Ausgabe #19 vom

Editorial: In eigener Sache

Liebe Leserinnen und Leser,

„Warum unsere Studenten so angepasst sind“ war der Titel einer öffentlichen Veranstaltung, die am 29. Januar an der Universität Bonn stattfand. Ausgerichtet wurde die Podiumsdiskussion nicht etwa vom SDS oder der Grünen Hochschulgruppe, sondern vom Rektor der Universität, Prof. Dr. Jürgen Fohrmann. Der ist zwar Geisteswissenschaftler und insofern qua Profession auf Studenten angewiesen, die nicht vollends borniert sind, aber auch Jens Mutke, Dozent des Nees-Instituts für Biodiversität der Pflanzen, und Ministerialdirigent Peter Greisler, ein studierter Jurist, waren sich einig, dass die Studenten zu langweilig sind. Sie wollten einfach nur noch Ehe, Hund, Kind, Karriere und Reihenhaushälfte haben, während soziales Engagement allein als soft skill zur Aufbesserung des Lebenslaufes in Betracht komme. Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung monierte: „An Vorschriften hält man sich willig, man fordert sie sogar, um frei für die Wahl des Mobilfunktarifs zu sein. Politisches Interesse hat man an dem, was in emotionaler Nähe zum Alltag liegt oder was sich – Stichwort nachhaltiger Konsum – mit Lifestyle-Aspekten verbinden lässt. Schon lange vor Berufseintritt sind diese Studenten perfekte Angestellte, wie sie sich Arbeitgeberverbände nicht besser wünschen können.“

Feuilletonredakteur Thomas Thiel, der das aufgeschrieben hat, ist Jahrgang 1975 und hat laut Verlagsinformation Germanistik, Geschichte und Kulturwissenschaft in Heidelberg, Paris und Berlin studiert, bevor er 2005 als Volontär zur FAZ kam. Nach zwei Jahren Volontariat trat er in die Feuilletonredaktion ein – offenbar dank guter Führung. Thiel ist ein gutes Beispiel für kritisch denkende junge Intellektuelle, die spätestens an der Universität begonnen haben, wild herumzuvögeln, Fahrradreifen von blöden Dozenten zu zerstechen, Haschisch zu konsumieren, Bücher jenseits des akademischen Einheitsbreis zu lesen, provozierende, weil den Nerv der Zeit treffende Flugblätter zu verteilen, Demonstrationen gegen die Wohnsituation zu organisieren, Flüchtlinge in den hübschen Stadtvierteln, wo die Professoren leben, unterzubringen und Sitzstreiks aus Protest gegen das schlechte Mensaessen zu veranstalten. Ergo ein Rebell, wie er im Buche steht.

Weil Thiel also nicht zu den Angepassten gehört, ist er besonders berufen, auch heikle Themen der Zeit anzupacken. Das wissen auch seine Chefs, deshalb haben sie ihm die verantwortungsvolle Aufgabe übertragen, in der FAZ jeweils die öffentlich-rechtliche Talkshow vom Vorabend zusammenzufassen und zu kommentieren. Anfang April etwa berichtete er über eine Sendung von Sandra Maischberger, die sich selbstverständlich „kritisch“ mit der selten dummen Frage auseinandergesetzt hatte, ob sich die Deutschen siebzig Jahre nach Kriegsende als Opfer betrachten dürfen. Wer es denn verbieten sollte, wurde ebenso wenig erläutert wie die Tatsache diskutiert, dass die Deutschen sich spätestens seit dem 8. Mai 1945 – eigentlich schon seit 1918 – regelmäßig als Opfer inszeniert haben. Thiel fiel all dies nicht auf. Stattdessen fand er „eindrucksvoll“ dargestellt, „warum viele Deutsche den 8. Mai erst sehr viel später als jenen ‚Tag der Befreiung‘ betrachten konnten, als den ihn Richard von Weizsäcker 1985 in seiner epochalen Rede bezeichnete. Das subjektive Gefühl nach Kriegsende war eine Mischung aus Schuldgefühlen, Angst vor Rache und Verwunderung über das unverhoffte Überleben. Erhard Eppler, der die deutsche Kapitulation als Wehrmachtssoldat erlebte und sich auf einem achtzehntägigen Fußmarsch nachhause über die neue Situation klar wurde, vermittelte davon einen lebendigen Eindruck.“ Zwar hat Thiel dank der Gnade der späten Geburt die Landsergeschichten aus dem Schützengraben vermutlich nicht mehr ertragen müssen, um so faszinierter zeigte er sich aber von einer Opfergeschichte, in der die deutsche Jugend noch nicht angepasst war, sondern aus Angst vor jüdischer Rache um ihr unverhofftes Überleben kämpfte.

Einen Monat später diskutierte Günther Jauch mit seinen Gästen über Oskar Gröning, der von 1942 bis 1944 als SS-Unterscharführer im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz „tätig“ war und endlich wegen Beteiligung am Mord in 300.000 Fällen angeklagt worden ist. Thiel gab, wie gewohnt grüblerisch, zu bedenken, „wie sinnvoll es ist, NS-Verbrecher heute noch vor Gericht zu stellen“, schließlich seien einige Diskutanten der Meinung, es müsse doch mal Gras über die Sache wachsen. Überdies stelle sich die Frage, „ob man es nur tut, weil die Tätergeneration am Aussterben ist und letzte Gelegenheiten gesucht werden, ihre Verbrechen öffentlichkeitswirksam zu inszenieren“. Mit anderen Worten: Thiel vermutete, es könne sich um einen am Ende gar politisch-moralisch motivierten Schauprozess handeln! Doch er konnte seine Leser beruhigen: „Nach dem bisherigen Verlauf ist nicht zu befürchten, dass der Prozess ein unwürdiges Gezerre um einen sterbenskranken Mann wird, wie es dem Prozess gegen den ukrainischen Lageraufseher John Demjanjuk vor vier Jahren vorgehalten worden war.“ Unwürdig, versteht sich, weder für die deutsche Justiz noch für Demjanjuks Opfer, sondern für den zum liebenswerten Rollator-Opi stilisierten Schlächter selbst.

Zum Glück hat der nonkonformistische Herr Thiel im Studium aufgepasst. Er kennt sich aus, weiß, worüber er schreibt. Und wie man es schreibt. Souverän schwadroniert er daher über „fünfzig Ausschwitz-Überlebende“, die „Rampe von Ausschwitz“ und das, was Juden in „Ausschwitz“ erlebt haben. Thiels Message: Zum Glück gibt es noch kritische Jugendliche, die sich von den studentischen Mitläufern abheben. Nazis, ihr habt ausgeschwitzt.

Redaktion Prodomo                  
Köln, im Juni 2015