Ausgabe #2 vom

Die „Cicero-Affäre“

Ein Präventivschlag an der deutschen Heimatfront

WALTER FELIX

Eine Woche vor der Bundestagswahl ließ die Staatsanwaltschaft Potsdam die Redaktionsräume der Zeitschrift Cicero sowie die Privatwohnung eines ihrer Mitarbeiter, Bruno Schirra, polizeilich durchsuchen. Anlass der Durchsuchung waren Ermittlungen wegen Beihilfe zum Geheimnisverrat - Schirra hatte in der April-Ausgabe des Blattes unter dem Titel „Der gefährlichste Mann der Welt” [1] aus vertraulichen Dossiers des Bundeskriminalamtes über den im Irak aktiven jordanischen Jiha-disten Mussab al-Zarqawi zitiert. Dabei hatte er auch angebliche Handynummern al-Zarqawis abgedruckt, was ihm umgehend die erwähnte Strafanzeige einbrachte. Auch wenn man davon ausgeht, dass die Veröffentlichung dieser Telefonnummern die Ermittlungen gegen islamische Terrorgruppen tatsächlich erschwert, zeigte sich rasch, dass dieser journalistische Kunstfehler nicht mehr als ein eher nebensächlicher Vorwand war, um einen unliebsamen Journalisten mundtot zu machen. Mittels der Durchsuchung sollte der Informant aus den Kreisen des BKA identifiziert werden – vergeblich. Dafür beschlagnahmten die Beamten das gesamte Archiv des Journalisten mit Materialien zu verschiedenen Themen, auch zu solchen, die mit dem islamischen Terror überhaupt nichts zu tun haben. „Ich kann nicht mehr arbeiten“, beschreibt Schirra seine Situation nach dem Verlust seines Archivs.
  
Ein Finger in der klaffenden Wunde
  
 Der Spiegel machte den Vorfall publik und taufte den Fall in einer Reminiszenz an glorreiche Zeiten des Enthüllungsjournalismus unter Augstein auf den geheimnisvoll klingenden Namen „Cicero-Affäre”. Die übrigen Medien und einige Politiker reagierten, wenn auch verhalten, mit einer jener deutschen Debatten, deren genauer Gegenstand sich niemals fixieren lässt, weil nicht eine Verständigung über Tatsachen, sondern die Produktion von Gesinnung das Ziel ist. Um den Inhalt des inkriminierten Artikels ging es nicht im Entferntesten. Daher sei an dieser Stelle die zentrale Passage noch einmal wiedergegeben (Hervorhebung W.F.): „Wie sehr Zarqawi aus dem Schatten bin Ladens getreten ist, belegen umfangreiche Akten und Dossiers westlicher wie nahöstlicher Geheimdienste ebenso wie Informationen und Dokumente deutscher Sicherheitsbehörden. Sie dokumentieren nicht nur den Werdegang des Kopfjägers Zarqawi, sie zeigen vielmehr, dass seine Karriere im Namen Allahs nur stattfinden konnte, weil Gottes Killer über Jahre hinweg logistische Unterstützung, Geld und Waffen von staatlichen Organisationen verschiedener nahöstlicher Staaten erhalten hat. Ganz oben auf der Liste der Förderer Zarqawis: die Islamische Republik Iran und die Hardliner aus dem Umfeld der Al-Quds-Brigaden der Revolutionären Garden - der Pasdaran. Ausgerechnet das Bundeskriminalamt (BKA) attestiert dem Iran, dass er Zarqawi ‚logistische Unterstützung von staatlicher Seite’ zukommen ließ. Der Iran, so die Akten des BKA, sei ‚eine wichtige logistische Basis’ gewesen.“
  
 Der Artikel blieb nicht der einzige, in dem Schirra auf die gerne geleugnete Verbindung von Al Qaeda zum Iran hinwies. Doch die strafrechtliche Verfolgung Schirras führte nicht zu dessen Schweigen, im Gegenteil: Die Kriminalisierung seiner Enthüllungen veranlasste ihn, nachzulegen. In einem Artikel, der direkt auf die Durchsuchungsaktion folgte, legte Schirra den Finger in die klaffende Wunde. Unter dem mehr als deutlichen Titel „Wie gefährlich ist Iran?” [2] führte er in der Novemberausgabe der Cicero aus: „Tatsächlich bietet der Geheimdienst der Revolutionären Garden der Führungsspitze von Al Qaida seit Jahren sicheren Unterschlupf, logistische Unterstützung, militärisches Training sowie Ausrüstung. ‚Die Tatsache, dass sunnitische Dschihadisten und Schiiten einander hassen, ist für beide kein Grund, nicht zu kooperieren. Sie haben einen gemeinsamen Feind’, wissen westliche Geheimdienste.“ Schirra selbst habe „eine Liste der Killer Gottes, die in Iran einen sicheren Hort gefunden haben, einsehen“ können. „Die Liste liest sich wie das Who´s Who des globalen Dschihads. Knapp 25 hochrangige Führungskader von Al Qaida: Planer, Organisatoren und Ideologen des Dschihads aus Ägypten, Usbekistan, Saudi-Arabien, Nordafrika sowie aus Europa. Ganz oben in der Al-Qaida-Hierarchie: drei der Söhne von Osama bin Laden, Saeed, Mohammad und Othman. Al-Qaida-Sprecher Abu Ghaib genießt ebenso iranischen Schutz wie Abu Dagana al Alemani (genannt: der Deutsche), der aus Iran heraus die Zusammenarbeit der unterschiedlichen dschihadistischen Netzwerke in aller Welt koordiniert. Sie leben in sicheren Häusern der Revolutionären Garden in und um Teheran. ‚Das ist keine Haft oder Hausarrest’, so die Schlussfolgerung eines hochrangigen Geheimdienstmitarbeiters. ‚Die können schalten und walten, wie sie wollen.’“
  
Al-Zarqawis Strategie
  
 Auf den ersten Blick klingt das alles recht unglaubwürdig. Warum sollte die schiitische Islamische Republik Iran (im Folgenden IRI) den Schiitenhasser al-Zarqawi protegieren und finanzieren? Daran, dass al-Zarqawi die Schiiten hasst, kann schließlich nicht der geringste Zweifel bestehen. Man denke nur an die wiederholten Selbstmordanschläge auf schiitisch-religiöse Feiern im Irak. „Hinsichtlich der Anschläge auf Schiiten erklärte al-Zarqawi auf einem im Juli 2005 veröffentlichten Tonband den Djihad gegen sie zu einer muslimischen Pflicht, weil sie Abtrünnige seien und ein Bündnis mit den Kreuzfahrern gegen die Djihad-Kämpfer geschlossen hätten.” [3]
  
 Außerdem ist zunächst nicht einzusehen, warum der Iran ausgerechnet den Terror gegen den neuen Irak finanzieren sollte, wo doch die demokratischen Wahlen qua Bevölkerungsmehrheit und ethnisch-religiösen Zugehörigkeitsgefühls die Schiiten in Bagdad ohnehin an die Macht befördert haben. Ein demokratisierter, befriedeter Irak, der von religiösen Parteien regiert wird und in seine Verfassung Elemente der Scharia übernimmt, müsste ein geradezu idealer Verbündeter des Iran sein - könnte man meinen und viele europäische „Nahostexperten” argumentieren auch so, unter anderem einige Kommentatoren, die damit Schirra der Unglaubwürdigkeit überführen wollen. Sie übersehen, dass al-Zarqawi in erster Linie gegen den Frieden im Irak kämpft. Nur der permanente Ausnahmezustand füttert die individuelle Panik und bietet den idealen Nährboden für den islamischen Volkskrieg gegen den Westen, der al-Zarqawi vorschwebt. Sein Terror richtet sich deshalb zunächst gegen alle Kräfte, die an Stabilität interessiert sind und das Land wieder aufbauen möchten. Gegen die US-Army, gegen die irakische Polizei und – unabhängig davon, ob diese nicht ihrerseits den Jihad planen - gegen Schiiten. Den Bürgerkrieg anzustacheln, Schiiten in den Krieg gegen Sunniten zu treiben und umgekehrt, das ist al-Zarqawis Strategie. Dies ist auch die Bestrebung derjenigen iranischen Gruppierungen, die hierzulande gerne als „Konservative“ verharmlost werden und die in der gegenwärtigen faschistischen Konterrevolution im Iran alle Machtpositionen an sich gerissen haben. Es handelt sich hierbei, neben dem Revolutionsführer Khamenei, vor allem um die bereits erwähnten Revolutionären Garden, aus deren Reihen auch der neue Präsident Ahmadinejad stammt. Die Unterstützung al-Zarqawis zeigt, von welchem Charakter die gegenwärtigen Machthaber im Iran sind. Es handelt sich um religiöse Apokalyptiker, deren Ziel die Errichtung einer weltweiten islamischen Theokratie ist, deren Krieg daher prinzipiell keine Grenze und kein Ende kennt. Der Jihad gegen „Abtrünnige”, „Kreuzfahrer” und Juden ist deshalb nicht nur Kriegsstrategie, sondern zugleich immer schon der Zweck.
  
Der Krieg des Iran
  
 Nebenbei erfüllt al-Zarqawi für die IRI aber zwei taktische Zwecke, die nicht übersehen werden dürfen. Zum einen nach außen: Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler [4] meint, heutzutage zwei verschiedene Typen der Kriegsführung unterscheiden zu können, nämlich den konventionellen Staatenkrieg und den Krieg nicht staatlicher terroristischer Gruppierungen. Woran Münkler nicht denkt, ist, dass beide Typen sich kombinieren lassen. Und was die IRI offensichtlich zielstrebig betreibt, ist genau die Kombination dieser beiden Formen des Krieges. Denn der islamische Terror lässt sich sehr wohl auch durch einen Staat benutzen, um Krieg gegen andere Staaten zu führen. Iran tut dies bereits, und es handelt sich dabei um einen veritablen Weltkrieg. Ein rundes Dutzend Staaten ist davon betroffen. Außer Israel gehören der Irak, die USA und ihre Verbündeten sowie Jordanien dazu: Al-Zarqawis Organisation hat sich zu den Anschlägen auf Hotels in Amman am 9.11.05 bekannt. Auch die Anschläge in Madrid gehen auf ihr Konto. [5] Allein die Existenz von Al-Qaeda und erst recht deren Verflechtung mit dem iranischen Staatsapparat ist eine vehemente Drohung gegen jeden Staat, der versucht, es nicht bei verbalen Protesten gegen das Atomprogramm zu belassen. Ahmadinejad hat das explizit ausgesprochen, als er behauptete, es gebe zehntausende Jihad-Kämpfer in Europa und auch in den USA, die nur auf einen Einsatzbefehl aus Teheran warteten. Zum anderen gibt es die Abschreckung nach innen: die Aussicht auf eine erfolgreiche Befriedung und Demokratisierung des Irak muss den Machthabern im Iran schlaflose Nächte bereiten. Eine solche würde der Welt, und insbesondere auch der großen Mehrheit der Iraner demonstrieren, dass der Versuch einer Veränderung der Verhältnisse zum Besseren auch im Nahen Osten nicht von vornherein ausgeschlossen ist und nicht unbedingt zum Schlimmeren führen muss. Die Iraner wären ermutigt, ihre Regierung müsste um ihre Existenz bangen und Europa wäre um einen gebetsmühlenhaft vorgetragenen Glaubenssatz ärmer. Andererseits führt der islamische Terror im Irak den Iranern vor, mit welcher Art konterrevolutionärer Gewalt sie zu rechnen hätten, sollten sie ernsthaft einen Sturz der IRI versuchen. Mit anderen Worten: die islamischen Faschisten versuchen, mit Hilfe des Terrorismus jede Hoffnung auf einen halbwegs friedlichen Regime Change zunichte zu machen. Wenn es den USA und ihren Verbündeten mit mehreren hunderttausend schwer bewaffneten und hochprofessionellen Soldaten nicht gelingt, den islamischen Furor einzudämmen, wie soll es dann einer iranischen demokratischen und antiislamischen Revolution gelingen?
  
 Unter all den Vorwänden und Ausflüchten, die hierzulande vorgebracht werden, um jeder halbwegs vernünftigen Diskussion über den War on Terror aus dem Wege zu gehen, ist der am häufigsten verwendete der folgende Gedanke: Es sei, so hört und liest man allenthalben, unmöglich, gegen den islamischen Terror effektiv vorzugehen, da dieser Ausdruck einer wenn auch nicht unbedingt begrüßenswerten, so aber doch unabänderlichen islamischen oder arabischen Mentalität sei. Jeder Versuch einer Gegenwehr, die über bloßen Objektschutz hinausgeht, führe, da zwangsläufig mit einer „Demütigung“ der Moslems verbunden, naturnotwendig nur zu noch mehr Terror. Was unter den Tisch fällt, ist nicht nur, dass Menschen sich auch immer anders entscheiden können, also beispielsweise die oben geschilderte Reaktionsweise durchbrechen und sich zum Widerstand gegen die islamfaschistischen Staaten und Rackets entschließen könnten. Es gerät auch aus dem Blick, dass der Jihad ein Ausdruck des Bürgerkrieges innerhalb der islamischen Welt ist. Die Urheber und Nutznießer des Jihad verschwinden in dieser Wahrnehmung, und damit auch die Aussicht, eben diesen Kräften vielleicht erfolgreich entgegentreten zu können. Je mehr europäische Meisterdenker und Stammtischstrategen den islamischen Jihad zu einer Naturtatsache verklären, desto ungehinderter können sich dessen Apologeten daran machen, ihn als eben eine solche Naturgewalt erscheinen zu lassen und das europäische Credo auf diese Weise in die Realität umzusetzen.
  
Ein Warnschuss an ausländische Geheimdienste?
  
 Wie weit dieser Realitätsverlust in Deutschland fortgeschritten ist, kann an den Reaktionen der deutschen Politik und Presse auf die „Cicero-Affäre“ abgelesen werden. Das Gesamtbild dieser Reaktionen straft die Vorstellung Lügen, es sei nur ein Mangel an Informationen, der die Menschen an einer klaren Positionierung hindere. Im Gegenteil: obwohl eine polizeiliche Hausdurchsuchung die größte denkbare Publicity-Steigerung ist, die einem Journalisten widerfahren kann, obwohl ein Mausklick genügt hätte, sich den Artikel zu beschaffen und weitere zehn Minuten, ihn zu lesen, war die einzige Zeitung, die den Inhalt, wenn auch in verschwörungstheoretischer Manier, zur Kenntnis nahm, ausgerechnet die junge Welt. Knut Mellenthin resümierte [6]: „Bruno Schirras Tätigkeit steht schon seit Jahren unter eindeutigen politischen Vorzeichen. Im Juni 2002 beispielsweise veröffentlichte er in der Zeit einen Artikel ‚Arafat bombt, Europa zahlt’, in dem er sich zum Sprecher der israelischen Forderung machte, die EU-Finanzhilfe für die palästinensische Regierung zu stoppen. Zur Erinnerung: Israel hatte die Stimmung nach dem 11. September 2001 genutzt, um massiv gegen die palästinensischen Behörden vorzugehen. Im Frühjahr 2002 drangen Panzer bis in den Amtssitz von Präsident Yassir Arafat vor und setzten ihn dort praktisch gefangen. Bei diesen Vorstößen fielen den israelischen Streitkräften angeblich große Mengen geheimer Dokumente in die Hände, die beweisen sollten, daß Arafat der eigentlich Schuldige für zahlreiche Selbstmordanschläge sei. Aus solchem Material speiste sich Schirras Zeit-Artikel.” Damit war der Fall für die junge Welt geklärt: Schirra sei ein vom Mossad zum Zwecke der Desinformation bezahlter Agent. Dementsprechend sei auch das Handeln der deutschen Behörden zu interpretieren: „So gesehen mag die überdimensionierte Polizeiaktion gegen Schirra primär ein Warnschuß an ausländische Geheimdienste gewesen sein, sich an bestimmte Spielregeln zu halten.“
  
 Die einzige große deutsche Zeitschrift, die Schirra wenigstens gegen die juristischen Attacken in Schutz nahm und das in mehr als nur einem Kommentar, war der Spiegel, wenngleich das Magazin der Mehrwisser sich in einer déformation professionelle ausschließlich den Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen investigativer Journalisten widmete. Die übrigen deutschsprachigen Medien weigerten sich, Schirra zu unterstützen. Das Bürgerblatt Zeit etwa, dessen Autoren sich ansonsten eher selten zum Hilfsstaatsanwalt aufblähen, forderte schärfere juristische Maßnahmen gegen ihren ehemaligen Autor Schirra. Robert Leicht schlug auf Zeit online (17.10.05) vor, Schirra nicht wegen Beihilfe zum Verrat von Dienstgeheimnissen anzuklagen, sondern wegen des schwereren Deliktes des Verrates von Staatsgeheimnissen. Staatsgeheimnisse dürften zwar in besonders schwerwiegenden Fällen auch von ansonsten unbefugter Seite durchaus veröffentlicht werden, aber ein solch schwerwiegender Fall liege nicht vor: „Es wurde kein Skandal offen gelegt.“ Kein Skandal? Die iranische Regierung finanziert eine Terrorgruppe, die unter anderem in Madrid 200 Menschen ermordet hat, und die europä-ischen Regierungen haben in dieser Sache bis heute nicht den leisesten Protest erhoben; der iranische Präsident droht Israel mit der Vernichtung und das Regime ist entschlossen, sich Atomwaffen zu beschaffen, mit dem Ziel, diese Drohung wahr zu machen - und das BKA befindet es nicht für notwendig, der Öffentlichkeit mitzuteilen, wie eng nach seinen Erkenntnissen eben dieses Regime mit der Terrororganisation Al-Qaeda verflochten ist?
  
Kumpanei mit dem militanten Islam
  
 Dass diese diskrete Kumpanei mit dem militanten Islam offensichtlich zur handlungsleitenden Devise deutscher Politik geworden ist und dass gerade hierin die Ursache für die „Cicero-Affäre“ liegt, konnte man einem Interview entnehmen, das Schirra dem Deutschlandradio gab. Frage: „Warum vertrauen sich Beamte mit geheimen Informationen ihm überhaupt an, wissentlich, dass sie damit ihren Amtseid brechen?“ Antwort Bruno Schirra: „Das sind Leute, die unter einer mörderischen Anstrengung teilweise eine hochgefährliche Arbeit machen. Sie fühlen sich von den politischen Entscheidern gnadenlos vorgeführt, haben Null Unterstützung. Das ist das subjektive Erfahrungsfeld, in dem diese Leute arbeiten und irgendwann ist die Frustration so groß, dass sie sich dem einen oder anderen Journalisten anvertrauen und sich ausweinen und irgendwann geben sie halt Informationen wieder.“ [7] Keineswegs ist es nämlich so, dass die von Schirra recherchierten Zusammenhänge wohlbekannt wären und in den deutschsprachigen Medien ausführlich diskutiert würden. Nicht obwohl, sondern gerade weil Ahmadinejad mehrfach Israel mit der atomaren Vernichtung gedroht hat, weil die Verhandlungen um das iranische Atomprogramm in einer Sack-gasse angelangt sind, weil es überdeutlich wird, dass die Politik des iranischen Regimes eine militärische Konfrontation offensiv herbeiführt, gerade deshalb möchte man in Europa am liebsten nicht so genau wissen, was von dem Regime in Teheran im Zweifelsfall alles zu erwarten ist: es könnte einen um den Schlaf des Gerechten bringen. Schließlich bereitet man sich in Deutschland momentan unabsehbar auf die nächste Friedensoffensive vor, und dabei könnten unangenehme Fakten hinderlich sein.
  
 Wer den Grund für die Gleichgültigkeit oder Gehässigkeit, mit der die meisten deutschsprachigen Medien auf die „Cicero-Affäre“ reagierten, verstehen möchte, muss Schirras Texte lesen. Schirra ist nämlich kein Fernfuchtler, sondern kennt die Verhältnisse im Nahen Osten aus eigener Anschauung, allerdings ohne dabei zum Schönredner des islamischen Faschismus zu werden. Er hat nicht nur eine ganze Reihe von Informanten in diversen Geheimdiensten und Polizeibehörden, sondern reist auch in arabische Staaten und den Iran, um sich mit Mitgliedern von Terrororganisationen zu unterhalten. Er interviewte einen Anführer der Al-Aqsa-Brigaden und einen palästinensischen Lehrer, der seinen Schülern lehrt, niemals vom Hass gegen die Juden abzulassen. Die hierzulande beliebten Friedensphrasen, die deutsche Journalisten gerne ihren Interviewpartnern soufflieren, sucht man in Schirras Reportagen vergeblich. Schirra präsentiert seinen Lesern die Ansichten der Jihadisten in ihrer ganzen Boshaftigkeit und ohne jegliche Beschönigungen. Weiter oben wurde bereits ein von der jungen Welt im wesentlichen korrekt referierter Text über die Finanzierung des palästinensischen Terrors erwähnt; in Cicero 01/05 („Und sie funktioniert doch”) verteidigte er den Bau des israelischen Sicherheitszaunes gegen das europäische Völkerrechtsgegreine, in Cicero 06/05 („Wer ist Mahmud Abbas”) kratzte Schirra am Image des neuen Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas, indem er darauf hinwies, dass Abbas in seiner Dissertation den Holocaust geleugnet und 1972 zu den Finanziers des Attentates auf die israelische Olympiamannschaft in München gehört hatte.
  
 Es liegt auf der Hand, dass dieser Journalismus einem Hans-Christian Ströbele ein Dorn im Auge sein muss. Der Antizionist, frühere RAF-Anwalt und heutige Grünen-Politiker, der berufsbedingt die Mentalität konspirativer Organisationen kennt, wusste denn auch ein besonders hinterhältiges Manöver gegen Schirra einzufädeln. Schirras Arbeitsmethode beruht darauf, dass ihm seine Interviewpartner aus den islamischen Terrorgruppen einen Status journalistischer Unabhängigkeit und Objektivität zuerkennen. Nichts ist geeigneter, diesen Status zu zerstören, als das Gerücht, Schirra gebe seine Informationen an Geheimdienste weiter. Auf Ströbeles Homepage findet sich eine Erklärung, in der er Schirra scheinbar konsequent gegen die staatliche Repression verteidigt. Doch was unternahm Ströbele nach einer geheimen Sitzung des Innenausschusses des deutschen Bundestages, die durch eine kleine Anfrage seitens der Grünen zustande kam? In der Sitzung stellte der Präsident des BKA, Jörg Ziercke, die Behauptung auf, Schirra habe das BKA mit Material versorgt. Nach der Sitzung stellte sich Ströbele vor die Presse und wiederholte genau diese Behauptung. Später warf Schirra Ströbele (und anderen grünen Abgeordneten) in einem Interview mit dem Spiegel vor, ihn „in vollem Bewusstsein über die Konsequenzen in eine lebensgefährliche Lage gebracht zu haben“. Denn: „In den Kreisen, in denen ich über Terror recherchiere - bei den Hintermännern, in den Lagern etc. - kommt diese Bemerkung einem Todesurteil gleich.“ [8] Er könne nun nicht mehr in den Iran, wo ihm Gefängnishaft drohe, nicht nach Pakistan, von wo er nicht mehr lebend zurückkehren würde.
  
Schirra, der Landesverräter
  
 Der Landesverrat, den Schirra begangen haben soll, liegt nicht darin, dass er die Ermittlungen gegen Al Qaeda durch die Veröffentlichung der Telefonnummern al-Zarqawis behindert hätte, sondern dass er ein Verräter an der islamisch-deutschen Kriegsfront ist. Dies zeigt ein Papier von EU-Kommissar Franco Frattini, das die Journalistin Sabine Pamperrien, die sich kurz zuvor schon in der NZZ über Schirra echauffieren durfte, [9] in dem Internetmagazin netzeitung offensichtlich zustimmend referierte. In diesem Papier wird ein Code of Conduct für die europäische Presse gefordert, der laut Pamperrien sicher stellen soll, „dass Zeitungen, Sender und Internet nicht als Propagandis-ten für Terroristen agieren“. Das Frattini-Papier behauptet, „die Medien vermittelten eine vereinfachende Sicht der Welt, womit den Terroristen in die Hände gespielt werde. Die Kommission glaube weder an die Existenz eines islamischen, noch eines katholischen noch roten Terrorismus. Die Tatsache, dass skrupellose Individuen versuchen, ihre Verbrechen im Namen von Religionen oder Ideologien zu rechtfertigen, dürfe keinesfalls dazu führen, einen Schatten auf eine dieser Religionen oder Ideologien zu werfen.“ [10] Mit anderen Worten: Wer den Terror von Al Qaeda als das bezeichnet, was er ist, nämlich islamisch, betreibt Propaganda für terroris-tische Gruppen und ist daher ein Landesverräter.
  
 Es ist allzu durchsichtig: Die Bekämpfung des islamischen Terrorismus dient hier nur noch als Vorwand, gegen Journalisten wie Schirra vorgehen zu können. Der Landesverrat, den Schirra begeht, besteht darin, dass er das deutsch-europäische Bündnis mit dem militanten Islam gefährdet, indem er den illusionären Charakter der Vorstellungen über den heimlichen Bündnispartner offen legt. Unübersehbar ist, dass in den deutschen Medien bereits die Vorbereitungen für einen möglichen Krieg mit dem Iran getroffen werden. An der „Cicero-Affäre“ lässt sich ablesen, auf wessen Seite man sich schlagen wird, auch wenn die Empörung über Ahmadinejads antisemitische Tiraden und die Sorge vor einer atomar bewaffneten Theokratie keineswegs bloß geheuchelt ist. Unwahrscheinlich zwar, aber immerhin möglich ist es, dass dann Zeitungsberichte wie die Bruno Schirras der deutschen Friedenssehnsucht empfindliche Schläge versetzen und die Ruhe der deutschen Heimatfront stören könnten. Was die Ströbeles, Leichts und Pamperriens und - last but not least - die Bundesregierung umtreibt, ist das Bestreben, dies zu verhindern und einen als feindlichen Agenten wahrgenommenen Kritiker aus dem Weg zu räumen.
  
  
Anmerkungen:
  
 [1] „Der gefährlichste Mann der Welt“, http://www.cicero.de/97.php?ress_id=1&item=554.
  
 [2] „Wie gefährlich ist Iran?“, http://www.cicero.de/97.php?ress_id=1&item=870.
  
 [3] http://www.memri.de/uebersetzungen_analysen/themen/islamistische_ideologie/isl_zarq_maq_14_09_05.html.
  
 [4] Vgl. Münkler, Herfried, Die neuen Kriege, Berlin 2002.
  
 [5] Siehe dazu „Der gefährlichste Mann der Welt“.
  
 [6] „Nichts Konkretes“, junge Welt 1.11.05.
  
 [7] Deutschlandradio, 8.10.05, http://www.dradio.de/dlf/sendungen/marktundmedien/426990.
  
 [8] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,382850,00.html.
  
 [9] “Überhitzte Debatte um Medienfreiheit“, NZZ, 7.10.05.
  
 [10] „Fragwürdiger Journalismus“, http://www.netzeitung.de/voiceofgermany/362699.html.