Ausgabe #19 vom

Vom Verspritzen der letzten Tinte

Martin Walsers „Shmekendike Blumen“ (2014)

JONATHAN SCHRÖDER

Literaten kolportieren nicht selten ihr eigenes Schaffen als moralisches Gewissen der Gesellschaft, was von den Feuilletons gerne aufgegriffen wird. Wie schlecht es um dieses moralische Gewissen in Deutschland bestellt war und ist, beweist die sogenannte Nachkriegsliteratur besonders dann, wenn es um Juden und die Shoah geht: Mitglieder der Gruppe 47 erblödeten sich 1951, Paul Celans Rezitation des Gedichtes Die Todesfuge sowohl mit Goebbels’ Sprachduktus als auch mit den Gesängen in der Synagoge zu vergleichen; Peter Weiss’ Stück Die Ermittlung (1965), das die Shoah zum Thema hat, kommt trotzdem ganz ohne die Benennung der Opfer als Juden aus; das Theaterstück Der Müll, die Stadt und der Tod (1975) von Rainer Werner Fassbinder geht mit der Figur des reichen, kaltherzigen und natürlich jüdischen Immobilienspekulanten hausieren; und das ehemalige Mitglied der Waffen-SS Günter Grass verfasste in Versform einen antisemitischen Schulaufsatz mit dem Titel Was gesagt werden muss (2012), in dem er gegen Israel hetzt, wofür ihm die Süddeutsche Zeitung ebenso gerne wie antisemitischen Karikaturen Platz einräumte. In genau diesem Versverbrechen heißt es, „gealtert und mit letzter Tinte“ sei das gesagt, was nach Grass‘ Dafürhalten eben über Israel gesagt werden müsse, und das beschreibt die Nachkriegsliteratur im neuen Jahrtausend dann doch ganz gut: Viele sind gestorben und das, was da mit „letzter Tinte“ geschrieben wird, gewinnt zumindest literarisch keinen Blumentopf mehr – wohl aber Applaus von Jakob Augstein, Kolumnist im Spiegel, Herausgeber von der Zeitung Der Freitag und Mitglied auf der Liste der „2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs“ des Simon Wiesen­thal Centers.

Doch 2014 ist einer ausgezogen, alles besser zu machen: Martin Walser. Dass gerade er es sein soll, ist auf den ersten Blick etwas überraschend. War er es doch, der 1998 in der Pauls­kirche über die „Dauerpräsentation unserer Schande“ fabulierte und die Auschwitzkeule erfand. Auch war er es, der 2002 in dem Roman Tod eines Kritikers seine Mordfantasien gegenüber dem jüdischen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki fiktionalisiert auslebte. Eben jenen Reich-Ranicki, über den er 1998 in der Süddeutschen Zeitung sagte: „Jeder Autor, den er so behandelt, könnte zu ihm sagen: Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude.“ Walser verkehrte damit den Ghettoüberlebenden, dessen Eltern in Treblinka vergast wurden, zum Täter, der arme deutsche Autoren, die kein böses Wort über ihre Bücher hören wollen, wie einst die Deutschen die Juden verfolge.

Damit wähnte sich Walser um die Jahrtausendwende noch auf der Höhe der Zeit, im Zentrum der deutschen Ideologie: der Schlussstrichmentalität, wie sie von Erich Kuby („fort damit [gemeint ist Auschwitz], wir wollen wieder ein ganz normales Volk sein“ in Mein Krieg, 2000) und Klaus von Dohnanyi („12 Jahre Nazi-Terror […] sind nicht die zentrale Achse der deutschen Geschichte.“ am Rande der Römerberggespräche, 2000) verkündet wurde. 1999 konstatierte Ignatz Bubis deshalb auch nach Walsers Rede in der Paulskirche im Stern, dass „[i]m öffentlichen Bewußtsein […] die Verantwortung für Auschwitz nicht verankert [ist]. Jeder in Deutschland fühlt sich verantwortlich für Schiller, für Goethe und für Beethoven, aber keiner für Himmler. Ein Großteil der Bevölkerung denkt wie Walser. Zeit, Schluß zu machen, nur noch nach vorne zu schauen.“ Walser bekam damals Zuspruch: Direkt in der Paulskirche gab es frenetischen Applaus. Einen Tag später fasst Helmut Schmitz in der Frankfurter Rundschau die Rede zusammen und feiert Walsers „kritisch-selbstkritische politische Poetik“, welche ihn „vor vielen anderen“ auszeichne. Auch Briefe sind dokumentiert, die den ersten Zuspruch belegen. Doch die Debatte wurde zumindest vielstimmiger, da der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden, eben jener Bubis, schon einen Tag später die Rede kritisierte und von „geistiger Brandstiftung“ sprach. Der daraus resultierende Vorwurf des Antisemitismus blieb an Walser kleben.

Dass es soweit kam, hängt nur begrenzt mit der Intervention von Bubis zusammen und auch nicht damit, dass sich Walsers fatales Verhältnis zur Geschichte und den Juden in weiteren Aufsätzen und fiktionalen Texten nachweisen lässt. Vielmehr war sein Problem, dass er mit den Entwicklungen der deutschen Ideologie nicht Schritt halten konnte. Trotz einiger theoretischer Ausflüge, wie z.B. in dem Artikel „Unser Auschwitz“ (Kursbuch I, 1965), in dem er die Verschiebung der Schuld für ­Auschwitz allein auf die Angeklagten in den Frankfurter Prozessen kritisierte, war er immer einer, der am liebsten nichts von deutscher Schuld und dem Antisemitismus hören wollte. Und auch in „Unser Auschwitz“ findet sich schon die fatale Figur von der Überpräsentation der Shoah. Walser blieb immer der Student, den Ruth Klüger in ihrer Autobiographie weiter leben: Eine Jugend (1992) unter dem fingierten Namen Christoph skizzierte: „[…] beheimatet in Deutschland, verwurzelt in einer bestimmten Landschaft und [er] wurde für mich [d.h. Klüger] der Inbegriff des Deutschen.“ (S. 214) Was dieser „Inbegriff des Deutschen“ vom Antisemitismus damals dachte, findet sich zwei Absätze weiter: „Ich kam beharrlich auf Luthers Antisemitismus zu sprechen […]. Christoph hielt das Thema eher für läppisch. Darauf behauptete ich verärgert, daß, trotz Beteuerungen des Gegenteils, ein Antisemit auch in ihm stecke. Das hat er sich lange gemerkt und wehrte sich dagegen, er habe doch ein starkes Interesse an jüdischem Geistesleben. Ob ich ihm nicht etwas über die Kabala sagen könne? Da war ich überfragt.“ (S. 215) Der Student Walser wollte vom Antisemitismus nicht sprechen – auch dann nicht, wenn die Shoahüberlebende das Thema auf Luther verschob, da sie für sich noch keinen Ansatz zum Erzählen gefunden hatte. Wenn er über Juden sprechen wollte, dann als geistesgeschichtlich spannendes Thema.

Walser blieb dieser Haltung aus seinen jungen Jahren mit kleineren Modifikationen immer treu. Doch damit verkalkulierte er sich, denn der Wunsch nach dem Schlussstrich in der jungen Berliner Republik, war nur ein Zwischenspiel, ein letztes Aufbäumen der Sehnsucht nach einer kollektiven Amnesie. Erzeugte um die Jahrtausendwende die vermeintliche Dauerpräsenz der deutschen Schuld noch einmal eine Abwehrreaktion von Schuldigen und deren Nachkommen, so schloss man bald wieder positiv an die irgendwo zwischen Auschwitzprozessen und der Filmserie Holocaust aus der kollektiven Verdrängung hervorgekramte Erkenntnis an, dass die Deutschen Schuld an der Ermordung der europäischen Juden haben. Die Schuld wurde aber nicht nur anerkannt, sondern affirmiert und daraus die intergenerative Verantwortung abgeleitet. Und aus der Annahme dieser Verantwortung erwuchs – so zumindest die Selbstwahrnehmung – wieder eine moralische Überlegenheit. Oder anders gesagt, jeder zeigte sich jetzt für Schiller, Goethe, Beethoven und auch Himmler verantwortlich. Und weil man das tut, weil man die eigene Schuld anerkennt, ist man besser, denn man hat die richtigen Schlüsse gezogen. Diese angenommene moralische Überlegenheit tragen die Deutschen bis heute überall in der Welt zur Schau, besonders gerne gegenüber den USA und Israel – also sowohl gegenüber dem Staat, der maßgeblich am Sieg über das nationalsozialistische Deutschland beteiligt war, wie auch gegenüber dem Staat, der als Konsequenz aus der Shoah entstand. Die Walser-Bubis-Debatte war deshalb weniger ein Ausdruck der Stärke eben jener Ideologie, die am liebsten von Ausschwitz nichts hören wollte, als vielmehr deren letztes Gefecht.

Zu dieser Ideologie passte ein Martin Walser nicht mehr. Im Kontext eben jener Ideologie der modernen und geläuterten Berliner Republik, die ihre Geschichte dankbar annimmt, war Walser mehr oder minder raus. Sein hinter dem Anstrich aus Kultur und Freidenkertum durchscheinender Antisemitismus garantiert ihm zwar bis heute treue Fans, die seine Lesungen und Publikationen zu einem ökonomischen Erfolg machen, doch als moralisches Gewissen galt er bis vor kurzem nichts mehr in den Feuilletons dieses Landes. Auch in den Germanistikseminaren oder Leselisten von Schulen suchte man ihn meist vergeblich. Diesen Zustand kann einer wie Walser natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Um eben nicht nur seine Brötchen von den Bildungsbürgern bezahlt zu bekommen, die sich schon immer vom Zentralrat der Juden gegängelt fühlten, sondern um sein literarisches Erbe und seinen moralischen Wert in diesem Land zu sichern, musste er wieder auf den aktuellen Stand der Ideologie kommen. Sein neuestes Buch ist der Versuch, dies zu erreichen.

Mit Shmekendike Blumen (2014) hat Walser einen Essay über den Schriftsteller Sholem Yankev Abramovitsh vorgelegt. Abramovitsh gilt als einer der großen jiddischen Literaten des 19. Jahrhunderts und – was nicht unwichtig ist – Vertreter der osteuropäischen Haskala, der jüdischen Aufklärung. Diese Kombination scheint für die zuvor beschriebene Anknüpfung an den aktuellen Stand der deutschen Ideologie geradezu perfekt, verspricht doch Abramovitsh eine gute Mischung aus Volksnähe (Jiddisch) und Aufklärung (Haskala) – und ist zugleich tot. Volksnähe kommt immer besser an als abgehobene Gelehrsamkeit und abstrakte Kritik. Sie verspricht einen hohen Grad vermeintlicher Authentizität und im Kontext mit einem toten Juden einen gesteigerten Heritage-Faktor. Außerdem hat der Jude als Kulturgut auch schon dem jungen Walser gut gefallen. Zugleich verhindert die Verbindung zur Haskala am Ende noch, die Faszination für einen Chassid – einen zu jüdischen Juden – zu formulieren. Denn ein Herz haben die Deutschen bekanntlich nicht für eben jene, die auch noch heute Jiddisch sprechen und in Mea Shearim in Jerusalem leben. Vielmehr ist Walser dann anscheinend nicht mehr eingefallen, was er über seinen Gegenstand schreiben könnte, weswegen weite Teile des Essays aus Zitaten entweder von Abramovitsh selbst oder aber aus einem Buch von Susanne Klingenstein (Mendele der Buchhändler, 2014) über eben jenen Abramovitsh besteht. So wäre über den Inhalt auch wenig zu sagen, außer dass es besser sei, die Originale statt Walser zu lesen, wären da nicht eben die Passagen, welche die Intention des Buches über den Gegenstand an sich hinaus verdeutlichen.

Denn Abramovitsh gefällt Walser: „Durch ihn, durch seine Sprache lernt ein ganzes Volk, Ja zu sagen zu sich.“ (S. 105) Es stimmt, dass Abramovitsh sich um die jüdische Emanzipation bemühte, doch eben nur vor diesem Hintergrund ist seine positive Bezugnahme auf das jüdische Volk – die genauso von Distanznahme geprägt ist – zu verstehen. Bei Walser wird Abramovitsh ein völkischer Erweckungsliterat. So einer wäre der gealterte deutsche Schriftsteller auch gerne: „Als ich anfing Romane zu schreiben, beherrschte ein Schlagwort die Szene: gesellschaftskritisch. Das hat man zu sein. Ich wehrte mich gleich dagegen. In der Dankrede zum Hesse-Preis 1957: Es sei töricht, von der kritischen Distanz des Schriftstellers zu Gesellschaft zu reden. Der schlimmste Vorwurf damals war eben, affirmativ zu sein, also unkritisch.“ Walser geht es in dem Zitat nicht um eine Kritik einer Engagierten Literatur nach Sartre, sondern um die Verteidigung der Affirmation: die Aufhebung der Distanz der Literatur zur Gesellschaft. Nahe am Menschen, am Volk soll diese sein. Hier scheint wieder der junge Walser, der „Inbegriff des Deutschen“, mit seiner Sehnsucht nach Beheimatung in Deutschland durch. So ist Shmekendike Blumen nicht nur ein Versuch, wieder Teil der deutschen Ideologie zu werden, sondern zugleich sein angestaubtes Bild von der vermeintlich authentischen Gesellschaft durch die Verschiebung auf die historische Gruppe der osteuropäischen Juden in diese zu Integrieren. Passend dazu leitet er das Buch mit dem Engel der Geschichte ein, jener berühmten allegorischen Verwendung von Paul Klees Bild Angelus Novus (1920) durch Walter Benjamin (9. These aus dem Essay Über den Begriff der Geschichte, 1940). Dabei zitiert er unter anderem die folgenden bekannten Sätze von Benjamin: „Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst.“ Geht es bei Benjamin darum, eben diese Fortschrittsgeschichte des sich reproduzierenden Leidens in der besseren Gesellschaft aufzuheben, so setzt Walser die Juden an die Stelle des Engels, kürzt die materialistische Kritik und ist allein fasziniert von deren Leidensgeschichte. „Bei Walter Benjamin ist diese Vergangenheits-Zugewandtheit von aller Herkunft und Erfahrung befreit: eine sozusagen anthropologische Kondition, und eben auch eine jetzt vorkommende Haltung. Bei Abramaovitsh ist es Zeile für Zeile jüdisches Schicksal.“ (S. 8f) Dass Abramovitsh zumindest in seinen späten Jahren auch Zionist war, d.h. nicht nur Geschichten für die Aufklärung der Juden schrieb, sondern auch eine materialistische Aufhebung der Leidensgeschichte in einem jüdischen Staat anstrebte, findet sich bei Walser nicht wieder. Deswegen solle man Abramovitsh auch nicht gedanklich nach Israel, sondern in das „Gelobte Land“ der Literatur folgen, das „Gelobte Land im Exil“ (S. 107).

Den Höhepunkt hebt sich Walser aber bis zum Schluss auf. Mit Klingenstein zieht er im letzten seiner acht kurzen Kapitel eine Linie von den Pogromen im 19. Jahrhundert in Osteuropa, die Abramovitsh beschreibt, bis zur Shoah. Geistig keine Meisterleistung, doch ideologisch ein wichtiger Schritt, geht es Walser ja nicht mehr um Schuldabwehr, sondern vielmehr um deren Affirmation. Immer wiederholt er in dem Kapitel den kurzen Satz „Mord bleibt Mord“, um dann unfreiwillig den Weg der deutschen Ideologie von Auschwitz bis zum heutigen Tag zusammenzufassen: „Mir ist im Lauf der Jahrzehnte vom Auschwitz-Prozess bis heute immer deutlicher geworden, dass wir, die Deutschen, die Schuldner der Juden bleiben. Bedingungslos. Also absolut. Ohne das Hin und Her von Meinung jeder Art. Wir können nichts mehr gut machen. Nur versuchen, weniger falsch zu machen.“ (S. 102) und etwas später noch einmal „Ich kann nichts dagegen tun, in mir dominiert die Mitteilung, dass wir dieses Volk umbringen wollten und Millionen umgebracht haben. Und dieses Volk ist mir erst jetzt, wirklich bekannt geworden.“ (S. 107) Dies ist das späte Eingeständnis eines 87-jährigen Mannes, der zuvor am liebsten nichts von der Shoah wissen wollte und für den es wirklich gilt „weniger falsch zu machen“. Doch viel wichtiger ist die Mischung aus religiöser Eingebung („Ich kann nichts dagegen tun, in mir dominiert die Mitteilung“) und apodiktischer Aussage („Ohne das Hin und Her von Meinung jeder Art“): Walser will hier besonders radikal wirken, denn er muss über zehn Jahre deutsche Ideologie nachholen, um in der Gegenwart anzukommen. Er will nicht nur weniger falsch machen, sondern als moralisches Gewissen gelten.

Der Versuch wirkt jedoch plump, weshalb die Pressereaktionen geteilt waren. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nimmt ihm Andreas Platthaus die Ausführungen noch mit kleinsten Einschränkungen ab und macht im schwülstigen Ton aus Walser einen Vermittler, der sich und die Deutschen mit den Juden versöhnen will: „Was anderen Ohren nach ‚schmeckenden Blumen‘ klinge, das seien für ihn wie für Abramovitsh ‚wohlriechende‘, und die Erkenntnis, dass es sich beim Jiddischen um eine aus deutschen Wurzeln erwachsene Sprache handele, mache die Bösartigkeit des nationalsozialistischen Mords an den Juden auch noch zur Absurdität. Walser streckt nach zwölf Jahren also die Hand aus. Abramovitsh und Susanne Klingenstein haben sie ihm geführt.“ Platthaus beschwört durch das Jiddische eben jene Kultursymbiose, die niemals eine wirkliche war, sondern immer schon eine, bei der sich die Juden um die Anerkennung bemühen mussten – meist vergeblich. Spätestens seit der Shaoh ist diese vermeintliche Symbiose endgültig ins Negative verkehrt. Auch kann man sich fragen, warum erst das Jiddisch den Massenmord an den Juden zur Absurdität mache? Weil es ein Mord an Menschen der gleichen Sprachfamilie sei, d.h. des gleichen Volkes oder gar der gleichen Rasse? Doch der äußerst anheimelnde Versuch von Walser, der aus seiner verschriftlichten Radikalität herausklingt, ist dann einigen doch zu blöd. So schreibt Tilman Krause in der Welt mit Verweis auf Walsers Vergangenheit „Walser eine moralische Instanz? Lachhaft!“, spricht ihm aber in süffisanter Form immerhin zu, dass er eben bei einem allgemeinen Erkenntnisstand angelangt sei: „Nun gut, auch Walser hat in seinem zarten Alter jetzt begriffen, was die Deutschen den Juden antaten.“ Genau diese Erkenntnis ist für Walsers Projekt des ideologischen Zeitsprungs äußerst wichtig, stellt dessen Kern dar, weshalb sie auch weniger festzustellen, als zu kritisieren ist.

Ob ihm der Versuch, an den aktuellen Stand der deutschen Ideologie wieder anzuschließen, gelungen ist und er in Zukunft zu jedem Thema in der Zeit bis Süddeutschen Zeitung seinen Senf abgeben darf oder ob er bald wieder aus den Feuilletons verschwindet, wird sich zeigen. Letzteres wäre zu wünschen, auch wenn Auftritte wie 2014 zusammen mit Aleida Assmann in Köln eher darauf hindeuten, dass er aus der antisemitischen Mottenkiste entstiegen ist, um sich nun als Judenfachmann zu versuchen.