaffen lassen, ob ihr Deutschland „nicht groß genug“ sei. Drüben spielte sie in drei größeren Filmen mit (Blow (2001), The Bourne Identity (2001), The Bourne Supremacy (2004)), nun aber ist sie wieder hier.
 
 Das Kind, dem seine Heimat nicht genügte, kehrt zurück. Und auch wenn sie damit die Hiergebliebenen in ihrer Meinung bestätigt, dass es in der Heimat am schönsten sei; und auch wenn sie über die Zeit in Hollywood ein Buch herausbrachte, in welchem sie den Deutschen das über die USA erzählt, was diese immer schon wussten, aber immer wieder bestätigt haben möchten; also auch wenn „das Mädchen aus Dülmen“ „alles richtig gemacht hat“, wie die Berliner Morgenpost (02.01.2005) weiß, nämlich „sich vom Hollywood-Glamour nicht beeindrucken zu lassen“, auch dann wird noch Tadel ausgeteilt. Denn dass einer ausbrach, wie halbherzig auch immer und so reumütig er auch zurückkehrt, das verzeiht man so leicht nicht. Denn wer „zu uns” gehören, wer aufgenommen, vor allem wieder aufgenommen werden möchte, der muss sich was gefallen, der muss sich Male zufügen lassen, damit er weiß, wohin er gehört, damit er es nie vergisst. Potente war, so weiß Die Welt (08.10.2005), „ein Kind von Elvis und Coca Cola, das sich seine kulturelle Identität importierte“ – anstatt die heimische nationale anzunehmen – „und so spukte auch in ihren Träumen die Stadt der Engel als Gipfel, den es zu erklimmen gelte.“ Die Kinder haben fremdmanipulierte Flausen im Kopf. Sie wollen nicht auf uns hören – das haben sie davon. „Doch Los Angeles, einst eine Sonne, um die viele Möchtegern-Gestirne kreisten, ist erkaltet. Der Glamour hat sich verzogen. Zurück blieben jene, die unverdrossen ihrer minimalen Chance auf Ruhm hinterher jagen, deren Preis jedoch Entwurzelung, Selbstkasteiung und Erniedrigung ist“. (ebenda) Das weiß Potente inzwischen auch. Sie, die über sich selbst sagt, „Ich war eine Landpomeranze!“ (tv 14, 21/2005), hat sich auch nicht weiterentwickelt – kann man dem Bild glauben, das die deutsche Presse begeistert von ihr entwirft: „ungeschminkt, ohne Schuhe, in Jeans und Wollpulli“, „ungekünstelt“, „ohne sich zu verbiegen“, „trotzig und traurig“, „selbstbewusst und ein bißchen ruppig, aber geradlinig“ (ebenda) und natürlich „bodenständig“ (Berliner Morgenpost). So konnte das in Hollywood nichts werden, frohlockt man und freut sich, wie sie dort manchem den Kopf wusch: „Als sie für die Dreharbeiten zu ‚Die Bourne Identität’ ein paar Kilo abnehmen sollte, sagte sie den inzwischen schon fast legendären Satz: ‚Wenn der Matt Damon sich mal in eine Frau mit meinem Hintern verlieben dürfte, ich glaube, die ganze Welt wäre euch dankbar dafür!’ Dieses Geschenk wollte Hollywood der Welt dann aber doch nicht machen – Franka nahm ab, und ihre Freundin Alice Schwarzer klagte: ‚Dabei ist Frankas Hintern mit das Erotischste an ihr.’“ Diese Geschichte kolportiert gerade die Zeitschrift, die seit Jahrzehnten mit Werbung und redaktionellen Beiträgen (wenn man das hier noch trennen kann) Mädchen und Frauen unglücklich macht, indem es sie nach einem Körperideal streben lässt, welches sie dann anprangert, wenn es in den USA dingfest gemacht werden kann: die gute alte Brigitte (22/2004).
 
 Nun ist Potente also wieder hier und gleich in die ideelle Mitte des neuen Deutschland gezogen, in die Neue Mitte, für die sie und ihresgleichen Identifikationsfiguren sein mögen. „Längst könnte sich die 30jährige von ihren Gagen eine Villa in Potsdam leisten. Aber Luxus bedeutet ihr nicht viel. Also ist sie mit ihrem Hund Pelle lieber in eine schöne Altbau-WG in Kreuzberg gezogen.“ (Berliner Morgenpost) Das Haus in der seltsam ortlosen Vorstadt der Vor-/Abendserien, in denen laut Georg Seeßlen das deutsche Kleinbürgertum sich selbst erblickte, ist inzwischen vom Ideal der coolen „lichtdurchfluteten Altbauwohnung in Berlin-Kreuzberg“ (tv 14) mit Echtholzdielen abgelöst worden. Die Hölle der Einfachheit, die ihren Wohlstand zeigen will, hat ihren Nachfolger in der Hölle eines ästhetisch geläuterten Wohlstands, der von sich ein Bild entwirft, als sei er einfach und bescheiden, der aber durchblicken lässt, dass er nicht billig ist und sich mehr leisten könnte. Die Biederkeit, die genau die ist, die man von Potentes deutschen Filmen wie Nach Fünf im Urwald oder Die drei Mädels von der Tankstelle zur Genüge kennt, ist freilich geblieben.
 
 In einem Verlag, der auf Besinnliches spezialisiert ist, haben sie und ihr guter Freund und Schauspielerkollege Max Urlacher einen Briefwechsel aus der Zeit von August 2002 bis Juli 2003 veröffentlicht. Das Zitat von Alexander von Humboldt, das sie vorangestellt haben – „Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, die die Welt nie angeschaut haben“ – trifft auf sie selbst zu und auf ihre Generation der Globetrotter, die das Besichtigen von Ländern mit dem Sammeln von Erfahrungen verwechseln. Potente hat die USA nicht angeschaut. Anders als der Amerikamüde aus Ferdinand Kürnbergers gleichnamigem Roman von 1855, einem Stammbuch des deutschen Antiamerikanismus, hatte Potente vorher kein positives USA-Bild, welches erst noch desillusioniert werden musste. Von Anfang bis Ende „fühlt sich alles fremd und fern von mir an“ (S. 26). Ständig herrscht Apathie und Depression, manchmal „heult“ sie, meistens „weint“ sie aber nur. Dies wird verstärkt durch Minderwertigkeitskomplexe in Sachen Attraktivität. Unablässig sieht sie „unnatürlich pralle Brüste“ (S. 26) um sich, in einem Gesicht „eine Reihe wahnsinnig weißer Zähne“ (S. 49), bei denen sie nicht mithalten kann. „Plötzlich fühlte ich mich kantig und unzumutbar, fast wie ein zu düsteres Fotoschnippselchen, das versehentlich in eine helle, bunte, Fotokollage hineingeklebt wurde und so gar nicht passt“ (S. 27). Ihr Unterlegenheitsgefühl transformiert sie in überlegene Urteile über Schönheitsterror und Oberflächlichkeit. Weil sie Frauenkleidung nur in den Größen 34-38 findet, sieht sich unter einer „Größendiktatur“ (S. 124). Wäre sie eine deutsche Linke, könnte sie ihr persönliches Ressentiment zum politischen Urteil fortbilden, würde sie wohl „täglichen Faschismus“ (vgl. Diner, S. 139f.) ausmachen. „Die Gesprächsthemen (sind) so uninteressant“ (S. 25). Sie trifft zwar „coole Leute mit seltsamen Namen, szenigen Outfits“, aber sie haben so „wenig zu sagen“ (S. 168). Und dabei würde sie so gerne reden, beispielsweise über den Golf-Krieg, den einer ihrer amerikanischen Liebhaber nicht schlecht finden mag. „Ich wünschte mich plötzlich sehnlichst nach Deutschland, nach Hause, hatte ein großes Bedürfnis zu reden, über den Krieg, über Amerika, über den Sinn des Lebens, über alles.“ (S. 148) Schließlich erkennt sie, „dass ich eine europäische Querulantin war“ (S. 168). An der politischen Frontlinie, da findet sie sich selbst, und wie ihre Landsleute, die in Bagdad ein zweites Dresden sahen, so neigt auch sie zu bezeichnenden Identifizierungen: „Dieser Tage wird zwischen Afghanistan und Irak, Saddam Hussein oder Osama Bin Laden, so scheint es, wenig Unterschied gemacht. So wie man mich schon als ‚Blanka aus Russland’ oder einfach nur ‚Famke from Europe’ vorgestellt hat“ (S. 58). 
 
 Es ist alles eine Front: unter dem ignoranten US-amerikanischen Flächenbombardement werden wir alle gleich. So leidet man unter der Oberflächlichkeit der Amerikaner, so stellt man sich mit anderen Opfern in eine Reihe. Die Assoziationen sind wahrscheinlich nicht zufällig. In einem Friseursalon fragt Potente unwissend etwas Peinliches, und „wie in Zeitlupe drehten sich alle Köpfe zu mir. So als hätte ich ‚Heil Hitler!’ oder ähnlichen Schwachsinn gebrüllt, brüllten mich etwa zwanzig Kunden kollektiv entgeistert an“ (S. 94). Immer bekommt man die Vergangenheit vorgehalten! In der Fremde, da findet man sich selbst. In den USA erfährt man, wer man ist, zum Beispiel wenn die Mutter auf Besuch bemängelt, dass dort nicht die typisch deutsche Tugend der Mülltrennung praktiziert wird (S. 117). Man muss nur „in die Ferne ziehen, damit einem die alten Lieder wieder einfallen“ (S. 90), freut sich Potente. Ihre deutschstämmige Bekannte Tanja „ist meine deutsche Oase hier.“ „Wann immer wir uns sahen, redeten wir ohne Punkt und Komma deutsch, zogen unfair über die Amerikaner her und lachten viel“ (S. 105). Den Humor ihrer Komödien hat sie nicht verlernt. Welcome Home.
 
 Franka Potente & Max Urlacher: Los Angeles – Berlin. Ein Jahr. Mit Fotografien von Franka Potente. Herder, Freiburg – Basel – Wien 2005, 191 Seiten, € 19,90.
 
 
 Literatur:
 
 Diner, Dan, Feindbild Amerika. Über die Beständigkeit eines Ressentiments, München 2002.
 
 Seeßlen, Georg, Der Tag, als Mutter Beimer starb. Glück und Elend der deutschen Fernsehfamilie, Berlin 2001.