Ausgabe #19 vom

Interrogativer Auswurf und hasserfüllte Navigation

Über die Fragepartikel ‚HÄ?’

RALF FRODERMANN

Weiß nicht, was sie 
kochen und schaffen.

(Goethe)

Kaum einer hat zum anderen noch ein osmotisches Verhältnis, was allein der disruptive Charakter vieler Sprechmanöver anzeigt.

Gerät Kommunikation erst in die Gefilde des Hasses und der Verachtung, schlägt die Stunde umstandsloser Lakonie, die Stunde der Kopfnuss: Fragen kostet, außer Takt, nichts, und weil Takt so gut und schlecht ist wie sein Gegenteil, und weil das Gegenteil des Üblichen als unüblich gilt, das Unübliche aber als zündend, kommt es zu satztechnischen Hybridformen. Eine von ihnen ist das einsilbige Fragepronomen ‚HÄ?’, in welchem der autoritäre Charakter sich, zusammengeschnurrt in atomisierter Semantik des Ressentiments, zu erkennen zu geben liebt.

‚HÄ?’ ist ein trinitarischer Zwitter, eine linguistische Trisomie: Frage- und Aussagesprechakt, zugleich auch Imperativ.

Sein Lebenselixier ist zweifellos die Stimmgebung, von der seine Wirkung, die stets auf Deklassierung des Adressaten, mindestens aber auf Blamage, besser Selbstblamage desselben als unziemlich Sprechenden, besser Abwesenden, abzielt, ganz und gar abhängt.    

‚HÄ?’ ist das bevorzugte Kommandofanal eines neuen Sozialtyps, der als ‚faunischer Scherge’, immerzu schadlos an anderen fatalistisch sich haltend, im imaginären ’Verzeichnis hämischer Niedertracht’ - nach dem Vorbild der systematischen Botanik des Linne - einzutragen wäre.