Ausgabe #19 vom

Metaphysik des Sexus

Zu Houellebecqs „Unterwerfung“

NIKLAAS MACHUNSKY

Das Satiremagazin Charlie Hebdo karikierte auf dem Titelbild der Ausgabe, die zeitgleich mit dem Attentat auf die Redaktion herauskam, Michel Houellebecq als Magier, der die Zukunft vorhersieht. Für Nils Minkmar von der FAZ wurde Houellebecq durch die Anschläge endgültig zum Propheten, denn diese seien die Bestätigung des Szenarios seines neusten Romans Unterwerfung1 ‒ als ob es dieses Massakers bedurft hätte, um die vom Islamismus ausgehende Anschlagsgefahr zu verifizieren. Die bei Minkmar implizit zum Ausdruck kommende Überraschung über die Anschläge sagt einiges über seine Wahrnehmung der Gegenwart aus, da ihm frühere islamisch motivierte Anschläge in Europa offensichtlich entgangen sein müssen. Wollte man etwas über das aktuelle islamistische Bedrohungspotential in Europa durch zeitgenössische Literatur erfahren, so wäre man beispielsweise bei den Thrillern von Daniel Silva besser aufgehoben als bei Houellebecq.2 Denn zur Hervorhebung eines allzu offensichtlichen Zeitphänomens bedarf es keines Zukunftsromans, wie es Unterwerfung einer ist, in dem sich Houellebecqs bereits in früheren Romanen manifestierende Vorliebe für Zukunftsperspektiven erneut zeigt. Zwar ist auch ein solcher literarischer Zukunftsentwurf eben nur ein Kind seiner Zeit, entkommt also nicht der Gegenwart, doch im Gegensatz zur einfachen Bestandsaufnahme wagt er eine Prognose. So basiert  die von Houellebecq in seinem neuesten Roman beschriebene zukünftige Gesellschaft auf einer Kritik der Gegenwart. Von ihr hängt es ab, ob es gelingt, die „Gegenwart zur Kenntlichkeit zu entstellen“ (Adorno), da durch sie der Dystopiker ein Tableau der gesellschaftlichen, kulturellen und technischen Kräfte gewinnt, deren Gegeneinander- und Zusammenwirken in die Zukunft fortzuspinnen, seine vornehmliche Aufgabe ist.

Dass es islamistische Kräfte in Europa gibt, die Anschläge planen und ausführen, ist Teil von Houellebecqs Diagnose, von der ausgehend im Roman das Szenario einer durch Bürgerkrieg bedrohten Gesellschaft entworfen wird. Dass der Bürgerkrieg durch die Unterwerfung Frankreichs unter den Islam befriedet werden könnte, ist seine Prognose. Die Botschaft des Buches lautet deshalb: Ein vom Islam dominiertes Frankreich ist denkbar. Dabei enthält sich Houellebecq des für Dystopien so typischen Alarmismus, der die negativen Folgen der prognostizierten Entwicklung besonders grell herausstellt. Sein Romanheld macht seinen Frieden mit dem Islam, weil er sich korrumpieren lässt. Der Islam wird als ein Angebot dargestellt, das in der Kalkulation der Figur mehr private Vorteile als Nachteile mit sich bringt.

Der Roman entfaltet ein Kräfteparallelogramm, nach dem erstens das politische Establishment Frankreichs, das sich um die Mitte-Links- und Mitte-Rechts-Parteien konzentriert, wegfallen wird, der Konflikt sich zweitens auf die Auseinandersetzung zwischen den extremen Rechten und den Islamisten zuspitzt und letztlich diese divergierenden gesellschaftlichen Positionen durch den gemäßigten islamistischen Präsidenten aufgehoben werden. Möglich werde diese Entwicklung dadurch, dass die etablierten Parteien Frankreich nicht verteidigen, weil sie es selbst in die postnationale EU auflösen wollen und die französische Identität nur noch eine Hülle ist, die von keiner Transzendenz und keinem Glauben mehr zusammen gehalten wird. Damit dieses sehr abstrakte Wirken der Kräfte anschaulich wird, bedarf es der romanhaften Konkretisierung. Im Roman wird nicht nur das Wirken der Kräfte und Ideen im öffentlichen Raum registriert, vielmehr werden die gesellschaftlichen Kräfte auf individuelle Motivationen zurückgeführt und mit Bedeutung aufgeladen. Jeder Mensch macht sich seinen Reim auf das für ihn relevante Geschehen, der Roman schaut den Individuen beim Reimen zu. Als Mittel und Darstellung individueller Selbstverständigung vermag er es nicht nur, die Physik der sozialen Kräfte zu erklären, sondern auch zu zeigen, wie diese Kräfte in die Individuen hineinreichen. Insbesondere die islamistische und die rechte Position der Identitären erscheinen oberflächlich betrachtet als vollkommen entgegengesetzte politische Positionen, die zur Deckung zu bringen als ein willkürlicher Kniff des Autors erscheint, um beide Positionen zu denunzieren. Doch besitzt diese Fusion mit dem im Roman angeführten René Guénon nicht nur ideengeschichtliche Evidenz, auch wird die Frage pro und contra Islam am rechten Rand lebhaft diskutiert.3 So belegt zum Beispiel der zum Islam konvertierte Traditionalist Claudio Mutti ganz praktisch und außerliterarisch, dass der islamische Weg auch für europäische Rechtsextreme gangbar ist.4 Im Roman geht ihn der Universitätspräsident Robert Rediger. Durch diese Figur treibt Houellebecq die verfeindeten Bürgerkriegspositionen bis zu dem Punkt, an dem sie konvergieren und sich ihr Gegensatz als äußerlich erweist. Damit sie sich miteinander aussöhnen können, bedarf es allerdings eines Katalysators – des Sexus. Die gegensätzlichen politischen Ideen können in den (männlichen) Subjekten überhaupt nur zusammengehen, weil beide Ausdruck des gleichen sexuellen Begehrens sind. Die sexuelle Verfügung des Mannes über die Frau ist der Schnittpunkt, an dem die Identitären und die Islamisten zusammenfinden und auch der passive und weitestgehend unpolitische Romanheld sich mit dem neuen Regime arrangieren kann. Die durch den Islam versöhnte Gesellschaft wird durch die Unterwerfung der Frau erreicht. Dies ist Houellebecqs Erklärung für das prognostizierte Vermögen des Islams, die gesellschaftliche Krise zu überwinden. Mit den Mitteln des Romans wird die Rede von dem festen Glauben und der gelebten Tradition des Islams als oberflächliche soziologische Analyse durchschaut. Die bestehende Ordnung kann laut Houellebecq durch eine islamische ersetzt werden, weil die Kräfte, die diese Ordnung zu zerreißen sich anschicken, durch eine Kraft vereinheitlicht werden könne. Bei dieser von Houellebecq entfalteten Mechanik der Kräfte regiert Ockhams Rasiermesser und erlangt dadurch ihre Plausibilität. Eine Metaphysik des (männlichen) Sexus hält die gesamte gesellschaftliche Entwicklung in Gang. Ist das männliche Begehren als Movens erkannt, wird auch der Islam als ungeglaubter Glaube, als hohle Orthopraxie erkennbar, der jede Transzendenz abgeht. Die zwar im Konjunktiv stehende, aber wahrscheinlich stattfindende Konversion des Romanhelden beruht auf dieser Erkenntnis, denn erst als er erkennt, dass sein Vorbild Huysmans, ein französischer Literat des 19. Jahrhunderts, nicht wegen des Glaubens, sondern der äußeren Form halber zum Katholizismus konvertierte, sieht er auch keine Hindernisse mehr für seine eigene zum Islam, die sich gar als logische Konsequenz des Nachahmers darstellt. Die Rede von der Transzendenz, auf der das Patriarchat ruhe, ist nichts als ein Männerbetrug. Das Jenseits dient den Männern nur dazu, sich schon im Diesseits der Jungfrauen zu bemächtigen.

Die Familie ist für Houellebecq, wie auch für die Figur des muslimischen Präsidenten Frankreichs in Unterwerfung, die Keimzelle der Gesellschaft, nicht nur weil sie ihre Reproduktion, sondern vor allem weil sie die sexuelle Befriedigung sicherstellt. Auf den Zerfall der Familie folge der gesellschaftliche Zerfall. Diese Rückführung der Gesellschaft auf die soziale Organisation des Sexes ist ein immer wiederkehrendes Thema der Bücher Houellebecqs. In seinem Buch Elementarteilchen macht er etwa den Individualismus und Hedonismus der 68er Generation für die Krise der Gesellschaft verantwortlich. Ihre sexuelle Freizügigkeit habe zur Ausweitung der Konkurrenz auf die Sexualität geführt und sie damit zu einem unerschöpflichen Quell der Frustration und Enttäuschung gemacht. Diese Sichtweise entspringt keiner Geringschätzung des Geschlechtsverkehrs oder dem Versuch, ihn auf die  Fortpflanzung einzuengen. Im Gegenteil, Sex ist ihm das Einzige, wodurch dem Leben noch ein Sinn abzuringen möglich sei. Um ihn regelmäßig sicherzustellen, bedürfe es deshalb entweder der Familie oder, weil dieser Weg zurück unmöglich geworden ist, Menschen, die kein Geschlecht mehr haben und sexuelle Lust bei jeder Berührung empfinden können, wie es die technisch forcierte Evolution des Menschen am Ende von Elementarteilchen perhorresziert.

Laut Georg Orwell vermochte es Jack London, die Faschisten zu verstehen, weil er selbst einen „fascist strain“ besaß. Analog dazu lässt sich vielleicht sagen, dass Houellebecq die Islamisten und Identitären so gut versteht, weil er einen patriarchalen Hang hat. Anders als die Faschisten wollte London aber eine Gesellschaft ohne Herrschaft und Existenzkampf verwirklichen und Houellebecq ist vor allem Romantiker und hat deshalb genügend Distanz zu seinen sexuellen Verfügungsfantasien, um deren misogynen Konsequenzen abzulehnen. Deutlich wird dies insbesondere an der Figur Myriams, der einzigen Frau, mit der der Romanheld eine dauerhafte Zweierbeziehung hätte eingehen wollen. Es ist kein Zufall, dass gerade diese emanzipierte Frau Frankreich und damit ihn verlassen muss, weil Frankreich sich dem Islam unterwirft und für sie als Jüdin und Frau damit kein Platz mehr ist. Hier wird aber auch eine der größten Schwächen des Buches sichtbar: Houellebecqs Weigerung die Unterdrückung der Frauen, Juden und Andersdenkende zu explizieren. Mit der Entscheidung den Islam als Friedensbringer einzuführen, verfolgt er die Strategie, so ließe sich Mutmaßen, den Islam als reale Möglichkeit für eine europäische Gesellschaftsordnung darzustellen. Hätte er dem Terror der islamischen Ordnung, der auf Vernichtung der als Abweichler Ausgemachten zielenden und sich somit ständig selbst befeuernden destruktiven Dynamik zu viel Platz eingeräumt, wäre das Zukunftsszenario wohl zu düster ausgefallen und hätte deshalb schnell als islamophobes Schreckgespenst abgelehnt werden können.

Aber kann denn ein islamischer Frieden im Sinne einer islamischen Ordnung ein wirklicher Frieden oder auch nur ein dauerhaft pazifizierter Zustand sein? Mit der Ausreise Myriams nach Israel gerät nicht nur sie aus dem Blick, sondern auch all die Folgen, die die Islamisierung für all diejenigen bereit hält, die sich nicht unterwerfen wollen oder können. Das antizipierte islamische Frankreich kann nur deswegen als ein idyllischer, fast schon utopischer Ort erscheinen, weil die Beschreibung der islamischen Gesellschaftsordnung in all ihren Konsequenzen ausbleibt. Zwar stellt Houellebecq den Verrat der Intellektuellen dar, doch werden die von ihm angenommenen islamischen Reformen nur friedlich und ohne Widerstand eingeführt. Als ob diese nicht notwendigerweise mit Gewalt einhergehen müssten, denn eine islamische Gesellschaftsordnung ist nur als permanenter Ausnahmezustand denkbar. Die Vorstellung, alle Probleme könnten alleine durch die Gelder der Ölstaaten aus dem Nahen Osten  ohne Gewalt gelöst werden, geht von einem falschen Bild eben der islamischen Länder aus, die im Buch als Finanziers auftreten. Gerade in den Staaten der Geldgeber zeigt sich, dass Geld nicht alle Probleme der islamischen Gesellschaft löst, sondern permanente Gewaltandrohung und –ausführung in diesen notwendig ist. Zudem vernachlässigt die im Roman entfaltete Repatriarchisierung der zukünftigen Wirtschaft, in der der familiäre Betrieb dominieren soll, die wirtschaftlichen Zwänge einer modernen Gesellschaft.

Eine Synthese, „eine Verständigung zwischen Katholizismus und Muslimen“5, von Frankreich und Islam ist sicherlich vorstellbar, aber nicht als ein mediterranes, islamisches Imperium mit einer Friedensordnung nach Art der pax romana, wie sie sich in Unterwerfung findet. Ohne kritische Fantasie wird jeder Roman zu Fantasy,6 stellt keine Möglichkeit mehr dar, sondern verbleibt im Unmöglichen. Den Frieden, den Houellebecq in Unterwerfung ausmalt, ist nicht nur Fantasy, der hemdsärmelige Zuschnitt des Sujets durchzieht programmatisch den Text. Dadurch bekommt der Roman Züge eines utopischen Staatsromans. Eine andere Interpretation, die z.B. auf Facetten abzielt, wird besonders durch die relativ schlichte Form der Figurenzeichnung versperrt. Einzig die Gedanken zu Huysmans und die Skizzierung der Universität stellen Variationen zu den aneinandergereihten Darlegungen von Gesellschaftsinterpretationen dar, denen der Protagonist fast kommentarlos lauscht. Doch Houellebecq will eben keinen Staatsroman, keine Utopie oder Dystopie verfasst haben, Unterwerfung sei allein eine Fiktion, die jedoch nichts bewirken könne.7 Er will weder Prophet noch Künder einer besseren oder schlechteren Welt sein. Zu der zukünftigen Welt, von der er berichtet, will sich Houellebecq nicht eindeutig verhalten. Ob man z.B. die Rolle der Frauen in der dargestellten islamischen Ordnung mit Schrecken oder mit Indifferenz wahrnimmt, hängt anscheinend vom Leser ab. Erst diese Ambivalenz macht es möglich, dass das Buch sowohl in antideutschen Kreisen positiv aufgenommen, wie auch von der neurechten Zeitschrift Blaue Narziße euphorisch besprochen und ausgezeichnet werden konnte.8

 

 

     
  1. FAZ, 21.1.2015



  2.  
  3. z.B. Daniel Silva: Gotteskrieger, München 2011.



  4.  
  5. Zu René Guénon siehe Mark Sedgwick: Against the modern World, New York 2004, insb. Kap. 1 & 2.



  6.  
  7. Texte von ihm können hier eingesehen werden: www.claudiomutti.com. In Deutschland wird seine Position z.B. in Martin Schwarz‘ „Junges Forum“ diskutiert.



  8.  



  9.  
  10. Ein Roman des Fantasy Genres kann selbst mehr sein als Fantasy, wenn er die Genre typischen Mittel gegen die typischen Inhalte der Fantasy wendet, also z.B. gegen eine romantisch verklärte Sozialordnung. Gerade weil dies in vielen Genres geleistet wurde, erscheint heute Genre häufig nur noch als Staffage.



  11.  
  12. Interview mit Michel Houellebecq, a.a.O.



  13.  
  14. www.spiegel.de/kultur/literatur/michel-houellebecq-jugendkulturpreis-von-pegida-naher-blauer-narzisse-a-1018072.html



  15.